2
Gliederung
1. Einleitung 2
2.Schriftliche Quellen. 3
2.1 Lysias 3
2.2 Aristoteles. 5
2.3 Auswertung 6
3. Grabreliefs. 7
3.1.1 Grabinschriften. 7
3.1.2 Ikonographie. 8
3.1.3 Bürgerliche Bildthemen 8
3.1.4 Von Metöken verwendete Bildmotive 9
3.2.1 Sosinos 10
3.2.2 Xanthippos 11
3.2.3 Charon-Relief 12
3.2.4 Auswertung 14
4. Zusammenfassung/Deutung 15
Literaturverzeichnis. 17
Abbildungen 19
1. Einleitung
Neben der Fremddarstellung von Metöken, wie sie unter anderem Gegenstand der
Untersuchung dieser Gemeinschaftsarbeit ist, ist es lohnenswert auch die
Eigendarstellung dieser Bevölkerungsgruppe zu untersuchen. Da die schriftlichen
Quellen , mit denen die Untersuchung des Selbstbildes von Metöken beginnt,
hinsichtlich dieser Frage sehr rar sind, werden zusätzlich archäologische Quellen in
Form von attischen Grabreliefs zur Untersuchung herangezogen. Diese Bildgattung
bietet hinsichtlich ihres hohen Aussagewertes - sowohl in epigraphischer als auch in
ikonographischer Form - einen nicht zu unterschätzenden sozialgeschichtlichen
Quellenwert. J. Bergemann 1 und A. Scholl 2 haben die sehr zahlreichen
Grabmonumente - die von allen Schichten der athenischen Gesellschaft genutzt
wurden - neben anderen Gesichtspunkten auf sozialgeschichtliche Aspekte untersucht
und bemerkenswerte Ergebnisse erzielt. Auf die Erkenntnisse dieser Erforschung
st ützen sich weite Teile dieser Arbeit.
Zur Untersuchung des Selbstbildes von Metöken befasst sich der erste Teil der Arbeit
mit den Aussagen der in Athen lebenden Metöken Lysias und Aristoteles. Dabei soll
herausgestellt werden, in welcher Rolle sie sich als Metöken innerhalb der
1 J. Bergemann, Demos und Thanatos. Untersuchungen zum Wertesystem der Polis im Spiegel der
attischen Grabreliefs des 4. Jahrhunderts v. Chr. und zur Funktion der gleichzeitigen Grabbauten
(1997)
2 A Scholl, Die attischen Bildfeldstelen des 4 Jhs v Chr (1996)
3
Bürgergemeinschaft sehen. Dazu wurden die Arbeiten von D. Whitehead 3 und M. Adak 4 herangezogen. Im zweiten Teil der Hausarbeit erfolgt eine Untersuchung der metökischen Grabstelen, wobei kurz auf allgemeine Aspekte der bürgerlichen Grabmonumente eingegangen wird. Dazu wurden hauptsächlich die Publikationen der oben genannten Archäologen verwendet. Den Schwerpunkt bilden dabei ungewöhnlich erscheinende Grabmäler, von denen drei vorgestellt und untersucht werden. Im Schlussteil der Hausarbeit werden die gewonnenen Erkenntnisse verglichen und in Beziehung miteinander gebracht.
2.Schriftliche Quellen
Abseits von den diversen Nachrichten bezüglich Metöken verschiedener antiken Autoren, ist es interessant, die metökische Sichtweise ihrer selbst und in ihrer Beziehung zum Staat zu betrachten. Allerdings lassen sich hierzu nur wenige Quellen hinsichtlich dieser Fragestellung auswerten. Die als Redner in Athen lebenden Metöken Isaios und Deinarchos, sowie der Philosoph Theophrast sind in dieser Punkt wenig informativ, da in den erhaltenen Texten dieser Autoren keine direkten Aussagen über ihre Selbstwahrnehmung als Metöken zu finden sind 5 . Konkrete Aussagen zum metökischen Selbstbild finden sich lediglich bei Aristoteles und vor allem bei Lysias 6 .
2.1 Lysias
Lysias, Mitglied einer reichen athenischen Metökenfamilie, wurde vermutlich um 445 v. Chr. geboren. Er betätigte sich zunächst als Schreiber von Gerichtsreden. Nach Verleihung des Isotelen-Status für Verdienste um die Wiederherstellung der Demokratie 403 wirkte er selbst auch als Redner 7 .
Lysias rühmte in mehreren seiner Reden vielfach die vorbildliche Verhaltensweise der Metöken gegenüber der Polis. In der Verteidigungsrede für den des religiösen Frevels angeklagten Getreideimporteurs Kallias 8 , der als Metöke in Athen lebte, führt Lysias dessen friedfertige und gesetzeskonforme Haltung ins Feld (Lys. 5.3). Zudem
3 D. Whitehead, The ideology of the Athenian metic (1977).
4 M. Adak, Metöken als Wohltäter Athens.Untersuchungen zum sozialen Austausch zwischen
ortsansässigen Fremden und der Bürgergemeinde in klassischer und hellenistischer Zeit (2003).
5 Adak 48, Anm. 159.
6 Whitehead 57.
7 Huber IX-XI.
8 Adak 50.
4
habe er sich darüber hinaus um besondere Verdienste für die Stadt verdient gemacht (Lys. a. O.).
Ein ähnlich vorbildhaftes Verhalten von Metöken skizziert Lysias in seiner Rede gegen den Athener Politiker Philon 9 (Lys. 31 ff.), der sich während der Herrschaft der dreißig Tyrannen als Verbannter in Oropos aufhielt. Diese Metöken haben sich im Gegensatz zum Vollbürger Philon durch ihre Loyalität im Kampf für Athen verdient gemacht, was die Polis auch entsprechend würdigte 10 (Lys. 31.29).
Wie sehr die Thematik der Gesetzestreue und Loyalität von Metöken Lysias selbst emotional betroffen hat zeigt das folgende Beispiel. In der Anklagerede gegen Eratosthenes, einen der dreißig Tyrannen, führt er den Fall seiner eigenen Familie an. Weder sein Vater Kephalos noch Mitglieder seiner Familie haben sich in dreißig Jahren je etwas zu Schulden kommen lassen (Lys. 12.4). Lysias betont, dass er und sein Bruder Polemarchos im Gegenteil alle geforderten Pflichten immer termingerecht erfüllt und mit ihrem Vermögen Wohltaten für die Stadt getätigt hätten 11 (Lys. 12.20). Lysias war durch die Behandlung seiner und der seiner Familie 12 seitens der Polis nach der Machtübernahme der dreißig Tyrannen sehr enttäuscht (Lys 12.22); er betont, dass sie so etwas 13 nicht verdient hätten (Lys. 12.20), zumal sie sich gegenüber der Polis loyaler gezeigt hätten, als so mancher Volbürger (Lys. a. O.). Den Gegenentwurf zum loyalen Metöken schildert Lysias an dem Fall der Getreidehändler (Lys. 22 ff.). Diese Metöken haben sich durch eigennütziges Verhalten, nämlich Aufkauf und Hortung von Getreide über das gesetzlich bestehende Maß hinaus strafbar gemacht 14 . Lysias macht hier durch seine Befragung der Beschuldigten deutlich, wie viel Wert er darauf legt, dass sich Metöken den bestehenden Gesetzen unterzuordnen haben. Im Gegensatz zur oben erwähnten Belohnung für gesetzeskonformes und loyales Verhalten, betont Lysias hier die Bestrafung für Verfehlungen (Lys. 22.5).
Die genannten Beispiele zeichnen ein klares Bild von den Vorstellungen des Lysias in der Metökenfrage. Einerseits führt er gesetzestreues, unauffälliges und verdienstvolles Verhalten zur Verteidigung seiner Familie und des Kallias ins Feld. Deweiteren
9 a. a. O.
10 Vermutlich durch Verleihung des Bürgerrechts; vgl. Adak 50.
11 Freikaufung von athenischen Kriegsgefangenen, Finanzierungen von Choraufführungen (Lys.
12.20).
12 Hinrichtung seines Bruders Polemarchos, Beschlagnahmung des Familienbesitzes.
13 Siehe oben.
14 Adak a. O.
5
betrachtet Lysias loyales Verhalten von Metöken als belohnenswert, wobei er insbesondere das militärische Engagement von Metöken für die Polis der Untätigkeit des attischen Bürgers Philon gegenüberstellt. Andererseits begrüßt Lysias die Bestrafung von Verfehlungen gegen die Gesetze der Polis. Daraus wird deutlich, dass Lysias das Verhältnis zwischen Fremden und Bürgern als eine Art Pakt 15 sieht: Unterordnung unter die Gesetze müsse den Metöken zugute gehalten werden, loyales Verhalten gegenüber der Polis müsse belohnt werden, während die Metöken ebenso negative Folgen für gesetzeswidriges Verhalten tragen müssen. Wie wichtig ihm dieser „Pakt“ ist, wird an seinem eigenen Beispiel deutlich, in dem er sich selbst von der Polis im Stich gelassen fühlt 16 .
2.2 Aristoteles
Aristoteles lebte in Athen von 367-347 und 335-323 v. Chr. als Metöke 17 . Trotz des Umstandes, dass er so lange Zeit als bürgerrechtsloser Fremder in der Polis Athen lebte, sind bei ihm nur wenige Aussagen zum Metökentum zu finden 18 . In seiner staatsphilosophischen Schrift athenaion politeia befasst sich Aristoteles nur am Rande mit den gesellschaftlichen Randgruppen, vielmehr ist sein Fokus auf die Bürgergemeinschaft gerichtet 19 . Trotz der Tatsache, dass Einwohner ohne Bürgerrecht - Fremde, Sklaven und Metöken - in seinem Werk in weiten Teilen nicht Gegenstand der Anschauung sind, erkennt er in ihnen dennoch einen unverzichtbaren Wirtschaftsfaktor 20 : Metöken seien neben anderen Fremden Ausdruck einer großen Stadt (Arist. pol. 1326a21). Dennoch gibt er aber zu verstehen, dass diese Einwohner nicht dieselbe Stellung innehaben können wie die Bürger. Dazu müsste ein Metöke die Tugend haben, Staatsgeschäfte führen zu können (Arist. pol. 1277b33-35), die er ihnen abspricht (Arist. pol 1278a2-3). Die Tugend mache den Staatsbürger aus, die ihn befähige, ein Amt zu bekleiden, wie es an anderer Stelle heißt (Arist. eth. Eud. 1233a28-30).
Aus den genannten Textstellen wird ersichtlich, dass Aristoteles ein eher differenziertes Verhältnis in der Anschauung von Metöken hat. Er betrachtet die Rolle
15 eine Art ungeschriebene Verhaltensnorm, wie Whitehead festgestellt hat; jedoch ist fraglich, ob
Lysias aufgrund fehlender Parallelen eine allgemeingültige Ansicht in dieser Frage vertritt; Whitehead
58; dazu: vgl. Adak 48.
16 Whitehead a. O.
17 Whitehead 59.
18 Adak 48 Anm. 157.
19 Whitehead 59.
20 a. a. O.
6
der Metöken von einer theoretischen Warte aus, die stark generalisiert ist. Das kommt zum einen dadurch zum Ausdruck, dass er die Metöken in ihrer Gesamtheit als Wirtschaftsfaktor betrachtet, der die Bedeutung einer Polis mehrt. Jedoch sind die Metöken in dieser Stadt auf diese Bedeutung reduziert, da sie aufgrund fehlender Tugend keine Befähigung und keinen Willen zur politischen Betätigung haben, die er allein indigenen Einwohnern - also Bürgern - zuspricht.
Solche Aussagen müssen verwundern, angesichts der Tatsache, dass Aristoteles selbst lange Jahre als Metöke in Athen gelebt hat, denn er müsste sich nach dieser Definition selbst als ehr- und tugendlos bezeichnen. Daher stellt sich die Frage, ob man diese Ansichten lediglich als kühle Objektivität betrachten kann, wie oben beschrieben, oder ob aus Aristoteles Worten bittere Ironie spricht, die in ihm aus der alltäglichen Erfahrung erwachsen ist, keine Anerkennung als Bürger zu finden 21 . Zur Klärung dieser Frage reicht das Quellenmaterial nicht aus 22 .
2.3 Auswertung
Angesichts der Tatsache, dass lediglich die Aussagen zweier Quellenautoren zum Selbstbild der Metöken erhalten sind, ist es nicht leicht zu beurteilen, inwieweit diese als repräsentativ für die Selbstauffassung einer bedeutenden Bevölkerungsgruppe im Athen des 4. Jahrhunderts sind. Es muss hierbei ebenso dem Umstand Rechnung getragen werden, dass es sich bei den hier vorgestellten Quellen um voneinander sehr unterschiedliche Schriftgattungen handelt, die dazu aus gänzlich unterschiedlichen Motivationen heraus geschrieben wurden. Dennoch lässt sich in diesen so unterschiedlichen Schriften feststellen, dass Begriffe wie „Ehre“ und „Tugend“ einen zentralen Stellenwert für die Definition von Fremden einnehmen. Jedoch vertreten beide Autoren in dieser Hinsicht sehr polare Ansichten. Aristoteles spricht diese Begriffe den Fremden völlig ab, während Lysias sie als Resultat von Handlungen und Verhaltensweisen sieht. Inwieweit diese Ansichten der breiten Masse der Metöken entsprechen lässt sich anhand dieser Quellen nicht beurteilen. Festgehalten werden sollte allerdings, dass beide Autoren dem Nutzwert der Metöken für die Stadt eine große Rolle beimessen. Emotionale Verbundenheit mit der Stadt Athen kann in dieser Hinsicht jedoch nur Lysias nachgewiesen werden.
21 Whitehead 60.
22 Adak 48 Anm. 157.
Arbeit zitieren:
Jörg-Ludwig Erdtmann, 2005, Das Selbstverständnis der Metöken Athens im Bild der Schriftquellen und Grabreliefs, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Römische und mittelalterliche Stadtmauer in Worms
Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit
Hausarbeit (Hauptseminar), 19 Seiten
Die Figur Claire Zachanassian in Friedrich Dürrenmatts tragischer Komö...
Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen
Hausarbeit, 20 Seiten
Xenoi - Vom Umgang mit Fremden im antiken Griechenland
Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike
Seminararbeit, 17 Seiten
"Volk in Waffen" und "nation en armes". Militarism...
Geschichte Europa - Deutschland - 1848, Kaiserreich, Imperialismus
Hausarbeit, 35 Seiten
"Man ist natürlich niemals man selbst" - Über Gertrude Stei...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Referat (Ausarbeitung), 18 Seiten
Die Gesellschaftsschichten der antiken Polis in der Sicht Aristoteles
Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte
Seminararbeit, 15 Seiten
Die napoleonisch-rheinbündischen Reformen 1806 - 1813
Geschichte Europa - and. Länder - Neuzeit, Absolutismus, Industrialisierung
Seminararbeit, 17 Seiten
The image of the dove in La Plaça del Diamante
Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde
Hausarbeit, 15 Seiten
Jörg-Ludwig Erdtmann hat den Text Das Selbstverständnis der Metöken Athens im Bild der Schriftquellen und Grabreliefs veröffentlicht
Jörg-Ludwig Erdtmann hat einen neuen Text hochgeladen
PONS Englisch in Wort und Bild
0 Kommentare