weilenden pfälzischen Agenten, der Räte Leander Rüppel und Konrad Paul, eine rasche und sichere Verbindung mit den Böhmen herzustellen. 3
Bald reiften Anhalts Pläne, Ferdinand als König von Böhmen abzusetzen. Die Verhandlungen über diese Frage erforderten große Vorsicht, weshalb man den Grafen Albrecht zu Solms nach Prag sandte. Dieser mußte unter dem Schein eines Besuches zu seinem Bruder Reinhard nach Amberg und von da nach Prag reisen, wo er am 08. Juli 1618 eintraf und schon am 09. Juli die Besprechung mit den Führern der aufständischen Böhmen aufnahm. Deren Ergebnis war, daß sich Friedrich V. mit dem Herzog Emanuel von Savoyen in Verbindung setzte, der ihm den Grafen Ernst von Mansfeld mit 2000 Mann überließ, welche dann im September 1618 durch die Obere Pfalz den aufständischen Böhmen zu Hilfe eilten. 4
Was an Leid und Elend dieser Krieg in 30 Jahren über weite Teile Deutschlands brachte, hatte in der Geschichte unseres Volkes bis dato nicht seinesgleichen und ist deshalb auch bis heute noch nicht in Vergessenheit geraten, vielleicht auch, weil im nachhinein, wie mir scheint, die zum Teil unmenschlichen Grausamkeiten zu sehr verallgemeinert wurden. Nicht alle Teile Deutschlands litten gleichermaßen unter dem Krieg, nicht alle Jahre waren Kriegsjahre, und nicht die direkten Kriegshandlungen brachten die großen Leiden über die Zivilbevölkerung, sondern die vielen
Einquartierungen und Durchzüge der Kriegsvölker, die Gelderpressungen (Kontributionen), die Ausschreitungen einer undisziplinierten,
internationalen Soldateska sowie Hunger und Seuchen, die der Krieg im Gefolge hatte.
Der unmittelbare Anlaß dieses schlimmen Krieges war ein geradezu banales, erheiterndes Spektakulum in Böhmens Hauptstadt Prag: Empörte Protestanten warfen zwei kaiserliche Räte und ihre Schreiber aus einem Fenster des Hradschin, der Prager Burg. Auf dem Boden der Oberpfalz wurde während des ganzen Krieges keine einzige bedeutende Schlacht geschlagen. Treffen feindlicher Parteien waren Scharmützel oder kleinere Gefechte, aber nicht mehr. Das bittere Schicksal der Oberpfalz waren die vielen Durchzüge vorwiegend der katholischen Partei zwischen zwei Hauptkriegsschauplätzen dieses Krieges: dem böhmischen Kessel im Osten und der süddeutschen Beckenlandschaft im Westen. Soweit die heutige Oberpfalz kurpfälzisches Territorium war (im wesentlichen die Mitte und der nördliche Teil), war sie von Anfang an Frontgebiet und Feindesland gegenüber dem katholischen Altbayern und wurde als solches behandelt.
Vorerst führte nur der Kaiser Krieg gegen die Böhmen; am 06. Juni 1620 jedoch erteilte er dem Herzog Maximilian die Vollmacht zum Einmarsch in Oberösterreich, während der Kurfürst von Sachsen 5 gleichzeitig die Ermächtigung zur Besetzung Schlesiens erhielt. 6
Im August 1620 übertrug der Kaiser Maximilian die Aufgabe, die Böhmen zum Gehorsam gegen den Kaiser zu bringen. Maximilian überschritt mit 22000 Mann am 24. Juli den Inn, unterwarf Österreich, ging bei Linz über die Donau und drang in Böhmen ein. Gleichzeitig sammelte er bei Großaigen 7 ein neues
3 StA Amberg: Dreißigjähriger Krieg Nr. 61-3736 und Amberger Wochen- und
Tagblatt 1879-1945
4 Günter Barudio, Der Teutsche Krieg 1618-1648, Frankfurt 1988
5 Johann Georg I.
6 Kaspar Ens, Fama Austriaca. Das ist / Eigentliche Verzeichnuß
denckwürdiger Geschichten / welche sich in den verflossenen 16 Jahren ... biß 1627 begeben haben. Darin sonderlich d. böhmischen Unruhe ... Sampt Reg. Köln: Brachel und Hohenberg, 1627
7 5 km östlich von Furth im Wald
2
Heer, das am 06. Oktober die Grenze überschritt, am 10. Taus, am 13. Klattau einnahm. 8
In der Oberpfalz standen das ganze Jahr über nur einige geworbene Kompanien Fußtruppen. Im Sommer 1620 wurden mehrere Landfähnlein des Ausschusses aufgeboten, die teils von Beamten, teils von Korporalen der Amberger Schloßgarde geführt wurden. Viele davon meuterten, weil sie keinen Sold und eine sehr mangelhafte Verpflegung erhielten. 9 Aus den Landsassen und Beamten wurden 8 Reiterkompanien gebildet. 10
Der erste Paukenschlag des Krieges war die Schlacht am "Weißen Berg" bei
Prag am 08. November 1620, in der Kurfürst Pfalz und
frischgewählter König von Böhmen, von dem ligistischen Feldherrn Tilly eine schwere Niederlage hinnehmen mußte. Der Statthalter der Oberen Pfalz, Fürst Christian zu Anhalt, konnte sich nur mit zerschossenen Kleidern und ohne Hut nach Prag retten und flüchtete am 09. morgens mit Friedrich V. und dessen Familie aus der Stadt. Sein Sohn, der am 11. August 1599 in Amberg geborene Prinz Christian, führte bei Beginn der Schlacht sein
Reiterregiment zu einem schneidigen Reiterangriff vor, wurde jedoch zweimal verwundet und gefangen genommen. Oberstleutnant Balthasar von
Schlammersdorf, Landrichter in Auerbach, sorgte für einen geordneten Übergang des zurückweichenden Fußvolkes über die Prager Moldaubrücke. Sein Vetter, Hauptmann Sigmund von Schlammersdorf, wurde gefangengenommen und nach Straubing gebracht. 11 Die Nachricht von der verlorenen Schlacht traf erst am 14. November 1620 in Amberg ein. 12 Die Obere Pfalz mit der Hauptstadt Amberg wurde im 2. Halbjahr 1621 von bayrischen Truppen besetzt, die Bevölkerung entwaffnet; erste Vorbereitungen zur Gegenreformation
wurden getroffen. 13 Wegen der Unzuverlässigkeit der Oberpfälzer, die die Bayern keineswegs als Befreier begrüßten und wegen der Nähe der protestantischen Markgrafschaft Bayreuth, die sich zwar vorläufig noch neutral verhielt, blieb in der nördlichen Oberpfalz in allen größeren Orten eine Besatzungstruppe. Diese Einquartierungen und die durchziehenden Truppenkontingente, insbesondere wenn es kaiserliche Truppen waren, in denen Söldner aus aller Herren Länder dienten, ließen die Leute schon empfindlich spüren, was es heißt: Das Land muß den Krieg ernähren. Liest man die Statuten, auf die neu angeworbene Soldaten den Eid schwören mußten und in denen edelste Tugenden beschworen wurden, so war es blanker Hohn, wie sich dieselben Soldaten aufführten, sobald sie die Schwurhand wieder gesenkt hatten. 14
Bereits 1624 schien ein Abflauen der Kämpfe in Sicht, in die sich nun auch Engländer, Spanier und Holländer eingemischt hatten. Da erbietet sich der Kommandeur der Kaiserlichen in Böhmen, Albrecht von Waldstein 15 , "auf eigene Kosten eine Armee aufzustellen und zu unterhalten". Der Krieg beginnt den
8 Kaspar Ens, a.a.O.
9 Josef Dollacker, Die Oberpfalz im dreißigjährigen Krieg, in: Die Oberpfalz
ab Bd. 21 in Fortsetzungen
10 Josef Dollacker, s.o., a.a.O.
11 Er ist als der "schwarze Schlammersdorf" bekannt, der später in
schwedische Dienste trat und bei der Einnahme von Landsberg a. Lech schlimm gehaust hat.
12 Josef Dollacker,a.a.O.
13 Friedrich Lippert, Geschichte der Gegenreformation in Staat, Kirche und
Sitte der Oberpfalz-Kurpfalz zur Zeit des dreißigjährigen Krieges, Freiburg 1901
14 Langer Herbert: Kulturgeschichte des 30jährigen Krieges, Stuttgart 1978
15 Schillers "Wallenstein"
3
Krieg zu ernähren. Er wird um seiner selbst willen fortgesetzt. 16 Damit war nicht ein Freibrief für Raub und Gewalt ausgestellt. Ware gegen Geld sollte eigentlich gelten, und die Landesverwaltung sollte die Verpflegung der Truppe sicherstellen. Das funktionierte nicht einmal im eigenen Land,
geschweige Selbstversorgung über. Auch war
gering, daß er damit nicht weit kam. Hier ein Vergleich: Ein Obrist erhielt im Monat 500 Gulden, der Hauptmann 140, 45 Gulden der Leutnant, 12 Gulden ein Korporal und nur 6 Gulden der gemeine Mann. 17
Bis 1632 hatte kein schwedischer Soldat die Oberpfalz betreten. 18 Die Verödung des Landes wurde bis zu diesem Zeitpunkt nur von bayrischen und kaiserlichen Truppen verursacht. Die schwedischen Regimenter, die dann durch die Oberpfalz vorrückten, benahmen sich disziplinierter, kamen sie doch als Glaubensbrüder und Befreier und wurden zu diesem Zeitpunkt von vielen als solche empfangen. 19
Doch die schlimmsten Zeiten des Krieges sollten nun erst kommen. Mit dem Eintritt der Schweden strebte der Kampf und das Leiden der Bevölkerung seinem ersten dramatischen Höhepunkt zu. 1631 hatte Gustav Adolf dem bislang siegreichen Tilly bei Breitenfeld in der Leipziger Ebene die erste schwere Niederlage beigebracht, und im Frühjahr 1632 stand der
Schwedenkönig schon vor den Toren Münchens. Bei Rain am Lech erneut geschlagen, starb Tilly an einer Schußverletzung, die er dort empfangen hatte, am 30. April 1632 in Ingolstadt. In Kurfürst Maximilians Land Altbayern hausten die Schweden barbarisch. In dieser Not berief der Kaiser den 1630 entlassenen Graf Waldstein 20 wieder an die Spitze des kaiserlichligistischen Heeres. Nach einer längeren Phase des gegenseitigen Belauerns trafen die beiden gegnerischen Heere am 16. November 1632 wieder bei Leipzig in der Schlacht von Lützen aufeinander, in der Gustav Adolf den Todesschuß erhielt. Keine Seite ging als Sieger von der Walstatt. Waldstein war schon vor der Schlacht zu jedem Arrangement über den Status quo mit Gustav Adolf und den protestantischen Fürsten bereit. 21 Da wird der Generalissimus 22 durch eine von Spanien ferngesteuerte Intrige am Wiener Hof entmachtet und am 25. Februar im böhmischen Eger ermordet. Damit hatten
beide Seiten ihre überragenden militärischen Führer verloren. 23 Die in den Jahren 1633/34 zudem noch ausbrechende Pestepidemie, die schlimmste seit 1346, machte dieses Jahr 1634 zu einem der leidvollsten der ganzen
Kriegszeit. Die Pest hatte schon 1632 und 1633 gewütet - in Amberg starben im Juli/August täglich bis zu 40 Personen 24 - und trat 1634 in noch heftigerer Form auf. Hunger und Obdachlosigkeit haben hierzu jedenfalls sehr viel beigetragen.
Doch dann gelang dem kaiserlich-ligistischen Heer am 06. September 1634 bei Nördlingen endlich wieder ein entscheidender Schlag gegen die schwedischunierten Truppen. Es war nicht die größte Schlacht dieses Krieges, aber wahrscheinlich die entscheidende. Die Schweden räumten nun Süddeutschland
16 Köhne Carl Ernst: a.a.O.
17 Georg Winter, Geschichte des dreißigjährigen Kreiges, Berlin 1893
18 Josef Dollacker, in: Oberpfälzer Jura, in Fortsetzungen
19 Josef Dollacker, a.a.O.
20 Josef Dollacker, a.a.O.
21 Carl Ernst Köhne, a.a.O.
22 wohl deswegen
23 Franzu Soden Frhr. v., Gustav Adolf und sein Heer in Süddeutschland von
1631 bis 1635
24 Stefan Helml, Der schwarze Tod in Amberg, In: Geschichtliche Schmankerln
aus dem Landkreis Amberg-Sulzbach
4
für einige Jahre. Beide Seiten waren mittlerweile so erschöpft, daß sich jede in ihre Ausgangsstellung zurückzog:
Die Protestanten nach Norden und die Katholiken nach Süden. Die Mainlinie war ungefähr die Grenze.
Frankreich hatte am 8.Mai 1635 mit Holland, am 07. Juli mit Savoyen, Parma und Mantua Bündnisse gegen Spanien geschlossen und erklärte Kaiser
Ferdinand II. am 19.05. offen den Krieg, den es ohne Erklärung schon geraume Zeit geführt hatte. Somit trat das katholische Frankreich auf der Seite der protestantischen Schweden in den Krieg ein, weil es deren Siegeschancen schwinden sah und ein Sieg des Kaisers nicht im Interesse Frankreichs war. 25
"Anno 1635, den 1. Mai ist die Stadt Weiden von dem churbayrischen General Wahl, belagert, stark beschossen und den dritten dito zwischen 9 und 10 Uhr nachmittag mit Sturmb erobert worden. Als sie hin kommen, ist in der ersten Furi alles, was sie angetroffen, niedergehauen worden. Folgend hat er gar erobert, was noch in schwedischen Händen gewesen und die Pfalz wieder befreit." 26
Der Krieg verlagerte sich nun einige Jahre nach Westdeutschland und nahm andere Dimensionen an. Statt die entscheidende Schlacht zu suchen, verlegten sich die Gegner auf den Raubkrieg, der die Lande wirtschaftlich ausbluten sollte, um so den Heeren die Existenzgrundlagen zu nehmen. Von einem Religionskrieg konnte nun keine Rede mehr sein. In den Regimentern beider Seiten kämpften Soldaten aller Glaubensrichtungen und Völkerschaften Europas. So ernennt z. B. 1647 der katholische Kaiser Ferdinand III. den Protestanten Holzapfel zum Führer des kaiserlichen "katholischen" Heeres. 27
Erste Versuche im Jahre 1643, dem schrecklichen Treiben durch
Friedensverhandlungen ein Ende zu setzen, zerschlugen sich schnell wieder. 1647 schloß dann Kurfürst Maximilian, dessen altbayrisches Land unter den Raubzügen der Franzosen und Schweden am stärksten zu leiden hatte, angesichts des großen Elends eigenmächtig einen 6monatigen, separaten Waffenstillstand mit seinen Gegnern. Der Kaiser fühlte sich dadurch über-und hintergangen, 28 war empört und forderte sogar die bayrischen Truppen zum Übertritt in seine Dienste auf. 29 Maximilian mußte nachgeben und den Vertrag vorzeitig kündigen. Das Plündern und Quälen nahm seinen Fortgang. Und
wieder traf es vor allem Altbayern hart. Aber nun auch die Oberpfalz, die ja mit dem Jahre 1628 ein Bestandteil Bayerns geworden war und in der Maximilian konsequent und, wo nötig, mit Gewalt die Gegenreformation mit diesem Jahr zum Abschluß gebracht hatte. Nun erst war auch der Kaiser bereit, Frieden zu schließen. Es kam erneut zu Verhandlungen zu Münster und Osnabrück und endlich am 24. Oktober 1648 zum langersehnten
Friedensvertrag. Eine Vereinbarung sagte auch aus, daß in allen Gebieten die Konfessionen freies Wirken haben sollten, die im Jahre 1624 dort bestanden. Kurfürst Maximilian widersetzte sich diesem Beschluß, und so galt für die eroberte Obere Pfalz das alte katholische Bekenntnis ohne Wenn und Aber. 30
25 Dreißigjähriger Krieg in Bayern, Katalog zur Ausstellung in der Residenz
in München, München 1980
26 Leopold'sche Haus-Chronik 1628-1675, Bd I, bearbeitet von Braun Hermann,
Dr., S. 55
27 Gerhard Schormann, Der Dreißigjährige Krieg, Göttingen 1985
28 Josef Dollacker, a.a.O.
29 Josef Dollacker, a.a.O.
30 Friedrich Lippert, a.a.O.
5
Arbeit zitieren:
Gerhard Reiß, 2002, Der 30jährige Krieg aus Oberpfälzer Sicht, München, GRIN Verlag GmbH
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