Inhaltsverzeichnis:
1. Einleitung 1
2. Deutsche Literatur in der Entscheidung - eine poetologische Standortbe- 1
stimmung
2.1. Vorwort und Aufbau des Essays 1
2.2. Klassifizierung der Literatur der „inneren Emigration“ 2
2.3. Einteilung der deutschen Exilliteratur 4
2.4. Ausblick auf die Zukunft der deutschen Literatur nach 1947 5
2.5. Kritische Beleuchtung des Essays und seine Bedeutung für die Gruppe 47 7
3. Zusammenfassung S 8
1. Einleitung
Nach dem Ende des 2. Weltkriegs stand die deutsche Gesellschaft und Literatur vor einem Trümmerhaufen, der nach einer Neuordnung und einem Neubeginn verlangte. Von fremden Besatzern okkupiert und sowohl die Last der unmittelbaren Vergangenheit als auch des Vorwurfs der Kollektischuld auf den Schultern suchte man neuen Halt. In jener Nachkriegsphase versuchte 1947 Alfred Andersch, einer der Protagonisten in der Anfangzeit der Gruppe 47, 1 mit seinem Essay: „Deutsche Literatur in der Entscheidung“ diesem Verlangen nach Ordnung und neuer Orientierung auf literarischem Gebiet nachzukommen. In Form einer poetologischen Standortbestimmung wollte er eine Antwort auf die Fragen geben „Wo steht die deutsche Literatur nach 1945 ?“ und „Welche Zukunft hat sie ?“ Sein Essay, der in der Folgezeit kontrovers diskutiert wurde gilt als einziger Versuch einer theoretischen Formulierung von Richtlinien aus dem Bereich der Gruppe 47. 2 Im Umfeld der zweiten Tagung jener Gruppe von Literaten trug Alfred Andersch am Abend des 9. November im Ulmer Ratskeller seinen Essay vor und stieß auf durchweg positive Resonanz. 3 Im Folgenden sollen nun zunächst aus den drei Teilen des Textes von Andersch die Hauptaussagen im Bezug auf die literarische Situation in Deutschland herausgearbeitet werden, bevor eine knappe kritische Beleuchtung des Essays vorgenommen und seine Bedeutung für die Gruppe 47 kurz erörtert wird. Als Schluss folgt dem noch eine Zusammenfassung.
2. „Deutsche Literatur in der Entscheidung“ - eine poetologische Standortbestimmung
2.1. Vorwort und Aufbau des Essays
In seinem Vorwort proklamiert Alfred Andersch seine Abhandlung als Essay eines Publizisten, der im Gegensatz zum Literaturwissenschaftler soziale und politische Tendenzen der Gegenwart stärker in seine Betrachtung von Literatur miteinbeziehen möchte. Diese Vorgehensweise sieht er insofern problematisch, als sie soziologische Verallgemeinerungen beeinhaltet, die schwerlich die Komplexität des Menschen beschreiben können. 4 In diesem Zusammenhang verweist Andersch bereits darauf, dass der Mensch die Fähigkeit zur Verwandlung und „existentiellen Entscheidung“ habe. 5 Diese Überzeugung, die dem Existenzialismus Satres entspringt, durchzieht den gesamten Essay in Form der These, „dass Literatur in jeglicher Situation abhänge von der persönlichen Entscheidung
1 Arnold, H. L.: Die Gruppe 47. Reinbek bei Hamburg 2004, S. 17
2 Williams, Rhys: Alfred Andersch. In: Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, S. 3
3 Arnold, H.L., S. 48
4 Alfred Andersch: Gesammelte Werke in 10 Bänden. Kommentierte Ausgabe. Hg. v. Dieter Lamping. Bd.: 8: Essayistische Schriften I, S. 187
5 Alfred Andersch: Gesammelte Werke, S. 187/8
ihrer Verfasser“. 6
In den ersten beiden Teilen seines Essays unternimmt Andersch den Versuch, die deutsche Literatur während der Zeit des Nationalsozialismus einzuteilen und zu bewerten, wobei er im ersten Teil auf die Literatur der sogenannten „inneren Emigration“ und im zweiten Teil auf die Exilliteratur eingeht. Im dritten Teil wendet er sich dann der Zukunft der deutschen Literatur zu.
2.2. Klassifizierung der Literatur der „inneren Emigration“
Die genaue Untersuchung „des wahren Verhaltens des deutschen Geistes in den Jahren der Diktatur“ (S.190) 7 sieht er als Ausgangspunkt für (s)eine richtungsweisende Zustandsbeschreibung der deutschen Literatur. Er stellt dabei der Kollektivschuldthese die radikale Behauptung entgegen, dass jegliche deutsche Literatur aus dem Bereich der Emigration hervorginge und immer Opposition bzw. Distanz zum Regime Hitlers darstelle. 8 „Eine Zeugung des Dichterischen aus dem Geist des Nationalsozialismus gab es nicht.“ (S.191/2). Mit dieser Aussage negiert er alle Literatur, die sich in den Dienst des Nationalsozialismus stellte. Sie sei schlichtweg keine Kunst sondern nur Propaganda gewesen. 9 Die wirkliche Kunst innerhalb Deutschlands dagegen habe sich von der Macht gelöst und sei auf verschiedene Art und Weise in der „inneren Emigration“ entstanden. Zur „inneren Emigration“ rechnet Alfred Andersch zunächst die „Volkstümer“ wie z.B. Hans Grimm, Erwin Guido Kolbenheyer, Wilhelm Schäfer, Emil Strauß oder Ernst Wiecher. Obwohl die Werke jener Literaten offensichtlich den Zwecken der Nationalsozialisten dienten und offiziell gefördert wurden, rehabilitiert Andersch ihre Stellung, indem er ihnen Subjektivität und Distanz zum Regime zuspricht. 10 Als einzige Ausnahme erwähnt Andersch Hans-Friedrich Blunck, bei dem er keine Oppostionshaltung feststellen kann.
Als nächste Gruppe nennt er die „Nachkommen der bürgerlichen Klassik“, große alte Schriftsteller mit humanistischer Ausrichtung, namentlich Gerhard Hauptmann, Rudolf Alexander Schröder, Hans Carossa, Ricarda Huch und Gertrud von Le Fort. Bis auf Carossa, der sich laut Andersch vom System benutzen ließ, dem er aber trotzdem edle Absichten unterstellt, hätten sich diese durchweg durch Nichtbeteiligung bzw. Widerstand ausgezeichnet. 11 „Da sie keine Möglichkeit sahen, den Tyrannen wirksam zu bekämpfen, ignorierten sie ihn schweigend“ (S.195). Diese „stumme Verachtung“ habe den Machthabenden durchaus zugesetzt. 12 Andersch erwähnt jedoch neben dieser Wür-
6Arnold, H.L., S. 48
7 Seitenangaben beziehen sich auf Alfred Andersch: Gesammelte Werke in 10 Bänden.
8 Alfred Andersch, S. 191
9 Alfred Andersch, S. 192
10 Williams, Rhys: Deutsche Literatur in der Entscheidung. Alfred Andersch und die Anfänge der Gruppe 47. In: Fetscher, Justus/Lämmert, Eberhard/Schutte, Jürgen (Hgg.): Die Gruppe 47 in der Geschichte der Bundesrepublik. Würzbur 1991, S. 31
11 Alfred Andersch, S. 195
12 Alfred Andersch, S. 195
Arbeit zitieren:
Andreas Mayrock, 2006, Alfred Anderschs 'Deutsche Literatur in der Entscheidung' - eine poetologische Standortbestimmung, München, GRIN Verlag GmbH
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