INHALTSVERZEICHNIS
1. Einleitung. 03
2. Vorbemerkungen zur Problemstellung 04
3. Adorno: Das Tauschprinzip als Principium Synthesis 05
3.1. Der Tausch ein monistisches Organisationsprinzip? 05
3.1.1. Anhand der Entsubjektivierungsthese 07
3.1.2. Im Verhältnis von Ökonomie und Politik. 10
4. Die Absage an ein Principium Synthesis in der modernen Soziologie. 13
4.1. Beiden Positionen gemeinsame Hauptargumente 13
4.1.1. Funktionale Differenzierung 13
4.1.2. Die Eigengesetzlichkeit der Teilbereiche. 14
4.1.2.1.Exkurs: Ökonomismus kontra Autopoiesis 15
4.2. Bell. 16
4.2.1. Was ist ein axiales Prinzip? 16
4.2.2. Erkenntnistheoretische Hintergrundannahmen. 18
4.2.3. Sozialrealistische Aspekte und die Nähe zu Adorno 21
4.2.4. Bells nominalistischer Aspekt und seine Nähe zur Systemtheorie 24
4.3. Luhmann. 25
4.3.1. Was sind die strukturierenden Prinzipien. 25
4.3.2. Philosophische Hintergrundannahmen. 27
4.3.2.1. Der Stoff aus dem die Gesellschaft gemacht ist 28
4.3.2.2. Erkenntnistheorie. 29
4.3.3. Die habermassche Kritik der Systemtheorie 31
5. Konklusion. 33
6. Literatur. 34
2
1. Einleitung
Seit der Antike wird die Frage diskutiert, was eigentlich die Menschen, die sich laut Hobbes zueinander wie Wölfe verhalten, aneinander bindet, so dass sie dann doch über längere Zeiträume relativ friedlich zusammen leben. Für Hobbes war es der Staat, der Leviatan, der diejenigen Individuen die aus der Reihe zutanzen drohen durch Sanktionen zurück in die staatliche Ordnung ruft.
Doch schon bei Hegel zeichnet sich im Herr und Knecht Kapitel der „Phänomenologie des Geistes“ eine andere Struktur ab. Bei ihm bildet sich im Kampf der Individuen um die begehrten Objekte in der Welt eine stabile Struktur heraus. Er sieht innerhalb der Interaktion eine Logik, nach der die die Individuen den Kampf aufgeben und in eine dauerhafte Beziehung eintreten. 1
Nach einer ähnlichen Struktur wird gesucht, wenn wir die Frage stellen:
Was hält die Gesellschaft zusammen?
Dies wird in der Soziologie als das Problem der „Sozialen Synthesis“ bezeichnet. 2 Damit stößt man in ein weites Feld soziologischer Theorien. Um den Problembereich einzugrenzen, werde ich mich im Folgenden auf die Frage konzentrieren: Gibt es überhaupt ein Prinzip, das die Gesellschaft konstituiert, oder müssen wir in der modernen Gesellschaft eine Vielzahl von Prinzipien annehmen, die jeweils nur einem bestimmten Teilgebiet der Gesellschaft zuzuordnen sind?
Die These, es gäbe ein konstitutives Prinzip wird durch Theodor W. Adorno und Jürgen Ritsert vertreten, somit bildet die Position der Frankfurter Schule den einen Pol der Kontroverse, jene Position wird im Zentrum der Diskussion stehen. Zunächst soll sie mit dem Standardvorwurf, es handle sich bei dieser Position um ein „monistisches Prinzip“ konfrontiert werden, wobei die Schlüssigkeit der Kritik ebenfalls der Prüfung unterzogen wird. 3
Im weiteren Verlauf wird die radikale Antithese, es müsse in der modernen Gesellschaft eine Vielzahl von Prinzipien angenommen werden, dargestellt und untersucht. Diese Position wird von Niklas Luhmann vertreten und bildet den anderen Pol der Kontroverse. Zwischen diesen beiden Extremen steht die Auffassung von Daniel Bell, der weder ein einzelnes wesentliches Strukturprinzip für die Gesellschaft annimmt, wie Adorno, noch diese als eine in
1 Hegel, G.W.F: Werke Bd.3. 1970 S. 145ff.
2 Vgl. Ritsert, Jürgen: Gesellschaft. Frankfurt/Main. 2000 S. 35
3 Siehe 3.1. Der Tausch als monistisches Organisationsprinzip?
3
zahllose Subsysteme mit eigenständigen Prinzipien unterteilte betrachtet wie Luhmann. Bell nimmt stattdessen einige Axiale Prinzipien für bestimmte Bereiche der Gesellschaft an, die auch für ihn die Achsen sind, um die sich die Gesellschaft dreht, d.h. Konstitutionsprinzipien der wirklichen Welt.
Hierbei soll vor allem untersucht werden, welche theoretischen, oder methodischen Voraussetzungen die jeweiligen Autoren machen, um letztlich zu ihren soziologischen Theorien zu gelangen. Es wird also wesentlich nach Gründen gesucht, die dazu führen ein Prinzip als konstitutiv für die Gesellschaft anzunehmen oder abzulehnen, um so das Dickicht der Kontroverse um das Principium Synthesis ein wenig zu lichten.
2. Vorbemerkungen zur Problemstellung
Bei der Untersuchung der Frage, ob es ein einzelnes Prinzip gibt, das die Gesellschaft zusammenhält oder ob diese Idee als überholte Vorstellung einer veralteten Tradition der Soziologie gegen neue moderne Ansichten zu ersetzen ist, fiel es mir schwer zu bestimmen auf welcher Ebene die Frage entschieden werden kann, bzw. um was für eine Art von Problem es sich dabei eigentlich handelt.
Ist es eine empirische Frage? Hat sich die Gesellschaft seit der Industrialisierung derart verändert, dass die herkömmlichen Kategorien durch die Wirklichkeit überholt wurden?
Oder hängt die Beantwortung der Frage stark mit philosophischen Hintergrundannahmen der jeweiligen Theoretiker zusammen, also deren Vorstellung, woraus die Gesellschaft bestünde und vor allem der zugrunde liegenden Erkenntnistheorie?
Wenn es sich um ein rein empirisches Problem handeln würde, dann könnte eine Theorie relativ gut durch Beobachtung und Untersuchung der Wirklichkeit zurückgewiesen werden. Auffällig ist allerdings, dass die Phänomene, die die Theoretiker aller soziologischen Richtungen in der Moderne beobachten und in ihren Theorien beschreiben, doch sehr ähnlich sind. Gleichzeitig gelangen sie, wie es scheint zu vollkommen gegensätzlichen Positionen zum Problem der „Sozialen Synthesis“. Das legt die Vermutung nahe, dass philosophische Annahmen im Hintergrund stehen, die die Positionen stützen. Deshalb sollen neben den handfesten theoretischen Aussagen auch die philosophischen Vorraussetzungen thematisiert werden, unter denen die Autoren ihre soziologischen Theorien entwerfen.
4
3. Adorno: Das Tauschprinzip als Principium Synthesis
Wenn Adorno die Gesellschaft betrachtet, dann handelt es sich bei dieser in seinen Augen nach wie vor um eine kapitalistische Gesellschaft, in der sich die Welt um die Produktion von Gütern und die spezifisch kapitalistische Form der Aneignung des Mehrproduktes dreht. Der Kapitalismus hat heute selbstverständlich neue Phänomene hervorgebracht und ist nicht mehr der Gleiche, wie noch zu Zeiten von Marx. Dennoch bleibt für ihn die Grundstruktur der Ökonomie, praktisch wie theoretisch, das Entscheidende, um die moderne Gesellschaft zu verstehen. Was das im Einzelnen bedeutet und ob Adorno damit theoretisch in die Mottenkiste einer überholten alteuropäischen Tradition zu packen ist, soll im Folgenden untersucht werden.
3.1. Der Tausch ein monistisches Organisationsprinzip?
Hier wird, wie einleitend erwähnt, die Position der älteren Kritischen Theorie mit dem Standardvorwurf konfrontiert, ihre Gesellschaftstheorie nehme ein monistisches Prinzip an, also ein einheitliches Prinzip für alle Bereiche der Gesellschaft. Im Kern zielt die Kritik darauf ab, nachzuweisen, dass durch jene Struktur der Gesellschaftstheorie bestimmte Phänomene übersehen werden, oder das theoretische Handwerkszeug fehlt, diese angemessen zu beschreiben. Diese Kritik wird anhand konkreter Probleme innerhalb der Theorie dargelegt, dabei wird parallel in der Auseinandersetzung mit der Kritik auch die These Adornos in ihren Grundzügen entfaltet. Dabei werden grundsätzliche Theoreme der Sozialphilosophie marxistischer Prägung nicht gesondert erläutert, sondern, um den Rahmen dieser Arbeit nicht zu sprengen, als bekannt vorausgesetzt.
Adorno wird nicht müde zu betonen, dass der Tausch nach wie vor das Organisations-Prinzip der modernen, also kapitalistischen Gesellschaft darstellt: „Der Tausch ist nach wie vor der Schlüssel zur Gesellschaft.“ 4 Die Menschen sind in der modernen, arbeitsteiligen Gesellschaft angewiesen ihre Produkte als Waren auf Märkten und vor allem sich als Arbeitskraft auf dem Arbeitsmarkt feilzubieten und einzutauschen. Es gibt in der modernen Gesellschaft, anders als in sehr primitiven Agrargesellschaften, den Zusammenschluss aller Individuen im ökonomischen Reproduktionskreislauf, der ihnen den Zugang zu den mehr oder weniger lebensnotwendigen
4 Adorno, Theodor W. zitiert nach: Backhaus, H.G.: Dialektik der Wertform. Untersuchungen zur Marxschen
Ökonomiekritik. Freiburg 1997, S. 507
5
Waren verschafft, oder ihnen verwährt. Adorno rekurriert hier selbstverständlich auf Marx, und dessen Analyse im Kapital. 5
Allerdings muss man noch kein Marxist sein, um festzustellen, dass die kapitalistische Ökonomie arbeitsteilig organisiert ist und der Zugang zu oder der Ausschluss von Waren durch das Medium Geld hergestellt wird. Dafür genügt ein Blick in jedes beliebige Lehrbuch der Ökonomie, oder alltägliche Erfahrung im Supermarkt, dass man die begehrten Waren nur bekommt, sofern man zahlen kann. Also sie gegen Geld eintauscht. Ebenso gegenwärtig wie auf der Ausgabenseite ist das Tauschverhältnis auf der Einnahmenseite. Sofern man nicht genug Geld besitzt, um von den Zinsen leben zu können, ist man gezwungen selbst in den sauren Apfel zu beißen und seine Arbeitskraft gegen Geld auf dem Markt anzubieten. Menschen trotz struktureller Arbeitslosigkeit Geld zuzusprechen, ohne dass sie dafür eine Leistung erbracht haben, wird nach wie vor von weiten Teilen der Gesellschaft nur zähneknirschend akzeptiert und von Hardlinern aus dem neoliberalen und konservativen Lager sogar vollständig abgelehnt. Der Tausch prägt also zweifelsfrei die Ökonomie, hier gibt es vielleicht kontroverse Positionen, ob das nun ein Fluch oder Segen für uns darstellt, aber dass die kapitalistische Wirtschaft so funktioniert ist unstrittig. Nun bleibt die Kritische Theorie nicht bei solch allgemein anerkannten Betrachtungen zur Struktur der kapitalistischen Ökonomie stehen, sondern behauptet, dass die Art und Weise, wie die Ökonomie strukturiert ist, Auswirkungen auf andere Bereiche der Gesellschaft hat. Bzw. stärker formuliert, dass der Tausch als Organisationsprinzip der Ökonomie auch die Struktur anderer Bereiche wesentlich determiniert:
„Die Frage […] nach der Tendenz des Kapitals, die Frage nach der Konzentration, die gerade immer wieder innerökonomisch mit künstlichen Veranstaltungen geleugnet wird, ist nicht nur eine Frage des wirtschaftlichen Kalküls, sondern sie ist unmittelbar eine Frage, von der nicht nur die Struktur unserer Gesellschaft bis in die - ich möchte fast sagen: bis in die zartesten subjektiven Verhaltensweisen hinein bestimmt wird, sondern sie ist zugleich die
5 Es ist nicht ganz eindeutig ob Adorno, wenn er vom Tausch spricht nur die Distributionssphäre, oder die
gesamte materielle Reproduktion meint. Stellenweise scheint sich die Analyse von Marx dahinter zu verbergen.
Allerdings scheint der Begriff“ Tauschprinzip“ anstatt „Wertgesetzt“ sehr bewusst durch Adorno gewählt. Denn
der Tausch vollzieht sich auf den Märkten, hier kommen auch nach der Meinung der Nationalökonomen die
Individuen zusammen, in gewisser Hinsicht vergegenständlicht sich in der Distributionssphäre die in der
Produktion geleistete Arbeit, die Ware hat für den Produzenten erst einen Nutzen, wenn er sie verkauft. Die
Distributionssphäre scheint also nicht ohne Grund von Adorno vor Produktion oder Konsumtion besonders
hervorgehoben zu werden, auch wenn den Gründen nicht im einzelnen nachgegangen werden kann. Deshalb
wird im weiteren zur Vereinfachung angenommen, dass Adorno unter dem Tauschprinzip immer die
vollständige Analyse des materiellen Reproduktionskreislauf, wie ihn Marx beschrieben hat versteht.
6
Frage, von der die Entwicklung der Gesellschaft und der spezifisch gesellschaftlichen Formen entscheidend abhängt.“ 6
Wie das zu denken ist, wird im Folgenden an konkreten Problemen erörtert. Anhand des Verhältnisses von Ökonomie und Individuum und am Verhältnis von Ökonomie und Gesellschaftlichem Überbau. Als Beispiel für einen Bereich im Überbau wird exemplarisch das Phänomen Politik betrachtet.
3.1.1. Anhand der Entsubjektivierungsthese
Im Gegensatz zu methodologischen Individualisten, die postulieren sämtliche gesellschaftliche Phänomene auf das Verhalten einzelner Individuen zurückführen zu können, spricht Adorno den von den Individuen erzeugten Institutionen und Strukturen eine gewisse Eigenständigkeit zu, d.h. er geht davon aus, dass Phänomene wie der Kapitalismus nicht durch das Verhalten und die Motive Einzelner vollständig erklärbar sind. Obwohl z.B. unsere Ökonomie durch unser aller Verhalten erzeugt und aufrecht erhalten wird, erzeugt sie gewissermaßen Nebenwirkungen, wie Armut und Arbeitslosigkeit, die von den Individuen nicht intendiert sind, deren Auswirkungen sie aber trotzdem zu spüren bekommen. Ferner ist nach Adorno der Einzelne innerhalb der Gesellschaft nicht mehr als isoliertes Wesen zu betrachten, sondern innerhalb seiner Funktion, die er in ihr einnimmt: „Ich würde sagen, dass das, was hier in der tat vorliegt, der Zusammenhang also, der über die bloße Einzelmenschliche Existenz hinausgeht, durch Begriffe wie Gesellschaft getroffen wird, in die ja die einzelnen Individuen eingehen, aber nur als vermittelte eingehen durch die Ganzheit eines Prozesses, in dem sie dann lediglich als Funktionen dieser Totalität und nicht als bloße Einzelwesen eine Rolle spielen.“ 7
Wenn ich Adorno richtig verstehe, dann möchte er darauf hinaus, dass innerhalb der Gesellschaft Individuen spezielle Funktionen einnehmen, bestimmte Berufe ausüben, dafür Einkommen beziehen. Sie bleiben natürlich Individuen, allerdings haben sie nur Bedeutung für die Gesellschaft in ihren Funktionen, die sie erfüllen. Der Bäcker ist ein Individuum, das die Funktion erfüllt Brötchen zu backen, innerhalb des gesellschaftlichen Produktionsprozesses ist er nicht als Individuum interessant oder nützlich, sondern in dieser Funktion. Schärfer formuliert: Durch die Funktion, die er einnimmt, ist er Teil des Prozesses, muss sich gewissen Spielregeln unterwerfen und sich in die Logik der jeweiligen Gesellschaft
6 Adorno, Theodor, W.: Einleitung in die Soziologie in: Nachgelassene Schriften Bd.15. Frankfurt 1993 S. 239
7 Adorno, Theodor W. zitiert nach: Ritsert, Jürgen: Gesellschaft. Frankfurt/Main. 2000 S.14
7
einfügen. Damit ist er nicht mehr bloßes Einzelwesen, sondern immer auch Funktion und Teil eines Prozesses, der immer seinen Bedürfnissen und Absichten vorgeordnet ist. Damit geht Adorno noch nicht weit über gängige soziologische Betrachtungen hinaus. Dass die Menschen gewisse Funktionen in der Gesellschaft einnehmen, ist kein besonderes Geheimnis. Interessant wird die These erst, wenn man die Marxsche Analyse hinzuzieht und postuliert, dass die Art wie die Ausübung von Funktionen innerhalb einer kapitalistischen Warenwirtschaft strukturiert sind, sich auch auf andere Lebensbereiche des Individuums auswirkt: Das Privatleben, die Freizeit, romantische und freundschaftliche Beziehungen, Lebensplanung, Kindererziehung usw. Spontan fallen mir da sehr praktische Dinge ein, wie z.B. Studenten, die die Wahl ihres Studienganges primär in Hinblick auf die möglichen Berufschancen treffen. Dass der später zu ergreifende Beruf das Kriterium sein sollte, nach dem der Studienplatz gewählt wird, ist weitgehend common sense, dass das persönliche Interesse, Freude an Forschung oder der in dem jeweiligen Fach vermittelten Bildung auch Kriterien sein könnten, tritt kaum noch in den Sinn.
Doch Adorno geht es vor allem um die „Universalisierung der Warenform“, d.h. die Warenförmigkeit, also der Austausch „Ware“ gegen „Geld“, der das Organisationsprinzip der Basis darstellt, also der Ökonomie, wird auf Bereiche, die ursprünglich nicht warenförmig waren übertragen.
Dabei kann es sich um die Freizeit-, oder Kulturindustrie handeln, darunter fällt dann das Phänomen, dass sich die Freizeitgestaltung nicht mehr hauptsächlich in selbst organisierten Festen oder gemeinschaftlichen Aktivitäten in Vereinen, u.Ä., sondern strukturiert ist durch kommerzielle Anbieter wie Freizeitparks, Diskotheken, Kinos, Cocktailbars, usw., welche selbstverständlich handfeste kommerzielle Interessen vertreten. Ähnlich, wenn auch noch nicht so deutlich, sieht das mit den Entwicklungen im Bildungssystem aus, in der Schüler und Studenten mehr und mehr zu Kunden und die Bildungseinrichtungen zu Dienstleistungsunternehmen umfunktioniert werden. Zugespitzt wird die These, weil Adorno postuliert, dass sich die Warenförmigkeit bis in die privaten Lebensverhältnisse der Individuen vermittelt:
„Mit Lukács ist er der Überzeugung, dass der vernünftige Bildungsprozess der menschlichen Gattung durch die Generalisierung des Warentauschs auf so tief greifende Weise gestört ist, dass die Lebensverhältnisse unter dem Kapitalismus im Ganzen die Form von in allen Richtungen versachlichten Beziehungen angenommen haben.“ 8
8 Honneth, Axel: Eine Physiognomie der kapitalistischen Lebensform. Skizze der Gesellschaftstheorie
Adornos in: Honneth, Axel (Hrsg.): Dialektik der Freiheit. Suhrkamp 2005. S.173
8
und
„Heute konkurrieren Märkte immer weniger mit anderen Organisationsprinzipien der Gesellschaft wie etwa Anrechten oder solidarischen Normen. Vielmehr durchdringen Märkte zunehmend alle Sozialsysteme und bauen den ökonomischen Richterstuhl von Verkaufserfolg, Flexibilität und Gewinnkalkulation in bald jeder Lebenssphäre auf. Unter dem Druck, den die wachsende Vermarktlichung der Gesellschaft bis hinein in einzelne Biographien erzeugt, haben sich Verhaltensmuster ausgebildet, die wie kaum je zuvor unter der Ägide einer allgegenwärtigen Konkurrenz ökonomischer Chancen stehen.“ 9 In diesen beiden Aussagen fasst Axel Honneth sehr anschaulich den Hauptzug der Entsubjektivierungsthese zusammen. Die Struktur der Ökonomie beeinflusst die Verhaltensmuster der Individuen. Insofern bestimmt das Organisationsprinzip der Wirtschaft, in Adornos Sicht nicht nur diese, sondern beeinflusst auch die Struktur sämtlicher anderer Lebensbereiche.
Bis dahin sind sich die Interpreten Adornos noch einig. Strittig wird es, wenn es um die Frage geht, ob dies für Adorno bedeutet, dass die Subjekte vollständig dem Einfluss der ökonomischen Basis unterworfen sind, wie z.B. Axel Honneth Adorno versteht:
„Adorno gewann aus ihr [die Marxsche Analyse des Warenfetischismus; M.G.] sein Bild von der modernen Gesellschaft als eben verselbständigtem Funktionszusammenhang der abstrakten Tauschökonomie, in dem die Subjekte vollständig selbst Teil jener Ideologie sind, durch die sie von außen beherrscht werden.“ 10
Dies würde bedeuten, dass das Tauschprinzip bei Adorno ein monistisches Prinzip darstellt, denn sofern die Individuen vollständig dem Funktionszusammenhang unterworfen wären, gäbe es keinen Bereich, der sich der ökonomischen Logik widersetzt. Dann wäre auch die Schlussfolgerung, die Axel Honneth aus seiner Adornointerpretation zieht, folgerichtig:
„Adornos Geschichtsphilosophie, wonach die zivilisatorische Entwicklung allein nach Maßgabe einer Logik der Naturbeherrschung zu deuten sei und schließlich in ein Stadium der völligen Verfügbarkeit der Subjekte untereinander mündete vermochte daher umso weniger zu überzeugen, sperrte sie doch genau jene Sphäre der kommunikativen Alltagspraxis völlig aus, in der sich unterdessen auch zeitgeschichtlich sichtbare Erweiterungen persönlicher Freiheiten ergaben. 11
9 Ebd. S.199
10 Ebd. S.196
11 Ebd. S.195f.
9
Arbeit zitieren:
Matthias Gloser, 2006, Überlegungen zum Problem der sozialen Synthesis, München, GRIN Verlag GmbH
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