Inhaltsverzeichnis:
Seite
1) Einleitung 2
2) Vater und Sohn vertauschen ihre Rollen 3
3) Der Widerspruch in der Gestalt des Vaters 5
4) Die Rolle des Freundes in der Beziehung zwischen Georg 8
und seinem Vater
5) Die Konfrontation mit dem Vater 10
6) Der Kampf um den Freund 12
7) Die Verführung zum Urteil (Schlußbemerkung) 15
8) Literaturverzeichnis 19
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1) Einleitung
Das „Urteil“ ist nicht zu erklären. Die Geschichte steckt voll Abstraktionen, ohne daß sie zugestanden werden. ... Die Geschichte ist vielleicht ein Rundgang um Vater und Sohn, und die wechselnde Gestalt des Freundes ist vielleicht der perspektivische Wechsel der Beziehungen zwischen Vater und Sohn. 1 Trotz der Unsicherheit Kafkas über den Sinn seiner Erzählung „Das Urteil“ versucht die vorliegende Arbeit nun, die Beziehung zwischen den Protagonisten Vater und Sohn zu erfassen, zu analysieren und zu deuten.
Dabei wird im ersten Teil der Arbeit auf die unterschiedlichen Rollen der beiden Figuren eingegangen und deren Widersprüche aufgedeckt. Wie verändern sich ihre Rollen? Welche Form nehmen sie an? Wie stehen sie zueinander?
Der darauf folgende Abschnitt strebt eine Entschlüsselung der Funktion des Freundes für die Beziehung zwischen Vater und Sohn an. Inwieweit trennt der Freund den Sohn von seinem Vater? Und inwiefern ist er doch die einzige Gemeinsamkeit zwischen den beiden?
Die direkte Konfrontation der zentralen Gestalt Georg Bendemann mit seinem Vater endet in einem aussichtslosen Kampf um den Freund, der schließlich zur Durchführung eines Todesurteils führt. Wie verläuft dieses Aufeinandertreffen zwischen Vater und Sohn? Wer gewinnt dieses Duell? Wo liegen die scheinbaren Widersprüche? Geht der Vater wirklich als Sieger davon?
Das Ziel ist, anhand der Darstellung des Vater - Sohn Verhältnisses den Weg zur Urteilsvollstreckung zu ergründen und mögliche Auswege zu durchleuchten. Dabei spielt vor allem die Bedeutung der beiden Figuren füreinander eine Rolle? Es ist zu klären, ob Vater und Sohn tatsächlich zwei unabhängige selbständige Personen sind?
Die Textgrundlage zur Interpretation und Analyse bietet die Erzählung selbst, zum tieferen Verständnis wird außerdem auf Sekundärliteratur zurückgegriffen.
1 Franz Kafka: Dichter über ihre Dichtungen, S. 25.
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2) Vater und Sohn vertauschen ihre Rollen
Mit dem Brief in der Tasche begibt sich Georg in das Privatzimmer des Vaters, „in dem er schon seit Monaten nicht gewesen war. Es bestand auch sonst keine Nötigung dazu.“ 2 Sie verkehren „ständig im Geschäft“ (DU, S. 31) miteinander, und seit der Vater als Seniorchef seinem Sohn und Nachfolger Platz gemacht hat, gibt es keine Differenzen mehr zwischen ihnen. Georg fühlt sich durch die ständige Gegenwart seines Vaters in all seinen Unternehmungen unmittelbar bestätigt. Im Schutz seiner wohlwollenden Anerkennung kann er sich ungehindert entfalten. Der private Verkehr beschränkt sich auf ein kurzes Beisammensein am Abend, das durch einen gewohnheitsmäßigen Ablauf geregelt ist. Jeder versorgt sich „nach Belieben“ (DU, S. 31) und vertieft sich dann in seine „Zeitung“ (DU, S. 31). Ein Anlaß für eine private Auseinandersetzung ist nicht gegeben. Die einzige Ausnahme bildet die Beziehung zum Freund. Georg erinnert sich, dass der Vater den Freund „nicht besonders gern“ (DU, S. 33) hat. Er kann sogar seine „Abneigung gegen ihn ganz gut verstehn“ (DU, S. 34), denn der „Freund hat seine Eigentümlichkeiten“ (DU, S. 34). Damit wird die Einladung des Freundes zum besonderen Anlaß dafür, dass sich Georg der Zustimmung des Vaters versichern muß. Georg hält dies allerdings für eine reine Formsache. Es ist ein Akt des Anstandes, wenn er den Vater vor dem Einwurf des Briefes über die erfolgte Einladung informiert und ihm so wenigstens der Form nach die Möglichkeit gibt, sein Veto einzulegen. Was Georg im Zimmer seines Vaters vorfindet, entspricht allerdings keineswegs seinen Erwartungen. Der Vater, den er zu kennen glaubt und mit dem er in einem klaren Verhältnis steht, erscheint ihm plötzlich „ganz anders“ (DU, S. 32). Er scheint die Zeit gleichsam angehalten zu haben. Er hat den Schritt in Georgs Zukunft nicht mitvollzogen. Beim Tod der Mutter ist er stehengeblieben. Umgeben von „verschiedenen Andenken an die selige Mutter“ (DU, S. 31) sucht er die Zeit zu überlisten und die Vergangenheit festzuhalten. Dem langsamen Verfall preisgegeben, scheint sich sein ganzes Dasein nur darauf zu konzentrieren, dass Georg in die Sphäre der Vergangenheit zurückkehrt, die er verlassen hat, um seinen glanzvollen Aufstieg zu vollziehen. Er benutzt Georgs Mitteilung als zufälligen Anlaß, um ihn mit den Vorwürfen und Regressionen des alternden Mannes zu überschütten, der im Aufblühen der Jugend die Ursache seines eigenen Untergangs
2 Franz Kafka: Der Heizer. Das Urteil. In der Strafkolonie, S.31. Im folgenden werden Zitate unter der Verwendung der Sigle „DU“ und der entsprechenden Seitenzahl nachgewiesen.
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erblickt. Die anmaßende Geste, in der er sich gleichsam Richterwürde anmaßt und die Frage nach der Existenz des Freundes zum Prüfstein der Wahrheit schlechthin macht, läßt sich deuten als Ausdruck einer senilen Hybris, die ihre Wurzeln in der Unfähigkeit hat, sich selbst im „Ablauf der Natur“ (DU, S. 33) zu finden und Leben und Tod auf ihren Sinn hin zu erschließen.
Georg wird verlegen. Die Situation ist peinlich. Der Vater hat sich in seiner Ausfälligkeit selber disqualifiziert. Ein vernünftiges Gespräch ist zwecklos. Der Vater kann nicht mehr als gleichwertiger Gesprächspartner ernstgenommen werden. Seine Vorwürfe sind nicht rational und können nicht auf rationaler Ebene gehört werden. Sie stammen aus dem Kern eines zentralen Lebensproblems, das selbst nicht sichtbar wird und an dem der Vater leidet. Georg scheint dies irgendwie zu ahnen. Er läßt sich durch die Worte des Vaters nicht kränken. Hier ist nicht sachliche Argumentation, sondern Pflege am Platz. Georg wird durch die Rede des Vaters nicht zum Angegriffenen, sondern ein zum Helfen Aufgeforderter. Ohne Verbitterung lenkt er den Vater vom Thema ab und beginnt ihn unter gütigem Zuspruch ins Bett zu bringen. Er ist fest entschlossen, die Pflege des Vaters auf sich zu nehmen, und trifft im Geist schon alle Anordnungen, die dazu nötig sind. Wie ein hilfloses Kind bringt er den Vater zu Bett; innerlich beunruhigt und erschreckt über dessen Verwandlung. Die Anerkennung, die er für die Einladung des Freundes einholen wollte, verliert ihre Bedeutung im Blick auf den besorgniserregenden Zustand des Vaters, für den jede „Pflege“ vielleicht bereits „zu spät“ (DU, S. 34) kommt.
Georg versucht sich möglichst schnell in die neue Rolle zu finden, welche die veränderte Situation von ihm fordert. Die Begegnung mit dem verwandelten Vater zwingt ihn, auch seine Haltung als Sohn zu ändern. Die Zeit ist vorbei, in der sein einziges Ziel darin bestand, etwa durch seine ausgezeichneten Leistungen im Sport das Lob und die Anerkennung der Eltern zu erwerben (Vgl. DU, S. 37). Mit der elterlichen Autorität, die ihn beherrscht hat, ist auch die Instanz weggefallen, die ihn trug, anerkannte und ihm die Last der Selbstrechtfertigung abnahm. Das ist die Kehrseite seiner Befreiung. Er muß für die eigene Tätigkeit, die er entwickelt hat, nun auch die Verantwortung übernehmen.
Dies erlebt Georg sichtlich, als ihm der Vater die Anerkennung für die Einladung des Freundes verweigert. Doch Georg sieht sich in seiner Entscheidung nicht nur auf sich selbst geworfen; sein Verhältnis zum Vater kehrt sich geradezu um. Der
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Sohn, der seinen Vater aufsuchte, um sich von ihm bestätigen zu lassen, findet einen kindischen Greis, der seinerseits getragen werden will. Vater und Sohn vertauschen ihre Rollen. Georg zieht den hilflosen und vernachlässigten Vater aus und trägt ihn „auf seinen Armen ... ins Bett“ (DU, S. 34). Geduldig geht er auf die scheinbar sinnlosen Fragen und Wünsche ein, mit denen der Vater ihn aufhält wie ein Kind, das vor dem Einschlafen den Abschied der Mutter hinauszuzögern sucht. Sorgfältig und liebevoll legt Georg „das Deckzeug besser um ihn“ (DU, S. 34) und spricht ihm begütigend zu.
Kaum war er aber im Bett, schien alles gut. Er deckte sich selbst zu und zog dann die Bettdecke noch besonders weit über die Schulter. Er sah nicht unfreundlich zu Georg hinauf (DU, S. 34).
3) Der Widerspruch in der Gestalt des Vaters
Kaum hat Georg sein veraltetes Bild vom Vater durch ein überstürztes Vertauschen der Rollen zur Not der Wirklichkeit angepaßt, verwandelt sich der Vater abermals. Diesmal wird nicht nur der Held, sondern auch der Leser vor den Kopf gestoßen; mit dem Horizont von Georgs Bewußtsein wird der Rahmen der Erzählung selbst gesprengt. Die neue Dimension, die in die Welt der Erzählung einbricht, gewinnt hier keine Wirklichkeit mehr. Was jetzt geschieht, entzieht sich der unmittelbaren Textinterpretation.
Mit Wucht bricht der Vater aus dem Bett hervor, das ihm Georg so sorgfältig bereitgemacht hat, und zerstört mit einem mächtigen „Nein!“ (DU, S. 34) den Schein dieser rührenden Familienszene. „Du wolltest mich zudecken, das weiß ich, mein Früchtchen, aber zugedeckt bin ich noch nicht“ (DU, S. 35). Zum Beweis, dass er die Fesseln gesprengt hat, in denen ihn Georg seiner Meinung nach gefangen hielt, erhebt er sich „aufrecht im Bett“ (DU, S. 35). „Er stand vollkommen frei und warf die Beine“ (DU, S. 35). In vollen Zügen genießt er die Situation, die er vollkommen beherrscht. „Ich bin noch immer der viel Stärkere“ (DU, S. 36). Gebannt sieht Georg „zum Schreckbild seines Vaters auf“ (DU, S.35), der ihn mit Vorwürfen überhäuft. Wie ein überirdischer Richter erhebt dieser sich über Georg und klärt ihn, bevor er lautstark das Urteil verkündet, fast mitleidig über seine wirkliche Situation auf. Nicht Georg ist sein geliebter Sohn, sondern der Freund: „Er wäre ein Sohn nach meinem Herzen“ (DU, S. 35). Um ihn hat der Vater „geweint“, während ihn Georg mit seinen „falschen Briefchen“ „die ganzen Jahre lang“ „betrogen“ hat (DU, S. 35). „Aber der Freund ist nun doch nicht verraten“
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Arbeit zitieren:
Andrea Gebhardt, 2002, Der hoffnungslose Kampf zwischen Vater und Sohn in „Das Urteil“ von Franz Kafka, München, GRIN Verlag GmbH
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