Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG. 1
1.1 RELEVANZ UND FRAGESTELLUNG. 1
1.2 AUFBAU DER ARBEIT 2
2 FANGESÄNGE BEIM FUßBALL ALS WISSENSCHAFTLICHER
FORSCHUNGSGEGENSTAND 4
2.1 BEGRIFFSKLÄRUNG UND INHALTLICHE ABGRENZUNG 4
2.1.1 Fans 4
2.1.2 Fangesänge 9
2.2 KULTURGESCHICHTE DES FUßBALL-FANGESANGS. 12
2.3 FANGESÄNGE BEIM FUßBALL IN DER BISHERIGEN DARSTELLUNG. 13
2.3.1 Fangesänge in der Volksliedforschung. 13
2.3.2 Zur Ästhetik von Fußball-Fangesängen. 14
2.3.3 Theorien über den Ursprung musikalischen Ausdrucks 17
2.3.4 Rahmenbedingungen zur Entstehung von Fangesängen. 19
3 FALLSTUDIE: FANGESÄNGE BEI HEIMSPIELEN DES HAMBURGER
SPORTVEREINS IM JAHR 2005. 21
3.1 ZIELSETZUNG DER VORLIEGENDEN UNTERSUCHUNG 21
3.2 DATENERHEBUNG UND AUSWERTUNGSVERFAHREN 21
3.2.1 Planung der Untersuchung. 21
3.2.2 Datenerhebung durch teilnehmende Beobachtung 22
3.2.3 Zeitpunkt der Datenerhebung 25
3.2.4 Umfang und Art der gezogenen Stichproben. 25
3.2.5 Grundlagen der Inhaltsanalyse per Kategoriensystem. 27
3.2.5.1 Kategoriensystem zur Auswertung von Fangesängen beim Fußball 29
3.2.5.2 Erläuterungen zum Kategoriensystem 35
3.3 ERGEBNISSE DER UNTERSUCHUNG. 38
3.3.1 Der Fangesänge-Katalog 38
3.4 ERGEBNIS-ANALYSE 82
4 SCHLUSSBETRACHTUNG 85
4.1 FUßBALLSPIELE UND KONZERTE IM VERGLEICH: ZUR FUNKTION VON FANGESÄNGEN BEIM
FU ßBALL. 85
4.2 AUSBLICK 94
LITERATURVERZEICHNIS 96
ABBILDUNGSVERZEICHNIS. 99
ABK ÜRZUNGEN 101
1 Einleitung
1.1 Relevanz und Fragestellung
„Die Bundesliga boomt“ schreibt das Hamburger Abendblatt in seiner Online-Ausgabe vom 20. Mai 2005 (HAMBURGER ABENDBLATT 2005). Diese Formulierung ist beileibe nicht übertrieben, denn keine Sportart vermag hierzulande so viele Zuschauer über einen längeren Zeitraum anzuziehen, wie der professionelle Fußball aus der Bundesliga. Seit mehreren Jahren vermelden die Vereine aus der höchsten deutschen Spielklasse wachsende Zuschauerzahlen. Während in der Saison 2003/2004 z.B. insgesamt 10.724.586 Karten für Bundesliga-Spiele erworben wurden, stiegt die Zahl in der darauf folgenden Saison auf noch mal auf insgesamt 11.568.788 Karten an (vgl. DEUTSCHER FUßBALL-BUND 2005). Doch nicht nur in deutschen Stadien steigen die Zuschauerzahlen seit geraumer Zeit kontinuierlich an, auch in anderen Ländern sind ähnliche Entwicklungen zu beobachten.
Massenhafte Anziehungskraft geht ebenfalls vom „TV-Ereignis“ Fußballsport aus. Z.B. haben im Durchschnitt des Jahres 2003 in Deutschland 8,93 Millionen Personen bei den Spielübertragungen der Nationalmannschaft zugesehen (vgl. ZUBAYR / HEINZ 2004, S. 36).
Und auch im Freizeitbereich übt der Fußballsport eine massenhafte Anziehungskraft aus. 26.010 Fußballvereine mit insgesamt 170.106 Mannschaften organisierten sich 2004 in den 21 Landesverbänden des Deutschen Fußball-Bunds, der somit als größter Fußball-Dachverband der Welt gilt (vgl. DEUTSCHER FUßBALL-BUND 2005). Empirischen Studien zufolge verteilt sich das Interesse für den Fußballsport dabei über alle Schichten der Bevölkerung (vgl. HORTLEDER 1974, S. 59).
Die Folgen der Popularität des Fußballs lassen sich anhand der oben genannten Beispiele nur ansatzweise skizzieren. Was im 19. Jahrhundert als privilegierte Sportart in den englischen Public Schools ausgeübt wurde, wird heutzutage vermehrt mit dem Begriff „Phänomen“ in Verbindung gebracht - derart massiv ist die Wirkmacht des Fußballs mittlerweile. Folglich ist der Fußballsport mit seinen zahlreichen Begleiterscheinungen auch zu einem begehrten Forschungsgegenstand verschiedenster wissenschaftlicher Zweige avanciert, wobei diese Entwicklung noch verhältnismäßig neu ist. So monierte HERRMANN bei seiner Untersuchung über Fußballfans im Jahre 1977 noch, dass „weit-
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gehend darauf verzichtet wird, den Zuschauersport und hier stellvertretend das Massenphänomen Fußball zu analysieren“ (vgl. HERRMANN 1977, S. 6). Neben zahlreichen Sportwissenschaftlern widmen sich inzwischen auch Sozial- und Kulturwissenschaftler den Besonderheiten des Fußballsports. So ist es sicherlich ein Erfolg jener Wissenschaften und ihres Forschungseifers, dass sich Begriffe wie „Fankultur“, „Stadionkultur“ oder gar „Fußballkultur“ derweil im wissenschaftlichen Fachjargon etablieren konnten.
Doch trotz aller Bemühungen, die zahlreichen Facetten des Fußballsports wissenschaftlich zu skizzieren, sind durchaus noch Defizite erkennbar, was sich am Beispiel „Fangesänge“ deutlich aufzeigen lässt. Zwar werden diese in der Fachliteratur nicht gänzlich ignoriert, doch spricht die Tatsache, dass es im deutschsprachigen Raum nur eine Publikation gibt, die auf Grundlage einer empirischen Untersuchung eine Analyse solcher
Gesänge vornimmt, eindeutig für sich. 1 Dabei ist das Singen auf den Zuschauerrängen ein fester Bestandteil einer jeden Fußballveranstaltung, der nicht selten in Verbindung mit anderen expressiven Handlungen von Fans die Qualität eines Spiels massiv beeinflussen kann. Was die musikwissenschaftliche Forschungsarbeit betrifft, so wurden über musikbezogene Verhaltensweisen in unserer Zeit ohnehin so gut wie keine wissenschaftlich fundierten Untersuchungen oder gar Auswertungen vorgenommen; die einzige Ausnahme stellt hierbei der Konzertbeifall dar. Die vorliegende Arbeit versucht diese Lücke - zumindest ansatzweise - zu schließen, indem sie sich der systematischen Untersuchung und Beschreibung von Fangesängen beim Fußball widmet - einer jener musikbezogenen Verhaltensweisen, die sowohl in der Musikwissenschaft wie auch bei der Erforschung des Fußballsports an sich eindeutig zu kurz gekommen sind. Die leitende Fragestellung dabei ist die nach der konkreten Funktion von Fangesängen, die im Schlussteil ausführlich besprochen wird. Abgerundet wird die Arbeit durch Überlegungen über mögliche zukünftige Untersuchungen, die im Zusammenhang mit Fangesängen beim Fußball durchgeführt werden könnten.
1.2 Aufbau der Arbeit
Das zweite Kapitel der vorliegenden Arbeit hat als Ziel, einen umfassenden Überblick über die Ergebnisse aus der bisher betriebenen (Fußball)Fangesangsforschung zu ver-
1 KOPIEZ / BRINK: Fußball-Fangesänge.Eine FANomenologie, Würzburg 1999
2
schaffen. Dabei werden besonders die von KOPIEZ / BRINK erarbeiteten Ergebnisse herangezogen. Das dritte Kapitel beschäftigt sich ausschließlich mit einer empirischen Untersuchung von Fangesängen, in diesem Fall bei Heimspielen des Hamburger Sportvereins im Jahr 2005. Einleitend zu jenem Kapitel werden sowohl die während der Untersuchung verwendeten Methoden zur Erhebung und Auswertung der Daten wie auch die Art und Weise, wie diese angewandt wurden, ausführlich beschrieben. Im Schlussteil der Arbeit werden unter Berücksichtigung der anhand der empirischen Untersuchung hervorgebrachten Ergebnisse Überlegungen über konkrete Funktionen von Fangesängen vorgenommen. Anregungen zu weiteren Forschungsaktivitäten in bezug auf Fangesänge beim Fußball werden in einem die Arbeit abschließenden Ausblick zusammengetragen.
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2 Fangesänge beim Fußball als wissenschaftlicher
Forschungsgegenstand
2.1 Begriffsklärung und inhaltliche Abgrenzung
Gegenstand der vorliegenden Arbeit sind Fangesänge, die speziell bei Fußballspielen gesungen werden. Zur Annäherung an diesen Gegenstand erfolgt daher an dieser Stelle zunächst die exakte Beschreibung und inhaltliche Abgrenzung dieses Gegenstands. Bei der Beschreibung richtet sich das Augenmerk jedoch nicht nur auf die spezifische musikalische Handlung selbst. Der Begriff Fangesänge verdeutlicht, dass es sich um eine personengebundene musikalische Handlung handelt. Der Person beziehungsweise der Personengruppe hinter dieser Handlung - den Fans - wird in diesem Abschnitt ebenfalls besondere Aufmerksamkeit geschenkt, um ein umfassendes Bild über massenhaftes Singen in einem Fußballstadion zu erhalten.
2.1.1 Fans
Der erste Blick auf ein Fußballpublikum lässt die Annahme zu, dass es sich um eine unstrukturierte Publikumsmasse handelt, die sich willkürlich an einem zuvor festgelegten Ort zusammenfindet, um spontanes und unkontrolliertes Verhalten auszuüben. Bei näherer Betrachtung offenbart sich jedoch, dass dieses Publikum durchaus eine Struktur besitzt. HERRMANN erkennt im Fußballpublikum zwei Kategorien von Zuschauern:
„Habituelle Zuschauer“ und „Fans“ (vgl. HERRMANN 1977, S. 10). 2 Beide Gruppen unterscheiden sich vor allem durch ihre Ausdrucks- und Handlungsformen, die sie im Verlauf eines Spiels offenbaren:
Während sich weniger fanatische Zuschauer i.d.R. auf die üblichen Beifalls- und Missfal-
lensbekundungen beschränken, auf Bravo- oder Pfui-Rufe, auf Klatschen oder Pfiffe und
ähnliche akustische Signale, sind Fans hier nicht nur aktiver, sondern auch ideenreicher
(HERRMANN 1980, S. 139).
2 Mitunter wird in den Medien auch der Begriff „Ultras“ in Bezug auf Fans gebraucht. Der Begriff geht auf die so genannte „Ultrà-Bewegung“ in Italien zurück, die ihre Wurzeln in den 1950er und -60er Jahren hat und deren goldene Jahre die1980er Jahre waren. In Ultrà-Gruppen organisieren sich die fanatischsten Fans italienischer Klubs, um ihre Mannschaft bestmöglich zu unterstützen und die allgemeine Stimmung im Stadion zu verbessern. Ultras waren zwar nie politisch, dennoch zählten Kämpfe und Schlägereien zu ihrer Kultur. In Bezug auf deutsche Fans - mit Ausnahme von ein bis zwei ostdeutschen Klubs - lässt sich dieser Begriff daher nicht anwenden, weshalb auf den Gebrauch des Wortes „Ultras“ im weiteren Verlauf der vorliegenden Arbeit auch verzichtet wird.
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Demzufolge bilden Fans innerhalb der gesamten Zuschauermasse eine besonders handlungsaktive (Sub)Gruppe. Durch ihre spezifischen Verhaltensrituale und durch die Leidenschaft, mit der sie diese Rituale je nach Spielerwartung und Spielverlauf zelebrieren, versuchen die Fans sowohl die Akteure auf dem Platz als auch die rivalisierende Anhängerschaft zu beeinflussen, wobei das Verhältnis der fanatischen Anhängerschaften untereinander durch Opposition und Rivalität gekennzeichnet ist. Dabei durchläuft die Fanmasse als solche im Laufe eines Fußballspiels abwechselnde Zustände. So wirkt sie einerseits zeitweise wie eine Ansammlung unterschiedlich agierender Zuschauer, die mit mannigfaltigen Mitteln versucht, den Sieg herbeizubeschwören. Andererseits tritt sie als Kollektiv auf, das sich für bestimmte Aktionen zusammentut, um sich für die eigene Mannschaft noch effektiver einsetzen zu können. In Verbindung mit ihrem auffälligen Erscheinungsbild sind sie bei Außenstehenden daher vielfach einer abwertenden Kritik ausgesetzt.
Fans und habituelle Zuschauer sind aber nicht nur idealtypisch, sondern auch räumlich voneinander getrennt. Der Fan bildet eine scheinbar mehr oder weniger geschlossene
Einheit mit seinesgleichen, 3 die sich im so genannten „Fanblock“, einer Tribüne direkt hinter einem der beiden Tore, stehend versammelt. Die restlichen Zuschauer verteilen sich auf den übrigen, vermeintlich besser positionierten Rängen, wobei es sich hierbei meist um Sitzplätze und überdachte Logen handelt. BROMBERGER hierzu:
Die in Kreise oder Vierecke unterteilten Fußballstadien, in denen es Hierarchien gibt, die
offen gezeigt werden (von der Tribüne bis zu den Stehplätzen), gehören zu jenen heute sel-tenen Orten, an denen die Gesellschaft eine genaue Vorstellung ihrer selbst hochhält, nicht
nur jene der Einheit, sondern auch der Kontraste, die sie formen. Die Zuschauer selbst sind
sich der Art, wie sie in Sektionen voneinander getrennt sind, bewusst (BROMBERGER 1998,
S. 287).
Die Einteilung in Sektionen ist für den Außenstehenden sofort sichtbar, es vollzieht sich auch auf visueller Ebene eine eindeutige Trennung zwischen Fans und habituellen Zuschauern. So legen Fans großen Wert auf den Einsatz fußballtypischer Identifikationsmerkmale wie etwa Fahnen, Transparente, Lärminstrumente und Trikots, während die übrige Zuschauermasse nur teilweise auf derartige Utensilien zurückgreift.
3 Auch wenn Fans sich als relativ homogene Gruppe darstellen, so ist diese Gruppe genauso wenig in sich homogen oder strukturlos wie die Zuschauermasse insgesamt. Auch hier kommen Kleinstgruppen zusammen, die mehr oder weniger engagiert ins Geschehen einzugreifen versuchen. Den höchsten Grad solcher offener Gruppierungen bilden dabei die Fanklubs.
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Fans stellen eine unterscheidbare, vergleichsweise kohärente Gruppe dar, die sich „durch die starke affektive Bindung an das jeweilige Bezugsobjekt in relativ unveränderter Zusammensetzung von Heimspiel zu Heimspiel wiederholt“ (vgl. HERRMANN 1977, S. 10). Eine solche affektive Bindung an das Bezugsobjekt impliziert gleichzeitig eine hohe Erwartungshaltung gegenüber der favorisierten Mannschaft. Werden ihrerseits gewisse Leistungen nicht erbracht, so lassen die Fans nicht lange auf ihre missbilligenden Reaktionen warten - der Übergang von Lob zu Kritik kann ggf. sehr schnell erfolgen. Solche Reaktionen sind jedoch Bestandteil einer institutionalisierten Verhaltens-
form, die für Fans typisch ist. 4 HORTLEDER verweist hierbei auf die von CANETTI geprägten Begriffe der „Fest- und Hetzmassen“, die laut HORTLEDER in einem Fußballspiel nebeneinander existieren (vgl. HORTLEDER 1974, S. 71). Charakteristisch für Festmassen ist, dass viele Verbote und Trennungen aufgehoben sind, ganz ungewohnte Annäherungen dagegen erlaubt und begünstigt werden. „Die Atmosphäre für den einzelnen ist eine der Lockerung und nicht der Entladung. (...) Das Fest ist das Ziel“, so CANETTI (CANETTI 1984, S. 66). Oftmals aber genügt nur ein kleiner Impuls, damit aus Festmassen Hetzmassen entstehen, etwa, wenn das gemeinsam angepeilte Ziel, der Sieg, bedroht scheint: „Die Hetzmasse bildet sich in Hinblick auf ein rasch erreichbares Ziel. Es ist ihr bekannt und genau bezeichnet, es ist auch nah. (...) Das Opfer kann ihnen nichts anhaben. (...) Es kann nicht zuschlagen, in seiner Wehrlosigkeit ist es nur noch Opfer“ (CANETTI 1984, S. 50 ff.). So durchleben Fans im Laufe eines Spiels ein regelrechtes Wechselbad der Gefühle und beschimpfen die eigene Mannschaft genauso oft wie sie sie über alle Maßen loben.
Diese hohe affektive Bindung an die Mannschaft kommt durch die Symbolkraft, die der Fußball auf seine Fans ausstrahlt, zustande. Fanaussagen zufolge erklärt sich die Faszination des Fußballs zunächst anhand seiner Fähigkeit, die Grundwerte moderner Gesellschaften widerzuspiegeln. So steht Fußball für die Verkörperung demokratischer Ideale, wobei Status nicht an Herkunft gebunden ist, sondern von jedem im Laufe eines Lebens erlangt werden kann. Andererseits zelebriert das Fußballspiel auch den individuellen wie kollektiven Verdienst in Form eines Wettkampfes, der den Besten belohnen will, dabei aber auch die Rolle des Glücks und der kleinen Betrügereien, die zum Erreichen des gewünschten Erfolgs von Nöten sind, nicht außer Acht lässt (vgl. BROMBERGER
4 „Durch die besonderen Merkmale ihrer Gesinnungsgemeinschaft erscheinen Fußballfans als eine peergroup im Zeitalter der Moderne, die bewusst traditional und damit anti-modern ist“ (FRANKE 1991, S. 197).
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1998, S. 287 ff.). So spiegelt sich dieser Umstand auch im Verhalten der Fans wider: Ihre Aktionen zielen grundsätzlich darauf ab, die gegnerische Mannschaft sowie deren Anhänger zu schwächen, um gleichzeitig das eigene Bezugsobjekt zu stärken. Gelegentlich richten sich diese Aktionen aber auch gegen Vereinsfunktionäre und Schiedsrichter. Sowohl auf dem Platz als auch auf den Zuschauertribünen findet ein künstlich inszenierter sozialer Konflikt statt. Dieser fungiert bei Fans im günstigsten Fall als Aggressionsventil, wobei das Gegenteil nicht immer ausgeschlossen werden kann. Dann werden Aggressionen im Rahmen dieses Konflikts erst aufgebaut - destruktives oder sozial schädliches Verhalten der Fans können im schlimmsten Fall die Folgen sein. Bis zu einem gewissen Grad aber gebührt den Fans im Fußballstadion Narrenfreiheit, sind sie doch die eigentlichen Finanziers des Sportspektakels (vgl. HERRMANN 1977, S. 44). Ein organisiertes und gestaltungsaktives Publikum im Kreis der Anhängerschaft der Fußballklubs existiert hierzulande in etwa seit den 1970er Jahren (vgl. PROSSER 2002, S. 276) und stellt somit eine relativ junge Entwicklung innerhalb des Zuschauersports dar. Heute sind Fans aus einem Stadion nicht mehr wegzudenken. Die Impulse, die sie durch die für sie typischen Aktionen aussenden, um die Akteure auf dem und um das Spielfeld herum zu beeinflussen, sind allesamt Elemente, die den Spieltag als solchen semantisch ausstatten (vgl. PROSSER 2002, S. 277). Was das Fehlen von Fans mitsamt ihrer typischen Aktionen ausmacht haben in jüngster Vergangenheit die so genannten „Geisterspiele“ aufzeigen können: Spieler, die bei Punktspielen unter Ausschluss der Öffentlichkeit antreten mussten, gaben in Interviews offen zu, dass diese ihrer Meinung nach durch das Fehlen der Fans und ihrer Aktivität an Qualität eingebüßt haben. So sagte der Spieler Willi Landgraf, Verteidiger bei Alemannia Aachen, nach einem „Geisterspiel“ gegen den 1. FC Nürnberg im Dezember 2003 zu einem Fernseh-Reporter in bezug auf das Vakuum, das auf den Rängen herrschte: „Es war einfach komisch, ich fand es sehr traurig, und es war total schwer sich zu motivieren.“ Aus soziologischer Sicht stellen Fans eine sowohl komplexe als auch interessante Gruppe dar: In der Fachsprache spricht man dabei von einer sozialen Kleingruppe, dessen Mitglieder in sozialen Beziehungen zueinander stehen und über eine gewisse Zeit gemeinsame Ziele verfolgen (nämlich einen Sieg zu erleben und dabei auch noch gut unterhalten zu werden). Die Realisierung dieser Ziele geschieht dabei durch situationsübergreifende Interaktionsprozesse, die sich zu Handlungssequenzen verbinden und mit denen gemeinhin die fantypischen Verhaltensweisen vor, während und nach einem Fußballspiel gemeint sind.
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Die Garantie des situationsübergreifenden Prozesses geschieht durch Normen, aber auch
durch Bräuche, Gewohnheiten und Interessen, insbesondere durch Rollenzuweisungen, die
sich auf den Zusammenhang der Interaktion innerhalb der Gruppe beziehen, über deren
Sinn Konsens besteht (BAHRDT 1990, S. 90).
Als Gruppe würde die sich im Stehplatzbereich zusammenfindende Fanmasse also nicht funktionieren, wenn jene Bräuche, Gewohnheiten oder Rollenzuweisungen in Frage gestellt werden würden. Das funktioniert nur, wenn die Existenz der sozialen Gruppe von den Mitgliedern als ein „Wir“ anerkannt wird, das sich von einem „Nicht-Wir“ abgrenzt. „Die Identifikation mit einem „Wir“ ist eine der Bedingungen dafür, dass die Gruppe existiert“ (vgl. BAHRDT 1990, S. 90). Sicherlich gibt es hier zwischendurch Abweichungen (nicht alle Gruppenmitglieder handeln ständig als Gruppe, sondern zeitweise als Individuen), doch gibt es ein Gruppenhandeln im engeren wie auch im weiteren Sinn. Dabei gelten die aufgestellten Normen speziell innerhalb der Gruppe und unterscheiden sich mitunter erheblich von denen, die in der Gesellschaft sonst gelten. Dazu gehört auch das Singen im Fußballstadion.
Die soziale Gruppe kann auch als soziales System betrachtet werden. Doch ihre Zusammensetzung ist stets variabel, und es können nachträglich neue Mitglieder integriert werden. Fans als solche sind keine geschlossene Gruppe, jeder kann ihr beitreten. Existenz und Struktur einer Gruppe hängen i.d.R. davon ab, dass die Gruppe sich nach außen abgrenzt, allerdings ohne sich zu „isolieren“. Gerade bei Fans ist diese Abgrenzung in aller Deutlichkeit sichtbar: So verfügen sie in einem Stadion nicht nur über ihren „eigenen Bereich“, sondern machen auch auf optischer Ebene deutlich klar, dass sie Teil einer äußerst speziellen Gruppe sind.
Dennoch geht die Funktion einer Fanmasse nicht über den eines Zweckverbands, also einer bewusst zur Verwirklichung bestimmter Zwecke geschaffenen Verbindung, hinaus. Denn um als „eingeschworene Gemeinschaft“ zu gelten, kommen Fans einfach zu selten zusammen.
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2.1.2 Fangesänge
Wenn es um den Versuch der Beeinflussung des Spielverlaufs geht, so fällt auf, dass Fans stets die selben expressiven Handlungen ausführen. Dabei handelt es sich um ritualisierte Verhaltensweisen, die ihnen im täglichen Leben Unannehmlichkeiten bereiten würden, die sie aber im Stadion, einem quasi sozialen und autonomen Freiraum, ohne Probleme auszuüben wagen. Das Intonieren von Sprechchören und Gesängen, rhythmisches Herumhüpfen und Klatschen sowie der Einsatz geräuschintensivierender Lärminstrumente gehören eben so dazu wie das Anlegen fantypischer Kleidungsstücke oder das Schwenken von Fahnen. Ein derartiges Verhalten wird durch die so genannte „Massensituation“ erleichtert, „die es dem einzelnen erlaubt, die Verdrängung seiner unbewussten Triebregungen abzuwerfen und alles gekonnt aggressiv zu besetzen, was die eigenen sportlichen Zielsetzungen scheinbar oder tatsächlich bedroht“ (vgl. HERR-MANN 1977, S. 34). Dem Fan bieten sich hierzu allerdings nur wenige Möglichkeiten, da seine Rolle als Zuschauer ein aktives Eingreifen ins Spielgeschehen nicht vorsieht. Jenes gekonnt-aggressive Bekämpfen des Gegners, wie es die eigene Mannschaft auf dem Platz vollzieht, erfolgt auf den Zuschauerrängen daher überwiegend auf verbalem Wege. Dabei dient die Sprache der Vermittlung impliziter und expliziter Botschaftenje nachdem, ob sie über einen spezifischen Text verfügen oder nur aus einer Wiederholung einfacher Laute bestehen, während der Ausbruch gestikalen Ausdrucks (Klatschen, Trampeln, Fahnenschwingen) eher spontan und intuitiv erfolgt. Auffällig ist, dass jene Botschaften überwiegend in Form von Liedern sowie gesungenen Rufen vorgetragen werden, wobei KOPIEZ / BRINK für letzteres den Begriff „Kurzgesänge“ gebrauchen. Gemeinsam werden diese als „Fangesänge“ und im weiteren Verlauf dieser Arbeit auch als solche bezeichnet. Diese unterliegen gewissen ästhetischen Gesetzen. So fasst KOPIEZ in einem Interview für „Der Spiegel“ zusammen:
Er darf nicht zu lang sein, man muss ihn nach dem ersten Zuhören mitsingen können, und
er darf keinen zu großen Tonumfang haben, so dass auch ungeübte Stimmen es hinkriegen.
Die Grundtendenz ist konservativ: Die Fans singen eher die Unterhaltungsmelodien aus der
Generation ihrer Eltern als die aus ihrer eigenen. Man wird im Stadion nie einen Titel von
Britney Spears hören, sondern eher von Tony Marshall (KOPIEZ 2003).
Die Rhetorik, die die Fans in ihren Gesängen anwenden, muss dabei sowohl innerhalb als auch außerhalb der Logik des Spiels gesucht werden (vgl. BROMBERGER 1998, S. 292). Denn wenn die Fans in einer Situation, in der sie die Mannschaft vom Schieds-
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richter ungerecht behandelt sehen, spontan „Oh, hängt sie auf, die schwarze Sau“ singen, so ist dies im übertragenen Sinne zu verstehen und zu keinem Zeitpunkt ernst gemeint - auch wenn der Grundtenor aggressiv und aufgeladen klingt. Dieser ergibt sich i.d.R. nicht immer aus einer aggressiven Grundstimmung heraus (zumal diese schlagartig in eine freudige umschlagen kann). Vielmehr zeigt sich das in der musikalischen Fachsprache geläufige „Belting“ verantwortlich. Damit ist das „schreiende Singen“ gemeint, das dann auftritt, wenn Laiensänger - in diesem Fall Fußballfans - versuchen, eine höhere Singlautstärke durch einen höheren Luftdruck sowie eine so genannte „hohe Kehlkopfstellung“ zu erreichen. „Belting“ stellt die in einem Fußballstadion dominierende Form des Singens dar, zumal das stimmliche Ziel der Fans primär lautes, raues und deutlich vernehmbares Singen ist (vgl. KOPIEZ / BRINK 1999, S. 150). Koordiniert werden Fangesänge i.d.R. durch einen so genannten „Chant-Leader“, einem Vorsänger (i.d.R. männlichen Geschlechts), der normalerweise Mitglied eines Fanklubs ist und in der ansonsten eher flachen Hierarchie innerhalb der Fangruppe eine (im wahrsten Sinne des Wortes) führende Rolle einnimmt. Dieser stimmt unter Zuhilfenahme eines Megaphons die zur Situation passenden Fangesänge an, die anschließend von der restlichen Fanmasse übernommen werden. Ähnlich wie bei einem Dirigenten und seinem Chor befindet er sich räumlich gesehen in einer zentralen, erhöhten Position, das Gesicht dem Spielgeschehen ab- und den Fans zugewandt. Dennoch bleiben dies die einzigen Ähnlichkeiten, die ein Chant-Leader zu einem Dirigenten aufweist. Denn während ein Dirigent eine zuvor bekannte Musik koordiniert, trifft der Chant-Leader die Entscheidung über das anzustimmende Lied eher spontan. Eine vorab festgelegte Reihenfolge von Fangesängen gibt es nicht. Darüber hinaus sind die musikalischen Fähigkeiten eines Chant-Leaders nicht ansatzweise so ausgeprägt wie die eines Dirigentenohnehin spielen diese in Bezug auf seine Tätigkeit sowieso nur eine untergeordnete Rolle. Bedeutender ist die Fähigkeit zu erkennen, ob ein Gesang, vor allem aber welcher
Gesang in der aktuellen Situation angebracht ist. 5 Der Chant-Leader ist nicht zwangsläufig der Erfinder von Fangesängen. Tatsächlich ist die Herkunft der meisten Fangesänge kaum zu ermitteln, da sich das Kernrepertoire der meisten Klubs überschneidet. Durch den Kontakt, den wechselnde Gegnerschaften zwangsläufig miteinander pflegen, findet
5 Trotz der offensichtlichen Unterschiede, die ein Chant-Leader zu einem Chordirigenten aufweist, wurden in England zu Beginn der 1970er Jahre Versuche unternommen, das gesamte Stadion per Dirigent zu koordinieren. Diese Versuche schlugen fehl, da ein Dirigent mitsamt seiner Verhaltensweise in einem Fußballstadion wie ein Fremdkörper wirkt (vgl. KOPIEZ / BRINK 1998, S. 61 ff.)
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ein regelmäßiger Repertoireabgleich statt (vgl. KOPIEZ / BRINK 1999, S. 17), manche Gesänge sind sogar länderübergreifend (nur der Text variiert). In der hierarchischen Anordnung sämtlicher musikalischer Aktivitäten von Fans wird deutlich, dass Lieder und Kurzgesänge zwar nicht die dominierenden, gleichwohl aber die anspruchsvollsten aller Aktionen darstellen (siehe Abb. 2). Ihr Zustandekommen wird allein dadurch erschwert, dass innerhalb des Fanblocks mehrere tausend Menschen unterschiedliche emotionale Zustände erfahren, die erst einmal in Einklang gebracht werden müssen. Ist diese Hürde überwunden, können Fangesänge zustande kommen. Von Vorteil erweist sich hierbei schließlich das übereinstimmende musikalische Konzept, die ähnlichen „Privatästhetiken“ (vgl. KOPIEZ / BRINK 1999, S. 209), die Fans besitzen und u.a. Garant für einen stabilen Zusammenhalt sind. Quantitativ dominant sind dagegen die so genannten Primärreaktionen, die durch ihren spontanen und willkürlichen Einsatz gekennzeichnet sind. Neben Geräuschen wie Pfeifen, Rufen oder Klatschen, die mittels des eigenen Körpers erzeugt werden können, kommen dabei auch mitgebrachte Lärminstrumente zum Einsatz. Primärreaktionen machen während eines Fußballspiels einen Großteil der Geräuschkulisse aus, da sie nicht nur von Fans, sondern vielmehr von der gesamten Zuschauermasse in einem Stadion ausgeführt werden.
Auf Primärreaktionen folgen oftmals rhythmische Klatscheinlagen, die mitunter als Hinführung zu Fangesängen dienen. Insbesondere Kurzgesänge finden des Öfteren im Wechsel mit rhythmischem Klatschen statt. Doch das rhythmische Klatschen zeigt sich auch in anderen Momenten; und zwar während des Singens. Dies machen die singenden Fans dabei nicht immer freiwillig. Vielmehr verbirgt sich dahinter der so genannte „Mitklatscheffekt“. Dieser stellt sich dann ein, wenn eine Melodie bei einer Frequenz zwischen 126 bis 144 Schlägen pro Minute mitgeklatscht werden kann - ein Schema, nach dem auch bekannte Popsongs funktionieren (sowie eine mögliche Ursache, weshalb es bestimmte Melodien in das Fangesang-Repertoire der Fans schaffen, andere dagegen nicht) (vgl. KOPIEZ / BRINK 1999, S. 143-148).
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Während eines Fußballspiels nehmen Fans, wie in frühen Zeiten, sowohl die Rolle von Musikern als auch des Publikums ein. Ist die Geschichte der abendländlichen Musik als Prozess der Säkularisierung, der Spezialisierung und der Arbeitsteilung zu verstehen (vgl. RÖSING / KERSOVAN 2002 S. 137), stehen Fangesänge folglich für eine Hinwendung zu alten Darbietungsmodi von Musik.
2.2 Kulturgeschichte des Fußball-Fangesangs
Auch wenn die Anfänge des modernen Fußballsports auf das Jahr 1846 zurückgehen, dauerte es nahezu bis in die 1960er Jahre hinein, dass Fangesänge zu einem festen Be-standteil von Fußballspielen wurden. Zu jenem Zeitpunkt war es in England Tradition,
vor jedem Cupfinalspiel in Wembley das religiöse Lied „Abide with me“ zu singen, 6 wodurch eine erste Verbindung zwischen Musik und Fußball geschaffen war. Von der in Chile ausgetragenen Weltmeisterschaft im Jahre 1962 brachten englische Fans die südamerikanische Gewohnheit mit nach Hause, bei einem Fußballspiel zu singen und dabei rhythmisch in die Hände zu klatschen. Dabei waren es als erstes die Liverpooler Fans, die diese Handlung übernahmen, um ihre Mannschaft fortan bei jedem Spiel tatkräftig zu unterstützen. Dies ist bei weitem kein Zufall, entwickelte sich Liverpool mit seinem Merseybeat doch nahezu zeitgleich zum Zentrum der englischen Popkultur. Die jungen Fans nahmen ihre neuen Songs mit zu den Spielen und sangen sie vor Beginn
6 Das deutsche Äquivalent ist das Finalspiel des DFB-Pokals, das alljährlich im Berliner Olympiastadion ausgetragen wird.
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auf ihren Stehplätzen. Vor allem das zu jenem Zeitpunkt, 1963, überaus erfolgreiche Lied „You’ll never walk alone“ der Gruppe Gerry an the Pacemakers entwickelte sich regelrecht zu einer Hymne, die KOPIEZ / BRINK auch als „Urhymne“ bezeichnen (vgl.
KOPIEZ / BRINK 1999, S. 68). 7 Sie ist heute ein fester Repertoirebestandteil der Fans sämtlicher englischer Klubs. 8
Doch die Fans amten die Lieder nicht nur wahllos nach, sondern passten sie im Laufe der Zeit immer häufiger der aktuellen Stimmung im Spiel an und erfanden neue Melodien und Texte.
Im Zusammenkommen der drei oben beschriebenen Komponenten liegt also der wesentliche Impuls für die Entstehung von Fangesängen, wie sie gegenwärtig in nahezu allen Stadien der Welt zu finden sind und damit einem Fußballspiel seinen rituell-festiven Charakter verleihen (vgl. PROSSER 2002, S. 269).
Allerdings dauerte es nahezu zehn Jahre, bis dieses Hauptritual des englischen Fußballs Einzug in die deutschen Stadien hielt. Ausschlaggebend ist hierbei die Weltmeisterschaft 1974 in Deutschland, bei der die englische und deutsche Fankultur aufeinander trafen. Aus diesem Grund gestehen KOPIEZ / BRINK den englischen Fans ein unaufholbar hohes Singniveau zu, das auf die wesentlich längere Singtradition zurückzuführen ist (vgl. KOPIEZ / BRINK 1999, S. 68).
2.3 Fangesänge beim Fußball in der bisherigen Darstellung
2.3.1 Fangesänge in der Volksliedforschung
Als wissenschaftlicher Forschungsgegenstand im Bereich der Volksliedforschung wurden Fangesänge im Sportstadion als erstes von SCHEPPING in seinem Beitrag „Neue Felder der Volksliedforschung“ anlässlich des Kolloquiums „Volksliedforschung heute“
erwähnt (vgl. SCHEPPING 1983). 9 In diesem setzt sich SCHEPPING zwar nicht explizit mit Fangesängen bei Fußball-, jedoch bei Eishockeyveranstaltungen auseinander. Dennoch lassen sich die dort gewonnen Erkenntnisse durchaus auf Fangesänge beim Fußball ü-
7 Parallelzur Urhymne existiert auch ein Ur-Rhythmus, zugleich „Soccerrhythmus“ genannt. Es handelt sich hierbei um einen ganz speziellen Rhythmus, der im Stadion oft von Fans geklatscht wird. Die dazugehörige Quelle aus der Pop-Musik ist der Eingangsrhythmus des Lieds „Hold tight“ der Gruppe Dave Dee, Dozy, Beaky, Mick & Tich aus dem Jahre 1966.
8 Als einziger deutscher Klub hat Bundesligist Borussia Dortmund dieses Lied fest in sein Gesangsrepertoire aufgenommen.
9 21./22. November 1981 in Basel zur Feier des Bestehens des Schweizerischen Volksliedarchivs
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bertragen, zumal SCHEPPING beides dem von ihm neu entdeckten Forschungsfeld Singen im Sportstadion zuordnet. SCHEPPING stellt fest, dass es sich hierbei um eine „großstädtische Singwirklichkeit unserer Tage“ handelt, welche Parallelen zum klassischen Volkslied dahingehend aufweist, dass diese allmählich entstandene Tradition selbst wieder ein Singen-auslösender Faktor geworden ist. Aber auch die Tatsache, dass Fangesänge überwiegend oral tradiert werden sowie durch eine gewisse Spontaneität gekennzeichnet sind, zeigt ihre Volkslied-typischen Merkmale auf. Doch das Repertoire stammt nur zu einem geringen Teil aus dem Bereich des Volkslieds: „Der Herkunft nach finden sich unter diesen „Kampfgesängen“ (...) Parodien von Karnevals- und Schunkelliedern, Schlagern, Beatles-Titeln, Volksliedern und Folksongs“ (SCHEPPING 1983, S. 71). Daher sollte in diesem Zusammenhang eher von Sing- als von Volkslied-forschung die Rede sein.
Nach einer längeren Pause nahm KOPIEZ die Erforschung des Fangesangs im Jahre 1990 im Rahmen der Fußball-Weltmeisterschaft in Italien wieder auf. Zu einer wissenschaftlichen Publikation über Fangesänge beim Fußball führte neben seinen Erkenntnissen aus dem Jahr 1990 allerdings eine in Zusammenarbeit mit BRINK vollzogene Fallstudie über das Gesangsrepertoire von Fußballfans beim Bundesliga-Spiel des 1. FC Köln gegen Borussia Dortmund vom 7.12.1996, die im Jahre 1998 erschienen ist. Auch KOPIEZ / BRINK setzen sich in ihrer Publikation mit der Einordnung des Fangesangs innerhalb der Volksliedforschung auseinander. Sie kommen zu dem Schluss, dass Fangesängewie SCHEPPING feststellt - der Volksliedtradition zwar sehr nahe stehen, dennoch aber -und hier liegt eine Weiterentwicklung von SCHEPPINGS Gedanke vor - eine ganz eigene Musikalische Volkskultur darstellen. Entsprechende Argumente liefern die ästhetischen Grundsätze, die den Fußball-Fangesängen zugrunde liegen.
2.3.2 Zur Ästhetik von Fußball-Fangesängen
Drei zentrale Begriffe prägen nach KOPIEZ / BRINK die Ästhetik einer Vielzahl von Fangesängen beim Fußball, nämlich die Bricolage (Bastelei), Transformation und Kontrafraktur.
Bei der Entwicklung oder Bearbeitung von Fangesängen verhalten sich Fußballfans wie Bastler: Sie sammeln Materialien, lösen dabei diverse Elemente aus ihren ursprünglichen Kontexten, weisen ihnen neue Bedeutungszusammenhänge zu und montieren das Ganze zum Schluss wieder zusammen. „Übertragen auf den Fangesang bedeutet „Bastelei“ im ästhetischen Sinn, dass der singende Fan im musikalischen Universum ständig
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auf der Suche nach Botschaften und Liedern ist, die im Stadion Verwendung finden könnten“ (KOPIEZ / BRINK 1999, S. 210). Aufgrund der massenhaften Produktion von Unterhaltungsmusik braucht der Fan dafür nicht lange zu suchen, der Markt „beliefert“ ihn regelmäßig. Die Transformation findet dabei im Laufe des Bricolage-Prozesses statt, in dem Dinge aus ihren ursprünglichen Kontexten herausgelöst und in neue versetzt werden (vgl. KOPIEZ / BRINK 1999, S. 211). Dabei finden auch die maßgeblichen Bedeutungstransformationen statt, so dass zum Schluss nur noch entfernt Gemeinsamkeiten mit der Ausgangsbedeutung erkennbar sind. Mit dem Mittel der Kontrafraktur, also eines neu unterlegten Textes, vollzieht sich der Bedeutungswechsel und damit auch ein Gattungswechsel (der einer Transformation im Sinne der Sozialpsychologie gleichkommt). Übertragen auf Fangesänge betrifft dies überwiegend massenmedial verbreitete Lieder. Dabei spielen weniger die Aktualität als vielmehr gewisse Strukturmerkmale der transformierten Lieder eine bedeutsame Rolle. Dabei hätten Fans die Möglichkeit, sich auch an anderen musikalischen Werken zu bedienen - mit dem Lied aber ist nahezu jeder von ihnen vertraut, es ist eine Art roter Faden, der sich an ihrem musikalischen Horizont entlang zieht. Daraus lassen sich wesentliche Merkmale auf ihre alltägliche kulturelle Praxis ableiten - eine kulturelle Praxis in der Musik eine wesentliche Rolle spielt , auch wenn sie mitunter eine eher sekundäre Erscheinung ist. „Die Musik ist (...) an eine bestimmte Funktion gebunden, d.h. die dient der Pflege des Brauchtums, gibt den Veranstaltungen einen Rahmen, wertet sie auf oder füllt einfach nur Zeit“ (KOPIEZ / BRINK 1999, S. 213).
SCHULZE untersuchte in einer umfangreichen Studie (1014 sowohl mündliche als auch schriftliche Befragungen im Nürnberger Raum) einzelne soziale Milieus in unserer Gesellschaft, die er in folgende fünf Kategorien einteilt:
1. Niveaumilieu
2. Harmoniemilieu 3. Integrationsmilieu 4. Selbstverwirklichungsmilieu 5. Unterhaltungsmilieu (vgl. SCHULZE 1992, S. 277)
Die Bezeichnungen leiten sich aus zentralen Aspekten des Subjekts innerhalb des jeweiligen Milieus ab - „die im Milieu dominierende normale existentielle Problemdefiniti-
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on“ (vgl. SCHULZE 1992, S. 281). Der Fußballfan ist SCHULZE zufolge eindeutig dem Unterhaltungsmilieu zuzuordnen, wobei die nachfolgend abgebildete Tabelle Aufschluss über die Ästhetik seiner Alltagskultur gibt.
Abb. 2: Unterhaltungsmilieu in Stichworten nach SCHULZE (SCHULZE 1992, S. 330)
So stellt SCHULZE u.a. fest, dass das Milieu in der Alltagswahrnehmung zwar wenig auffällt, jedoch insbesondere dort, wo es sich als Publikum - also auch als Fußballpub-
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likum zusammenfindet, durchaus anschaulich wird (vgl. SCHULZE 1992, S. 323). Die Beteiligung an der Sportszene erscheint in diesem Fall nahezu als milieutypisch. Wer dem Unterhaltungsmilieu angehört, der greift vorzugsweise auf die Serviceleistungen der Erlebnisanbieter zurück (vgl. SCHULZE 1992, S. 324). Das unmittelbare Erleben steht dabei im Vordergrund, geprägt durch die „kognitive Konstruktion des schönen Erlebnisses mit den Elementen von „Ich-Bestimmtheit“ und „Entlastung“ (vgl. SCHULZE 1992, S. 326). Dabei wird z.B. zwischen dem Besuch eines Sportstadions, einer Diskothek oder eines Volksfests kaum unterschieden, solange der Wunsch nach Abwechslung erfüllt wird. In SCHULZES Ausführungen nehmen Mitglieder des Unterhaltungsmilieus eine eher passive Grundhaltung ein, in der Erlebnisse alle auf die gleiche Weise „konsumiert“ werden. Dieses Verhalten lässt sich KOPIEZ / BRINK zufolge aber keinesfalls auf die singenden Fans übertragen, da sich diese ihrer aktiven Rolle bewusst sind und sich keinesfalls wie passive Konsumenten verhalten. Denn sie pflegen ihr Lied-Repertoire kontinuierlich und lassen sich von der Unterhaltungsmusikindustrie auch sonst in keiner Weise beeinflussen (erkennbar daran, dass sie sich mehr bei Melodien älterer Lieder bedienen und so gut wie nie bei neuen). KOPIEZ / BRINK nehmen Fangesänge daher auch als eigenständige musikalische Volkskultur wahr. Innerhalb des Unterhaltungsmilieus durchdringen sich die musikalischen Teil- und Alltagskulturen gegenseitig. Die Ästhetik von Fußball-Fangesängen ist stark von den musikalischen Gewohnheiten geprägt, die in der üblichen kulturellen Praxis der Fußballfans zu Tage treten.
2.3.3 Theorien über den Ursprung musikalischen Ausdrucks
KOPIEZ / BRINK halten fest, dass die Ursache für massenhaftes Singen in einem Fußballstadion im Ursprung bei der natürlichen Sangeslust des Menschen zu suchen ist. Dabei verweisen sie auf vier Theorien:
1. DARWINS Theorie über den Ursprung der Musik,
2. Theorie des Singens nach KLUSEN,
3. psychoanalytischer Ansatz zur Erklärung der massenhaften Sangeslust nach KLAUSMEIER, 4. Der Iubilus.
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• Zu DARWIN
Ausgangspunkt für das Singen sind starke Emotionen, u.a. Aggressionen oder Freude. Diese ziehen zunächst nicht-sprachliche Äußerungen wie das Klatschen oder Buh-Rufen nach sich, worauf dann erst der stimmliche Ausdruck folgt. Personen, die diese Äußerungen dann hören, können anhand körperlicher Freude- oder Angstreaktionen darauf reagieren. Singen dient also der emotionalen Entäußerung starker Gefühle. Auf das Singen in einem Fußballstadion übertragen würde dies grob skizziert bedeuten, dass Singen dem Ausdruck von Freude (etwa, wenn die favorisierte Mannschaft ein Tor geschossen hat) oder Verärgerung (z.B. über den Gegner) dient (vgl. KOPIEZ / BRINK 1999, S. 155-157).
• Zu KLUSEN
KLUSEN ordnet das Singen in ein so genanntes „magisches Weltbild“ ein. Demnach fühlt sich der Mensch in das Kräftespiel des Lebens, der Natur und ihrer Gewalten ein-gebunden. Um diesen Kräften näher zu kommen, muss er seine Alltäglichkeit verlassen und versuchen, einen ekstatischen Zustand zu erreichen. Dies gelingt durch den Einsatz eines Narkotikums, des Tanzes und der Maske. In dieser Reihenfolge würde dies beim Fußballspiel bspw. das Trinken von Bier, das rhythmische Klatschen sowie das Tragen eines Fanschals bedeuten. Der Fan fühlt sich hinter diesen Handlungen geschützt und traut sich, die höheren Mächte - in diesem Fall die Fußballgötter - singend anzurufen (vgl. KOPIEZ / BRINK 1999, S. 157-158).
• Zu KLAUSMEIER
Wie bei DARWIN spielen auch hier starke Emotionen eine zentrale Rolle. Bewirken diese nämlich eine Störung des inneren Gleichgewichts des Menschen, gilt es, den Triebhaushalt wiederherzustellen. Der Säugling bewältigt dies, indem er schreit - sei es aus Lust oder Unlust. KLAUSMEIER sieht das frühkindliche Schreien aus Lust dabei als eigentliche Quelle des Singens, weil es hierbei um das Abführen überschüssiger Energien geht. Im Fußballstadion ist der Grundtenor bei Fangesängen zwar aggressiv und könnte als „ein Schreien aus Unlust“ gedeutet werden, bedeutet aber im Grunde nichts anderes als die oben genannte Lösung von Spannungen, erzeugt durch extreme Gefühle wie Freude oder Verärgerung, ist also ein Schreien aus Lust (vgl. KOPIEZ / BRINK 1999, S. 158-159).
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• Der Iubilus
Dieser betrifft vor allem das textlose Singen, also im Wesentlichen das Wiederholen von Silben. Der Hintergrund dieser Form des Singens ist im Kern ein volkstümlicher, gar tief religiöser. Die volkstümliche Bedeutung ist die des Arbeitsgesangs (Beispiel: Ruderer, die ihre Bewegungen nach Rufen koordinieren). In der griechisch-römischen Antike war der Iubilus ausschließlich die Gesangsform der bäuerlichen Bevölkerung. Seinen religiösen Hintergrund erhält der Iubilus durch die ins vierte Jahrhundert zurückgehende Erkenntnis des Theologen Aurelius Augustinus, der erkannte, dass die Worte eines gesungenen Psalms frommer klingen als nur das bloße Aufsagen. Das gesungene Wort gilt hier als Steigerung des gesprochenen. Diese Steigerung des Ausdrucks im Zustand höchster religiöser Verzückung wird als Urmotiv für das Bedürfnis zu singen angesehen (vgl. KOPIEZ / BRINK 1999, S. 160-162).
Die Lust, in einem Fußballstadion zu singen, ist KOPIEZ / BRINK zufolge also eng mit den Theorien über den Ursprung menschlicher Sangeslust verbunden, wobei besonders der Iubilus eine tragende Rolle spielt. Denn: „ (...) Fußball ist aus Sicht der Fans zu einem erheblichen Teil schlichtweg Arbeit, und dabei müssen sie ihrer Mannschaft zumindest verbal helfen: Fangesänge sind ganz wesentlich „Arbeitsgesänge“ (...) “ (KO- PIEZ/ BRINK 1999, S. 166).
2.3.4 Rahmenbedingungen zur Entstehung von Fangesängen
Es müssen eine Reihe von Voraussetzungen erfüllt sein, damit Fangesänge stattfinden können, gewissermaßen „Rahmenbedingungen“ geschaffen werden. Diese schaffen bestimmte kultur- und sporthistorische Entwicklungen, die KOPIEZ / BRINK erstmals innerhalb der Fußball-Fangesangs-Forschung zusammengetragen haben. So wird festgestellt, dass die für das Zustandekommen von Fangesängen nötigen Voraussetzungen in den drei wesentlichen beteiligten Bereichen „Struktur der Sportart“, „Art der Musik“ und „beteiligte Menschen“ zu suchen sind (vgl. KOPIEZ / BRINK 1999, S. 40). So muss eine Sportart derart strukturiert sein, dass innerhalb des Spielverlaufs wechselnde Spannungszustände herrschen, auf die die Zuschauer reagieren können - also ein ausgewogenes Verhältnis von Spannung und Entspannung gewährleistet sein. Dies ist beim Fußball der Fall. Folglich ist eine Sportart, bei der innerhalb kürzester Zeit Tore fallen und somit immer wieder Höhepunkte während des Spiels erreicht werden, für Fangesänge gänzlich ungeeignet. Das betrifft z.B. Sportarten wie Hand-, Basket-
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Arbeit zitieren:
Magister Isabelle Ewald, 2005, Fangesänge beim Fußball - Darstellung und Analyse musikalischer Handlungen von Fußballfans bei Heimspielen des Hamburger Sportvereins im Jahre 2005, München, GRIN Verlag GmbH
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