0. Einleitung
1. Zur psycho-sozialen Situation von gesunden Geschwistern 1.1. Die Erziehung der Geschwister 1.2. Geschlechtsspezifische Unterschiede 1.3. Der Altersabstand zwischen den Geschwistern 1.4. Der Einfluss der Geschwisterzahl 2. Zur psycho-sozialen Situation von Geschwistern behinderter Kinder - eine Untersuchung von Waltraud Hackenberg 2.1. Vorbemerkungen
2.2. Die wichtigsten Ergebnisse aus den standardisierten Testverfahren 2.2.1. Das Eingestehen von kleinen Schwächen und Fehlern 2.2.2. Die emotionale Labilität 2.2.3. Die Beziehung der Geschwister zur Umwelt 2.2.4. Motivationale Dimensionen der kindlichen Persönlichkeit 2.2.5. Der Umgang mit Aggressionen
2.2.6. Die Familienbeziehungen aus der Sicht der Geschwister 2.2.7. Die Beziehung der Geschwister zur Umwelt aus der Sicht der Eltern
2.3. Die Ergebnisse aus den Explorationsgesprächen 2.3.1. Vorbemerkungen
2.3.2. Geschwister von schwerst mehrfach behinderten Kindern 2.3.3. Geschlechtsspezifische Unterschiede 2.3.4. Das ,Alter des behinderten Kindes’ und die ,Geschwisterkonstellation’ 2.3.5. Die ,Kinderzahl in der Familie’ 2.3.6. Die berufliche Position des Vaters 2.4. Zusammenfassung der Ergebnisse 2.5. Zusammenhänge zwischen den Ergebnissen aus den unterschiedlichen Untersuchungsverfahren 2.6. Fazit aus der Untersuchung
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3. Die Internet-Seite des ,Arbeitskreises Geschwisterkinder’ 3.1. Zum Aufbau der Internet-Seite 3.2. Einige Rubriken der Internet-Seite 3.2.1. Der Arbeitskreis 3.2.2. Das Forum 3.2.3.Texte / Literatur 3.2.4. Veranstaltungen
3.3. Abschließende Betrachtung der Internet-Seite 4. Literatur 5. Anhang
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0. Einleitung
Bevor ich mich entschloss, ein Referat über die psycho-soziale Situation von Geschwistern behinderter Kinder zu halten, hatte ich einige Ideen und Vorstellungen zu diesem Thema. Wie sich im Laufe meiner Recherchen herausstellte, waren diese aber eher einfacher Natur. Insbesondere die Untersuchungsergebnisse von Waltraud Hackenberg zeigten mir, dass die psychosoziale Situation von Geschwistern behinderter Kinder recht unterschiedlich aussehen kann und von vielfältigen Faktoren abhängig ist. Gerade diese Komplexität stellt meiner Meinung nach einen Anreiz dar, sich etwas näher mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Im Rahmen dieser Arbeit ist es mir nicht möglich, die ganze Komplexität der Thematik aufzuzeigen. Es werden aber einige interessante Ergebnisse aus der Forschung vorgestellt, die dazu anregen sollen, sich näher mit diesem Thema zu befassen. Die Arbeit soll insofern nur einen Anreiz dazu bieten.
Im ersten Teil der Arbeit wird die psycho-soziale Situation von gesunden Geschwistern ansatzweise vorgestellt. Diese wird von zahlreichen verschiedenen Faktoren beeinflusst. Im Rahmen dieser Arbeit werden aber nur einige davon erwähnt. Ihre Auswirkungen auf die Beziehung zwischen den Geschwistern werden kurz aufgezeigt. Anschließend geht es dann im zweiten Teil um die psycho-soziale Situation von Geschwistern behinderter Kinder. Hierbei wird auf die Untersuchungsergebnisse von Waltraud Hackenberg Bezug genommen. Im dritten und letzten Teil der Arbeit wird eine Internet-Seite vorgestellt. Auf dieser Seite dreht sich alles um die Geschwister von behinderten Kindern. Einige Auszüge aus dieser Internet-Seite finden sich im Anhang der Arbeit wieder.
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1. Zur psycho-sozialen Situation von gesunden Geschwistern
1.1. Die Erziehung der Geschwister
Im Vergleich zu früher ist die Erziehung heutzutage individueller, partnerschaftlicher und demokratischer. Vor allem die Eltern aus den mittleren und oberen sozialen Schichten legen bei der Erziehung ihrer Kinder großen Wert auf die Individualisierung. Sie fördern bei ihnen die Entwicklung von eigenen, individuellen Interessen und Vorlieben. Wenn Eltern mit ihren Kindern ausschließlich autoritär, direktiv und arrogant umgehen, dann werden die Kinder ihre Geschwister vermutlich auch in gleicher Weise behandeln. Umgekehrt gehen Kinder, die von ihren Eltern partnerschaftlich, demokratisch und gleichberechtigt behandelt wurden, wahrscheinlich ebenso mit ihren Geschwistern um (vgl. Kasten 1998, S. 18 - 19). 1.2. Geschlechtsspezifische Unterschiede
Wissenschaftliche Studien haben sich vor allem mit der Frage auseinandergesetzt, welche Auswirkungen das Geschlecht der Geschwister auf ihre individuelle Entwicklung in bestimmten Bereichen hat. So konnte in Studien zum Beispiel nachgewiesen werden, dass Mütter mit ihren Töchtern anders umgehen als mit ihren Söhnen. Mütter treten vor allem mit ihren Töchtern vermehrt in Kommunikation. Dies gilt insbesondere dann, wenn die Tochter die älteste ist. Im Gegensatz dazu setzen sich Mütter mit ihren Söhnen häufiger auf gezielte Art und Weise auseinander. Sie versuchen beispielsweise, sie auf bestimmte Ereignisse oder Gegenstände aufmerksam zu machen. Bei ihren Söhnen achten die Mütter aber auch mehr darauf, unerwünschte Aktivitäten zu unterbinden. Berücksichtigt man das Geschlecht des nachfolgenden Geschwisterteils mit, so treten die Unterschiede im Verhalten der Mutter noch deutlicher zum Vorschein. So üben Eltern - d. h. Mutter und Vater - bei der Erziehung von zwei Jungen mehr Strenge und Kontrolle aus als bei zwei Mädchen. Wenn der ältere Geschwisterteil ein Mädchen ist, muss es meist schon frühzeitig bei der Betreuung des jüngeren Geschwisterteils mithelfen. Dies gilt vor allem dann, wenn das Mädchen einen jüngeren Bruder hat. Ist das ältere Geschwisterteil dagegen ein Junge, der einen jüngeren Bruder hat, so wird es häufiger bestraft und muss mehr Einschränkungen in Kauf nehmen als ein älterer Junge mit einer jüngeren Schwester (vgl. Kasten 1998, S. 62 - 63).
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1.3. Der Altersabstand zwischen den Geschwistern
Geschwister können in der Regel mehr miteinander anfangen, wenn sie vom Alter her nicht weit voneinander entfernt sind und das gleiche Geschlecht besitzen. Andererseits streiten sich aber auch Geschwister, die fast dasselbe Alter haben, besonders häufig. Nachfolgend wird auf die Bedeutung des Altersabstandes zwischen den Geschwistern noch etwas näher eingegangen (vgl. Kasten 1998, S. 75).
Wissenschaftliche Studien verstehen unter einem kleinen Altersabstand in der Regel eine zeitliche Differenz von weniger als zwei Jahren zwischen den Geschwistern. Bei einem zeitlichen Unterschied von drei bis dreieinhalb Jahren gehen sie bereits von einem größeren Altersab-stand aus. Im Zuge von einigen Untersuchungen aus den späten 70er und 80er-Jahren auf dem Gebiet der Entwicklungspsychologie wurde das Verhältnis von Geschwistern untereinander über einen Zeitraum von ein bis zwei Jahren beobachtet. Man wollte durch diese Studien die Veränderung und Entwicklung des Verhältnisses zwischen den Geschwistern feststellen. Beim Auswerten der Untersuchungsergebnisse verglich man dann Geschwisterpaare mit kleinem und mit großem Altersabstand miteinander. Man fand u. a. heraus, dass sich Geschwister, die vom Alter her eng beieinander liegen, aggressiver zueinander verhalten als Geschwister, zwischen denen ein größerer Altersabstand liegt. In den frühen Kindheitsjahren ist vor allem der ältere Geschwisterteil Ausgangspunkt der Aggression. Dies legt die Vermutung nahe, dass der ältere Geschwisterteil neidig und eifersüchtig auf den jüngeren ist und daher aggressiv reagiert. Durch die Geburt eines zweiten Kindes wird das Erstgeborene dramatischen Veränderungen ausgesetzt. Es muss plötzlich die Aufmerksamkeit und Zuwendung der Eltern mit jemand anderem teilen. Die ersten zwei Jahre nach der Geburt des jüngeren Geschwisterteils sind besonders kritisch. In dieser Zeit benötigt der kleinere Geschwisterteil verstärkt Pflege und Versorgung durch die Mutter. Der ältere Geschwisterteil wiederum nimmt wahr, dass sich die Mutter länger und intensiver mit dem jüngeren Geschwisterteil beschäftigt, als mit ihm selbst. Als Folge davon verspürt der ältere Geschwisterteil Gefühle der Benachteiligung und Vernachlässigung. Er ist frustriert und entwickelt gegenüber dem jüngeren eine negative Haltung. Nach Kasten (1998, S. 77) lassen sich aber die Gefühle des Mangels und der Frustration beim älteren Geschwisterteil abmildern. Hierzu müsse sich in den ersten beiden Jahren der Vater oder eine andere Bezugsperson intensiver als bisher um den älteren Geschwisterteil kümmern.
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Es konnte auch nachgewiesen werden, dass Brüder ihre Aggressionen häufiger körperlich untereinander austragen als Schwestern. Außerdem wurde festgestellt, „dass das Ausmaß aggressiver Auseinandersetzungen niedriger ist, wenn zwischen den Geschwistern ein größerer Altersabstand besteht.“ (Kasten 1998, S. 77) Geschwister, zwischen denen nur ein kleiner Altersabstand liegt, beschäftigen sich auch öfter miteinander als Geschwister, zwischen denen ein großer Altersabstand besteht. Kasten (1998, S. 77) bezieht sich in seinem Buch Geschwister des öfteren auf die Familientherapeuten Bank und Kahn. Ihnen zufolge besitzen Geschwister, die vom Alter her nicht weit voneinander entfernt sind, in der Regel einen hohen emotionalen Zugang zueinander. Im Gegensatz dazu haben nach Bank und Kahn Geschwister, zwischen denen ein großer Altersabstand (mehr als 8 Jahre) liegt, meistens keinen gemeinsamen Resonanzboden (vgl. Kasten 1998, S. 75 - 77). Auch an anderer Stelle nimmt Kasten (1998, S. 78) wiederum Bezug auf die Familientherapeuten Bank und Kahn. Ihrer Meinung nach wird die Art der Bindung zwischen den Geschwistern in starkem Maße davon beeinflusst, welche Beziehung die Eltern zu ihren Kindern in den ersten Lebensjahren haben. Sie sind der Ansicht, dass ein Kind sich nur dann vernünftig entwickeln könne, wenn die Beziehung zwischen Mutter und Kind in den ersten Lebensmonaten sehr eng ist und einen symbiotischen Charakter hat. Häufig würden aber die Bedürfnisse des Säuglings nach Nähe und Geborgenheit nicht in ausreichendem Maße befriedigt. Besonders problematisch ist es nach Ansicht von Bank und Kahn, wenn beide Eltern ihren Kindern nicht ausreichend Liebe, Zuwendung und individuelle Versorgung geben können. In diesem Fall würden sich die Geschwister enger aneinander binden. Nach Ansicht der beiden Familientherapeuten probiert dann das jüngere Kind, die fehlende Zuneigung und Wärme zumindest teilweise von seinem älteren Geschwisterteil zu bekommen. Dies würde jedoch eine Überforderung für den älteren Geschwisterteil darstellen. Insgesamt gesehen seien solche Elternersatz-Versorgungen nur frustrierend und enttäuschend für die Geschwister. Nach Bank und Kahn entsteht so eine zwiespältige Bindung zwischen den Geschwistern, die oft noch bis ins Erwachsenenalter fortbestehen würde. Besonders wenn der ältere Geschwisterteil auf die Bedürfnisse des Säuglings unkooperativ, fordernd oder unzulänglich reagiert, könne sich Feindseligkeit zwischen den Geschwistern entwickeln und stabilisieren. Zwischen Geschwistern können sich auch durch alltägliche wechselseitige Identifikationen enge und gefühlsintensive Bindungen entwickeln.
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Sobald Geschwister älter werden, beginnen sie damit, sich miteinander zu vergleichen. Zuerst suchen sie nach äußeren Ähnlichkeiten und Unähnlichkeiten. In der mittleren und späten Kindheit achten sie dann vermehrt auch auf innere Merkmale und Eigenschaften, die ihrer Meinung nach denen ihres Geschwisterteils bzw. ihrer Geschwister ähnlich oder unähnlich sind. Zwischen Geschwistern, die vom Alter her eng beieinander liegen und die das gleiche Geschlecht haben, lassen sich in der Regel auch tatsächlich mehr Ähnlichkeiten und Gemeinsamkeiten finden, als zwischen Geschwistern, die vom Alter her weiter voneinander entfernt liegen und ein unterschiedliches Geschlecht haben. Das Zustandekommen von Identifikationen kann ausgelöst oder erleichtert werden durch tatsächlich vorhandene oder auch nur eingebildete Ähnlichkeiten. Häufig identifiziert sich ein Geschwisterteil mit einem anderen auf Grund von unerfüllten Wünschen. Durch die Identifikation empfindet sich der Geschwisterteil gleich oder identisch mit jemand anderem. So kann sich zum Beispiel der jüngere Geschwisterteil genauso stark, klug und mächtig fühlen wie der ältere. Er hat damit die Möglichkeit, an den Erfolgen des älteren Geschwisterteils teilzuhaben. Der ältere Geschwisterteil wiederum kann davon profitieren, wenn er sich mit dem jüngeren Geschwisterteil identifiziert. Er hat damit die Chance, an der Verwöhnung und Bevorzugung des jüngeren Geschwisterteil durch die Eltern innerlich teilzuhaben. Der Grund dafür, sich mit jemand anderem zu identifizieren, kann auch in Gefühlen von Neid und Eifersucht liegen. In diesem Fall macht der Geschwisterteil aber schmerzliche Erfahrungen, wenn er mitbekommt, dass er real betrachtet absolut keine Ähnlichkeit mit der beneideten Eigenschaft des Identifikationsobjektes hat (vgl. Kasten 1998, S. 80 - 81).
Nähe und Vertrautheit zwischen den Menschen können sich nur aufbauen, wenn sich die Menschen intensiv aufeinander einlassen. Dies setzt voraus, dass sie sich ineinander einfühlen können und in der Lage sind, Anteil am Gegenüber zu nehmen. Wenn man sich intensiv in jemand anderen einfühlen will, muss man aber zumindest teilweise und vorübergehend dazu in der Lage sein, sich mit den Empfindungen, Wünschen, Sehnsüchten, Ängsten und Absichten des anderen identifizieren zu können. Nach Ansicht von Entwicklungspsychologen stehen solche wechselseitigen Identifikationsvorgänge zwischen Geschwistern nicht nur im Dienste der Kommunikation. Sie leisten vielmehr auch bei jedem einzelnen Geschwisterteil einen Beitrag zum Aufbau der eigenen Identität und Persönlichkeit. Wenn die Geschwister vom Alter her eng beieinander liegen, garantiert dies aber noch nicht, dass sich eine enge, harmonische (oder auch widersprüchliche Bindung) zwischen ihnen entwickelt.
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Arbeit zitieren:
Guido Diederich, 2002, Die psycho-soziale Situation von Geschwistern behinderter Kinder, München, GRIN Verlag GmbH
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