1. Einleitung 1
2. Beobachtung 1
2.1 Zum Begriff der Beobachtung 1 2.2 Geschichte der Beobachtung 3 2.3 Möglichkeiten und Grenzen der Beobachtung 3 2.4 Planung und Entscheidungen im Voraus 4 2.5 Elemente der Beobachtung 5 2.5.1 Das Beobachtungsfeld
2.5.2 Beobachtungseinheiten
2.5.3 Stichprobenprobleme 7
2.5.4 Beobachter und Beobachtete 7
3. Formen der Beobachtung 8 3.1 Quantitative vs. qualitative Beobachtung 8 3.2 Feldbeobachtung vs. Laborbeobachtung 9 3.3 Teilnehmende vs. Nicht-teilnehmende Beobachtung 10 3.4 Hoher vs. geringer Partizipationsgrad 10 3.5 Direkte vs. Indirekte Beobachtung 11 3.6 Strukturierte vs. Unstrukturierte Beobachtung 11 3.7 Offene vs. Verdeckte Beobachtung 12 3.8 Vermittelte vs. Unvermittelte Beobachtung 14
3.8.1 Aufzeichnung der Ergebnisse 14
4. Fehlerquellen 15 4.1 Systematische Fehler 15 4.2 Fehler durch den Beobachter 16 4.2.1 Beobachterschulung 17 4.3 Reaktive Effekte 18
5. Beobachtungsverfahren 20 5.1 Die Interaktionsanalyse von R. F. Bales 20 5.2 William F. Whytes „Street Corner Society“ -23
Bsp. einer teilnehmenden unstrukturierten Beobachtung 5.3 Nicht-reaktive Verfahren 26 5.3.1 Lost-Letter-Technique 26
6. Resümee 27
1. Einleitung
In den Sozialwissenschaften gibt es verschiedene Möglichkeiten der Datengewinnung. Dabei unterscheidet man zwischen qualitativen und quantitativen Methoden. Diese Arbeit beschäftigt sich mit der qualitativen Erhebungsform der Beobachtung. Nach einem kurzen Überblick zur Begrifflichkeit, Geschichte und Anwendungsbereichen der Beobachtung, wird ein Zusammenfassung über Elemente und Formen dieser Forschungsmethode vermittelt. Im weiteren Verlauf wird auf Fehlerquellen und ihre Ursachen eingegangen. Der fünfte Teil über Beobachtungsverfahren setzt sich kritisch mit William F. Whytes „Street Corner Society“ auseinander. Zum Abschluss soll noch einmal auf die Relevanz der Beobachtung in der empirischen Sozialforschung eingegangen werden.
2. Beobachtung
2.1 Zum Begriff der Beobachtung
Beobachtung gilt als die ursprünglichste Datenerhebungsmethode, da sie im besonderen Maße die Nähe zu alltäglichen Techniken der Informationserlangung verdeutlicht. Im Gegensatz zur alltäglichen Beobachtung läuft das Verfahren der wissenschaftlichen Beobachtung kontrolliert und methodisch ab, wobei die Beobachtungsinhalte systematisiert werden. 1 Eine Beobachtung ist demnach „das systematische Erfassen, Festhalten und Deuten sinnlich wahrnehmbaren Verhaltens zum Zeitpunkt seines Geschehens.“ 2 Den Unterschied zur gewöhnlichen Beobachtung erklärt Atteslander wie folgt: ,,Während alltägliches Beobachten der Orientierung der Akteure in der Welt dient, ist das Ziel der wissenschaftlichen Beobachtung die Beschreibung bzw. Rekonstruktion sozialer Wirklichkeit vor dem
1 Schnell 355
2 Atteslander, 87f.
Hintergrund einer leitenden Forschungsfrage. Weitere Besonderheiten sind die Anwendung systematischer Verfahrensweisen, während die alltägliche Beobachtung eher unreflektiert abläuft. Ziel der wissenschaftlichen Beobachtung ist es weiterhin, ihre Ergebnisse einer wissenschaftlichen Diskussion zu unterziehen.“ Zu den Vorzügen des Verfahrens gehört, dass gegenwärtiges Verhalten fixiert werden kann. 3 So gibt es beispielsweise bei der Befragung die Problematik, dass nur der Befragte selbst eine Antwort bezüglich eines möglichen Verhaltens oder eines Verhaltens in der Vergangenheit gibt, die zudem subjektiv verarbeitet und interpretiert, und somit verfälscht ist. Bei der Beobachtung hingegen wird festgehalten, wie der Beobachtete sich tatsächlich verhält. Es wird also ein real existierendes Verhalten registriert. 4 Jürgen Friedrichs verweist jedoch auf die verhältnismäßig seltene Anwendung der Beobachtung in der Soziologie. Grund ist, ,,dass die Beobachtung Hypothesen über das Verhalten von Individuen verlangt, zu denen dann Analysen und Prognosen nötig sind. In den Hypothesen sind Variablen enthalten, deren Messung anhand der Kategorien des Forschers erfolgt, er interpretiert Bewegung, räumliche Distanz und Interaktionen." 5 Im Gegensatz zur Forschungsstrategie eines Experiments, ist die Beobachtung eine Methode zur Datengewinnung. Verhaltensbeobachtungen werden allerdings auch in Experimenten eingesetzt, so dass es nicht gerechtfertigt wäre, sie ausschließlich der Feldbeobachtung zuzuordnen. Sie dienen sowohl der Hypothesenüberprüfung, als auch der Hypothesenbildung. 6
2.2 Geschichte der Beobachtung
Als sozialwissenschaftliche Methode hat die Beobachtung eine relativ kurze Geschichte. Vorgänger aus dem 18. Jahrhundert waren die systematische Erhebungen zu Haushaltsbudgets und den Lebenslagen ärmerer
Bevölkerungsschichten. Diese wurden entweder von staatlichen Fabrikinspektoren, wie in England, oder von sozialreformerischen Kräften durchgeführt (beispielsweise Friedrich Engels Studie ,,Zur Lage der arbeitenden Klasse in England"). Durch den Kolonialismus im 19. Jahrhundert setzte sich die Praxis der teilnehmenden Beobachtung und der Feldstudien auch in der Ethnologie durch. Wirkliche
3 Sellitz, Jahoda, Deutsch & Cook, 238
4 vgl. Atteslander 126ff.
5 Friedrichs, 269
6 Huber, 144f.
Anerkennung als sozialwissenschaftliche Methode erlangte die Beobachtung aber erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch Studien der Chicagoer Schule, deren empirische Forschungen dem Untersuchungsgegenstand des sozialen Wandels und der Großstadt galten. Auch die als ,,Street Corner Society" bekannt gewordene Studie, auf die ich in Kapitel 5.2 näher eingehen werde, wurde von dieser Schule angeregt. In den 1940er und 1950er Jahren kristallisierte sich in der USamerikanischen Sozialforschung ein Vorzug für die quantitativ orientierte Beobachtung heraus, so dass sich die Beobachtungen dieser Zeit durch hoch strukturierte und standardisierte Verfahren auszeichneten. Erst seit Beginn der 80er Jahre wurde der qualitativ orientierten Beobachtung wieder mehr Bedeutung beigemessen. 7
2.3 Möglichkeiten und Grenzen der Beobachtung
,,Der größte Gewinn der Beobachtungsverfahren liegt vielleicht darin, dass sie es erlauben, ein Verhalten dann festzuhalten, wenn es sich ereignet", schreiben Claire Sellitz, Marie Jahoda, Morton Deutsch und Stuart W. Cook. 8 Damit hängt auch der Vorteil der Beobachtung gegenüber anderen Methoden der Datenerhebung - wie z.B. die Befragung - zusammen, dass die Fähigkeiten und die Bereitwilligkeit der betreffenden Personen und Gruppen nur eine untergeordnete Rolle spielen.
Bestimmte Bereiche entziehen sich allerdings der unmittelbaren Beobachtung. Während Personen zwar Auskunft über ihre Sexualbeziehungen geben können, lässt sich dieses Verhalten jedoch in aller Regel nicht beobachten. Die Zeit ist eine weitere Einschränkung einer Befragung, denn ein Verhalten muss erst eintreffen, bevor es beobachtet werden kann. Speziell bei der nicht-teilnehmenden Feldbeobachtung kann es sich als langwierig erweisen. Als ein Beispiel wäre hier das Interesse eines Forschers am Verhalten der Menschen während eines Vulkanausbruchs zu nennen. Hierbei muss nicht nur der Vulkan ausbrechen, sondern der Forscher auch anwesend sein, um die Beobachtung durchzuführen. In diesem Falle wäre eine Datenermittlung durch eine Befragung wahrscheinlich sinnvoller.
7 Atteslander, 89f.
8 Sellitz, Jahoda, Deutsch & Cook, 238
2.4 Planung und Entscheidungen im Voraus
Im Vorfeld einer Beobachtung muss der bzw. müssen die Forscher eine klare Abgrenzung des Untersuchungsdesigns vornehmen. Demnach müssen bei der Planung eine Reihe von Entscheidungen getroffen werden, die Oswald Huber wie folgt zusammenfasst:
1. Welche Variablen des Verhaltens sollen beobachtet werden?
2. Müssen spezielle Hilfsmittel eingesetzt werden, damit diese Variablen
beobachtbar sind (z.B. Infrarotkamera zur Messung der Hauttemperatur)?
3. Entscheidung über die Art der Verhaltensbeobachtung, soweit diese nicht
bereits durch die Untersuchung determiniert ist.
4. Mit welchen Kontrolltechniken können die Störvariablen kontrolliert werden,
die von der spezifischen Art der Beobachtung herrühren?
5. Soll das Geschehen aufgezeichnet werden? (...)
6. Wenn der Beobachter und die Versuchsperson interagieren, welches
Verhalten muss der Beobachter an den Tag legen?
7. In Übereinstimmung mit dem Untersuchungsziel müssen die
Beobachtungsperioden festgelegt werden. Wird in einem Zeitraum nicht
kontinuierlich beobachtet, muss eine Methode bestimmt werden, mit der die
Zeitstichprobe ausgewählt wird (Zufall, etc.).
8. Das Kategoriensystem und die Beobachtungseinheit müssen entsprechend
dem Ziel der Untersuchung unter Berücksichtigung der Leistungsfähigkeit der
Beobachter definiert werden.
9. Ist es notwendig, Zeitangaben mitzuprotokollieren?
10. Welches Werkzeug ist zur Protokollierung notwendig (Beobachtungsbogen,
Verhaltensschreiber etc.)?
11. Wie viele Beobachter werden gebraucht?
12. Welches Training müssen die Beobachter erhalten?
13. Muss eine Supervision eingebaut werden?
14. Wie wird die Reliabilität der Beobachter bestimmt? Will man eine untere
Reliabilitätsgrenze festlegen?
15. In Abhängigkeit vom Untersuchungsziel muss entschieden werden, ob und
wie die Beobachtungsergebnisse weiter zusammengefasst werden
(Bestimmung relativer Häufigkeiten von Verhaltenskategorien, Auflistung der
zeitlichen Reihenfolge bestimmter Kategorien, etc.). 9
9 Vgl. Huber, 143f.
2.5 Elemente der Beobachtung
2.5.1 Das Beobachtungsfeld
Den Bereich, in dem eine Beobachtung erfolgen soll, bezeichnet man als Beobachtungsfeld. Dabei handelt es sich nicht ausschließlich um das räumliche Umfeld. Vielmehr spielen aber auch der soziale Bereich, der Zeitpunkt und die Rahmenbedingungen der Untersuchung eine Rolle. Damit die Untersuchung nicht verzerrt wird, sind Vorkenntnisse über das Beobachtungsfeld wichtig. Es wäre z.B. wenig sinnvoll, in der vorlesungsfreien Zeit eine Beobachtung vom sozialen Verhalten von Studenten in Seminaren durchführen zu wollen. 10 Weitere mögliche Deformationen würden sich ergeben, wenn die Grenzen des Beobachtungsraumes zu eng gesteckt werden. Im oben genannten Bsp. wäre es demnach unzureichend, das soziale Verhalten von Studenten nur innerhalb der Universität zu beobachten und andere Lebensbereiche wie Wohnheime, Kneipen etc. außer Acht zu lassen. 11
2.5.2 Beobachtungseinheiten
Eine Beobachtungseinheit ist derjenige Teilbereich eines sozialen Geschehens, welcher dem konkreten Beobachtungsgegenstand entspricht. 12 Bei der quantitativ orientierten Beobachtung ist eine Beobachtungseinheit die kleinste, vollständig deutbare Einheit eines Verhaltens. In der Balesschen Interaktionsanalyse (siehe Kap. 5.1. - Die Interaktionsanalyse von R. F. Bales) bildet z.B. ein einzelner Satz eine Beobachtungseinheit:
,,Aus der Beschreibung des Aufzeichnungsprozesses geht deutlich hervor, dass jedes Mal, wenn die handelnden Personen wechseln, eine neue Einheit beginnt. Manchmal spricht jedoch jemand während längerer Zeit. Er sagt z.B.: ′Ich habe genau 12 Uhr. Allerdings ist meine Uhr in der letzten Zeit gelegentlich stehen geblieben. Ich weiß also nicht, ob meine Zeit genau stimmt.′ Der Beobachter würde für diese Satzfolge drei Einheiten eintragen, für jeden Satz eine." 13
10 Atteslander, 97
11 Atteslander, 99
12 Atteslander, 99
13 vgl. Bales
Qualitative Untersuchungen wollen jedoch eine Situationen in ihrer Ganzheit erfassen und verwenden deshalb weniger stark abgegrenzte
Beobachtungseinheiten. Situationen werden hierbei als sinnlich wahrnehmbare Einheiten von Personen, anderen Organismen oder materiellen Elementen verstanden. So z.B. die Situation ,,Volksfest", die sich weiter in Teilsituationen wie ,,Festumzug" oder ,,Bierzelt" unterteilen lässt. 14
Die Genauigkeit, mit welcher der jeweilige Beobachter die Einheiten bildet (und die Enge und Weite ihrer Grenzen), determiniert, welche Ereignisse als verschieden oder gleichartig klassifiziert werden. Beobachtungseinheiten können auf jede beliebige Weise gebildet und abgegrenzt werden. Hauptsächlich werden jedoch neben den Einheiten die Ereignisse enthalten, solche verwendet, die Zeiteinheiten zwischen fünf und 20 Minuten entsprechen. Bei zu langen Zeitintervallen kann die Aufmerksamkeit des Beobachters zu stark belastet sein, so dass darunter die
Beobachtungsgenauigkeit (d.h. die korrekte Zuordnung von beobachteten Ereignissen zu Kategorien) leidet. Bei zu kurzen Beobachtungseinheiten besteht wiederum die Gefahr, dass nur Verhaltensfragmente beobachtet werden und z.B. gruppendynamische Vorgänge bzw. individuelle Handlungsfrequenzen nicht früh genug erkannt und entsprechend falsch klassifiziert werden. 15
2.5.3 Stichprobenprobleme
Die Benutzung von Zeitintervallen als Beobachtungseinheiten bietet die Möglichkeit, innerhalb einer Beobachtung Beobachtungsstichproben zu nehmen („Multi-Moment-Verfahren“). Im Allgemeinen stellt die Stichprobenkonstruktion bei Beobachtungen allerdings den Bereich mit den meisten ungelösten Problemen dar, da aufgrund der Auswahl von Ereignissen, die zum Zeitpunkt der Stichprobenkonstruktion noch nicht stattgefunden haben, immer ein „unberechenbares Risiko“ herrscht, dass auch kaum durch die Vergrößerung der Stichprobe ausgeglichen werden kann. 16
14 Atteslander, 101
15 Schnell, Hill & Esser, 364
16 Schnell, Hill & Esser, 365
Arbeit zitieren:
Diplom-Soziologin Susann Kindel, 2005, Beobachtung - Eine qualitative Methode der empirischen Sozialforschung, München, GRIN Verlag GmbH
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