Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis 2
1 Einleitung 4
2 Quellenlage 8
3 Entwicklungspsychologische Grundlagen des Themas 13
3.1 Entwicklungstheorien 13
3.1.1 Traditionelle Entwicklungstheorien 13
3.1.2 Psychologische und strukturgenetische Entwicklungstheorien 15
3.1.3 Kontextualistische Entwicklungskonzepte 19
3.2 Entwicklung des Kindes im Vorschulalter 23
3.2.1 Körperliche Entwicklung 23
3.2.2 Kognitive Entwicklung 26
3.2.3 Sozial-emotionale Entwicklung 35
3.3 Zusammenfassung 41
4 Schuleintrittsdiagnostik im Wandel 44
4.1 Pädagogische Diagnostik und Testgütekriterien 44
4.2 Entwicklung der Schuleingangsdiagnostik 48
4.2.1 Erste Ansätze der Schuleintrittsfrage 48
4.2.2 Schulreifetheorien 50
4.2.3 Überblick der Schuleingangstests im Rückblick 56
4.2.4 Ziele und Kritik der traditionellen Tests 63
4.3 Veränderung der Schuleintrittsdiagnostik 67
4.3.1 Schulfähigkeitstheorien 68
4.3.2 Überblick der neueren Schuleingangstests und Verfahren 74
4.3.3 Ziele und Kritik der neueren Tests und Verfahren 81
4.4 Zusammenfassung 84
5 Pädagogische und organisatorische Konsequenzen in der
Schuleingangsphase 88
5.1 Vorschulische Erziehung 88
5.2 Übergang vom Kindergarten zur Grundschule 92
5.3 Erster Schultag und die ersten Wochen in der Grundschule 103
5.4 Neue Schuleingangsstufe 105
5.4.1 Bildungspolitische Entwicklung 105
5.4.2 Organisation der neuen Schuleingangsstufe 108
5.4.3 Einführung der neuen Schuleingangsstufe in NRW 117
5.4.4 Begründung der neuen Schuleingangsstufe 119
5.4.5 Beurteilung der neuen Schuleingangsstufe 121
5.5 Zusammenfassung 123
6 Fazit 126
7 Literaturverzeichnis 130
1 Einleitung
Beschreibung und aktuelle Bedeutung des Themas
„In der Praxis der Volksschule gibt es bis heute keine wissenschaftlichen Untersuchungen über die tatsächliche Schulreife des Kindes.“ 1
Mit der Einschulung und den ersten Schuleindrücken, Schulerfolgen oder Misserfolgen beginnt für alle Kinder ein neuer Lebensabschnitt. Es werden die Weichen für das weitere Bildungs- und Berufsschicksal des Kindes gestellt. Nun gehört man endlich zu den "Großen" und kann Lesen, Schreiben und Rechnen lernen! Der Schuleintritt ist von so zentraler Bedeutung, dass sogar manche Erwachsene sich ihrer Einschulungsfeier oder ihrer ersten Schulwochen entsinnen können. In der Schuleingangsphase können jedoch folgenreiche Fehler gemacht werden, die Fehlentwicklungen bei Kindern verursachen können.
Um den Schülern einen erfolgreichen Beginn in der Grundschule zu ermöglichen, sind nicht nur die Zeit in der Schulanfangsphase, sondern auch die Zeit vor Beginn der Schule von Bedeutung.
Im Bereich des Schulanfangs ist die Gefahr des Schulversagens größer als in allen anderen Situationen der Schullaufbahn. Es wird seit Jahrzehnten versucht die Probleme der Einschulungsfrage zu lösen.
Seitdem es Schulen gibt, sind der Schulanfang und damit auch die Schuleintrittsfrage in der Diskussion.
Die Grundschule in Deutschland ist über 75 Jahre alt. Man muss sich die Frage stellen, ob sie heute noch den Anforderungen unserer Gesellschaft genügt. Die Wissenschaft hat in den letzten Jahrzehnten eine große Anzahl von neueren Ergebnissen in der Entwicklungspsychologie vorgelegt. Diese modifizieren oder stellen gültige Annahmen und Vorgehensweisen in Frage.
Da sich die pädagogischen Rahmenbedingungen dauernd verändern, müssen auch die Schuleingangsdiagnostik und die Schuleingangsphase ständig aktualisiert werden.
1 Kern, Arthur: Sitzenbleiberelend und Schulreife. Ein psychologisch-pädagogischer Beitrag zu
einer inneren Reform der Grundschule. Freiburg 1958, S. 19
Die Grundschule muss von Anfang an die aktuelle Lebenssituation des Kindes berücksichtigen. Man sollte dabei bedenken, dass heute die Kindheit nicht mehr so verläuft wie noch vor einigen Jahren. Heute werden viele Kinder als Einzelkinder groß und/ oder in einer Familie, in der beide Elternteile berufstätig sind. Ferner trennen sich häufig die Eltern der Kinder. Dies bewirkt, dass sich die Heranwachsenden an neue Bezugspersonen gewöhnen müssen.
Auch die Freizeitgestaltung hat sich geändert. Viele junge Leute ziehen es vor sich z.B. mit dem Computer zu beschäftigen oder fernzusehen. Das Spielen mit anderen Kindern entfällt. Heute haben die Medien einen nicht zu vernachlässigenden Einfluss auf die jungen Menschen. Nur eine Erziehung durch gut informierte Eltern und die Schule kann Fehlorientierungen der Schüler verhindern. Ein Fernsehnachmittag kann die Leitung und die Lenkung, die persönliche Ansprache der Eltern sowie der Schule nicht ersetzen. Die Wirkung von moderner Unterhaltungselektronik führt zu einer Desorientierung junger Menschen. Durch die Veränderte Kindheit wird auch eine Reform des Schulbeginns erforderlich.
Pädagogen und Politiker haben z.B. nach PISA oder IGLO erkannt, dass das Grundschulsystem zu verändern ist.
Besonders Kindergarten und Grundschule werden kritisch unter die Lupe genommen und als Sündenböcke dargestellt. Diese Institutionen wurden zuvor über Jahrzehnte hinweg vernachlässigt.
Durch internationale und nationale Vergleiche hat man erkannt, dass die schulischen Leistungen besser sind, wenn die Kinder vor der Schule einen Kindergarten besucht haben. Durch die PISA - Studie stellte man auch fest, dass die Schüler ansprechendere Leistungen erzielen, wenn der Kindergarten kostenlos oder/ und die Ausbildung des Erziehers akademisch ist.
In Deutschland werden in einen durchschnittlichen Schüler der gymnasialen Oberstufe dreimal soviel Steuergelder investiert wie in den Grundschüler. In anderen Ländern liegen die Ausgaben viel näher beieinander. Hier wird ein Grundschulplatz besser gefördert.
Heute versucht man in Deutschland den Kindern einen problemlosen Schulanfang durch eine Kooperation von Kindergarten und Grundschule und durch die Einrichtung der neuen Schuleingangsstufe zu ermöglichen.
Zentrale Fragestellung und Aufbau der Arbeit
Als Lehramtsstudentin stellen sich mir bei dem Gedanken an die Schuleingangsdiagnostik und den Beginn des Schullebens folgende Fragen:
- Wie alt sollen Grundschulkinder sein? Kann jedes Kind in einem bestimmten Alter oder Entwicklungsstand erfolgreich in der Schule mitarbeiten? Welchen Einfluss haben Anlage und Umwelt auf die Entwicklung des Kindes bzw. des Menschen?
- Benötigt man die Schuleintrittsdiagnostik oder kann jedes Kind eingeschult werden, ohne dass ein Schuleingangstest durchgeführt wird?
- Wie kann man den Heranwachsenden so vorbereiten, dass er den Schulbeginn mit Vorfreude erwartet und nicht dem neuen Lebensabschnitt mit Ängsten und Sorgen entgegensieht?
- Was muss die Lehrerin bei der Planung und Gestaltung der ersten Schulwochen beachten, damit sich die Kinder in dem neuen Setting Schule heimisch fühlen? Ist die neue Schuleingangsstufe erfolgsversprechend?
- In der Arbeit wird versucht, anhand von unterschiedlicher Literatur Antworten auf diese Fragen zu finden.
Im dritten Kapitel werden die zentralen Quellen der Arbeit vorgestellt. Mit Kapitel vier beginnt der eigentliche Textteil. Hier werden die entwicklungs- psychologischen Grundlagen des Themas besprochen. Es besteht aus zwei Abschnitten. Im ersten Teil werden unterschiedliche Entwicklungstheorien vorgestellt. Diese lassen sich teilweise viele, viele Jahre zurückverfolgen und sind reich an Facetten. Es werden nur einige Theorien berücksichtigt. Die Annahmen, die die Entwicklungspsychologie maßgeblich beeinflusst haben oder die, die es heute noch tun, werden erläutert. Die ausgewählten Denkansätze sind sich teilweise ähnlich, absolut gegensätzlich oder bauen aufeinander auf. Außerdem wird auf die Frage des Einflusses von Anlage und Umwelt auf die Veränderung des Menschen eingegangen.
Im zweiten Teil des vierten Kapitels wird dann die kindliche Entwicklung vom etwa dritten bis zum siebten Lebensjahr in einer Längsschnittuntersuchung dargestellt.
Hier werden die Aspekte der körperlichen, der kognitiven und der sozial– emotionalen Entwicklung getrennt angesprochen.
Das Kapitel vier ist somit die Grundlage für das Folgende. Im Fünften geht es um den Wandel der Schuleintrittsdiagnostik. Verschiedene Konzepte zur Lösung des Einschulungsproblems werden dargestellt.
Es soll deutlich werden, dass die Entwicklungstheorien die Einschulungs- diagnostik oder die Einschulungsfrage beeinflusst haben. In diesem Kapitel wird behandelt, wie sich vor dem Hintergrund der wechselnden Annahmen in der Entwicklungspsychologie das Verständnis von Schulfähigkeit gewandelt hat. Dieses fünfte Kapitel besteht ebenfalls aus zwei Teilen. Im ersten Abschnitt werden die traditionelle Schuleintrittsdiagnostik sowie die Schulreifetheorien vorgestellt und kritisiert. Anschließend erfolgt eine Untersuchung bzw. eine Beurteilung der veränderten Schuleintrittsdiagnostik sowie der Schulfähigkeitstheorien.
Es wird deutlich, dass sich verschiedene bildungspolitische Reformansätze im Laufe der Zeit durchsetzen konnten und es wird bewiesen, dass bei weitem nicht alle Ansätze umgesetzt worden sind.
Abschließend geht es im sechsten Kapitel um die organisatorischen und pädagogischen Konsequenzen der Schuleingangsphase. Die Ergebnisse stehen im einem engen Zusammenhang mit den vorher angestellten Betrachtungen. Dieses Kapitel besteht aus vier Abschnitten.
Im ersten Teil wird der Begriff Vorschulerziehung erklärt. Dann geht es um die pädagogische Gestaltung des Übergangs vom Kindergarten zur Grundschule. Die Kooperation und die Schwierigkeiten der Zusammenarbeit beider Institutionen werden erläutert.
Die Bedeutung des ersten Schultages und die der ersten Schulwochen nehmen einen Teil des sechsten Kapitels ein. Im letzten Abschnitt wird die neue Schuleingangsstufe ausführlich vorgestellt. Hier wird zuerst die bildungspolitische Entwicklung aufgezeigt, dann die Organisation und zum Schluss die neue Schuleingangsstufe erklärt sowie beurteilt.
Das Thema Schuleingangsdiagnostik und Schuleingansphase ist umfangreicher als der Titel zunächst vermuten lässt. Das Inhaltsverzeichnis der Arbeit deutet an, wie weitgespannt und vielseitig die Gebiete Schuleingangsdiagnostik und Schuleingangsphase sind.
Viele der in der Arbeit genannten Autoren haben sehr umfangreiche Werke veröffentlicht. Detailliertheit der Forschung kann in einer zusammenfassenden Darstellung nicht zum Ausdruck kommen.
2 Quellenlage
In der erziehungswissenschaftlichen Forschung und der grundschulpä- dagogischen Diskussion beschäftigte man sich schon sehr früh mit der Einschulungsdiagnostik und der Schuleingangsphase.
Es sind eine Vielzahl von Büchern und Aufsätzen zu diesem Thema veröffentlicht worden.
Der Schulanfang rückt in neuerer Zeit stärker in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. Dieses zeigt sich in der zunehmenden Zahl von Publikationen.
Da das Thema sehr aktuell ist, ist zu erwarten, dass in der nächsten Zeit weitere Bücher zum Schulanfang und vor allem zur neuen Schuleingangsstufe erscheinen werden.
Viele Quellen wurden zur Erstellung dieser Arbeit benutzt. Deshalb können natürlich nicht alle vorgestellt werden. Nur der Aufbau und der Inhalt einiger zentraler Quellen findet hier Berücksichtigung.
Das Buch von Arthur Kern „Sitzenbleiberelend und Schulreife“ ist die älteste Quelle, die in der Arbeit vorgestellt wird. In diesem Buch beschäftigt sich der Autor umfassend mit der Schuleintrittsfrage und dem ´Sitzenbleiberelend´ in Deutschland. Auf die Konsequenzen der Behandlung des Schulreifeproblems richtet sich das Augenmerk. Auch der Grundleistungsstest findet Eingang in diesem Werk.
Das Buch von August Flammer „Entwicklungstheorien“ befasst sich mit vierzehn unterschiedlichen Entwicklungstraditionen. Die Zusammenstellung dieser erfolgt willkürlich. Der Leser bekommt einen Einblick in die Entstehungsbedingungen, das zentrale Anliegen und in die Hauptaussagen der einzelnen Theorien. Die klassischen Extrempositionen, die tiefenpsychologische Tradition, die strukturgenetische Tradition und die kontextualistischen Theorien stehen im Mittelpunkt.
Das Buch „Entwicklungspsychologie für die Grundschule“ wurde von Detlef Rost herausgegeben. In diesem Band gehen alle Aufsätze auf die Entwicklung von Kindern in den unterschiedlichen Persönlichkeitsmerkmalen ein. Der Einfluss der häuslichen Lernumwelt und des entwicklungsgemäßen Unterrichts werden berücksichtigt. Ein Referat von Andreas Krapp befasst sich mit Schulreife und Schulfähigkeit .
Lotte Schenk-Danzingers Buch „Entwicklungspsychologie“ setzt sich mit dem Begriff Entwicklungspsychologie auseinander. Hier werden die Phänomene der Entwicklung sowie deren Determinanten beleuchtet. Die Autorin beschreibt außerdem die menschliche Entwicklung vor der Geburt bis ins Jugendalter. Für diese Darstellung wird eine Längsschnittsuntersuchung mit einer Querschnittsuntersuchung verbunden.
Ein weiteres Buch mit dem Titel „Entwicklungspsychologie“ wurde von Rolf Oerter und Leo Montada herausgegeben. Dieses Lehrbuch bietet hauptsächlich eine Einführung in die Entwicklungspsychologie. In diesem Werk wird eine Einführung in das entwicklungspsychologische Denken gegeben. Die menschliche Entwicklung wird in fünf unterschiedlichen Altersbereichen abschnittsweise dargestellt. Des Weiteren werden die Veränderungen der einzelnen Funktionsbereiche und die angewandte Entwicklungspsychologie angesprochen. Abschließend werden die Methoden der Entwicklungspsychologie behandelt.
Horst Nickels und Ulrich Schmidt-Denters „Vom Kleinkind zum Schulkind“ gibt eine Einführung in die Grundlagen der Entwicklungspsychologie. Die Vorgänge der Entwicklung und die daran beteiligten Faktoren finden Beachtung. Die Veränderungen des Kindes vom dritten bis zum achten Lebensjahr in den Bereichen: Körperwachstum, Körperbewegungen, Erlebniswelt, Sprach- und Sozialverhalten, Spielen, Gestalten sowie Ausbildung der Persönlichkeitszüge beschreiben die Autoren. Ferner werden Möglichkeiten der Beeinflussung der kindlichen Entwicklung diskutiert. Die Förderung des Kindes im Kleinkind- und im Vorschulalter und der Eintritt in die Schule ist wichtig genug um genannt zu werden.
Das Buch von Dietrich Rüdiger u.a. „Schuleintritt und Schulfähigkeit“ ist ein weiteres Standardwerk. Die Theorie und die Praxis der Einschulung werden dargestellt. Die Autoren erläutern die Grundlagen des Begriffes Schulreife und die Verfahren ihrer Feststellung. Nach der Auseinandersetzung mit der Einschulungsfrage folgen Erläuterungen über die Determinanten der Schulfähigkeit und über das Bildungssystem. Die Diagnose der Schulfähigkeit erläutern die Autoren am Schluss des Werkes.
Das Buch „Einschulungsdiagnostik“ von Andreas Krapp und Heinz Mandl bietet eine Einführung in die Probleme und Methoden der Einschulungsdiagnostik. Ein Überblick betreffend der Schuleintrittsfrage wird vermittelt. Hier steht die Beziehung zwischen Diagnostik und Handlungsgeschehen im Vordergrund. Die Probleme des Schuleintritts werden unter den Aspekten der Selektion und der didaktischen Differenzierungs- entscheidung ausführlich behandelt. Auch die allgemeinen Entwicklungstrends in der pädagogischen Diagnostik finden Eingang in die Lektüre.
In dem Buch von Hartmut Hacker „Vom Kindergarten zur Grundschule“ wird der Übergang vom Kindergarten zur Grundschule angesprochen. Die einzelnen Stationen des Übergangs aus entwicklungsökologischer und pädagogischer Sicht werden beschrieben, dazu wird der Schuleintritt historisch-systemisch erörtert. Die Aspekte der Schulvorbereitung, der vorschulischen Erziehung und die unterschiedlichen schulvorbereitenden Einrichtungen berücksichtiget der Verfasser. Der Autor sucht einen internationalen Vergleich zwischen den Übergängen vom Kindergarten zur Grundschule. Ferner geht das Buch auf die Begriffe Schulreife und Schulfähigkeit und auf deren Feststellungsmethoden ein. Hierzu wird z.B. das Kieler Einschulungsverfahren vorgestellt. Des Weiteren werden Übergangsempfehlungen und Anregungen für eine Kooperation von Kindergarten und Grundschule angesprochen. Dann werden die üblichen Formen der Zusammenarbeit und deren Schwierigkeiten erläutert. Es fließen auch praktische Beispiele ein. Zum Schluss werden Grundlagen für eine Neugestaltung des Schulanfangs angeboten. Besonderes Augenmerk legt Hartmut Hacker auf den ersten Schultag und die ersten Wochen in der Schule.
Das Buch von Andrea Burgener Woeffray „Grundlagen der Schuleintritts- diagnostik“ hat das Ziel, die fehlenden Grundlagen der Schuleingangsdiagnostik zu erarbeiten. Es werden die traditionellen Testverfahren geschildert und diskutiert. Man erhält eine Übersicht über die Entstehung der Schuleintrittsdiagnostik und die Konsequenzen der Weiterentwicklung. Das Konzept für die Schuleintrittsdiagnostik wird umfassend beschrieben.
Das Buch „Schulfähigkeit“ von Gisela Kammermeyer bietet dem Leser acht unterschiedliche Schulfähigkeitstheorien und Methoden zur Feststellung der Schulfähigkeit. Im Mittelpunkt steht eine empirische Studie der subjektiven Theorien von Lehrerinnen und Erzieherinnen über die Kriterien der
Schulfähigkeit. Die Bedeutung der Diagnostik als Teamarbeit nimmt einen Teil der Arbeit ein. Perspektiven für den Schulanfang und die Schuleingangsdiagnostik werden angeboten. Zum einen die Neugestaltung des Schulanfangs und zum anderen die Schulfähigkeitskriterien liegen der Autorin am Herzen.
Das Buch von Wolfgang Knörzer und Karl Grass „Den Anfang der Schulzeit pädagogisch gestalten“ ist ein Studien- und Arbeitsbuch für den Anfangsunterricht. Dieses bietet dem Leser einen Einblick in verschiedene elementare Fragen des Anfangsunterrichts. Die Einschulung wird in Etappen diskutiert und an Beispielen konkretisiert. Die Autoren gehen auf die Zeit zwischen Kindergarten und Grundschule, den Übergang zwischen beiden Institutionen und auf den Anfangsunterricht bzw. auf die freie Arbeit ein. Ferner setzen sich die Wissenschaftler mit Verfahren zur Feststellung der Schulfähigkeit, mit Schuleintrittskrisen und mit der Veränderten Kindheit und deren Konsequenzen auseinander.
Auch der Arbeitskreis Grundschule, der sich für eine Verbesserung der Einschulungsbedingungen einsetzt, darf nicht vergessen werden. Viele Abhandlungen zum Schulanfang sind sein Verdienst. Zu nennen sind hier z.B. die Bücher „Kinder kommen zur Schule“ herausgegeben von Rosemarie Portmann
- „Die ersten Wochen in der Schule“ herausgegeben von Gabriele Faust-
- Siehl und Rosemarie Portmann „Schulanfang ohne Umwege“ herausgegeben von Gabriele
- Faust-Siehl und Angelika Speck-Hamdan.
In diesen Büchern werden Vorschläge zur Gestaltung eines Schulanfangs bzw. für die ersten Wochen in der Schule gemacht. Der Schulbeginn wird aus verschiedenen Perspektiven gesehen.
Das Buch „Schulanfang ohne Umwege“ ist das aktuellste dieser drei Bücher. In diesem wird die neue Schuleingangsstufe umfassend beschrieben.
Diese Veröffentlichung ist in vier Teile gegliedert. Im ersten Teil „vor der Schule“ beschäftigen sich die Autoren mit dem Leben und Lernen der Kinder vor der Schule im Kindergarten und in der Familie.
Der zweite Teil „Schulfähigkeit“ beschreibt die Bedingungen der Einschulung. Dann wird die „neue Schuleingangsstufe“ angesprochen. Der letzte Teil bietet „Hilfen“ für z.B. eine Zusammenarbeit von Kindergarten und Grundschule.
Auch Petra Hanke interessiert sich in ihrem Buch „Anfangsunterricht“ für das Leben und Lernen in der Schuleingangsphase. Dieses ist ein sehr aktuelles Buch, es ist 2002 erschienen. Ausgehend vom Bildungsauftrag der Grundschule werden die Aufgaben des Anfangsunterrichts herausgestellt.
Die Lebens- sowie Lernbedingungen der heterogenen Schulanfänger und das Schulleben sowie die Handlungskompetenz im Anfangsunterricht finden Eingang in dieses Buch. Die Autorin sieht im Beobachten, im Deuten und im Fördern grundlegende Kompetenzen der Lehrerin. Auch die Fähigkeiten des Beratens und Beurteilen werden angesprochen. Zum Schluss wird auf die aktuellen Innovationstendenzen im Anfangsunterricht der Grundschule, auf die neue Schuleingangsphase und auf die volle Halbtagsschule, eingegangen.
3 Entwicklungspsychologische Grundlagen des
Themas
3.1 Entwicklungstheorien
3.1.1 Traditionelle Entwicklungstheorien
Die traditionelle Entwicklungspsychologie erklärt die Veränderungsprozesse des Menschen durch zwei verschiedene Konzepte, die biogenetische Entwicklungstheorie und das Konzept des Behaviorismus. Beide gelten heute als überholt.
Biogenetische Entwicklungstheorien
Die ersten für die Wissenschaft bedeutenden Einflüsse der Entwicklungs- psychologie entstehen durch die Annahmen von René Descartes (1596-1650) im 17. Jahrhundert. Nach Descartes ist das Leben des Menschen von seiner
Geburt an bestimmt durch Gott. 2
Die Reifungstheorie ist die älteste Entwicklungstheorie. Als Hauptvertreter dieser gilt Jacques Rousseau (1752-1778). Er geht davon aus, dass der Mensch sich
in einzelnen von der Natur vorgegebenen Phasen entwickelt. 3 Der Biologe Charles Darwin (1809-1882) veröffentlicht im 19. Jahrhundert bekannte Arbeiten der Entwicklungspsychologie. Er geht davon aus, dass sich in der Entwicklung eines Individuums die Entwicklung der ganzen Art wiederholt. Darwins Erkenntnisse trugen dazu bei, dass die Veränderung als biologischer Prozess
betrachtet wird, in dem sich die vererbten Anlagen langsam entwickeln. 4 Die Entwicklung wird als eine Reihe von Veränderungsprozessen angesehen, der man bestimmte Zeitpunkte im persönlichen Lebensablauf zuschreiben kann. Dabei geht man von einer eindeutigen Korrelation zwischen Alter und erreichtem Entwicklungsstand aus. Durch diese Vermutungen entstehen viele Stufen- und Phasenmodelle der menschlichen Entwicklung. Man nimmt an, dass die verschiedenen Stufen aufeinander aufbauen und dass keine Phase übersprun-
gen werden kann. 5
2 vgl. Rossmann, Peter: Einführung in die Entwicklungspsychologie des Kindes- und Jugendalters. Bern/ Göttingen/ Toronto/ Seattle 1997, S. 15
3 vgl. ebd.
4 vgl. Nickel, Horst/ Schmidt-Denter, Ulrich: Vom Kleinkind zum Schulkind. Eine entwicklungspsychologische Einführung für Erzieher, Lehrer und Eltern.
München/ Basel 1995, S.15
5 vgl. Hetzer, Hildegard: Kind und Jugendlicher in der Entwicklung. Hannover 1969, S. 9
Als ein bekanntes Stufenmodell gilt das Modell von Oswald Kroh. Nach diesem und nach anderen Phasenmodellen erfolgt der Entwicklungsprozess durch Reifungsschübe. Kroh geht davon aus, dass die Kinder um das siebte
Lebensjahr einen wichtigen Reifungsschub erleben. 6
Dieser ist von einem Reifungsplan vorgegeben, der von der Natur gesteuert wird und fast ohne Einflüsse von außen erfolgt. Man geht davon aus, dass die äußere Umwelt die Entwicklung des Kindes zwar bremsen, aber nicht beschleunigen kann. Die genetischen Programme haben demnach eine primäre Bedeutung für die festgelegte und nicht kontinuierlich ablaufende Entwicklung. Stufentheorien und andere theoretische Annahmen, die davon ausgehen, dass der Veränderungsprozess vorprogrammiert ist und ohne eine Aktivität des Kindes erfolgt, bezeichnet man als biogenetische, endogenistische oder als
nativistische Entwicklungstheorien. 7
Die Definition von Karl Bühler zeigt das zuvor behandelte sehr deutlich. „Zum Begriff der Entwicklung gehört zweierlei: nämlich Anlage im Ausgangs-
zustand und ein Plan, eine Zielrichtung des Werdens.“ 8
Noch bis in die 60er Jahre werden die Stufen- und Phasentheorien angewendet
und benutzt. 9 Die Annahmen der Stufen- und Phasenmodelle können durch neuere Erkenntnisse nicht bestätigt werden. Durch zahlreiche Forschungen ist festgestellt worden, dass die Stufentheorien nicht richtig sind. Man erkennt z.B., dass Kinder im gleichen Alter und sogar mit gleichem Erbgut (eineiige
Zwillinge) einen unterschiedlichen Entwicklungsstand aufweisen können. 10
Behavioristische Entwicklungsvorstellungen
Die biogenetische Theorie wird am Anfang des 19. Jahrhunderts in den USA und später auch in vielen westlichen Ländern durch die nahezu gegenteilige
behavioristische Auffassung abgelöst. 11 Geschichtlich gesehen ist John Locke (1632-1704) der wichtigste Vertreter des Behaviorismus. Nach ihm entwickelt
6 vgl. Nickel, Horst: Das Problem der Einschulung aus ökologisch-systemischer Perspektive. In: Psychologie in Erziehung und Unterricht 37/ 1990, S. 219
7 vgl. Flammer, August: Entwicklungstheorien. Psychologische Theorien der menschlichen Entwicklung. Bern/ Stuttgart/ Toronto 1988, S. 38ff.
8 Bühler zit. nach Schenk-Danzinger, Lotte: Entwicklungspsychologie. Wien 2002 (völlig neu überarbeitetet von Karl Rieder), S. 27
9 vgl. Lompscher, Joachim/ Nickel, Horst: Entwicklung und Erziehung. In: Lompscher, Joachim u.a. (Hrsg.): Leben, Lernen und Lehren in der Grundschule. Neuwied/ Kriftel/ Berlin 1997, S. 11
10 vgl. Nickel/ Schmidt-Denter 1995, S. 15 11 vgl. Lompscher/ Nickel 1997, S. 7f.
sich der Mensch ausschließlich durch die Umwelt. 12 Die behavioristischen Entwicklungsvorstellungen gehen davon aus, dass die Entwicklung das Ergebnis
von Lernprozessen ist und bei diesen die Verbindung von Reizen mit Reaktionen
eine Rolle spielt. Man spricht von S-R Theorien (Stimulus-Response; Reiz-
Reaktion). Burrhus F. Skinner (1904-1990) versteht die Entwicklung als das
Ergebnis von Lernprozessen, die durch eine reaktive oder operante
Konditionierung erfolgen. Albert Bandura beschäftigt sich mit dem Lernen durch
Nachahmung, Beobachtung und Wiederspiegelung. Die Behavioristen vertreten
den Standpunkt, dass nicht die inneren, sondern die äußeren Faktoren die
menschliche Entwicklung beeinflussen. Diese Annahmen führen schließlich
dazu, dass man den Begriff Entwicklung durch Sozialisation ersetzen will. 13 Damit ist die Förderung der Kinder nicht wie bisher ein sekundärer, sondern
plötzlich ein primärer Faktor. Der Gründer des Behaviorismus John Watson geht
sogar soweit zu sagen, dass die Entwicklung des Kindes je nach Zielsetzung
mechanisch steuerbar ist und es bedeutungslos ist, welche Begabungen und
Neigungen das geförderte Kindes selbst hat. 14 Schließlich kommen die Pädagogen zu dem Entschluss, dass die sog. kognitive Frühförderung bei
Kindern nur unzureichenden Erfolg verspricht. Somit mussten die bisherigen
Ergebnisse der Entwicklungspsychologie wiederum überarbeitet werden.
3.1.2 Psychologische und strukturgenetische Entwicklungstheorien
Die Psychoanalytische Entwicklungstheorie Sigmund Freuds
Das Entwicklungsdenken Sigmund Freuds (1856-1932) wird durch zwei
theoretische Grundvorstellungen geprägt. Zum einen ist dies der Aufbau der
Persönlichkeit mit einer damit verbundenen Entwicklung des Ichs. Zum anderen
ist es die Ausbildung von Trieben, die Freud in fünf Phasen unterteilt. Für die
Entwicklungstheorie von Freud ist es entscheidend, dass alle Phänomene auf die
Libido oder ihre Genese zurückzuführen sind. Als Libido bezeichnet Freud die
Energie des Sexualtriebes. Die Libido ist an die erogenen Zonen des Menschen
gebunden. Die erogenen Zonen, Mund, After und Genitalien, lösen im Verlauf
der Entwicklung die Triebe des Menschen
12 vgl. Rossmann 1997, S. 15
13 vgl. Lompscher/ Nickel 1997, S. 8
14 vgl. Flammer 1988, S. 30f.
aus. 15 Der psychische Apparat besteht aus drei Instanzen, dem Es, dem Ich und dem Über-Ich. Diese drei bilden sich bis zum sechsten Lebensjahr heraus. Der Mensch entwickelt sich durch die ständigen Auseinandersetzungen zwischen diesen Instanzen und der Umwelt.
Nach Freud besteht ein Säugling aus einer einzigen Instanz, es ist ein Es. 16 Der Inhalt des Es ist alles, „was ererbt, bei der Geburt mitgebracht, konstitutionell festgelegt ist, vor allem also die aus der Körperorganisation stammenden Triebe
[...].“ 17 Da das Es ausschließlich dem Lustgefühl gehorcht, ist ein Mensch nach Freud nicht lebensfähig ohne die nächste psychische Instanz, das Ich. Die Herausbildung zu einem Ich ist von großer Bedeutung, da das Ich darüber entscheidet, ob die Triebe des Es zugelassen, verschoben oder unterdrückt werden. Das Ich ist somit eine Vermittlungsinstanz zwischen dem Ausleben der Triebe des Es, einem sozialen Verhalten und der Möglichkeit des Menschen sich
an die Realität anzupassen. 18 Im sechsten Lebensjahr bildet sich eine weitere Instanz aus, das Über-Ich. Es wacht über die Einhaltung der Gebote bzw. Verbote der Eltern. Folgende Abbildung zeigt, dass es am Anfang ein Es gibt. Dann kommt das Ich hinzu und schließlich folgt die Herausbildung des Über- Ichs. An dieser Stelle wird nicht genauer auf die Abbildung und die Bedeutung des Über-Ichs eingegangen. Im Folgenden wird aber die Theorie Freuds und die phallische Phase noch ein mal angesprochen.
Die Psychosoziale Entwicklungstheorie Erik H. Eriksons
Erik Homburger Erikson (1902-1994) hat die psychoanalytischen Grundkonzepte Freuds teilweise übernommen und sie noch um weitere ergänzt. Nach Erikson ist nicht nur die psychosexuelle Natur wie bei Freud, sondern auch die Gesellschaft und die gegebene Kultur für die Entwicklung von Bedeutung. Erikson entwarf ein Modell der Entwicklung, das aus acht Stufen besteht. Er ist der erste Entwicklungspsychologe, dessen Stufentheorie in der frühen Kindheit beginnt und erst im hohen Erwachsenenalter endet. Erikson beschreibt jede Phase mit einem widersprüchlichen Begriffspaar. Er kennzeichnet die Phasen durch verschiedene Konflikte und neue Lebensbedingungen.
15 vgl. Oerter, Rolf: Entwicklung. In: Schiefele, Hans/ Krapp, Andreas: Handlexikon der
Pädagogischen Psychologie. München 1981, S. 102f.
16 vgl. Freud, Sigmund: Abriß der Psychoanalyse. Hamburg 1971, S. 9ff.
17 ebd., S. 9
18 vgl. ebd., S. 10
Nach Erikson erfolgt die Entwicklung durch eine Auseinandersetzung des Menschen mit seiner sozialen Umwelt. Der aktive Mensch muss Konflikte bewältigen, um die nächste Phase erreichen zu können. Nur so ist eine Person in der Lage eine Erwachsenidentität aufzubauen. Es findet eine Identitätsfindung an Stelle einer Ich-Reifung statt. Bei Eriksons Modell werden die sozialen Dimensionen in die einzelnen Phasen miteinbezogen. Er stellt damit in seiner Theorie die Entwicklung der emotionalen und sozialen Krisenbewältigung da. 19
Erikson ist ein Vertreter des epigenetischen Prinzips.
Dieses bedeutet, dass „alles was wächst, einen Grundplan hat, und dass die Teile aus diesem Grundplan heraus wachsen, wobei jeder Teil seinen Zeitpunkt der speziellen Aszendenz besitzt, bis alle Teile entstanden sind, um ein funktionierendes Ganzes zu bilden.“ 20
Auch wenn die Entwicklung epigenetisch ist, ist es in den einzelnen Phasen für den Menschen von großer Bedeutung die Konflikte zu lösen. Der Entwicklungsvorgang ist demnach auch davon abhängig, wie eine Bedrohung von dem Menschen gelöst worden ist. 21
Die Strukturgenetische Entwicklungstheorie Jean Piagets
Jean Piagets (1896-1980) Lehre des Konstruktivismus vertritt die
Auffassung, dass das Kind seine Welt, sein Denken, seine kognitive
Struktur und Erkenntnis konstruktiv aufbaut. Für diese
Selbstkonstruktion muss das Kind aktiv sein und sich an die Umwelt
anpassen. Durch dieses Modell offenbart Piaget seine Abneigung gegen
die Auffassung der Behavioristen. 22 Die Grundlage der Stadientheorie
Piagets beruht auf dem Gleichgewichtskonzept. Dieses Konzept besagt,
dass ein Ungleichgewicht in der geistigen Struktur des Kindes entsteht,
wenn die bisherigen Vorstellungen des Kindes nicht ausreichen um
etwas zu erklären. Das Kind versucht eine Wiederherstellung des
Gleichgewichts, in dem es angemessene Erklärungen sucht. Diese Suche
nach den passenden Lösungen führt zu einer Veränderung der geistigen
Schemata. Es wird ein neues höheres Gleichgewicht aufgebaut und
dieses liegt auf einem höheren Strukturniveau. 23 Nach Piaget erfolgt die
Entwicklung in Stufen durch eine Folge von Gleichgewichtszuständen.
19 vgl. Flammer 1988, S. 92ff.
20 Erikson, Erik Homburger: Jugend und Krise. Die Psychodynamik im sozialen Wandel.
Stuttgart 1998, S. 92
21 vgl. Erikson, Erik Homburger: Der vollständige Lebenszyklus.
Frankfurt am Main 1988, S. 32
22 vgl. Schenk-Danzinger 2002, S. 30
23 vgl. Ginsburg, Herbert/ Opper, Sylvia: Piagets Theorie der geistigen Entwicklung.
Stuttgart 1998, S. 290f.
Die Motoren der Entwicklung und die Aspekte der Anpassung sind nach
Piaget die Assimilation und die Akkommodation. Bei der Assimilation
formt das Kind die Umwelt um, damit sie in seine verfügbaren
kognitiven Strukturen passt. Durch die Assimilation werden die
genetischen und die erworbenen Schemata gestärkt oder vertieft. Bei
dem zweiten Prozess, der Akkommodation, verändert das Kind seine
eigene Struktur sowie seine persönlichen Erklärungsschemata, um sich
den Vorgängen der Umwelt anpassen zu können. 24 Assimilation und
Akkommodation wirken demnach in zwei entgegengesetzte Richtungen.
„Die Assimilation ist konservativ und möchte die Umwelt dem
Organismus […] unterordnen […], während die Akkommodation Quelle
von Veränderungen ist, die den Organismus den sukzessiven Zwängen
der Umwelt beugt.“ 25
Das Zusammenspiel von Assimilation und Akkommodation wird in dieser Abbildung deutlich. Durch dieses Zusammenspiel entsteht die Anpassung (Adaption). Nach Piaget bedeutet der Begriff Adaption das Gleichgewicht zwischen Assimilation und Akkommodation. Piaget bezeichnet die Suche nach einem geistigen Gleichgewicht als Äquilibrierung (von frz. „équilibre“, Gleichgewicht). Das sog. Äquilibrationsprinzip ist dafür verantwortlich, dass die Assimilation und die Akkommodation im Gleichgewicht zueinander stehen. Wenn dies gegeben ist, kann der Entwicklungsprozess und die Abfolge der einzelnen
Stufen gelingen. 26 Nach Piaget werden durch Äquilibrierung neue Strukturen erzeugt. Diese sind im Neugeborenen noch nicht vorgeformt. Sie müssen sich in Entwicklungsstadien schrittweise aufbauen. Alle Kinder durchlaufen die gleiche Reihenfolge der Stufen. Manche sind jedoch in der Lage die Stufen schneller zu absolvieren als andere. Die Kinder brauchen für das Durchlaufen der Stadien der geistigen Entwicklung, die auf verschiedenen Ebenen organisiert ist, etwa 12
Jahre. 27
Die Theorie Jean Piagets basiert auf vier oder auf drei Hauptstufen: der sensomotorischen, der konkretoperationalen und der formaloperationalen Phase. Innerhalb der konkretoperationalen Stufe wird oftmals noch unterschieden
zwischen der konkretoperationalen und der präoperationalen Phase. 28 Im
24 vgl. Scharlau, Ingrid: Jean Piaget zur Einführung. Hamburg 1996, S. 86ff.
25 Piaget zit. nach Scharlau 1996, S. 91
26 vgl. Kesselring, Thomas: Jean Piaget. Beck`sche Reihe. Große Denker. München 1988, S. 85ff.
27 vgl. Lompscher/ Nickel 1997, S. 12f.
28 vgl. Scharlau 1996, S. 31
Folgenden werde ich auf die präoperationale Phase zurückkommen.
3.1.3 Kontextualistische Entwicklungskonzepte
Die heutigen Annahmen der Entwicklungspsychologie bezeichnet man auch als
Kontextualimus. Sie beschäftigen sich damit, wie sich die Umwelt, die
Erbmasse und die Handlungen der betroffenen Person auf seine Entwicklung
auswirken. Die traditionellen Konzepte konzentrieren sich entweder auf die
genetischen oder auf die Faktoren der Umwelt. Die kontextualistischen Theorien
beschäftigen sich mit beiden Einflüssen. Sie sehen den Menschen und dessen
Umwelt als eine Einheit und in einer wechselseitigen Abhängigkeit.
Ökopsychologische Entwicklungsvorstellungen
Der Begriff Ökologie wird von Ernst Haeckel eingeführt. 29 Sie befasst sich mit der Beziehung der Lebewesen zu ihrer Umwelt.
Die ökologische Perspektive beschäftigt sich „mit der fortschreitenden
gegenseitigen Anpassung zwischen dem aktiven, sich entwickelnden Menschen
und den wechselnden Eigenschaften seiner unmittelbaren Lebensbereiche.“ 30
Das umfassendste Konzept der ökologischen Perspektive entsteht durch Urie
Bronfenbrenner. 31
Er definiert Entwicklung „als die Entfaltung der Vorstellung der Person über ihre
Umwelt und ihr Verhältnis zu dieser, als ihre wachsende Tätigkeit, die
Eigenschaften ihrer Umwelt zu entdecken, zu erhalten und zu ändern.“ 32 Nach
Bronfenbrenner befasst sich die Ökologie der menschlichen Entwicklung „mit
der fortschreitenden gegenseitigen Anpassung zwischen dem aktiven, sich
entwickelnden Menschen und den wechselnden Eingenschaften seiner
unmittelbaren Lebensbereiche. Dieser Prozess wird als fortlaufend von den
Beziehungen dieser Lebensbereiche untereinander und von den größeren
Kontexten beeinflusst, in die sie eingebettet sind.“ 33 Das Rahmenkonzept Bronfenbrenners versucht die ökologischen Gegebenheiten
in der Gesamtheit zu begreifen. Die Abbildung zeigt, dass Bronfenbrenner
zwischen ineinander verschachtelten Systemen unterscheidet, die immer
29 vgl. Lompscher/ Nickel 1997, S. 14
30
Bronfenbrenner zit. nach Nickel, Horst/ Petzhold, Matthias: Sozialisationstheorien unter ökologisch-psychologischer Perspektive. In: Markefka, Manfred/ Nauck, Bernhard: Handbuch der Kindheitsforschung. Neuwied/ Kriftel/ Berlin 1993, S. 85
31 vgl. Flammer 1988, S. 257ff.
32 Bronfenbrenner zit. nach Flammer 1988, S. 261 33 Bronfenbrenner nach Rennen-Allhoff, Beate: Entwicklung im Jugendalter unter ökologischer Perspektive. In: Psychologie in Erziehung und Unterricht. 42 /1955, S. 73
umgreifender werden.
In dem System zwischen Mensch und Umwelt wirken Teilgrößen aufeinander ein, die sich im Verlauf des menschlichen Lebens ständig verändern.
In der systematischen Wechselbeziehung zwischen Umwelt und Individuum nennt Brofenbrenner die kleinste Einheit der Umwelt, das Mikrosystem. Dieses Mikrosystem ist die unmittelbare Umgebung des Individuums. Es besteht aus einzelnen Lebensbereichen, an die der Mensch gebunden ist. Das Mirkrosystem bildet das familiäre Umfeld. Ferner gehören die physikalischen und die materiellen Lebensbedingungen dazu. Des Weiteren umfasst es die Interaktionen zwischen dem Individuum und den Personen in seinem Lebensbereich. Bronfenbrenner bezeichnet die gegenseitige Abhängigkeit der verschiedenen Settings (Lebensbereiche) als Mesosystem. Als Exosystem bezeichnet Bronfenbrenner die außerhalb liegenden Settings. Hier finden also Ereignisse statt, die eine Bedeutung für den Menschen haben können, ohne
dass er selbst in diesen Bereich eingetreten sein muss. 34
„Der Begriff des Makrosystems bezieht sich grundsätzliche auf formale und inhaltliche Ähnlichkeiten in den Systemen niedriger Ordnung (Mirko-, Meso-, und Exosysteme), die in der Subkultur oder ganzen Kultur bestehen [...], einschließlich der ihnen zugrundeliegenden Weltanschauungen und Ideologien.“
35 Das Chronosystem wird erst nachträglich hinzugefügt. Es schildert die ökologischen Übertritte und die individuelle Lebensgeschichte. Die einzelnen Systeme machen handfest, dass der Mensch in einem Ökosystem lebt, das nicht
nur genetische Faktoren, sondern auch Kultur oder Normen beinhaltet. 36
Kulturhistorischer tätigkeitsorientierter Ansatz
Lew Wygotski, Alexej Leontjew und andere entwickeln verschiedene kultur- historische Entwicklungs- und Erziehungskonzeptionen, die besonders ab den achtziger Jahren anerkannt werden. Durch sie entsteht die kulturhistorische Schule. Diese befasst sich mit der Kompliziertheit der individuellen psychischen
34 vgl. Bronfenbrenner, Urie: Ökologische Sozialisationsforschung. In: Lenelis,
Kruse-Graumann u.a. (Hrsg.): Ökologische Psychologie. Ein Handbuch in Schlüsselbegriffen.
München 1990, S. 76ff.
35 Bronfenbrenner 1990, S. 77
36 vgl. ebd.
Entwicklung und mit der Einbeziehung der gesellschaftlichen und der historischen Bedingungen des Menschen. Als Begründer der Tätigkeitstheorie gilt Wygotski. Einer seiner Schüler, Leontjew, setzt sich besonders mit dem Tätigkeitskonzept auseinander. Die Beschäftigung des sich entwickelnden Individuums mit der historisch gewachsenen sozialkulturellen Umwelt wird als Tätigkeit bezeichnet. Die Entwicklungstheorien, die auf dem Tätigkeitsbegriff basieren, sagen damit aus, dass der Mensch sich durch seine Aktivität
entwickelt. 37 In der Wechselbeziehung zwischen Individuum und Umwelt kann der Mensch die Lebensgrundlagen verändern und die Umwelt umgestalten. Die Entwicklung vollzieht sich demnach nur, wenn das Individuum selbst aktiv ist. So wird der Mensch als Gestalter seiner Umwelt betrachtet. Die aktive Tätigkeit hilft dem Menschen seine Bedürfnisse zu befriedigen und durch bestimmte Handlungen Teilziele und Ziele zu erreichen. Ferner kann sich der Mensch durch einen Tätigkeitsverlauf, der sich aus einzelnen Handlungen zusammensetzt,
selbst verändern. 38
Wygotski unterteilt den Entwicklungsstand in zwei Zonen. Die erste Entwicklungszone wird als die Zone der aktuellen Leistung bezeichnet. Die andere Zone heißt die Zone der nächsten Entwicklung. Der Unterschied zwischen den beiden liegt darin, dass mit der ersten alles das gemeint ist, was der Mensch selbstständig erledigen kann. Mit der zweiten Zone werden die zukünftigen Möglichkeiten angesprochen. Der Mensch soll sich schrittweise entwickeln, indem immer neue Zonen erreicht werden.
Wygotski findet heraus, dass „die Zone der nächsten Entwicklung für die Dynamik der intellektuellen Entwicklung und den Leistungsstand eine unmittelbarere Bedeutung besitzt als das gegenwärtige Niveau ihrer
Entwicklung.“ 39 Wygotski geht davon aus, dass „was das Kind heute in der Zusammenarbeit macht, wird es morgen selbstständig zu machen fähig sein [...]
Nur der Unterricht im Kindesalter ist gut, der der Entwicklung vorauseilt.“ 40
Entwicklungsaufgaben
Robert James Havighurst entwirft ein Entwicklungsaufgaben - Konzept. Nach diesem sind in einzelnen Altersabschnitten verschiedene Entwicklungsaufgaben zu erfüllen, bevor ein weiterer Entwicklungsfortschritt
37 vgl. Lompscher/ Nickel 1997, S. 20ff.
38 vgl. Flammer 1988, S. 299ff.
Wygotski, Lev S.: Denken und Sprechen. Berlin 1964 , S. 213
39
40 ebd., S. 215
erreicht werden kann.
Diese Aufgaben entstehen aus der individuellen Leistungsfähigkeit, einer individuellen Zielsetzung, einer soziokulturellen Entwicklungsnorm, aus psychischer Reife, aus dem Druck oder aus den Erwartungen der Gesellschaft
bzw. aus den persönlichen Werten. 41 „Als Entwicklungsaufgabe lässt sich der Punkt auf der Distanz zwischen Norm und Fähigkeit definieren, den das Individuum zu einem gegeben Zeitpunkt
anstrebt.“ 42 Dies wird in dem Strukturmodell der Entwicklungsaufgabe Oerters aufgezeigt. Durch den Entwurf soll gezeigt werden, dass die Entwicklung nicht nur das Resultat vergangener Geschehnisse ist, sondern sich auch auf vergangene Ereignisse bezieht. Oerter vergleicht die Entwicklung deswegen mit einen Motor
der menschlichen Entwicklung. 43
Die subjektive Struktur bezeichnet den jetzigen Entwicklungsstand des Kindes, die objektive entspricht der soziokulturellen gesellschaftlich gesetzten Norm. Auch die zukünftigen Möglichkeiten des Kindes sind erkennbar (vgl. Abb. 6). Diese Handlungsmöglichkeiten sind mit der Einschulung verbunden. Sie beziehen sich besonders stark auf das Erlernen des Lesens bzw. des Schreibens, was für die Schule von großer Bedeutung ist.
Aktuelle Entwicklungsvorstellungen
Durch die Kooperation von Entwicklungspsychologen mit Biologen, Medizinern
und Sozialwissenschaftlern wird die menschliche Entwicklung erforscht. 44
Unter Entwicklung versteht man heute die Veränderungen im Leben eines Menschen, die mit der Einzelle beginnen und mit dem Tod enden. Entwicklung ist ein dynamischer Vorgang, der die Absicht hat immer höhere Ziele durch allmähliche Heranbildung zu erreichen. Entwicklung ist demnach ein
zielgerichteter Prozess. 45
41 Oerter, Rolf: Kultur, Ökologie und Entwicklung. In: Oerter, Rolf/ Montada, Leo: Entwicklungspsychologie. Ein Lehrbuch. Weinheim 1995, S. 121
42 Oerter zit. nach Kammermeyer, Gisela: Schulfähigkeit: Kriterien und diagnostische, prognostische Kompetenz von Lehrerinnen, Lehrern und Erzieherinnen. Bad Heilbrunn 2000, S. 22
43 vgl. Oerter 1995, S. 121 44 vgl. Nickel/ Schmidt-Denter 1995, S. 17 45 vgl. Montada, Leo: Fragen, Konzepte, Perspektiven. In: Oerter, Rolf/ Montada, Leo (Hrsg.): Entwicklungspsychologie. Ein Lehrbuch. Weinheim 1995b, S. 12ff.
Auch wenn die Entwicklung als Abfolge von bestimmten Veränderungsprozessen
erfolgt, darf man diese nicht mit festgelegten Stufen gleichsetzen. Es besteht
aber ein Zusammenhang zwischen den Veränderungsprozessen, die
aufeinander aufbauen. 46 Die Entwicklung kann nicht zu einem früheren Zustand
zurückkehren. Sie ist deshalb einem irreversiblen Verlauf gleichzusetzen.
Reifungs- und Lernprozesse gelten als Voraussetzung für die Entwicklung. Beim
Fehlen eines dieser beiden Punkte kann sich der Mensch nur unvollkommen
entwickeln. 47
Während der ersten Lebensjahre geht die Entwicklung zum größten Teil von
inneren Faktoren aus. In den folgenden Jahren spielen vor allem die äußeren
eine Rolle.
3.2 Entwicklung des Kindes im Vorschulalter
Im folgenden Teil werden einige Aspekte der kognitiven, körperlichen und sozial-
emotionalen Entwicklung von Kindern im Vorschulalter bzw. im ersten
Kindesalter (4 - 7 Jahre) erläutert. Die Aspekte werden zum größten Teil
längsschnittartig dargestellt.. Die Entwicklung der verschiedenen psychischen
Funktionen werden getrennt voneinander betrachtet. Das Vorschulalter soll hier
nicht bedeuteten, dass die Kinder in diesem Lebensabschnitt eine vorschulische
Einrichtung besuchen müssen. Es soll nur heißen, dass die Heranwachsenden in
diesem Lebensabschnitt für die Schule noch zu jung sind. Sie müssen sich erst
entwickeln, bevor sie die Primarstufe besuchen können.
3.2.1 Körperliche Entwicklung
Körperliche Entwicklung
Das „normale“ Kind hat mit 2 ½ Jahren schon die Hälfte seiner Körpergröße als
Erwachsener erreicht. Somit hat das Kind im Vorschulalter die schnelle Phase
der körperlichen Entwicklung schon hinter sich gebracht. In den nächsten
Jahren verlangsamen sich das Wachstum und Gewichtszunahme ernorm.
Der Heranwachsende wächst im Alter von drei Jahren bis zur Pubertät nur etwa
4-6 cm im Jahr. Durch die verringerte Wachstumsgeschwindigkeit braucht er nun
weniger Nahrung und ist seltener hungrig. 48 Die körperliche Entwicklung des
Vorschulkindes erfolgt kontinuierlich. Die Körperproportionen verändern sich
46 vgl. Nickel/ Schmidt-Denter 1995, S. 16
47 vgl. Nickel, Horst: Entwicklungspsychologie des Kindes- und Jugendalters. Band 1: Allgemeine
Grundlagen. Die Entwicklung bis zum Schuleintritt. Bern/ Stuttgart/ Wien 1975, S. 17ff.
48 vgl. Nickel/ Schmidt-Denter 1995, S. 36
jedoch ungleichmäßig. Es ist auffällig, dass das Kind sich allmählich streckt. So verändert sich die Körpergröße um ca. 17% und im Vergleich dazu der
Körperumfang nur um 10%. 49 Der Berliner Kinderarzt Wilfried Zeller bezeichnet diese Veränderung des kindlichen Körpers als „Ersten Gestaltwandel“.
In diesen Bildern werden die Veränderungen des kindlichen Körpers sichtbar. Das Vorschulkind hat einen verhältnismäßig großen Kopf, eine hohe Stirn und kurze Gliedmaßen. Dann streckt sich der Körper. Der Haupt verändert sich nur minimal. Er sticht nicht mehr so stark hervor. Das Kind wird schmaler und magerer. Der Bauch wird flacher. Dadurch ist die Fettbedeckung gering. Außerdem verändern sich die Schulterbreite und das Becken.
Nicht nur der Körper, sondern auch das Gebiss verändern sich. So sind etwa mit drei Jahren alle Milchzähne ausgebildet. Mit sechs Jahren beginnen der Ausfall
der Milchzähne und das Wachstum der ersten Zähne des Dauergebisses. 50
Der kindliche Körper wächst nicht nur sichtbar. Das Gehirn, viele lebenswichtige Organe und das gesamte Nervensystem vergrößern sich. So beträgt das Gewicht des Gehirns mit etwa zwei Jahren schon 75% des Wertes, den man durchschnittlich bei Erwachsenen findet. Mit sechs Jahren liegt das Gewicht des
Gehirns schon bei 90% des Erwachsenenwertes. 51 Die psychische Entwicklung wird beeinflusst durch genetische Faktoren und Einflüsse der Umwelt. Die physischen Veränderungen erfolgen in Verbindung mit den Umgestaltungen des
zentralen Nervensystems und denen der endokrinen Drüsen. 52
Der Wachstum erfolgt durch biologische Reifungsprozesse und durch sozialökologische Bedingungen individuell und unterschiedlich schnell. So kann eine gute wirtschaftliche bzw. soziale Situation und die gesunde Ernährung dazu beitragen, dass der kindliche Körper hier ruheloser wächst als der Körper eines
49 vgl. Parizkova, J.: Faktoren der motorischen Entwicklung im Vorschulalter. In: Willimczik, Klaus/ Grosser, Manfred: Die motorische Entwicklung im Kindes- und Jugendalter. Theoretische Ansätze - Untersuchungsprobleme - Forschungsergebnisse. Schorndorf 1979, S. 342ff.
50 vgl. Nickel/ Schmidt-Denter 1995, S. 39ff.
51 vgl. Nickel 1975, S. 174f.
52 vgl. ebd., S. 19
jungen Kindes, bei dem diese Faktoren nicht gegeben sind. Eine Mangelernährung kann sogar soweit führen, dass das körperliche Wachstum stehen bleibt und das Kind an Gewicht verliert. Ferner wird die körperliche Entwicklung durch Körpererziehung und sportliche Aktivitäten
beeinflusst. Durch Sport können sich Körperbau und Muskulatur verbessern. 53
Motorische Entwicklung
Die motorische Entwicklung des Kindes ist abhängig von den körperlichen Fortschritten. So kann sich die Motorik unterschiedlich entwickeln. Jedoch
machen die meisten im Alter von drei bis sechs Jahren viele Fortschritte. 54 Das Vorschulkind ist sehr aktiv, da es ständig in Bewegung ist. Seine Energiereserven scheinen unerschöpflich zu sein. Durch Bewegungsspiele z.B. kann der Heranwachsende seine motorischen Fähigkeiten verbessern. So ist er mit drei Jahren in der Lage alle Grundbewegungen auszuführen. Er kann allmählich das Gleichgewicht halten. Beim Kind sind nun Kontroll- und Steuerkapazitäten bei den Bewegungen der Körperteile zu erkennen. Außerdem verbessern sich im Vorschulalter die Genauigkeit, die Bewegungskoordination sowie die Geschwindigkeit, in der Bewegungen ausgeführt werden. Die
Reaktionszeit wird kürzer. 55 Allmählich entwickelt sich auch die Feinmotorik. So malt das Kind anfangs Striche mit der Schulter, dem Ellenbogen oder mit dem gesamten Arm. Die Handwurzelknochen sind noch nicht genügend entwickelt. Das Kind zeichnet erst nach und nach mit Hilfe der Handmuskulatur. Die Ausbildung der Muskulatur des Handgelenkes ist wichtig für das Schreibenlernen in der Grundschule. Sie ist aber nur in seltenen Fällen beim Schulanfänger
komplett ausgebildet. 56 Nur einige können sich schon im Alter von sechs Jahren grob- und feinmotorisch anspruchsvoll bewegen. Manche sind jetzt schon in der
Lage Radfahren und Schwimmen zu erlernen. 57
Man streitet sich darüber, ob die motorische Entwicklung bei Jungen und Mädchen unterschiedlich schnell verläuft. Die Wissenschaft geht davon aus, dass Mädchen eine bessere Körperhaltung und Geschicklichkeit haben als die Jungen. Bedingt durch das stärkere Muskelwachstum haben Jungen eine
53 vgl. Eiben, O. G.: Die körperliche Entwicklung des Kindes. In: Willimczik, Klaus/ Grosser, Manfred: Die motorische Entwicklung im Kindes- und Jugendalter. Theoretische Ansätze - Untersuchungsprobleme - Forschungsergebnisse. Schorndorf 1979, S. 187ff.
54 vgl. Vogt, U.: Die Entwicklung der Motorik 3- bis 6jähriger Kinder. In: Willimczik, Klaus/ Grosser, Manfred: Die motorische Entwicklung. Schorndorf 1979, S. 293ff.
55 vgl. Rossmann 1997, S. 92f.
56 vgl. Schenk-Danzinger 2002, S. 132f.
57 vgl. Vogt 1979, S. 293ff.
bessere motorische Entwicklung. 58
3.2.2 Kognitive Entwicklung
Die kognitive Entwicklung bezeichnet die Entwicklung aller Funktionen, die dem
Erfassen und Erkennen der Personen und Gegenstände der Umgebung und der
eigenen Person gelten. Zu diesen Funktionen gehören unter anderem das
Denken, die Sprachentwicklung und die Wahrnehmung.
Kognitive Entwicklung nach Jean Piaget
Eine umfassende Theorie der kognitiven Entwicklung wird von Jean Piaget
erstellt. Er beobachtet über viele Jahre seine eigenen und andere Kinder. Für ihn
sind ihre Fehler sehr aufschlussreich. Seine Erforschungen legen den
Grundstein für die Entwicklungskonzeption Lawrence Kohlbergs, die Skill-
Theorie Kurt Fischers, die Theorie von Robbie Case sowie für die meisten
Theorien der geistigen Entwicklung. Sie weist aber trotzdem einige Mängel auf.
So wird z.B. bei der folgenden Beschreibung der präoperationalen Phase
deutlich, dass Piaget die Entwicklung beschreibt, aber keine Erklärungen bietet.
Es wird zunächst die Theorie Piagets eingegangen. Dann werden knapp die
Theorien Fischers und Cases berücksichtigt.
Wie bereits zu Anfang erläutert wurde, wird die präoperationale Phase oft mit der
konkretoperationalen Phase zusammengefasst. Sie wird hier aber als
eigenständig betrachtet. Durch die Bezeichnung präoperational wird deutlich,
dass es sich bei dieser um eine vorbereitende Phase handelt. Diese bildet
anders als die anderen Phasen kein eigenes Gleichgewicht aus.
Bei der präoperationalen Phase fehlt die Balance „zwischen der Assimilation der
Gegenstände der Umwelt an die gedanklichen Schemata und der Akkomodation
dieser Schemata an die Wirklichkeit.“ 59
John Flavell vergleicht die präoperationale Phase sogar mit einer Krankheit, die
erst in der nächsten Phase überwunden werden kann.
Die Kinder durchleben dann eine neue Entwicklungsperiode. Es entsteht wieder
ein neues Gleichgewicht. 60 Die präoperationale Phase steht in Kontinuität mit der sensomotorischen Phase, in dem sie auf die Konzepte dieser aufbaut und
58 vgl. Parizkova 1979, S. 342ff.
59 Piaget, Jean: Psychologie der Intelligenz. Zürich/ Stuttgart/ Frankfurt am Main 1970, S. 156
60 vgl. Flavell, John: Kognitive Entwicklung. Stuttgart 1979, S. 124
sich kontinuierlich weiterentwickelt (vgl. Kap. 4.2 Die strukturgenetische Entwicklungstheorie Jean Piagets).
Die Stufe des präoperatioalen/ voroperatorischen anschaulichen Denkens ist die Stufe, in der sich die Heranwachsenden während des Vorschulalters befinden. Diese Stufe beginnt ungefähr mit dem vollendeten zweiten Lebensjahr und endet etwa mit dem siebten Lebensjahr. Innerhalb der präoperativen Phase unterscheidet Piaget zwischen zwei Stadien. Diese heißen das vorbegriffliche oder das symbolische (ca. zwei bis vier Jahre) und das anschauliche Denken
(ca. vier bis sieben Jahre). 61 Im ersten Stadium beginnt der systematische Spracherwerb des Kindes. 62
Durch die Beobachtung stellt Piaget fest, dass „die systematische Benützung der Sprache die Tätigkeit einer allgemeinen Symbolfunktion voraussetzt, die es erlaubt die Wirklichkeit durch Zeichen auszudrücken, die von den bezeichneten Gegenständen verschieden
sind.“ 63 Nach Piaget fällt „die Erlernung der Sprache, also des Systems der kollektiven Zeichen, mit der Bildung der Symbole, d.h. der individuellen
Bezeichnungen zusammen.“ 64
Das präoperationale Kind weiß, dass ein Objekt, z.B. ein Gegenstand, ein Zustand oder ein Ereignis, durch Symbole und Zeichen repräsentiert werden kann. Das Lernen etwas durch Sinnbilder darzustellen bezeichnet Piaget als semiotische Funktion. Durch die sprachlichen Formen des Denkens stellt Piaget fest, dass ein Kind besonders häufig Phänomene durch animistische, finalistische und artifizialistische Erklärungen begründet. Der Halbwüchsige neigt also zu fehlerhaften Überzeugungen. Es findet eine falsche Assimilation statt. Wenn das Kind aber erkennt, dass es falsch assimiliert hat, versucht es wieder ein neues Gleichgewicht zu erreichen. Man spricht dann von einer Akkomodation (vgl. Kap. 4.2 Die strukturgenetische Entwicklungstheorie Jean Piagets). Nach Piaget ist das Kind in dieser Phase egozentrisch. Dieser Begriff wird von Piaget enorm vielfältig benutzt. Egozentrismus bedeutet, dass der junge Mensch Schwierigkeiten hat, sich eine Sache aus verschiedenen Blickwinkeln
61 vgl. Scharlau 1996, S. 39ff.
62 vgl. Piaget 1970, S. 140
63 ebd.
64 ebd., S. 141
vorzustellen. Er geht davon aus, dass jeder Mensch den gleichen Standpunkt vertritt wie er selbst. Das Kind hat also Probleme sich in andere Personen hineinzuversetzen. Es nimmt an, dass jeder Mensch genau so denkt wie es
selbst und die gleichen Wünsche, Gedanken und Gefühle hat. 65 Aus diesem Grund geht der Heranwachsende davon aus, dass die Personen in seinem Umfeld seine Sprache verstehen können, obwohl diese aus nichtvollständigen und aus einer Wiederholung von Sätzen ohne kommunikative Absicht besteht. Außerdem benutzt er falsche Pronomen.
Das Kind ist der Meinung, dass die Welt für es erschaffen worden ist, es der
Mittelpunkt der Welt ist und es sie deswegen auch beherrschen kann. 66
Das Bild des Drei – Berge – Versuchs soll dem Heranwachsenden deutlich machen, dass man durch eine andere Perspektive eine andere Ansicht hat. In diesem Stadium macht das Kind z.B. Nachahmungs- und Symbolspiele. Bei diesen reproduzieren Kinder z.B. Personen, bestimmte Rollen, Gegenstände, Handlungen und Aktivitäten. Durch Nachahmungsspiele kann das Vorschulkind die Personen usw. durch Symbole verinnerlichen und sich über sie Informationen aneignen. So kann der junge Mensch das Reale an sein Ich anpassen und er lernt die Bedeutung von Ereignissen auf eine spielerische Art und Weise kennen. Ferner kann er ein bestimmtes Erlebnis noch mal erleben, in dem er dieses
nachspielt. 67 Durch das symbolische Spiel kann das Kind den Egozentrismus überwinden. Das kindliche Spiel ist von besonders großer Bedeutung für die kindliche Entwicklung.
„Viele Kinder, die nur wenig Möglichkeiten zu Spielen haben und mit denen nur wenig gespielt wird, leiden unter schweren intellektuellen Entwicklungshemmungen oder Rückschlägen, denn im Spiel und durch das Spiel übt das Kind seine Denkprozesse. Ohne diese Übung kann sein Denken oberflächlich und unterentwickelt bleiben.“ 68
Exkurs: Kinderzeichnungen
Die Kinderzeichnungen haben eine ähnliche Bedeutung wie das symbolische
65 vgl. Scharlau 1996, S. 40f.
66 vgl. Pulaski, Mary Ann: Piaget. Eine Einführung in seine Theorie und sein Werk. Ravensburg 1975, S. 40
67 vgl. Piaget 1970, S. 143
68 Bettelheim, Bruno zit. nach Neagele, Ingrid: Spielen lernen – Lernen im Spiel. In: Naegele, Ingrid/ Haarmann, Dieter: Schulanfang heute. Ein Ratgeber für Elternhaus, Kindergarten und
Grundschule. Weinheim/ Basel 1999, S. 33
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Uta Brengelmann, 2004, Einschulungsdiagnostik und Schuleingangsphase , Munich, GRIN Publishing GmbH
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