Widerstand in der Wehrmacht vor dem 20. Juli
1. Vorbemerkung 2
2. Armee und Nationalsozialismus 3
2.1 Die Grundlage der Beziehung 3
2.2 Konfrontation oder Arrangement? 5
2.3 Zwischen Konflikt und Bündnis 7
2.4 Von der Entente zum Bruch 10
3. Militärische Opposition 13
3.1 Widerstand gegen das NS - Regime im Frieden 13
3.2 Widerstand gegen das NS - Regime im Krieg 14
4. Die militärische Opposition: Motive - Ziele - Träger 19
5. Die militärische Opposition: Resumee und Scheitern 21
6. Literaturverzeichnis 24
1
Widerstand in der Wehrmacht vor dem 20. Juli
1. Vorbemerkung
In der vorliegenden Arbeit soll die militärische Opposition gegen das NS - Regime vor Erreichen ihres Kulminationspunktes am 20. Juli dargestellt werden. Im ersten Teil der Abhandlung wird das zwiespältige Verhältnis zwischen Armee und Nationalsozialismus behandelt, der zweite Teil geht auf die militärische Opposition ein: im Frieden und, vor dem 20. Juli, als seine Entwicklung im versuchten Staatsstreich und Tyrannenmord kulminiert, im Krieg. Abschließend soll näher auf Motivation, Zielsetzung und Trägerschaft der militärischen Opposition eingegangen werden, bevor sie bilanziert und ihr Scheitern in Thesen formuliert wird.
Der Begriff „Wehrmacht“ bezeichnet exakt die deutschen Streitkräfte in ihrer Gesamtheit, also Armee, Marine und Luftwaffe, seit Einführung der allgemeinen Wehrpflicht im März 1935 bis zu ihrer bedingungslosen Kapitulation am 8. Mai 1945 1 - bis zu diesem Zeitpunkt, in der Zwischenkriegszeit handelte es sich um die Reichswehr. Die vorliegende Thematik des Widerstandes aus ihren Reihen gegen das NS - Regime muß auf die Auflehnung aus der Armee beschränkt bleiben. Nennenswerte Opposition aus den beiden anderen Teilstreitkräften, die dem Regime ungleich näher standen, 2 ist nicht zu verzeichnen. Friedrich Hoßbach: „Der Stein des Anstoßes für Hitler und seine Partei war innerhalb der Wehrmacht in erster Linie die Armee.“ 3
1 Vgl. Buchheit, Soldatentum und Rebellion, S. 48
2 Vgl. Hoßbach, Zwischen Wehrmacht und Hitler 1934 - 1938, S. 105
3 Zit. ebd.
2
2. Armee und Nationalsozialismus
2.1 Die Grundlage der Beziehung
Seit dem Bruch der Großen Koalition im März 1930 war die parlamentarische Regierungsbildung in Deutschland nicht mehr möglich. Statt dessen wurde die „Reserveverfassung“ der Republik wirksam: vom Reichspräsidenten ernannte Kanzler regierten mittels Dekreten aufgrund der ihnen durch Artikel 48 der Weimarer Verfassung verliehenen Vollmacht. Die erste deutsche Republik hatte de facto Bankrott gemacht: die Funktion des Reichstages erschöpfte sich darin, die nun installierten Präsidialkabinette zu tolerieren oder zu opponieren, politisch gestaltungsfähig waren Legislative und Parteien nicht mehr. Das einzig verbliebene Machtinstrument des Parlaments bestand darin, der Regierung das Misstrauen auszusprechen und so seine Auflösung und Neuwahl herbeizuführen - mit dem Ergebnis der „Erbitterungs - Wahlen“ vom September 1930, in denen der NSDAP, evident in der sensationellen Vervielfachung ihrer Mandate, der Durchbruch zur Massenbewegung gelang.
Durch diesen Prozeß war eine Situation entstanden, in der das Verhältnis zwischen Armee und Nationalsozialismus überragende Bedeutung gewann. Die Armee verblieb als eigentlicher Garant der von ihrem Oberbefehlshaber, dem Reichspräsidenten, exekutierten Reserveverfassung, alleine fähig, die Eskalation der Staatskrise in den offenen Bürgerkrieg aufzufangen. Diese enorme Bedeutung der Armee wurde noch zusätzlich überhöht durch ihren politischen Einfluß auf der Grundlage eines paralysierten parlamentarischen Systems. Poltische Macht bemaß sich fortan am Einfluß auf den Reichspräsidenten, der ein quasi wahlmonarchisches Amt erhalten hatte - und keine Institution oder Interessengruppe hatte einen solchen Einfluß auf den Reichspräsidenten Generalfeldmarschall von Hindenburg wie die vom Chef des Ministeramts im Reichswehrministerium, General Kurt von Schleicher, repräsentierte Armee. Hindenburgs „lieber junger Freund“ 4 Schleicher konnte zurecht von sich behaupten, die Präsidialregierungen „erfunden“ zu haben, und wenn er auch einstweilen in den Kulissen der politischen Bühne verblieb, so war er doch durch seinen maßgeblichen Einfluß auf den Reichspräsidenten ihr mächtigster Akteur, zog er doch die entscheidenden Fäden.
Aus dieser Konstellation ergibt sich die Gretchenfrage danach, wie die Armee es mit der Politik hielt, ihrer politischen Verortung und danach, wie das Phänomen des
4 Zit. Schulze, Weimar, S. 122
3
Nationalsozialismus, jener plötzlich aufstrebenden politischen Kraft, von der Armee beurteilt und bewertet wurde. Für die weitere politische Entwicklung mußte das hieraus resultierende Verhältnis zwischen Armee und Nationalsozialismus zum ausschlaggebenden Faktor werden. Die Reichswehr, durch die militärischen Bestimmungen des Versailler Vertrages auf die Stärke von 100 000 Mann beschränkte, von adeligen preußischen Offizieren dominierte Berufsarmee, stand grundsätzlich, um das wenigste zu sagen, der Weimarer Republik reserviert gegenüber - so waren deren Wappen und Farben in der Truppe bezeichnenderweise als „Pleitegeier“ respektive „schwarz - rot - gelb“ 5 bekannt. An Verbindungslinien zwischen Reichswehr und NSDAP auf der Achse Weimar - Versailles - Moskau fehlte es folglich nicht, der Übereinstimmung ex negativo zur Beseitigung der parlamentarischen Demokratie des „Novembersystems“, des „Schanddiktats“ von Versailles, und der marxistischen Parteien. Diese konforme Agenda charakterisiert die Reichswehr als eine Institution, deren Sympathien eindeutig auf der politischen Rechten lagen. In ihrem Offizierskorps war, so Klaus - Jürgen Müller, „mit der ganzen Skala möglicher Einstellungen“ - zum Nationalsozialismus - „eine nahezu durchgehende Verwurzelung in national - konservativen Auffassungen verbunden.“ 6 Diese Auffassungen lagen dem von der militärischen Elite betriebene Projekt des „Neuen Staates“, 7 im Bündnis mit Deutschnationalen, rechtsintellektuellen Zirkeln und großagrarischen Interessen, zugrunde, und gaben ihr in diesem Kontext den Wertmaßstab zur Beurteilung des Nationalsozialismus. Der ständisch strukturierte und monarchisch restaurierte „Neue Staat“ - in dem freilich dem letzten preußischen König keine Funktion zugedacht war, seit seiner Flucht nach Holland war er im Offizierskorps persona non grata - bedurfte nämlich einer Massenbasis, und da fiel der Blick der Reichswehrführung auf die Nationalsozialisten, denen zugedacht war, sie zu stellen. Schließlich handelte es sich bei ihnen um eine offenbar national gesinnte, jedenfalls antirepublikanische und antimarxistische Massenbewegung. Bedenklich mußte zwar der Sozialismus in deren Selbstdefinition stimmen, ebenso wie ihr ungehobeltes und hemmungslos demagogisches Auftreten - diese Erscheinungen sollten sich jedoch durch wohldosierte und kontrollierte Beteiligung am Aufbau des „Neuen Staates“ disziplinieren lassen. Die Reichswehrführung, naturgemäß insbesondere am Wiederaufbau einer großen Streitmacht interessiert, war besonders vom „prächtigen Menschenmaterial“ 8 in der SA angetan, die diesem militärpolitischen Konzept schwerpunktmäßig dienstbar gemacht werden sollte
5 Vgl. ebd., S. 115
6 Müller, Das Heer und Hitler, S. 48
7 Vgl. Schulze, Weimar, S. 389
8 Zit. ebd., S. 122
4
2.2 Konfrontation oder Arrangement?
Um diese Projekt allmählich zu realisieren „erfand“ Schleicher im Mai 1932 das von der NSDAP zu tolerierende „Kabinett der Barone“. 9 Die Nationalsozialisten dachten jedoch nicht daran, die ihnen zugedachte Rolle zu spielen. „Entweder schärfste Opposition oder die Macht. Tolerierung macht tot“, 10 notierte NS - Propagandachef Goebbels. Die Entente der Reichswehr und ihrer Alliierten mit der NSDAP schlug unvermittelt in die Rivalität zwischen ihren reaktionären und revolutionären Ambitionen um - der potentielle Konflikt zwischen Nationalkonservativen und Nationalsozialisten war bereits angelegt, zumal Schleicher nach den Reichstagswahlen vom 31. Juli 1932 erkennen mußte, daß er den Tiger des völkischen Sozialismus nicht reiten konnte. Der General, mittlerweile Reichswehrminister, schaltete auf Konfrontationskurs zur NS - Bewegung um, während sich die eskalierende Staatskrise immer mehr auf die Formel zuspitzte: Kanzlerschaft Hitlers: ja oder nein? Schleicher verneinte, ließ sich selbst zum Kanzler bestellen und versuchte, Hitler kaltzustellen, erst durch das Bündnis zwischen Reichswehr und Gewerkschaften, dann qua Spaltung der NSDAP, was, das eine wie das andere Unternehmen, knapp scheiterte, um dann die Militärdiktatur vorzuschlagen.. Zur Frage der Militärdiktatur, als verbliebener Alternative zu einer Kanzlerschaft Hitlers in nun objektiv vollends vertrackter staatspolitischer Situation, gab es in der Reichswehrführung die beiden Schulen der Befürwortung und Verwerfung. Schleicher hatte den coup d´état hintertrieben, als sein Vorgänger von Papen ihn vorgeschlagen hatte, um ihn zu bejahen, nachdem seine genannten Trümpfe nicht gestochen hatten - die umgekehrte Entwicklung machte „Fränzchen“ (Hindenburg) 11 von Papen durch, vom Befürworter zum Gegner; auch Intrigen und Machtkämpfe am Hofe des präsidialen Wahlmonarchen spielten eine Rolle. Die Motive der militärischen Führung zur Mehrheitsentscheidung gegen die Militärdiktatur und, analog dazu, für die Kanzlerschaft Hitlers, haben für die Thematik der militärischen Opposition gegen das NS - Regime die Bedeutung eines Präzedenzfalls für ihr Scheitern. In ihrem Selbstverständnis stand die Reichswehr in olympischer Distanz über den Niederungen von Politik und Parteien, sie schwebte über diesen Dingen. Ein erstaunlicher Selbstbefund, schließlich war die Reichswehr nicht nur über jeden Zweifel erhaben im politischen Spektrum einzuordnen - und zwar auf der Rechten - sie war auch durch den Chef ihres Ministeramtes Schleicher, in dessen Person sie schließlich sogar den Reichskanzler stellte, auf dem Felde der Politik auf das umtriebigste, mit eindeutiger Zielsetzung, tätig.
9 Vgl. Thamer, Verführung und Gewalt, S. 191
10 Zit. nach Schulze, Weimar, S. 383
11 Zit. ebd., S. 373
5
Gerade dieser Aktionismus des „Neuen Kurs“ 12 stieß aber im Offizierskorps auf zunehmenden Ablehnung, die seinen Protagonisten Schleicher, der in der militärischen Elite über geringes Ansehen verfügte, weil er nie ein Front- oder auch nur Truppenkommando innegehabt hatte, nicht aussparte. Die traditionalistische Partei in der Reichswehrführung setzte sich durch, die von der politischen Leitung verlangte, daß sie die Armee respektierte und ihren militärischen Bedürfnissen nachkam, ansonsten aber „von der verflixten Politik die Finger lassen“ 13 wollte und keineswegs bereit war, sich womöglich bis zur Etablierung einer Militärdiktatur zu exponieren. Die hätte mit der etatistisch geprägten preußischen Überlieferung gebrochen - „das Heer dient dem Staat, nur dem Staat; denn es ist der Staat“, 14 in den Worten General von Seeckts, war situationsbedingt nur um den Preis eines Bürgerkrieges zu haben, den besonders Hindenburg nicht glaubte verantworten zu können, und in dem Soldaten sich mit Aufständischen hätten herumschießen müssen: quasi eine Polizeitätigkeit, die unter der Würde der Armee lag und ihr aus den Jahren 1919/20 in unangenehmer Erinnerung geblieben war. Gegen Linksextremisten mußte zwar niemand die Reichswehr zur Jagd tragen, gegen Rechtsextremisten aber war ein Kurs wohlwollender Neutralität zu fahren, evident während des Kapp - Putsches, als der empörte sozialdemokratische Reichswehrminister Noske ihren Kommandanten Seeckt die Frage gestellt hatte, wo die Reichswehr eigentlich stehe und die verblüffte Antwort erhalten hatte, daß die Reichswehr natürlich hinter ihm stehe. Diese Aussage stand ganz konsequent in der Logik eines Verständnisses und Denkens, wonach die Armee Staat im Staate und Staat an sich zugleich war, so daß die Formel, daß Truppe nicht auf Truppe schieße apodiktischen Charakter für die große Mehrheit der militärischen Elite hatte - und „Truppe“ waren auch die putschistischen Freikorps beim Umsturzversuch Kapps, später, wenn auch nicht derart selbstverständlich und umfassend, die paramilitärische Organisation der NSDAP, der potentielle Bürgerkriegsgegner SA. Als die Reichswehr ihren einzigen Staatstreich unternahm, hatte ein Befehl des Staatsoberhaupts vorgelegen: auf den Tag genau zwölf Jahre vor jenem anderen 20. Juli verhängte sie ein befristetes Standrecht über Berlin und Brandenburg, und erzwang so die Absetzung des sozialdemokratischen preußischen Ministerpräsidenten Otto Braun. Hindenburgs Befehl zur Liquidierung Hitlers aber blieb aus, und caudillos waren in der Reichswehr nicht auszumachen.
Die ungeliebte politisierende Schleichersche Richtung mußte so unter dem Druck der sich apolitisch dünkenden preußischen Militärtradition zusammenbrechen, die, vom Haß auf die
12 Vgl. ebd., S. 119
13 Zit. ebd., S. 110
14 Zit. ebd., S. 111
6
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M.A. Michael Preis, 2002, Widerstand in der Wehrmacht vor dem 20. Juli, München, GRIN Verlag GmbH
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