Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung S 4
2. Definitionsproblematik des Begriffs Armut S 5
2.1. Wesentliche Formen von Armut S 7
2.1.1. Absolute Armut S 7
2.1.2. Relative Armut S 7
2.2. Messung von Armut S 8
2.2.1. Der Ressourcenansatz S 8
2.2.2. Der Lebenslagenansatz S 10
3. Spezifische Risikogruppen für Armut Wer ist besonders gefährdet S 10
3.1. Alleinerziehende S 11
3.2. Kinderreiche Familien S 12
3.3. Kinder aus Zuwanderungsfamilien S 12
3.4. Jugendliche ohne Schulabschluss oder Berufsausbildung S 13
4. Folgen und Konsequenzen von Armut S 14
4.1. Wohnung S 14
4.2. Schule und Bildung S 15
4.2.1. Indirekte Auswirkungen S 15
4.2.2. Direkte Auswirkungen S 16
4.3. Auswirkungen auf die Gesundheit S 17
4.4. Psychosoziale Situation S 19
5. Armut aus Sicht der Kinder S 20
2 NA
6. Kinderarmut in Berlin S 22
6.1. Allgemein S 22
6.2. Lebenslagen der Kinder und Jugendlichen in Berlin S 22
6.2.1. Verteilung der Lebenslagen Schichten in Berlin S 23
6.2.2. Verteilung der Anteile von Sozialhilfebeziehenden an der
Gesamtbevölkerung Berlins S 24
6.2.3. Räumliche Verteilung der Lebenslagen von sozialhilfebeziehenden
Kindern und Jugendlichen in Berlin S 25
6.2.4. Verteilung der alleinerziehenden Sozialhilfebeziehenden S 26
6.2.5. Verteilung der Kranken innerhalb der Gruppen von
Sozialhilfebeziehenden S 27
7. Strategien gegen Kinderarmut S 28
7.1. Wie will die Bundesregierung mit Hilfe der Agenda 2010 die Kinderarmut
bekämpfen S 29
7.1.1. Ausbau der Kinderbetreuung für Kinder unter 3 Jahren S 29
7.1.2. Kinderzuschlag für geringverdienende Eltern S 30
7.1.3. Alleinerziehende S 31
7.1.3.1.Steuerentlastung für Alleinerziehende S 31
7.1.3.2.Steuerliche Freibeträge für Alleinerziehende S 31
7.1.3.3.Mehrbedarfszuschläge für alle Alleinerziehenden S 32
7.1.4. Berücksichtigung der Pflegeversicherung bei Kindererziehung S 32
7.1.5. Förderung von Frauen mit Familienpflichten S 32
7.1.6. Jugendliche sollen von der Arbeitsmarktreform profitieren S 33
7.2. Kinderpolitik gegen Kinderarmut S 34
8. Persönliche Stellungnahme S 35
9. Literaturverzeichnis S 37
3 NA
1. Einleitung
Deutschland ist ein reiches Land und Wohlstand für jedermann sichtbar. Gleichwohl leben viele Menschen in Armut. Zwar zeigt die Armut in der Bundesrepublik anders als etwa in vielen Ländern der Dritten Welt, jedoch ist sie existent, was häufig angezweifelt oder bestritten wird. Man verdrängt Armutserscheinungen und versucht deren Folgen zu kaschieren, wie etwa die damalige Bundesfamilienministein Claudia Nolte mit ihrer Aussage 1998 zum 10. Kinder- und Jugendbericht: „Kindheit in Deutschland ist eine gute Kindheit“, obwohl schon zu diesem Zeitpunkt 1,1 Mio. Kinder unter 18 Jahren von Armut betroffen waren, also beinahe jedes 7. Kind. Solche Probleme sind jedoch vorhanden und werden trotz Tabuisierung der Armut und Vertuschungsbemühungen, auch seitens der Betroffenen, immer offensichtlicher.
„Es ist unbestritten, dass Kinderarmut eines der drängendsten und gravierendsten Probleme unserer Zeit ist. 1 “ Besonders Kinder leiden unter ihrer Armutslage. Immer mehr Minderjährige in der Bundesrepublik wachsen in Armut auf. Waren zu Jahresende 2004 laut offizieller Sozialhilfestatistik noch 965.000 Kinder in der Sozialhilfe, so sind es heute über 1,5 Millionen, die auf Sozialhilfe, Sozialgeld nach SGBII oder Kinderzuschläge auf Sozialhilfeniveau angewiesen sind. Unter Berücksichtigung der Dunkelziffer erhöht sich die Zahl sogar auf 1,7 Millionen Kindern, das sind 14,2 % aller Kinder 2 . Da Kinder und auch Jugendliche mittlerweile diejenige Altersgruppe bilden, die am häufigsten und stärksten davon betroffen ist, sprechen Sozialwissenschaftler/innen seit einigen Jahren von einer so genannten „Infantilisierung“ der Armut.
Dabei ist Kindheit eine spezifische und vielleicht auch die bedeutendste Entwicklungsphase im Leben eines Menschen 3 . Sie ist eine subjektiv biographische Lebensetappe, in der die Fundamente der physischen, psychischen, kognitiven, emotionalen und sozialen Entwicklung gelegt werden. Somit bildet sie die Etappe des Heranwachsens, des Erkundens und Erlernens, der Identitätsbildung, des Ausbaus zwischenmenschlicher Beziehungen, des Entstehens von Verhaltenregularien sowie Norm- und Wertvorstellungen, der Herausbildung eigener Urteils- und Handlungsfähigkeit sowie der Befähigung zur Zukunftsbewältigung. Zugleich ist die Kindheit, ebenso wie die sich anschließende Jugendphase, so Helgard Andrä, eine 1 Renate Schmidt, aktuelle Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2 Der Paritätische Wohlfahrtsverband, 2005, S. 3 3 Helgard Andrä, 2000, S. 272
4
gesellschaftlich bestimmte Lebenslage welche abhängig von gesellschaftlichen Bedingungen ist, vor allem aber von der Zukunft und Zukunftsfähigkeit der zentralen Regelungen und Grundlagen unserer Arbeitsgesellschaft.
Die Entwicklungsetappe - Kindesalter - ist gegenwärtig in Deutschland durch gravierende Unterschiede in den Lebensbedingungen gekennzeichnet. Die Kluft zwischen steigendem Wohlstand und wachsender, insbesondere durch zunehmende Arbeitslosigkeit der Eltern hervorgerufener Armut, führt zu einer sozialen Polarisation zwischen den Kindern welche eng verbunden mit dem Heranwachsen unter den Bedingungen ökonomischer Deprivation ist. Als direkte Folge treten immer stärkere Unterschiede auf. Die individuellen Entwicklungs- und Entfaltungsmöglichkeiten von Kindern in Armutslagen werden erheblich eingeschränkt und die Chancengleichheit für eine gelingende Persönlichkeitsentwicklung und Sozialisation ist erkennbar beeinträchtigt.
Mein Ziel bei dieser Arbeit ist es zu untersuchen in welchem Ausmaß Kinder von Armut betroffen sind, wie sich Armut allgemein definieren lässt, welche Personengruppen besonders gefährdet sind, welches die wesentlichen Ursachen sind und welche Folgen Armut mit sich zieht. Ein eigenes Kapitel werde ich der Wahrnehmung von Armut bei den Kindern selber widmen. Dieses Thema wurde bisher in der Öffentlichkeit sehr vernachlässigt. Das Empfinden von Armut sowie ihr Umgang damit, sollte meiner Meinung nach mehr untersucht werden um besser geeignete und zielgerichtetere Lösungen entwickeln zu können. Wobei sich die Wahrnehmung von Armut bei Kindern mit psychosozialen Folgen ähneln kann, da sie eng miteinander verknüpft sind. In einem weiteren Kapitel untersuche ich unsere Hauptstadt Berlin nach Kinderarmut. Abschließend werde ich Strategien und Handlungsansätze der Bundesregierung gegen Kinderarmut untersuchen und darstellen, bevor ich Stellung zu meiner persönlichen Meinung halte.
2. Definitionsproblematik des Begriffs „Armut“
Armut gehört zu den Begriffen, die zwar fest im Alltagsbewusstsein verankert sind, unter denen aber jede/r etwas anderes versteht. Sie ist eine extreme Form sozialer Ungleichheit. Der Armutsbegriff hat sich für Deutschland in den letzten Jahren gewandelt, da sich die Gruppe der von Armut betroffenen gewandelt hat. Nicht mehr Randgruppen, chronisch Kranke, behinderte oder alte Menschen sind vornehmlich von Armut betroffen, sondern Arbeitslose,
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Alleinerziehende und kinderreiche Familien 4 . Umstritten ist, wann aus sozialer Ungleichheit Armut wird und wie die Armut gemessen werden kann 5 . Für die soziale Lage der Bevölkerung in einem Land ist das Ausmaß der Armut ein wichtiger Indikator, doch in Politik und Wissenschaft gibt es bis heute keinen allgemein akzeptierten Armutsbegriff. Es gibt jedoch eine Vielfalt von Ansätzen zur Begriffserklärung und Messung der Armut. Fest stehen jedoch einige Grundaspekte hinsichtlich der Armut in Deutschland 6 :
1. Armut ist von den gesamtgesellschaftlichen Gegebenheiten abhängig, also keine universale
Größe in Zeit und Raum, sondern kann nur für eine bestimmte Gesellschaft sowie einen begrenzten Zeitabschnitt begriffen werden. Das heißt, sie muss für einen Sozialstatt wie die Bundesrepublik anders als für ein so genanntes Entwicklungsland definiert bzw. die Definition den gesellschaftlichen Veränderungen angepasst werden.
2. Armut ist in Deutschland kein absolutes sondern ein relatives Problem.
Bei den Betroffenen geht es nicht um Armut an existentiellen Dingen und um das physische Überleben, sondern um ein menschenwürdiges, chancengleiches Leben. Verglichen wird hierbei zwischen den Lebensgewohnheiten der Gesamtgesellschaft und den Lebensgewohnheiten der armen Bevölkerung.
3. Armut ist umfassend zu verstehen, sie ist vielschichtig und nicht nur ein ökonomisch-
materielles, sondern auch ein soziales, kulturelles und psychisches Phänomen. Neben Aspekten der Unterversorgung wie Gesundheit, Bildung und Erwerbsstatus, kommt es zu einem Ausschluss der Armen von der Teilnahme an wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, politischen und kulturellem Leben.
4. Armut ist familien- bzw. haushaltsbezogen zu betrachten, weil sie alle Mitglieder einer
Familie bzw. eines Haushaltes betrifft. Armut und Deprivation werden an Kinder und Jugendliche durch die Familie bzw. den Haushalt vermittelt.
Armut ist mehr, als nur wenig Geld zu haben. Sie beraubt Menschen ihrer materiellen Unabhängigkeit und damit der Freiheit, selbst über ihr Schicksal zu entscheiden 7 . Armut bezeichnet den Mangel an Chancen, ein Leben zu führen, welches gewissen Minimalstandards entspricht. Die Maßstäbe für diese Standards und die Vorstellungen über die Ursachen von Armut sind örtlich und zeitlich sehr verschieden 8 . Die Welt – Gesundheits – Organisation (WHO) definiert Armut nach dem Einkommen. Danach ist arm, wer monatlich 4 vgl. Chassé, Zander, Rasch 2003, S. 11 5 vgl. Petra Hölscher 2003, S. 15 6 vgl. Gunter E. Zimmermann, 2000, S. 64 7 Christoph Butterwegge, 2000, S. 22 8 www.wikipädia.de Stand 08.02.2006
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weniger als die Hälfte des durchschnittlichen Einkommens seines Landes zur Verfügung hat. Die Armutsgrenze in Deutschland liegt bei 938 Euro pro Monat (2003).
2.1 Wesentliche Formen von Armut
2.1.1 Absolute Armut
Wenn wir heute bezogen auf Deutschland vom Begriff Armut sprechen, ist dieser nicht verbunden mit Hunger und Elend. Diese „absolute Armut“ herrscht in den Ländern der dritten Welt vor und meint die Nichtgewährleistung von Grundbedürfnissen des physischen Existenzminimums. Den Begriff der absoluten Armut führte den Präsident der Weltbank ein. Er definierte absolute Armut in folgender Weise: „Armut auf absolutem Niveau ist Leben am äußersten Rand der Existenz. Die absolut Armen sind Menschen, die unter schlimmen Entbehrungen und in einem Zustand von Verwahrlosung und Entwürdigung ums Überleben kämpfen, der unsere durch intellektuelle Phantasie und privilegierte Verhältnisse geprägten Vorstellungskraft übersteigt“ 9 . Damit ist ein Leben unter dem Existenzminimum gemeint, wie es in der Bundesrepublik Deutschland praktisch nicht vorzufinden ist. Doch auch in unserer Wohlstandsgesellschaft existiert absolute Armut, etwa bei Suchtkranken, Obdachlosen oder bei Personen, die aus verschiedenen Gründen nicht in der Lage sind, soziale Sicherungssysteme (z.B. Sozialhilfe) in Anspruch zu nehmen.
2.1.2 Relative Armut
In einer sogenannten Wohlstandsgesellschaft, wie unsere Bundesrepublik Deutschland, wird Armut auf die Gesellschaftsverhältnisse des Individuums bezogen definiert. Die relative Armut bezeichnet Personen oder Familien, die über nur so geringe materielle, kulturelle und soziale Mittel verfügen, dass sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die in der Bundesrepublik als unterste Grenze des Akzeptablen annehmbar ist. Man spricht daher von relativer Armut, da das durchschnittliche Wohlstandniveau in Deutschland wesentlich über dem physischen Existenzminimum liegt 10 .
9 www.wikipädia.de Stand 08.02.2006 10 H. Gerhard Beisenherz, 2002, S. 303
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2.2 Messung von Armut
Zunächst bieten sich grundsätzlich zwei Zugänge an, Armut zu erfassen, nämlich der Ressourcen- und der Lebenslagenansatz.
2.2.1 Der Ressourcenansatz
Nach dem Ressourcenansatz wird Armut als eine Unterausstattung an monetären 11 bzw. nichtmonetären 12 Ressourcen verstanden. Das heißt, wenn die finanziellen Mittel wie Einkommen, Vermögen, private Unterstützung und staatliche Leistungen einer Person oder eines Haushaltes nicht zur Lebensbewältigung ausreichen. Armut wird somit gleichgesetzt, mit dem Unterschreiten einer bestimmten Einkommensschwelle 13 . Für die Festlegung von Einkommensschwellen wird in der Regel nach zwei Möglichkeiten unterschieden:
1. Sozialhilfegrenze
2. Relative Einkommensarmut
Als offizielle Grenze für Einkommensarmut galt bis zum 31.12.2004 das Niveau der Hilfe zum Lebensunterhalt im Rahmen des Bundessozialhilfegesetzes (BSHG). Im Zuge der Arbeitsmarktreform (Hartz IV), die am 01.01.2005 in Kraft trat, wurde die Grundsicherung für Arbeitssuchende reformiert, indem die Arbeitslosenhilfe mit der Sozialhilfe zusammengelegt und beide zum Arbeitslosengeld II (Alg II) zusammengeführt wurden 14 . Seitdem gibt es für erwerbsfähige Arbeitssuchende keine dreistufige, sondern nur noch eine zweistufige Absicherung (Arbeitslosengeld → Arbeitslosengeld II). Für Personen, die weniger als drei Stunden täglich arbeiten können und für Kinder unter 15 Jahren gibt es Sozialgeld. Hintergrund dieser Definition ist die Tatsache, dass ehemals das BSHG, jetzt das Arbeitslosengeld II einen individuellen Rechtsanspruch auf Hilfe zum Lebensunterhalt einräumt, welches eine Lebensführung entsprechend der Würde des Menschen sicherstellen soll. Als „bekämpfte Armut“ gilt insoweit die Zahl der Hilfe zum Lebensunterhalt- Leistungsempfänger/innen, wobei politisch umstritten ist, ob diese noch als arm anzusehen sind 15 . Nach einer ersten Untersuchung des Paritätischen Wohlfahrtsamtes 2005, gab es 11 Einkommen aus Erwerbsarbeit sowie Vermögen, öffentliche und private Transferleistungen 12 Ergebnisse aus hauswirtschaftlicher Produktion usw.
13 vgl. Gunter E. Zimmermann, 2000, S. 71 14 vgl. www.foerderland.de, Stand. 10.03.2006 15 vgl. Walter Hanesch, 2000, S. 222
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Arbeit zitieren:
Markus Kaufhold, 2006, Kinderarmut in Deutschland, München, GRIN Verlag GmbH
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