VWL Vertiefungskurs Theoriegeschichte Ibn Khaldoun - der bedeutendste Sohn Tunesiens
I N H A L T S V E R Z E I C H N I S
1. Vorwort 4
2. Historischer Abriss in die Zeit Ibn Khaldouns 5
3. Charakteristika der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und sozialen
Gegebenheiten in der Zeit Ibn Khaldouns. 8
4. Vita von Ibn Khaldoun (1332 - 1406) 12
4.1 Überblick 12
4.2 Details. 13
5. Khaldouns Werke 16
6. Seine Thesen. 19
7. Ibn Khaldoun in der heutigen Zeit. 23
8. Diskussionspunkte bei der Präsentation 24
9. Abschlussgedanke 27
10. Bibliographie 28
10.1 Abbildungsverzeichnis 28
10.2 Literaturverzeichnis. 28
In unseren folgenden Ausführungen beziehen wir uns immer auf beide Geschlechter
gleicherma ßen.
2
„Ibn Khaldoun ist der einzige Lichtpunkt in seinem Bereich des Firmaments …
die jemals durch einen Kopf zu irgendeiner Zeit und an einem Ort erbracht worden ist. 1 “
1 Toynbee 1934-1961, S. 321f
3
1. Vorwort
Trotz der im Zitat genannten einzigartigen Leistung Khaldouns, ist er und auch eine Vielzahl anderer islamischer Denker und Wissenschaftler lange Zeit in Vergessenheit geraten. Im europäischen Raum wurde der Islam als Kulturvermittler sehr oft bewusst vergessen und verdrängt. Es erschien notwendig, die Eigenständigkeit, Originalität und Besonderheit der europäischen Kultur zu betonen und sie durch Rückgriff auf die griechisch-römische Antike zugleich erst zu konstruieren. Dies geschah häufig in Feindseligkeit gegen den als Erzfeind empfundenen Islam. Viele islamische Gelehrte haben jedoch einen entscheidenden und unverzichtbaren Beitrag zu dem Erbe geleistet, auf das sich auch heute noch die Völker und Nationen Europas, sowie die Gemeinschaft der Europäer, beruft.
Ein Beispiel dieser Verdrängung ist, wie vorher schon erwähnt, Ibn Khaldoun. Er war einer der bemerkenswertesten islamischen Wissenschaftler, dessen Werke trotz zahlreicher innovativer Ideen, Konzepte und Methoden für lange Zeit kaum wahrgenommen wurden. Heute werden seine Thesen jedoch als Vorläufer europäischer Theorien und Disziplinen angesehen 2 .
In dieser Seminararbeit werden wir uns intensiv mit Ibn Khaldoun - dem bedeutendsten Sohn Tunesiens - auseinandersetzen. Zu Beginn werden wir den geschichtlichen Hintergrund und das Leben, das zu Ibn Khaldouns Zeiten herrschte, näher durchleuchten. Anschließend werden wir uns mit den verschiedenen Stationen seines unsteten Lebens beschäftigen. Danach gehen wir kurz auf Khaldouns wichtigste Werke ein und werden einige von ihm entwickelte Thesen näher erläutern bzw. erklären. Den Abschluss der Arbeit bildet die Beantwortung der Frage, welche Rolle Ibn Khaldoun in der heutigen Zeit (noch) spielt. Abschließend sei noch erwähnt, dass wir bei unseren Recherchen herausgefunden haben, dass es für den Namen „Ibn Khaldoun“ keine eindeutig definierbare Schreibweise gibt. Wir sind auf die unterschiedlichsten Namensformen gestoßen: Ibn Khaldoun, Ibn Haldun, aber auch Ibn Khaldun oder Chaldun. In unserer Seminararbeit verwenden wir die Schreibweise: Ibn Khaldoun.
Innsbruck, Juni 2006 Verena Huter, Silke Kofler, Stefan Ruetz, Maria Schiechtl
2 vgl. Exenberger 2001, S. 99f
4
2. Historischer Abriss in die Zeit Ibn Khaldouns
Um die Theorien, Gedanken und Ideen bzw. den historischen Kontext eines Wissenschaftlers besser verstehen zu können, ist es unumgänglich, die Zeit in der ein Wissenschaftler lebte, genauer zu skizzieren. Wir beginnen hier mit der Epoche, in der Ibn Khaldoun am 27.Mai 1332 in Tunis geboren wurde.
Man könnte diesen Geschichtsabschnitt als „Niedergang der islamischen Weltmacht“ bezeichnen - das einstige Reich von den Pyrenäen bis zum Himalaja war in kleine Teile zerfallen, die meist aus Machtbereichen rund um die großen Städte wie Granada, Fez, Tunis u. a. bestanden 3 . Vorher herrschten auf dem Gebiet des heutigen Marokko, Algerien, Tunesien, Libyen und Südspanien die Almoraviden (ca. 1050 - 1150), die vor allem Beherrscher des gewinnbringenden Karavanenhandels waren und unter Abu Bakr ibn Umar Marrakesch in Südmarokko als Hauptstadt ihres Berberreiches gründeten 4 .
Kleiner Exkurs: Die Gründung dieser Stadt soll beispielhaft auf die Uneinigkeiten der Geschichtsforscher bzw. allgemein auf die Rezeptionsproblematik von Überlieferungen hinweisen: Während unserer Recherchen stießen wir auf die Behauptung, dass Marrakesch von Ibn Tashfin im Jahre 1062 gegründete wurde 5 , was der andere Autor verwirft und diese Feststellung auf eine Legende zurückführt 6 …
Das Reich der Almoraviden lahmte, so eine Meinung, gleichzeitig mit deren ursprünglichem religiösen Elan und bereitete durch die Existenz bloßer Machtpolitik einer weiteren religiösen Erneuerungsbewegung den Boden, die durch Ibn Tumart 1121 Gestalt annahm 7 . Er war der Begründer der Almohaden (die bis ca. 1270 herrschten) und verschonte angeblich Ibn Khaldoun kurz vor dessen Tod bei der Zerstörung Damaskus, weil er von ihm eine genaue Beschreibung der Maghreb-Staaten erhielt (die Tumart zu Kriegszwecken verwendete) 8 . Die Almohaden („Bekenner der Einheit Gottes“) bescherten vorrangig dem Maghreb einen großen wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung, sie übernahmen vor allem die andalusische Kultur in den Städten. Während ihres Niedergangs setzten sich die nomadischen
3 vgl. Exenberger 2001
4 vgl. Haarmann, Halm 2001, S. 295ff
5 vgl. Krämer 2005, S. 143
6 vgl. Haarmann, Halm 2001, S. 297
7 vgl. ebenda
8 vgl. Krämer 2005, S. 183
5
Stämme gegenüber der sesshaften Bevölkerung als wichtigste politische Kraft im Maghreb durch, was später maßgeblich zum wirtschaftlichen Zerfall der Region beitrug 9 .
Das Reich zerfiel in drei Staaten wie schon in der Antike, im neunten und elften Jahrhundert; dieses Mal in die Territorien der Meriniden, Zayyaniden und Hafsiden (siehe Abbildung 1). Davon versuchten vor allem die Hafsiden, die zu Fall gebrachten Almohaden zu imitieren und deren ursprüngliches Reich wiederherzustellen - es gelang ihnen nicht; auf kraftvollen Beginn folgten in allen drei Gebieten lange Stagnationen (lediglich durch kurze Aufschwünge unterbrochen) und schließlich langsamer Zerfall, der jedoch bei jedem der drei Staaten unterschiedlich verlief 10 .
Abbildung 1: Der Maghreb nach der Auflösung des Almohadenreiches 13. Jhdt. (Haarmann, Halm 2001, S. 307)
Ibn Khaldoun, den wir in dieser Seminararbeit genauer erforschen werden, stand in den Diensten aller maghrebinischen Monarchen dieser Zeit und war Augenzeuge dieses oben beschriebenen dramatischen Zerfalls. Die Ereignisse inspirierten ihn zum Schreiben vieler seiner Werke, seine „Geschichte der Berber und Araber“ wird oft bis in die heutige Zeit als das Standardwerk zum geistigen Panorama des mohammedanischen Nordafrikas genannt 11 . Das Vorwort (die Muqaddima) seines Hauptwerkes Kitab al-Ibar (siehe auch Kapitel 5) ist
9 vgl. Wikimedia Foundation Inc. 2005
10 vgl. Haarmann, Halm 2001, S. 306
11 vgl. Strelocke 1981, S. 143
6
dem Gegensatz von Sesshaften und Nomaden gewidmet, welcher genau in der Epoche zu seinen Lebzeiten eine so große Rolle spielte 12 .
Mit dem beschriebenen Zusammenbruch des Almohadenreichs wird oft konstatiert, dass damit das letzte große, Nordafrika und Spanien umfassende, Imperium des westlichen Islams seine Existenz verlor. Die nachfolgenden drei Berberdynastien (siehe Abbildung 1), vor allem das Reich der Hafsiden, konnten mangels einer starken Zentralorganisation keine wirksame Kontrolle ausüben. Einzig in Spanien blieb das Fürstentum der Nasriden von Granada als glänzende Bastion des Islams erhalten, bis auch dieses 1492 dem Angriff der vereinigten christlichen Fürsten erlag 13 .
So bleibt zu Lebzeiten Ibn Khaldouns im ganzen Maghreb das unstete Gleichgewicht zwischen aufsässigen Stammesverbänden und dem auf die Städte und ihr Umland beschränkten, den Krieg ablehnenden Kronland, bestimmend. Diese Zeit (ca. 1250-1550) könnte man auch die Mongolenzeit nennen, da sie mit dem Mongolensturm im islamischen Osten beginnt, während die Zeit danach (ca. 16.-18. Jahrhundert) in die Osmanenzeit eingeteilt werden könnte, an deren Höhepunkt das Osmanische Reich stand, das von Algerien bis zum Persischen Golf, von Ungarn bis zum Jemen reichte 14 .
Auch in Al-Andalus, dem muslimischen Spanien (wo Ibn Khaldoun einige Zeit lebte) prägte ihn eine unruhige Zeit - nach der „Entdeckung“ des Grab des Apostels Jakob (Pilgerwesen am Jakobsweg) wurden ab dem 11. Jahrhundert kontinuierlich ehemals christliche Gebiete zurückerobert („Reconquista“), bis nur mehr, wie schon beschrieben, das Fürstentum der Nasriden von Granada auf dem Territorium des heutigen Spaniens existierte 15 .
Mit diesen Erkenntnissen aus dem geschichtlichen Hintergrund möchten wir nun schließen, weil die Ereignisse während der Lebzeit Ibn Khaldouns viele Bücher füllen und den Rahmen hier ohne weiteres sprengen würden (siehe Zeittafeln in diversen Geschichtsbüchern 16 ). Wir wollen uns nun dem damaligen Leben widmen und ein wenig die gesellschaftlichen Zustände sowie auch die Wirtschaft zu Khaldouns Zeiten beleuchten, bevor wir uns detailliert mit dem Werdegang von Ibn Khaldoun beschäftigen.
12 vgl. Haarmann, Halm 2001, S. 306
13 vgl. Endreß 1991, S. 155
14 vgl. ebenda
15 vgl. Krämer 2005, S. 144ff
16 vgl. beispielsweise Endreß 1991, S. 219ff
7
3. Charakteristika der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen
und sozialen Gegebenheiten in der Zeit Ibn Khaldouns
Zu diesen Themenbereichen war es sehr schwierig, brauchbare Literatur zu finden - wir möchten die von uns aufgespürten Quellen, auch wenn sie durchwegs nur sehr allgemeine Beschreibungen liefern, trotzdem hier zusammentragen. Die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und sozialen Gegebenheiten zu dieser Zeit erachten wir als sehr interessant und wichtig, denn diese prägten nicht nur die Geschichte, sondern auch den Wissenschaftler Ibn Khaldoun und seine Werke.
Gesellschaft
Beginnen möchten wir hier mit dem Land, mit dem wir geschichtlich geendet haben: das muslimische Spanien. Hier beherrschten die Araber Spanien durch ein wirkungsvolles Netz an Garnisonen 17 , die stark befestigt waren - nichtarabische Grundherren, die keinen Widerstand leisteten, durften ihr Land behalten. Freigewordenes Land wurde den Soldaten zugesprochen. Das gesellschaftliche Leben war religiös-nationalistisch organisiert: An der Spitze standen die Araber, dann kam die große Gruppe der Berber (die später hinzugekommen sind), danach die muladies, die zum Islam übergetretene Bevölkerung, darunter kamen die Christen und Juden und schließlich die Sklaven (zumeist Schwarzafrikaner und gefangene Christen). Die Stellung der Frau war unbestritten anerkannt - im Gegensatz zu dem im Orient sonstigen Status als Sklavin 18 . Die Sklaven mussten im damaligen Al-Andalus von weit her, aus dem nicht-muslimischen Ausland, „importiert“ werden und waren deshalb eine relativ teure „Ware“. Sie wurden dementsprechend in erster Linie für Luxus-Aufgaben wie Haus- und Palastdienst verwendet 19 .
Die Gesellschaft in den islamischen Städten war noch „unfreier“ organisiert, genauso wie das äußere Erscheinungsbild einer damaligen Stadt (in der Mitte der Sitz des Herrschers, streng bewacht). Die Einwohner waren keine Bürger, sondern Untertanen in direkter wirtschaftlicher Abhängigkeit gegenüber dem Souverän, der das göttliche Gesetz garantierte 20 .
17 Standort militärischer Verbände und ihrer Einrichtungen
18 vgl. Wolf 2005
19 vgl. Hottinger 1995, S. 48
20 vgl. Endreß 1991, S. 106f
8
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