Kurzfassung
Die vorliegende Diplomarbeit besteht aus einem theoretischen Teil, der sich mit der Musikindustriekrise und deren Auswirkungen auf das heutige Musikfernsehen beschäftigt, und einer DVD mit einem Musikvideo als Werkstück.
Der Theorieteil setzt sich eingehend mit den Gründen des Verfalls des ursprünglichen Musikfernsehens auseinander und zeigt aktuelle Entwicklungen und Trends in der Medienlandschaft auf. Verdeutlicht wird dies am Beispiel des VIVA-Untergangs. Zudem werden Marketingstrategien kritisch untersucht und Zukunftsvisionen für die neue Clipkultur erörtert. Viele der dabei gewonnenen Erkenntnisse konnten dabei in die Produktion des Werkstücks mit einfließen.
Als Werkstück entstand eine DVD, auf der ein Musikvideo für den Song Glückskleepflücker zu finden ist. Dieses Musikvideo wurde von der Konzeption und Gestaltung über die Dreharbeiten bis hin zur Nachbearbeitung komplett im Rahmen dieser Diplomarbeit umgesetzt. Die Dokumentation über die Entstehung der beiliegenden DVD zeigt alle Arbeitschritte, die zur Umsetzung des Videos nötig waren.
III
Abstract
This thesis consists of a theoretical part which deals with the crises in the musicindustrie and the effects on the current music television. Furthermore it includes a DVD containing a musicvideo.
The theoretical part of the thesis concentrates on the reasons of the crash of the actual music television and highlights newsworthy developments and trends in the media scene. The VIVA crash is an example for that. Moreover marketing strategies are critically examined and visions of the future for the new clipculture are pointed out. Many achieved cognitions flew in the production process of the musicvideo.
The DVD contains a musicvideo of the song Glückskleepflücker. This musicvideo was completely produced within this thesis - from the conception and designing to shooting and postproduction. The documentation about the production of the attached DVD shows all processes that where nesessary to produce the musicvideo.
IV
Erläuterung zur Teamarbeit
Die beiden Diplomarbeiten, die sich in dem Schuber befinden, beinhalten jeweils eine eigenständige und allein funktionierende Theoriearbeit. Die Kombination der beiden Arbeiten gibt einen weitreichenden Überblick über die Themen Musikvideoproduktion und Musikfernsehen, wobei das Spektrum von der technischen Entwicklung, über die praktische Umsetzung bis zur Vermarktung und den heutigen Stellenwert im Musikbusiness reicht. Der gemeinsam mit Simon Wendler verfasste DVD-Dokumentationsteil veranschaulicht den Herstellungsprozess des Musikvideos von der Ideenfindung, über technische und filmische Details, bis hin zur fertigen DVD, die ebenfalls beiliegt. Wo in diesem Teil eine Arbeitsaufteilung stattfand, ist durch den in Klammer stehenden Anfangsbuchstaben des jeweiligen Nachnamens erkennbar. Da die Videoproduktion viel Teamarbeit erforderte, bedeutet diese Aufteilung nicht, dass die einzelnen Punkte ausschließlich von einer Person erarbeitet wurden. Sobald in der Wir-Form geschrieben wird, handelt es sich immer um Prozesse, die gemeinsam entwickelt und umgesetzt wurden.
V
Inhaltsverzeichnis
Eidesstattliche Erklärung I
D a n k s a g u n g II
K u r z f a s s u n g III
A b s t r a c t IV
Erl äuterung zur Teamarbeit V
1 E i n l e i t u n g
1
2 M u s i k v i d e o s
2
M u s i k f i l m e 2
2.1 Beginn der Vermarktung im großen Stil 2
Top of the Pops 2
Vom Live-Flair zur Werbung 3
Exklusivrechte und neue Werbemöglichkeiten 4
2.2 Das Potenzial / der Mehrwert 6
Neue Technologien / neue Kunstformen 6
I m a g e 6
Nebeneffekte 7
3 Die Musikindustrie in der Krise
8
Fakten und Zahlen 8
3.1 Ursachen 8
Technikvorsprung übersehen 8
Anzahl der Freizeitangebote steigt 9
H örbücher - eine positive Entwicklung 10
Reiz überflutung 10
Profite vor Kulturvermittlung 11
EMI , Sony-BMG, Vivendi Co. 12
Das schnelle Geld 12
3.2 Der Weg zur Besserung? 13
Marktkonzentration - Träge Große und flexible Kleine 13
Neue Vertriebsmöglichkeiten und Promotionfirmen 14
Vernachl ässigung deutschsprachiger Acts 16
Die Lage in U,K Frankreich, Italien etc. 17
Ein Schritt in die richtige Richtung 18
3.3 Das Recht auf gute Unterhaltung 19
Massenkonsum und Kopieren als Bagatelldelikt 19
Kulturindustrie und kapitalistische Gesellschaft 19
Vergn ügungsindustrie 20
Kitsch und standardisierte Unterhaltungsmuster 20
Keine homogene Nationalkultur 21
VI
7 DVD-Werkdokumentation 6 3
8 L i t e r a t u r v e r z e i c h n i s 98 9 Abbildungsverzeichnis 102 1 0 A n h a n g 102
1 Einleitung
Ziel dieser Arbeit ist es, die Funktion und den Stellenwert von Musikvideos und vom Musikfernsehen in der heutigen Zeit aufzuzeigen. Dabei wird zuerst auf den Beginn der Vermarktung im großen Stil und auf den Mehrwert von Musikvideoclips eingegangen. Einen Kernpunkt der Arbeit bildet das Kapitel über die Ursachen der Krise in der Musikindustrie. Weiter wird erörtert, ob eine Besserung in Sicht ist, und ob diese überhaupt vom Massenkonsum und der Wohlstandsgesellschaft bemerkt und gewünscht wird.
Am Fallbeispiel der VIVA-Übernahme durch einen Großkonzern, werden der Anfang und das Ende des Musikfernsehsenders sowie die Gründe für den Zusammenschluss mit MTV aufgezeigt. Ein weiterer Punkt beschreibt, wie die Vermarktung von Musik und Künstlern in der schnelllebigen Multimediawelt funktioniert und ob typische Marketingstrategien überall anwendbar sind. Ob sich der Geschmack von Zielgruppen der Musikindustrie beeinflussen lässt, und welche Rolle die Musiker in Videoclips spielen, wird ebenfalls analysiert. Der Abschluss des Theorieteils ist den neuen Plattformen für Musik- und Videoformate gewidmet, der auch die neuen Potenziale der digitalen Welt mit einschließt.
Die bewusst kritische Haltung gegenüber der Industrie soll niemanden konkret beschuldigen, aber Gründe für die Krise in der Musik(video)industrie sollen erforscht und Tatsachen aufgedeckt werden. Es soll keinesfalls unbedacht gegen den Fortschritt oder die „bösen Großen“ gewettert werden, sehr wohl aber soll die Arbeit einen Anstoß geben, sich über die kulturelle Entwicklung Gedanken zu machen und sich zu fragen, ob man nicht auch selbst mit Schuld daran trägt.
Die persönlich geführten Interviews mit Musikvideoproduzenten, Labelfachleuten und Musikern verhalfen mir dazu, mehr Ansichtsweisen und neue Aspekte im Musik(video)business kennen zu lernen und diese in die Arbeit einfließen zu lassen. Alle geführten Interviews sind im Anhang vollständig nachzulesen.
Die Produktion des Musikvideos auf der beigefügten DVD, die in Zusammenarbeit mit Simon Wendler entstanden ist, und die dazugehörigen Voraussetzungen sowie die dabei erlangten Erkenntnisse werden detailgenau in der DVD-Werkdokumentation beschrieben.
1
2 Musikvideo
Mae West, Marlene Dietrich oder der unvergessliche Cary Grant haben eines gemeinsam: Bereits während der 30er Jahre wurden in den USA im Vorprogramm ihrer Kinofilme kurze so genannte Musikfilme gezeigt. Die Werbefilme der damals noch im Aufbau begriffenen Musikindustrie zeigten die Interpreten während eines Auftritts und enthielten zum Teil bereits choreographische Einlagen.
Beginn der Vermarktung im großen Stil 2.1
Über die Produktion der so genannten Jukebox-Filme ab 1950, die in Endlosschleifen die aufgelegten Musikschallplatten illustrierten, gelangt man in den 60er Jahren zu den verbesserten 2 Wobei Ursprung Videodisc-Automaten und zum eigentlichen Ursprung der heutigen Musikclips. vielleicht nicht der richtige Ausdruck ist, da es sich vielmehr um eine allmähliche Verbreitung von Musikvideos handelte.
Top of the Pops
Vorreiter im Bereich der Musiksendungen ist die von BBC produzierte Sendung Top of the Pops (TOTP). Die am 1. Januar 1964 erstmals ausgestrahlte Sendung war ursprünglich auf sechs 3 Shows begrenzt, mittlerweile sind es über 2000!
Das Konzept von TOTP bestand darin, Auftritte gerade aktueller Künstler auf der im Studio aufgebauten Bühne zu übertragen. Als schließlich die Beatles einen Auftritt zeitlich und örtlich nicht wahrnehmen konnten, wurde dieser woanders aufgezeichnet und dem Publikum anstatt der Band präsentiert. Dies kann man gleichzeitig als Beginn der kommerziellen Musikvideoproduktion ansehen.
Als in Deutschland am 25. September 1965 die erste Sendung des Beat-Clubs von Radio Bremen auf Sendung ging, wurde das ältere Publikum vom späteren Tagesschausprecher 4 Wilhelm Wieben vor der Livesendung mit tanzenden Jugendlichen und lauter Musik gewarnt. Vor allem die Pop- und Rockmusik „lebt“ von den Live-Auftritten, dem Flair, das die Künstler vermitteln, und dem Gefühl von Freiheit und Unbeschwertheit. Für diejenigen, die nicht die
2 Vgl. Schneider, Musikclip, online 3 Vgl. N.N., TOTP, online
Möglichkeit hatten, ihre Idole persönlich live zu erleben, war das Fernsehen mit den Musiksendungen die einzige Möglichkeit Konzerte „live“ zu sehen.
Vom Live-Flair zur Werbung
Die Musikindustrie hatte schnell herausgefunden, dass diese Art der Filme große Vorteile bot. Gegenüber Live-Sendungen, in denen dem Künstler Pannen unterlaufen konnten, war es nunmehr möglich geworden, den Künstler professioneller, vorteilhafter und vor allem werbewirksamer zu präsentieren. Die mediale Omnipräsenz machte das Musikvideo zu dem was es lange 5 bleiben sollte bzw. immer noch ist: Werbung.
Nach Ansicht vieler Autoren liegt der wohl gewichtigste Grund für den Boom der Musikvideos in der Krise der Musikindustrie in den 70er Jahren.
„Die Entwicklung der Musikvideos ist sehr eng mit den Absatzschwierigkeiten der Tonträgerindustrie und den Maßnahmen zu deren Überwindung verbunden [...]. Hinzu kommt, dass seit Mitte der siebziger Jahre das Radio als Werbeträger für aktuelle Pop- und Rockmusik immer mehr an Bedeutung verliert [...], so dass neue Wege zum Publikum beschritten werden mussten. Die Antwort der Musikindustrie sind die Musikkanäle, die zu einem hohen Anteil Videoclips und 6 Werbung senden.“
Die bereits oben erwähnte Erkenntnis der Musikindustrie, dass in Musikvideos großes Werbepotenzial steckt, wurde von nun an professionell umgesetzt. Durch die Erhöhung der finanziellen Mittel war es möglich, die Qualität der Musikvideos stark zu verbessern. Dies führte auch dazu, dass es einfacher wurde, neue Absatzwege zu erschließen und die Vermarktung anzukurbeln.
Die Entwicklung auf dem Musikmarkt führte jedoch auch dazu, dass der Konkurrenzkampf zwischen den einzelnen Plattenfirmen/Labels immer größer wurde. Schließlich war nicht mehr die Qualität des Produktes für eine Veröffentlichung ausschlaggebend, sondern wie kostengünstig es produziert werden konnte und wer die bessere Marketingabteilung besaß. Eine weitere Konsequenz der vermehrten Videoproduktionen war, dass sich die Erwartungshaltung der Konsumenten veränderte und ein Video zu jedem neuen Song vorausgesetzt wurde.
5 Vgl. N.N., Musik-Video, online
6 Neumann-Braun, K. zit. n. Schneider, Erfolg, online
3
Die Teenagerband New Kids On The Block konnte Ende der 80er Jahre als erste Band mit den 7 Einnahmen aus den Videoverkäufen die Einnahmen ihrer Tonträger übertreffen.
Gemäß Video killed the Radio Star von den Buggles schossen mit dem Videoboom immer mehr Musiksendungen wie Pilze aus dem Boden. Die Produzenten dieser Sendungen konnten durch den Wegfall der Künstlergagen und wegen der hohen Produktionskosten einer Show mit Publikum große Profite erwirtschaften. In Deutschland konnte die ARD mit der Sendung Formel 1 und das ZDF mit der aus Amerika eingekauften Hitparadensendung Solid Gold gute Quoten erzielen. Einer der damaligen Höhepunkte war dann am 16.04.1982 erreicht, als Ronnys Popshow erstmals ausgestrahlt wurde. Grund dafür war der neue Moderator - ein Affe!
Mit der erfolgreichen Lancierung von Musiksendungen im deutschen Fernsehen wurde gleichzeitig eine neue Form der TV-Nutzung in Deutschland eingeführt. MTV und VIVA sprangen später auf diesen Zug auf und begannen damit ihren Erfolgszug bei den Jugendlichen. Die gezielte Auswahl einer Sendung, mit der Absicht diese auch anzusehen, verschwindet zugunsten einer laufenden Berieselung durch Musik bzw. Musikvideos. Der Musikindustrie erschlossen sich 8 somit erneut Wege der Vermarktung bzw. des Absatzes ihrer Produkte.
Exklusivrechte und neue Werbemöglichkeiten
Die Programminhalte der einzelnen Musiksendungen spiegeln jedoch nicht nur die unterschiedlichen Interessen der Sendeanstalten und ihrer Programmchefs wider, sondern sie sind auch eine Folge ökonomischen Drucks. MTV schließt angeblich bis heute mit den Major-Labels Verträge ab, die ihnen weltweit eine Vorrangsstellung sichern sollen.
So sichert sich MTV für eine bestimmte Zeit das Exklusivrecht für die Ausstrahlung eines festgelegten Prozentsatzes der produzierten Musikvideos eines Unternehmens. Die innovativsten und lukrativsten Clips sind damit vom freien Markt genommen.
Die von anderen Fernsehsendern angestrengten Antitrust-Untersuchungen und Klagen, diesen Monopolisierungsversuch von MTV zu stoppen, blieben allerdings erfolglos. Dieser Konkurrenzkampf macht dabei nicht einmal vor Popgrößen wie den Rolling Stones halt.
7 Vgl. Hoffmann, ökonomische Strategie, online
8 Vgl. N.N., Musik-Video, online
4
Nachdem Videos von den Rolling Stones in Programmen von Konkurrenzsendern zu sehen 9 waren, nahm MTV diese kurzerhand aus dem Programm.
Neben dem bereits erwähnten Kostenaspekt und dem allgemeinen Marketingerfolg steht der kommerzielle Erfolg eines Tonträgers im Blickpunkt des Interesses der Musikindustrie. Nur wenn dieser gegeben ist, lohnt es sich auch ein Video zu veröffentlichen.
Eine wesentliche Rolle spielen dabei die Hitlisten, welche angeblich durch die Platzierung der einzelnen Songs den Geschmack der Konsumenten wiedergeben. De facto sieht es aber so aus, dass sich hauptsächlich die Fähigkeiten einzelner Promotionabteilungen, eine Single erfolgreich 10 zu vermarkten, in den Charts widerspiegeln.
Zwischen der Popularität der jeweiligen Protagonisten und den zugehörigen Promotionabteilungen besteht dabei eine wechselseitige Abhängigkeit. Einerseits sind die häufig sehr kostspieligen Videoproduktionen von der globalen Bekanntheit der Akteure abhängig, andererseits ist ein Star ohne Musikvideo nicht mehr vorstellbar. Die Fans wollen sehen, wer singt, wie er aussieht und, für die Werbeindustrie nicht minder wichtig, was er trägt. Dabei spielt der multioptionale Konsument im 21. Jahrhundert eine wesentliche Rolle, wonach die Freizeit in erster Linie dem Konsum dienen soll. Da der Mensch aber nicht von sich aus Konsument ist, muss man ihn dazu erziehen. In der Musikindustrie spielen die Stars dabei eine wesentliche Rolle, indem sie durch ihren Glamour die Individuen zum Konsum „verführen“. Eine Umfrage in den Vereinigten Staaten ergab, dass in 30% aller Musikvideos Product-Placement eine Rolle spielt und beinahe 70% der 11 Videos den Konsum bestimmter Produkte zeigen.
Diese Art der Schleichwerbung hilft den Musikvideoproduzenten nicht nur Geld bzw. Kosten einzusparen, sondern sie bringt auch noch zusätzliche Einnahmen. Da sich die Werbeindustrie von Product-Placement eine Überwindung von bestehenden Rezeptionsbarrieren gegenüber 12 klassischen Werbeformen erhofft, wird diese zunehmend an Bedeutung gewinnen.
9 Vgl. Hoffmann, ökonomische Strategie, online
10 Vgl. Sterneck, Realität, online 11 Vgl. Hoffmann, ökonomische Strategie, online 12 Vgl. Rössler, Product-Placement, online
5
Das Potenzial / der Mehrwert 2.2
Auf den ersten Blick bringen Musikvideos Publicity für die Künstler und erweiterte Werbe- und Verkaufsmöglichkeiten für die Vermarktungsindustrie dahinter.
Es sollte aber die Kunst nicht außer Acht gelassen werden. Gerade neue Technologien und Elektronikgeräte, wie damals das Oszilloskop, die eigentlich keine direkte Verbindung zur Kunst haben, waren Prototypen für Rock’n’Roll-Videos und elektronische Bilder. Viele Künstler nutzen neue Geräte, um Undergroundfilme zu produzieren, oder einfach nur um zu tüfteln. Bis heute werden der Technologiefortschritt und die daraus resultierenden neuen Möglichkeiten auch in Musikclips verwendet und können immer noch neues Aufsehen erregen. Ein gutes Beispiel dafür sind die Gorillaz-Videos, die ausschließlich auf Computeranimation basieren. Die kurzen Geschichten der Videos müssen dabei nicht sehr kompliziert sein, da der Zuseher erfahrungsgemäß nicht den ganzen Clip mit voller Aufmerksamkeit verfolgt. Hier sind also eher der Technikfortschritt und eine ästhetisch geschickte Umsetzung das Erfolgsrezept. Zudem sprechen diese Videos sogar meist mehrere Zielgruppen an, weil sie etwas noch nie da Gewesenes darstellen.
Image
Mit einem Musikvideo hat man auch die Chance, das Image einer Band/eines Künstlers zu verstärken oder sogar ein neues Image aufzubauen. Wenn die Künstler in diesen Prozess mit involviert werden und sie das „neue“ Image auch wirklich leben und fortführen wollen, ist ein Musikvideo ein extrem gutes Transportmittel um eine Persönlichkeit oder ein Styling zu 13 vermitteln, weil alles auf der optischen Ebene passiert.
Obwohl das Video ursprünglich im Dienste der Musik stand, steht es mittlerweile immer mehr im Vordergrund. Seit Mitte der 90er scheint es sogar eher in die Richtung zu gehen, dass, vor allem in avancierten Videoproduktionen, das Verhältnis kippt. Der bisher als Beiwerk gesehene Clip wird zum Kern des Ganzen.
Chris Cunningham, einer der bekanntesten Videoclip-Regisseure, ist einer der Wenigen, die es geschafft haben, dass die Musik in Musikvideos zum Soundtrack degradiert wird. Ähnlich wie Cunningham arbeitete Spike Jonze bei der Produktion des Musikvideos Da Funk von Daft Punk aus dem Jahre 1997, in dem die Musik nur als Hintergrundkulisse von nächtlichen Großstadtge-
13 Vgl.Tröger, Anhang 3
6
räuschen diente. Das von Mike Mills produzierte Musikvideo von Air - All I need, zählt ebenfalls zu den Clips, in denen die Musik eher im Hintergrund mitläuft.
Diese Art von Clips zeigt den Wandel von konventionellen, hin zu meist künstlerisch anspruchs- 14 vollen Musikvideos.
Nebeneffekte
Als positiver Nebeneffekt eines Musikvideodrehs fällt viel Filmmaterial an, welches für Promotionzwecke sowieso oft gebraucht wird. Ebenso ist bei unseren Dreharbeiten viel Material entstanden, das für Making-ofs, Interviewbeiträge im Fernsehen oder für Visuals verwendet werden kann. Einen Mehrwert erhalten also nicht nur die Produzenten, sondern auch die Konsumenten. Zusätzliches Informationsmaterial wie Live-Mitschnitte von Konzerten und Interviews mit den Künstlern werden gerne angenommen. Dass die jeweiligen Bands durch das Video nicht nur akustisch zu den Fans ins Wohnzimmer kommen, ist letztendlich ein einfaches, aber ausschlaggebendes Argument gegenüber dem Kauf einer CD. Hier können sich Fans viel mehr mit ihren Idolen identifizieren. Durch Bild und Ton gemeinsam ist es auch möglich, dass tiefere Eindrücke hinterlassen werden, weil die Rezipienten viel mehr von ihrer eigenen Umgebung und ihren Erlebnissen damit in Verbindung bringen können. Der Mehrwert für die Musikindustrie stellt sich dann vor allem in Form von Umsatzzuwächsen und der Vergrößerung des Bekanntheitsgrades der Protagonisten dar.
Wenn ein guter Song ein gutes Video hat, dann kann man das mit einem Live-Auftritt vergleichen, bei dem die Licht-Show perfekt auf die Lieder abgestimmt ist, die dann wesentlich emotionaler 15 rüberkommen.
14 Vgl. Karnik, Hybrid, online
15 Vgl. Gottwald, Anhang 5
7
3 Die Musikindustrie in der Krise
Die Musikindustrie steckt in einer Krise. Verluste häufen sich, Entlassungen stehen an und der Künstlerkatalog großer Plattenfirmen wird ausgemistet und rationalisiert. Weltweit ging der Tonträgerumsatz allein 2002 um 7,2 Prozent zurück. In Deutschland waren es 11,3 Prozent, über 16 Nach der aktuellen Veröffentdie vergangenen sechs Jahre gerechnet sogar 25,5 Prozent.
lichung des Commercial Piracy Report 2005 der International Federation of the Phonographic Industry ( IFPI) ist heute weltweit „…jede dritte verkaufte CD eine Raubkopie, wobei der 17 Die Rate Raubkopiehandel 2004 einen Umsatz von 4,6 Milliarden US-Dollar verbuchen konnte.“ der Raubkopien ist in China (85%), Indonesien (80%), Mexiko (60%) und Paraguay (99%!) sogar dermaßen hoch, dass wahrscheinlich nur noch ein Einschreiten der Regierung Abhilfe schaffen kann.
Somit wurden auch hier zu Lande Maßnahmen ergriffen, durch die etwa ein Fünftel der EMI- Mitarbeiterentlassen wurden, um die Gewinnspanne bis 2005 auf etwa 13% anheben zu 18 Es hört auch nicht auf und es ist nicht zu übersehen: Beinahe wöchentlich gibt es können.
diesbezüglich Meldungen in der Presse oder der Plattenhändler um die Ecke beklagt sich.
Ursachen 3.1
Lange genug haben die großen Musikkonzerne darauf vertraut, dass sich ihre Tonträger nach „alter Manier“ verkaufen werden. D.h. es wird der typische Weg gegangen: Der Künstler bringt eine Single (evtl. mit Video) heraus, ca. sechs Wochen später folgt das Album, zu dessen Release der Künstler auf Tour geht. Interviews und rege Teilnahme am Mediengeschehen folgen und das Marketing sorgt dafür, dass alles an die richtigen Personen gerät.
Technikvorsprung übersehen
Allerdings wurden dann irgendwann der große Einfluss der neuen Medien und das äußerst zügige Voranschreiten der digitalen Technik und die dazugehörige, steigende Faszination vieler Konsumenten dazu übersehen und zu spät reagiert. Zu schnell haben sich daraufhin CD-Brenner,
16 Vgl. N.N., Zukunft der Musikindustrie, online
17 N.N., Popreport, online 18 Seliger, Musik, 63
8
Highspeed-Internetanschlüsse und der MP3-Konsum entwickelt, an deren Auswirkungen sich die Musikindustrie nicht simultan anpassen und darauf reagieren konnte - oder wollte. Eine Universallösung für diese Misere gibt es wahrscheinlich nicht. Aber viele Sachen lassen sich nicht verleugnen und deuten auf globale Trends hin. Es wurden „in den letzten Jahren etliche 19 Mittlerweile kann man auch Konzerne der Musikindustrie zu Teilen transnationaler Konzerne…“ in einem Baumarkt einen DVD-Player oder in einem Elektrogeschäft Kaffee kaufen.
Anzahl der Freizeitangebote steigt
Heut zutage gibt es viel mehr (Freizeit-)Angebote für Jugendliche und auch Erwachsene. Dadurch bekommen Musik und damit verbundene Freizeitbeschäftigungen immer mehr Konkurrenz. Handys z.B. sind mittlerweile eine weitaus mächtigere identifikationsstiftende Dimension als es Musik ist. Und für die meisten Menschen ist Musik auch gar nicht so wichtig. Betrachtet man nachfolgende Abbildung, welche die Startseite von www.tvinfo.de zeigt, findet man weder einen Musiksender noch „Musik“ in der Genreübersicht. Erst wenn man sich weitere Sender anzeigen lässt, kann man unter „Sparte“ MTV, MTV2, VIVA und/oder VIVA PLUS auswählen.
Immer mehr taucht Musik nur noch als ein Teilbereich von anderen Hobbys oder Technologien auf. Die Firma NOKIA verbindet auf ihrer Website z.B. Musik mit Freizeit und Sport in einer Kategorie. Dass man mit Mobiltelefonen der neuesten Generation Radio hören und MP3s speichern kann, wird immer mehr vorausgesetzt. Ob diese Funktionen tatsächlich ausgenutzt werden und sinnvoll sind, ist eine andere Sache. Jedenfalls zählt bei Elektronikprodukten meistens die Anzahl der Features mehr als die Qualität und der Sinn dieser angepriesenen Mehrfunktionen. Somit wird oft das Wesentliche außer Acht gelassen. Nicht selten kann man bei Beratungsgesprächen in (Elektro-)Geschäften oder bei Diskussionen zwischen Personen aller
19 Seliger, Musik, 62
9
Altersklassen auf der Strasse Fragen ähnlich folgender aufschnappen: „Was, dein Gerät kann das nicht!?“ Ob das jeweilige Feature aber überhaupt verwendet wird, ist äußerst selten Teil einer derartigen Unterhaltung.
Hörbücher - eine positive Entwicklung
Reine Hörmedien haben es in der heutigen multimedialen Welt dadurch noch schwerer. Auf den Veröffentlichungstag einer musikalischen Neuerscheinung warten auch nur noch wenige mit Freude, aber es wurde zumindest eine neue Nische entdeckt. Seit Mitte der 90er Jahre ist das Hörbuch auf dem deutschen Markt und es nimmt weniger als 5% des Gesamtbuchmarktes (2004) ein. Es ist zwar ein kleines Marktsegment, aber laut einer durchgeführten Studie rechnen 20 Durch neue Technik gliedert sich verschiedene Verlagshäuser mit 10% Umsatzsteigerung.
dieses neue Medium gut in ein bequemes, modernes Alltagsleben ein. Ob als MP3 beim Joggen, oder im Autoradio auf einer längeren Fahrt, finden sich viele weitere Verwendungsmöglichkeiten für das Hörbuch als Unterhaltung oder Informations- und Lehrmittel. 21 und durch Jedenfalls befindet sich der Hörbuch-Markt weiter auf einem Wachstumskurs Kassenschlager wie Harry Potter und neue Verkaufsstandorte, wie z.B. Autobahntankstellen, bleibt zu hoffen, dass Geschäfte und Onlinedistributoren wie etwa www.hoerbuecher-welt.de ihre Absätze mit Originalen weiter steigern können und nicht auch den Raubkopierern vermehrt zum Opfer fallen, wie es in der Musikbranche der Fall ist.
Reizüberflutung
Das Phänomen Reizüberflutung tritt in unserer hoch industrialisierten Gesellschaft immer häufiger auf. Es entsteht durch die Überfülle an Einflüssen auf den Einzelnen durch Radio, Fernsehen, Film, Zeitung und tägliche Erlebnisse. Mit diesem Problem hat auch unweigerlich die Musikindustrie zu kämpfen. Wie kann man Leute noch überzeugen, originale CDs und DVDs zu kaufen? Wie kann ein reines Audioprodukt noch ohne visuelles Aufputschen an den Mann gebracht werden bzw. welcher Methoden muss sich das Musikfernsehen bedienen um Musik und die damit verbundenen Themen attraktiv erscheinen zu lassen? Mit der Beantwortung dieser Fragen hat die Musikbranche zu kämpfen.
Die mediale Überflutung setzt uns außerstande, Reize richtig wahrzunehmen und bewusst darauf zu antworten. Insbesondere für Kinder ist die Reizüberflutung schädlich. Die Aufnahme- und
20 Vgl. Waldenmaier, Medienkongress, online 21 Vgl. Fliß, Hörbuch, online
10
Wiedergabefähigkeit wird vermehrt schon in den jüngsten Jahren geschwächt, wodurch Kinder immer weniger Anstöße wahrnehmen, die in ihnen etwas auslösen. Folglich verliert dadurch auch eine Audio-CD sehr an ideologischem und materiellem Wert und wird lieber schwarz herunter geladen als legal gekauft.
22 Das ist das Motto vieler Radiostationen und immer „Bloß nicht stören, bloß nicht auffallen“.
mehr auch das von Fernsehsendern, was sicherlich auch mit der Reizüberflutung zusammenhängt. Es sieht so aus, als ob sich immer mehr Leute gerne berieseln lassen und sich immer weniger mit Sachen auseinandersetzen, sie hinterfragen oder darüber nachdenken wollen. Daraus entsteht der Einheitsbrei. Das hängt auch damit zusammen, dass die Musik immer mehr an Stellenwert verliert und nicht mehr so politisch und Welt verändernd ist wie früher, denkt die Band Anajo. Laut dem Sänger der Band lenken viele andere Dinge, wie z.B. Computerspiele, einen immer mehr ab und dadurch verliert auch die Musik an Wichtigkeit. Sie ist zwar noch irgendwie ein fester Bestandteil der Kultur, aber den meisten Leuten ist es egal, was im Radio 23 läuft, wenn sie es eingeschaltet haben.
Profite vor Kulturvermittlung
Auf der anderen Seite geht es den Musikgroßkonzernen meist mehr um Profite als um die Kulturvermittlung. Man erkennt dies am Emporwachsen von Imperien die meistens grundsätzlich nichts mit Kultur und/oder Musik zu tun haben. Geldgeber kommen und kaufen sich Anteile an Konzertagenturen und Theatern oder sogar ganze Bühnen. So geschah es auch bei DEAG, einem Konzern unter der Leitung von Peter Schwenkow - ein Mann „der nicht gerne auf Konzerte 24 Da ist es dann auch nicht verwunderlich, wenn plötzlich bei solch hoch gezüchteten geht“.
Konzernen die Aktien in den Keller fallen und Leute entlassen werden. Irgendwann rächt sich die Unkenntnis von der Hauptmaterie in den Wurzeln des Unternehmens.
22 Rüchel, taz-Podiumsdiskussion, online, ca. 34min
23 Vgl. Gottwald, siehe Anhang 5 24 Seliger, Musik, 63
11
EMI, Sony-BMG, Vivendi & Co.
Auch die großen Plattenfirmen strukturieren sich um und schließen sich zu immer weniger, dafür aber zu immer größeren Gesellschaften zusammen. EMI besteht nur noch im Zusammenhang mit einer Holding, die sich in Virgin (München), Capitol (Köln) und EMI Catalogue Marketing (Köln) untergliedert und nun den Namen EMI Music Germany trägt.
Auch die beiden ehemaligen Label-Giganten Sony und BMG fusionierten, genauso wie sich Universal mit Geffen, Def Jam recordings und einigen TV- und Mobilfunkbetreibern dem riesigen Vivendi Konzern angeschlossen haben, der sich nun Vivendi Universal nennt. Laut deren Website www.vivendiuniversal.com ist diese Group mittlerweile ein Anführer der Medien- und Telekommunikationswelt, mit Aktivitäten in Musik, interaktiven Spielen, Fernsehen, Film, Festnetz- und Mobilfunktelefonie.
Im Endeffekt liegt mittlerweile fast die ganze Musikindustrie, zusammen mit der Bertelsmann Music Group in den Händen dieser Großkonzerne, was auch den Musikmarkt zum Opfer eines zunehmend kapitalistischen Wirtschaftssystems macht.
Das schnelle Geld
Weiters wird immer mehr Wert auf das schnelle Geld gelegt. Funktioniert so etwas wie Wir sind Helden und verkauft sich im großen Stil, dann machen sich Labels und A&R-Manager 25 nichts mehr aus einem längerfristig geplanten Aufstieg einer Gruppe, sondern kopieren knallhart. Das Ergebnis sind aber eben nur Kopien, bei denen man später z.B. bei Interviews und Konzerten merkt, dass eigentlich sehr wenig dahinter steckt. Bands wie Juli oder Silbermond werden somit produziert. Das heißt nicht, dass die Musiker schlecht und unsympathisch sind, aber die Grundidee und das Verkaufsrezept wurden nicht selbst erfunden, und der damit verbundene Erfolg ist somit meistens nur von kurzer Dauer.
25 A&R steht für „Artist und Repertoire“. A&R-Manager sind die Spürhunde der Musikbranche.
12
Der Weg zur Besserung? 3.2
„Mit über 36% Marktanteil steht die Universal Music Austria auch im österreichischen Musikmarkt klar und eindeutig ganz oben auf dem Podest und verweist den Mitbewerb uneinholbar auf die 26 Mit dieser Aussage rühmt sich Universal auf seiner Website und es macht den Plätze.“
Anschein, dass es den Majors - diesem zumindest - nicht so schlecht gehen kann.
Daniel Lwowski, Musikvideoregisseur und Mitbegründer des renommierten deutschen Clipherstellerunternehmens Katapult in Berlin, meint dazu: Die großen Labels sagen, dass es besser wird. Aber es wird nur für sie besser, weil sie im großen Rahmen rationalisieren und einsparen können. Für die Kleinen wird es nur noch schlechter und sie müssen meistens aufgeben, da sie 27 mit wenigen Mitarbeitern keine Chancen haben große Einsparungen durchzuführen.
Marktkonzentration - Träge Große und flexible Kleine
Auch Horst Weidenmüller, Chef des Berliner Independent-Labels !K7 (u.a. Kruder & Dorfmeister), sagt, je weniger Majors es gibt, desto höher wird die Marktkonzentration und desto schwieriger 28 Ein kleines unbekanntes Plattenlabel wird es also der Marktzugang für die so genannten Indies.
künftig wahrscheinlich immer schwieriger haben, sich gegen ein Musikimperium, das nur aus einer Hand voll Großkonzernen besteht, behaupten zu können. Ein Major, welches globalen Einfluss auf die Musikszenerie hat und mengenmäßig um Weiten billiger einkaufen, produzieren und verkaufen kann, steht dadurch in einem immer größer werdenden Gegensatz zu kleinen Labels, die sich oft durch Handarbeit und Mund-zu-Mund-Propaganda Gehör verschaffen müssen. Ein nicht unbedeutender Vorteil der kleinen Labels sind allerdings die viel flexibleren und schnelleren Handlungsmöglichkeiten auf eine Krise oder auf einen Boom. Allerdings wird es für die Kleinen aus rein finanzieller Hinsicht nie möglich sein, beim Preiskampf als Gewinner hervor zu gehen. Vielmehr wäre es wichtig, dass die Menschen Kunst und Kultur, sowie Liebe zum Detail und eine hohe Qualität und Eigenständigkeit der vorgegaukelten „Glitzer-Heile-Welt“ vorziehen. Raik Hölzel, Gründer der Berliner Plattenfirma Kitty-Yo (Peaches, Kante, Maximilian Hecker etc.) meint ebenfalls, dass es viel mehr darum geht, „…Leute begreifen zu lassen, dass 29 das Produkt das Geld wert ist“.
26 N.N., Universal, online
27 Vgl. Lwowski, Anhang 4 28 Vgl. N.N., Zukunft, online 29 Ebd.
13
Allerdings bleibt zu hoffen, dass die Indies von der Musikbusiness-Krise eher profitieren. Da diese Geschäfte meist mit viel Ideologie und bestem Fachwissen geführt werden, können hier schnell neue Verkaufsstrategien und Geschäftsmodelle entwickelt werden, und dies sogar noch während „die Großen“ noch nach neuen Strukturen und Methoden suchen müssen. Einige sehen der momentanen Entwicklung sogar sehr gelassen entgegen. Marcus Liesenfeld von Bungalow Records in Berlin (Stereo Total etc.) glaubt, dass durch so etwas wie Deutschland sucht den Superstar Feindbilder entstehen, „…die es unerlässlich machen, dass so etwas wie 30 Punk kommt“.
Vor allem gibt es viele Jugendliche, die ihre Ziele umzusetzen versuchen und eigene Erfindungen machen, um up to date zu bleiben und um „Kundenwünsche“ zu befriedigen. D.h. es entstehen viele Kleinprojekte, die viel näher am Kunden bzw. am Alltagsgeschehen orientiert sind, als es große Musikkonzerne schaffen. So entstand auch Tunespoon - ein Online-Musikvideokanal, der sich zunehmender Beliebtheit erfreut. Näheres über dieses Projekt wird im Punkt 6.2 im Rahmen von neuen Plattformen berichtet.
Neue Vertriebsmöglichkeiten und Promotionfirmen
Viele der kleinen, flexiblen Independent-Labels haben bereits aus der Krise der großen behäbigen Plattenfirmen gelernt. Und nebenbei entstehen mittlerweile immer mehr Vertriebe und Promotionagenturen, gegründet von Personen, die sich nicht über die schlechte Zeit beschweren, sondern mit intensiver Eigeninitiative neue Netzwerke und Kundengruppen aufbauen. Somit werden neue Vertriebsmöglichkeiten geschaffen, die es auch unbekannten Künstlern ermöglichen, professionelle und umfangreiche Geschäftsstrukturen zu oft sogar billigen Konditionen in Anspruch nehmen zu können. Ferner wird man bei solchen Institutionen auch nicht an undurchsichtige und oft unfaire Vertragskonditionen gebunden. Hier ist man noch an den Künstlern selbst interessiert.
Besonders hervorzuheben wäre die MDM mutualism_distribution & more GmbH. Auf deren Website www.mutualism.de beschreibt sich die Firma als ein „weltweiter Exklusivvertrieb für Musik“. Zwei ehemalige Exportmanager von Universal Music Germany haben MDM gegründet und bieten kleinen Plattenlabels die Möglichkeit, ihre Produkte auch im Ausland zu vertreiben.
30 Vgl. N.N., Zukunft, online
14
Durch jahrelange Erfahrung und Knüpfung von vielen wichtigen Kontakten weltweit, werden den Labels sowohl äußerst professionelle als auch transparente und vertrauenswürdige Leistungen angeboten.
Auch erwähnenswert ist handle with care, ein relativ kleiner Tonträgerherstellungsservice in Berlin. Handle with care bedient einen Kundenkreis bestehend aus Produzenten, Bands, Kunden der Film- und Industriebranche sowie aus bekannten Musik-Labels und Vertrieben im In- und Ausland. Mittlerweile werden Aufträge für weltweit fast 500 Indie-Labels entgegen genommen wobei sehr günstige Herstellungspreise angeboten werden können. Laut Firmenchefin Silke Maurer gibt es für ihr Unternehmen keine Krise. „Seit der Gründung 1998 gehen die Umsätze steil 31 Besonders durch die Vinylproduktion wird hier noch viel eingenommen, da dies ein bergauf.“
Medium ist, welches die Majorlabels schon lange abgeschrieben haben.
In eigener Sache soll noch die Promotionagentur popaganda aus Wien genannt werden, die Glückskleepflücker medial unterstützt. Nachdem man als Band viel Zeit und Nerven in Organisation, Auftrittbeschaffung und Publicity gesteckt hat, kommt man an einen Punkt, an dem man auf fremde Hilfe und vor allem auf fremde Kontakte in der Szene angewiesen ist. Zu fairen Konditionen bieten popaganda Presse-, Online-, Radio- und TV-Unterstützung an, die auf den jeweiligen Stil zugeschnitten wird. Allerdings leidet das Unternehmen auch an dem schlechten Zustand der Musikindustrie. Die österreichischen Majors lagern Promotion- und PR-Jobs etc. nicht mehr aus, sondern haben dafür jeweils eine zuständige Abteilung im Haus. Das ist der Grund weshalb popaganda nun vermehrt Geschäfte mit deutschen Labels und Bands macht. Dadurch können sie zwar nicht so viele nationale Künstler betreuen, aber sie können jetzt ihre eigenen Ideen besser umsetzen und auch Kritik üben und müssen nicht die Handlanger von 32 Zu finden ist das Unternehgroßen Labels spielen, meint Peter Winkler von popaganda dazu. men im Internet unter www.popaganda.at.
Auf der einen Seite rationalisieren also die Majors immer mehr und schließen sich zu großen Imperien zusammen und auf der anderen Seite versuchen kleine Indie-Labels die Geschäftslücken der Großen auszunutzen. Bleibt zu hoffen, dass die Majors nicht so mächtig werden und den Weltmarkt beherrschen, denn ohne reelle Chancen, Produkte, seien sie auch noch so
31 N.N., Zukunft, online 32 Mündl. Mitt. an den Autor am 25.8.05
15
innovativ, brauchbar und mit Hingabe produziert, auf den Markt bringen zu können, wird man im Musikbusiness nicht überleben können.
Angetrieben vom Innovationsdrang und von der Technikbegeisterung der jungen Generation ziehen nun allerdings auch die großen Labels mit. So gibt es jetzt auf den Webseiten von MTV und VIVA auch kundennahe Angebote und Services wie z.B. Album-Prelistenings von noch unveröffentlichten Alben, Videoclips, Fotos und viele bunt bebilderte Informationen rund um den Event- und Livebereich von Musikern und Bands. Allerdings wird hier nur von Künstlern berichtet, die bereits international einen Namen haben.
Vernachlässigung deutschsprachiger Acts
Es sieht so aus, als seien die Chefs der deutschen Musik(fernseh)industrie sehr vorsichtig und zurückhaltend, was die Unterstützung deutschsprachiger Acts angeht. Die Vermutung liegt nahe, dass man der harten Arbeit für den Aufbau von nationalen Künstlern eher aus dem Weg geht und sich auf fertige internationale „Produkte“ verlässt, die man beinahe unverändert übernehmen und auch auf dem deutschen Markt sofort anpreisen und erfolgreich verkaufen kann. Universal Germany ist in Berlin direkt neben MTV angesiedelt. Aber laut Tröger von Universal Austria ist es gerade für deutschsprachige Acts 1000-mal schwieriger durchzukommen als für internationale. Wenn z.B. der neueste Clip von BlackEyedPeas zu MTV kommt, kann man sicher sein, dass er gespielt wird. Wird allerdings ein deutschsprachiger Clip von beispielsweise 33 Christina Stürmer angeboten, kommen von MTV Fragen wie etwa: „Und, wen interessiert das“. Anscheinend ist es für MTV und VIVA im deutschsprachigen Raum nicht wichtig, viel Energie in den Aufbau von heimischen Künstlern zu stecken um etwas Eigenes zu kreieren. Man hält sich höchstens noch an Dauerbrennern wie Herbert Grönemeyer, Westernhagen und vielleicht Xavier Naidoo fest und pusht diese weiter, da sie schon jahrelang verlässliche Verkaufszahlen garantieren. Auch auf der popKOMM, der Business-Plattform der Musik und Entertainmentbranche, zu der Fachbesucher aus aller Welt nach Berlin kommen, wird die nationale Musikszene vernachlässigt. „Die Bandbreite des Festivals reichte“ 2004 „von Weltmusik aus Frankreich, Dance aus Italien, elektronischen Sounds aus Polen und Punk aus Norwegen bis zu 34 Die Nennung des amerikanischem HipHop, finnischem Elektro-Jazz und deutschem Indie-Pop.“
33 Vgl. Tröger, Anhang 3
34 N.N., popKOMM, online
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deutschen Indie-Pop an letzter Stelle zeigt vielleicht auch die Bedeutung auf, welche dieser für die Veranstalter hat.
Fernsehen gilt seit langem als nationales Informations- und Unterhaltungsphänomen, aber die Anbieterseite organisiert sich zunehmend international und eine stetige Amerikanisierung hält Einzug. Die TV-Anbieter gehen Anbieter- und Nachfrage-seitig mehr und mehr in einen Spagat und es entsteht dabei eine Divergenz von Produktions- und Rezeptions-seitiger Entwicklung. Die Anbieter und die Märkte werden im Sinne der Besitzerstrukturen immer internationaler, die Angebote hingegen bleiben national. Das Resultat ist ein Fernsehprogramm, welches international immer ähnlicher wird. Kleinere Länder, dazu zählt hier auch Deutschland, müssen unter diesen Ergebnissen leiden und es bleibt oftmals kein anderer Ausweg, neue TV-Formate der Amerikaner, Engländer und Holländer zu kopieren, weil diese mittlerweile den Ton im internationalen Medien- und TV-Geschehen angeben.
Dieter Gorny auf der letztjährigen popKOMM dazu: „Deutschland entwickelt sich, wenn man auf die letzten 15 popKOMM-Jahre zurückblickt, vom Schlüssel- zum Randmarkt! Die Großzahl der Käufer sitzt zwar noch hier aber nicht die Treiber des Geschäfts. Und man spricht vorwiegend 35 Weiters gab er bekannt, dass erfolgreiche TV-Amerikanisch, Englisch und Holländisch.“
Programme gleichzeitig nationale Produkte bleiben und zumindest noch eine 50:50-Marktanteilsverteilung zwischen deutsch gesungener und produzierter Musik besteht und die Menschen gelernt haben, mit dieser Musik im kontinentaleuropäischen Sinn normal umzugehen. Dies lässt zumindest erhoffen, dass nationale Produkte doch noch in einem gewissen Maß geschätzt werden.
Die Lage in UK, Frankreich, Italien etc.
Im United Kingdom sieht die Sachlage anders aus. Dort schießen bis heute ständig neue Bands aus dem Boden und dort wird auch mehr Wert auf heimische Künstler gelegt. In den letzten Jahren entstanden im UK viele mittlerweile weltweit bekannte Acts wie Coldplay und auch schon 36 Zudem Oasis in der 90er Jahren, und die Briten „…brechen sogar historische Umsatzrekorde“. hat sich in Manchester die mittlerweile wichtigste Musik-Fachtagung Europas etabliert - In The City. 2003 fand ITC erstmal außerhalb UK statt, nämlich in New York. Damit traten sie endgültig aus dem Schatten der popKOMM und setzen mittlerweile eigene Maßstäbe.
35 Gorny, Gesellschaft, online
36 Klüsener, siehe Anhang 2
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Aber nicht nur die Engländer, auch die Franzosen, Italiener und Spanier sind viel mehr national 37 Das lässt sich auch anhand der Charts aus den jeweiligen engagiert, wenn es um Musik geht.
Ländern feststellen. Während Österreich nur drei und Deutschland fünf heimische bzw. deutschsprachige Interpreten in den Charts haben, sind in Italien elf und in Frankreich sogar vierzehn 38 einheimische Stars in den Top25.
Natürlich ist es mit englischsprachiger Musik einfacher, international erfolgreich zu werden. Dies sollte jedenfalls trotzdem keine deutschen Labels und Musikmanager davon abhalten, heimische Talente zu fördern und eigene Trends oder sogar Booms zu kreieren!
Ein Schritt in die richtige Richtung
Trotz aller Klagen wächst weltweit der Umsatz im Bereich der Musik-DVDs und der bezahlten 39 Es machen sich natürlich nicht nur die kleinen Labels Gedanken, was man wie Downloads.
verbessern könnte, nur dauert eine Umstrukturierung bei den Majors viel länger. Ein Schritt in die richtige Richtung ist z.B. die Einführung eines neuen Preismodells für Audio-CDs, wie es Universal Music nun macht. Man will damit Newcomer und viel versprechende Themen unterstützen und führt quasi Taschenbuchversionen von Alben, die so genannte „Purversion“, ein abgespeckter Tonträger im Slide-Pack für 9,99 Euro, ein. Frank Briegmann, President & CEO von Universal Music Germany will damit das physische Geschäft wieder ankurbeln. Insgesamt sind vier verschiedene Formatversionen für Alben und zwei für Singles geplant, welche zusätzlich durch Sticker gekennzeichnet sind und somit dem Kunden die Auswahl aus Umfang und Qualität 40 und letztendlich auch die Kaufpreisfrage erleichtern.
37 Vgl. Tröger, siehe Anhang 3
38 N.N., Charts, online 39 Vgl. Röttgers, Musikmarkt, online 40 Vgl. Hottes, Taschenbuch-CDs, online
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Arbeit zitieren:
Michael Kara, 2005, Musikvideoproduktion - Marketing und Zukunftsvisionen der Clipkultur, München, GRIN Verlag GmbH
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