Der politische Pinselstrich 2
Inhalt
Einleitung 4
1 Leben und Werk Riveras 5
1.1 Biografie 5
1.2 Kunsthistorische Einordnung: Muralismo 10
2 Verbildlichung der mexikanischen Revolution 13
2.1 Revolutionärer Geist in der Kunst 13
2.2 Riveras Arbeiten im National Palast 14
Schlussbetrachtung 19
Literatur 20
Abbildungsnachweis 21
Anhang 22
Abbildung auf dem Deckblatt: Diego Rivera vor einem seiner Wandbilder im Erziehungsministerium, 1924,
Fotograf unbekannt
Der politische Pinselstrich 3
Abbildungsverzeichnis
Abb. 1: Diego Rivera und Frida Kahlo auf einer Kundgebung, 1936
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Abb. 2: Diego Rivera spricht auf einer Tagung der Mexikanischen Kommunistischen Partei, 1956
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Abb. 3: Industria de Detroit o Hombre y Máquina (Detroiter Industrie oder Mensch und Maschine), Diego Rivera, 1932-1933, Südmauer des Institut of Arts, Detroit, Michigan
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Abb. 4: Schematische Zeichnung der Haupttreppe im Nationalpalast, Mexico City
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Abb. 5: El Mundo Azteca (Die indigene Bevölkerung), Diego Rivera, 1923-1924/1929-1935, Nordwand des Treppenaufgangs des Nationalpalastes, Mexico City
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Abb. 6: La Conquista II (Von der Eroberung bis 1930, Detailansicht), Diego Rivera, 1929-1930, Fresko, linksseitige Westwand des Treppenaufgangs des Nationalpalastes, Mexico City
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Abb. 7: La Conquista (Von der Eroberung bis 1930), Diego Rivera, 1929-1930, Fresko, zentrale Westwand des Treppenaufgangs des Nationalpalastes, Mexico City
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Abb. 8: La Conquista III (Von der Eroberung bis 1930, Detailansicht), Diego Rivera, 1929-1930, Fresko, rechtsseitige Westwand des Treppenaufgangs des Nationalpalastes, Mexico City
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Der politische Pinselstrich 4
Einleitung
Wie bei nur wenigen Künstlern scheint das Leben und Werk Riveras mit der Suche nach künstlerischer Identität sowohl persönlich als auch für sein Land sowie seinen politischen Ansichten verknüpft. Sein größtes Werk ist nicht auf (Lein-)Wänden zu finden: Er und seine Kollegen José Clemente Orozco, David Alfaro Siqueiros und viele andere kreierten mit dem Muralismo die erste eigenständige moderne Kunstrichtung Mexikos. Im Auftrag der Regierung schufen sie „revolutionary art for the masses“ 1 . Neben kunsthistorischer Literatur und Biografien soll ein Werk Verwendung finden, welches nicht ganz unproblematisch erscheint und deshalb einer kontextualisiert-kritischen Betrachtung bedarf: Riveras „Bekenntnisse“, welche er ein Jahr vor seinem Tod im Jahre 1957 Luis Suárez diktierte. Suárez beschreibt im Vorwort die Arbeit mit Rivera, den er als „fröhlichen Fälscher“ 2 bezüglich der eigenen Lebensgeschichte bezeichnet, folgendermaßen: „Als er mir seinen Bericht diktierte, machte er Gedankensprünge, wenn es ihm gerade passte, löschte aus, was er nicht weitergeben wollte, und erfand hinzu, wo es ihm angebracht schien.“ 3 Die „Bekenntnisse“ erheben als Autobiografie somit keinesfalls den Anspruch auf Vollständigkeit und Richtigkeit aller Angaben. Dennoch erscheinen sie zum Verständnis Riveras politischer und künstlerischer Ansichten durchaus interessant. Neben autobiografischen Aspekten setzt sich Rivera in diesem Buch auch immer wieder kritisch mit der Entwicklung der mexikanischen Kunst und der Geschichte des mexikanischen Volkes auseinander. So erfahren wir mehr über sein kommunistisch geprägtes Weltbild und seine Verbindung zur mexikanischen Revolution, in der er nicht nur als Maler der Regierung tätig war. Auf seine Rolle bei der Entstehung einer eigenständigen mexikanischen Kunstrichtung, die durch die Idee der Integration der Künste in die politische und gesellschaftliche Erneuerung getragen wurde, möchte ich in den Kapiteln 1.2 und 2.1 eingehen.
Letztlich möchte ich diese Abhandlung mit einem Blick auf eines seiner inhaltlich dichtesten Werke, dem Zyklus verschiedener Wandbilder im Nationalpalast von Mexiko City, beenden. In der Schlussbetrachtung sollen noch einmal wichtige Aspekte seines Schaffens, sowohl im künstlerischen als auch im politisch-kulturellen Sinne, verkürzt wiedergegeben werden. Die Suche nach einer möglichen Antwort auf die Frage: Wie politisch war und ist die Kunst Riveras im Kontext der mexikanischen Revolution?
1 Derr, Virginia: The Rise of a Middle-Class Tradition in Mexican Art. In: Journal of Inter-American Studies. Nr. 3 (Jhg.3), 1961. S. 386.
2 Suárez, Luis; Rivera, Diego: Bekenntnisse. Berlin, 1966. S. 8.
3 Suárez, L. a.a.O. S. 5.
Der politische Pinselstrich 5
1 Leben und Werk
Diego Rivera antwortete einmal auf die Frage, wie viele Bilder er in seinem Leben gemalt habe: „Für mich ist die Kunst der Sprache vergleichbar. Sie ist wie das Wort ein Ausdrucksmittel, und ich kann mich (...) nicht mehr erinnern, wieviel Worte ich bisher gesprochen habe.“ 4 Schätzungen zufolge soll die Gesamtoberfläche der Wandmalereien Riveras rund 4000 m² betragen. Hinzu kommen zahlreiche Tafelbilder, Aquarelle, Lithografien und Zeichnungen unterschiedlichster Stilistik. 5 Im Folgenden sollen die aus historischer Sicht wichtigsten Stufen und Ereignisse in Riveras Biografie nachvollzogen werden. Zudem erscheint es notwendig, Rivera als Maler des Muralismo darzustellen, sein Werk in den Kontext der muralistischen Bewegung zu stellen.
1.1 Biografie
Rivera führte ein Leben unter dem Zeichen seiner facettenreichen Kunst und immer an der Seite schöner, starker Frauen. Er verehrte das weibliche Geschlecht, mit Ausnahme seiner Mutter Maria Barrientos, die er für primitiv hielt. Sie brachte ihn und seinen Zwillingsbruder Carlos am 8. Dezember 1886 in der mexikanischen Silberminenstadt Guanajuato auf die Welt, Carlos verstarb jedoch mit eineinhalb Jahren. Seine Eltern, der Vater Diego ein liberaler Lehrer, späterer Schulinspektor und Mitglied der Freimaurer, gehörten dem „armen Kleinbürgertum“ an, wie Rivera es in den „Bekenntnissen“ nennt. Dort erzählt er auch von seiner Frühreife und seiner frühen Begabung zur Malerei; dass er „zum Verdruss der Mutter Zimmerwände und Möbel ständig mit Kohle bekritzelte“. 6 Nachdem die Familie 1892 nach Mexico City zog, nahm er bereits mit zehn Jahren, ab 1896, an Abendkursen der Academia de San Carlos teil. Dort begann er dann ab 1899 ein reguläres Studium nach europäischem Standard unter den Lehrern Felix Parra, José Maria Velasco und Santiago Rebull. 1902 verließ er, unzufrieden mit Form und Inhalt der Ausbildung, die Academia und arbeitete zunächst frei beruflich. Ein Stipendium des Gouverneurs von Veracruz führte ihn schließlich in den Jahren 1907 bis 1910 nach Europa, wo er in Madrid und Paris arbeitete und Teil der intellektuellen Szene wurde. Im Oktober 1910 kehrte er zurück nach Mexiko und stellte seine Werke mit großem Erfolg in der Academia de San Carlos aus. In Mexiko erlebte er im selben Jahr den Ausbruch der Revolution und beschloss, im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen, die, wie Dr. Atl, sogar aktiv an den Kämpfen teilnahmen, mit den Einnahmen der Ausstellung erneut nach Paris zurückzukehren. Dort blieb er von Juni 1911 bis 1921 und reiste durch ganz Europa. In Italien begegnete er erstmalig den Fresken von Giotto, die ihn in seiner
4 Vgl. Thiele, Eva-Maria: Rivera. Dresden, 1976. S. 1.
5 Thiele, E. a.a.O. S. 1.
6 Suárez, L. a.a.O. S. 43.
Der politische Pinselstrich 6
Kunst der folgenden Jahre stark beeinflussen sollten. Über den Impressionismus und Kubismus hatte er sich nun dem Realismus verschrieben. In seinem künstlerischen Weg gefestigt, kehrte er im Sommer 1921 zurück in sein Heimatland Mexiko. Dort angelangt suchte Rivera Kontakt zu den Mächtigen der Revolution. Schließlich fand er in José Vasconcelos, dem damaligen Erziehungsminister, einen Verbündeten zur Verwirklichung jener Ziele, die bereits in Europa von Siqueiros in der einzigen Ausgabe seiner Zeitschrift Vida Americana 7 in Form eines Manifestes für die amerikanische Kunst formuliert wurden. Vasconcelos finanzierte, mit dem Hintergrund eine eigene hispanoamerikanische Kultur zu schaffen, die Reisen Riveras auf die Halbinsel Yucatán (1921) und nach Tehuantepec (1922). Dort studierte Rivera die Archäologie Mexikos und lernte die Volkskunst, die Volkskultur und die indianischen Traditionen seines Landes kennen und lieben. Beeindruckt von der „ungeheuren Kraft (...) Amerikas wunderbarer Erde“ 8 , begann Rivera mit dem Aufbau einer umfangreichen Sammlung präkolumbischer Kunst. 9
1922 wurde Rivera Mitglied der kommunistischen Partei Mexikos. Gemeinsam mit Guerrero, de la Cueva, Orozco und Siqueiros gründete er in diesem und/oder im folgenden Jahr (hier differieren die vorliegenden Angaben) das „Syndikat der revolutionären Maler, Bildhauer und technischen Arbeiter“, eine Künstler- und Arbeitergewerkschaft. In ihrem neuen sozialen Verantwortungsbewusstsein forderten sie von der Regierung gesellschaftliche Aufgaben. Erziehungsminister Vasconcelos verfügte daraufhin über die Bemalung öffentlicher Gebäude mit pädagogisch wertvollen und propagandistisch effektiven Bildern. Das Jahr 1922 kann somit als ein Startpunkt der mexikanischen Wandmalereibewegung gesehen werden. Auch Rivera malte in diesem Jahr sein erstes Wandbild La Creacion (übers. Die Schöpfung), das als Initiationsbild der Monumentalmalerei gefeiert wird. 10
Auf politischer Ebene konnte sich Rivera mit seiner Arbeit im Erziehungsministerium 11 durchsetzen. Seine guten Kontakte brachten ihm schließlich die Stellung des Leiters der
7 Siqueiros traf Rivera in Europa. Gemeinsam begründeten sie Ideen zur modernen Malerei und tauschten sich über Probleme des sozial orientierten Malers an sich aus. 1921 veröffentlichte Siqueiros in Barcelona die einzige Ausgabe von Vida Americana, die auch Bilder Riveras enthielt. In seinem „Manifest an die Künstler Amerikas“ forderte er alle Mexikaner und anderen Indio-Europäer dazu auf, sich auf ihre Traditionen zu besinnen. Sie sollten ihre eigenen Ausdruck finden und sich mit dem Geist ihrer Indianischen Vorfahren identifizieren. Wenn dies erreicht sei, könnten sie gemeinsam eine Kunst kreieren, die in modernem Ausdruck die fundamentalen Werte der Einfachheit, architektonischer Konstruktion und vor allem der religiösen Hingabe präkolumbischer sowie kolonialer Zeiten mit zeitgenössischer Kunst verbinde (Vgl. Patterson, Robert: An Art in Revolution: Antecedents of Mexican Mural Painting, 1900-1920. In: Journal of Inter-American Studies, 1964, S. 385).
8 Zbikowski, Dörte: Wandzeitung und Armenbibel. Von der Revolution zur Identität. In: Künstler. Kritisches Lexikon der Gegenwartskunst. München, 2002. S. 6.
9 Vgl. Ebenda. S. 3ff.
10 Vgl. Ebenda. S. 6.
11 Riveras Arbeit am „Secretaria de Educación Publica“ (Sekretariat für Öffentliche Erziehung) begann 1923. Die
Arbeit zitieren:
Nele Heise, 2006, Der politische Pinselstrich: Diego Rivera - ein Maler der mexikanischen Revolution, München, GRIN Verlag GmbH
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