Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 2
2. Fünf Thesen über Fußball und Nation 3
2.1. Fußball entwickelte sich parallel und in ähnlicher Struktur zur Nation. 3
2.2. Der Fußball ist Teil einer Kette, die den Begriff der Nation mit
Bedeutung belegt. 4
2.3. Fußball konstruiert nationale Identität. 6
2.4. Im Fußball wird die ambivalente Struktur der Nation sichtbar 13
2.5. Die Organisationsstruktur des Fußballs ist der Entwicklung der
Globalisierung unterworfen und verändert sich mit ihr. 17
3. Fazit. 21
Literaturangaben 23
Anlagen 24
Anlage 1 24
1
1. Einleitung
Die Verbindung von Fußball und Nation aufzuzeigen scheint auf den ersten Blick nicht weiter schwierig zu sein. Wie selbstverständlich werden Fußballwettkämpfe auf nationaler Ebene ausgetragen. Weltweit gibt es nationale Titel, die innerhalb von nationalen Grenzen ausgespielt werden. Auch im internationalen Vergleich erscheint uns ein „Länderwettkampf“ ebenso natürlich, wie auch das Phänomen der Nation an sich.
Im Folgenden möchte ich einige Aspekte des Fußballs und den Begriff der Nation aufeinander beziehen, um so verdeutlichen zu können, wie die beiden Begriffe miteinander verbunden sind. Ziel soll es hierbei sein zu erörtern, wie und ob sich die Entwicklung des Fußballsports und die Entwicklung der Nation bedingen und beeinflussen.
Der Begriff der Nation ist aus kulturwissenschaftlicher Perspektive ein sehr komplexer und vielschichtiger. Exemplarisch werde ich mich in der Folge primär auf den Nationenbegriff Stuart Halls beziehen. Die dargestellten Verbindungen zum Fußball werde ich anhand von fünf Thesen versuchen zu erläutern. Zum Einen, weil Basis dieser Arbeit mehr eine Interpretation und Anwendung theoretischer Denkmodelle ist, als eine schlichte Darlegung starrer Tatsachen. Zum anderen aber auch, um meine Argumentation zu strukturieren. Die Erläuterungen zu den Thesen können also auch als Argumentationsfolge gesehen werden.
Die ausführliche Auseinandersetzung mit der Thematik, zeigte erst die komplexe und vielschichtige Beziehung der zwei Begriffe zueinander. Daher habe ich hier die mir wesentlich erscheinenden Aspekte in der Verbindung herausgegriffen, um sie dann detailliert zu beleuchten. Die Beispiele aus dem Fußballsport sind hierbei nicht einheitlich gehalten. Bei der Verbindung auf den verschiedenen Ebenen boten sich zur Verdeutlichung meist ebenso unterschiedliche Beispiele an.
Dennoch zeigen sich bei der Erörterung Parallelen, die auf eine mögliche Form der Beziehung schließen lassen.
2
2. Fünf Thesen über Fußball und Nation
Diese fünf Thesen stellen den Hauptteil meiner Arbeit dar. Sie umfassen gleichzeitig die mir am relevantesten erscheinenden Aspekte der Thematik. Einige sind hier ausführlicher besprochen, als andere. Das liegt an der unterschiedlichen Komplexität bei der Erläuterung der Thesen. Im Verlauf sollen die erst genannten Thesen eine Voraussetzung für die folgenden schaffen. Eine Basis, um den Ansatzpunkt zu finden. So nehmen sie auch teilweise Bezug aufeinander und stellen eine Argumentationsstruktur dar, die es ermöglichen soll unter bestimmten Voraussetzungen weiterführende Thesen darzulegen. Die nun folgenden Unterpunkte nennen jeweils die These, die in der Folge dann besprochen wird.
2.1. Fußball entwickelte sich parallel und in ähnlicher Struktur zur Nation
Diese erste These soll zeigen, wie sich die Organisationsstruktur des Fußballs zeitgleich und in ähnlicher Weise mit dem Gedanken der Nation verbreitete.
Die Nation ist nichts natürlich gegebenes, sondern vielmehr ein modernes Phänomen. Die Vorstellung dessen was Nation ist, ist historisch gewachsen 1 . Der Gedanke der Nation entwickelte sich also aus einem kulturellen System heraus, das ihr präexistent war. Die Einheit der in der Nation lebenden Subjekte resultiert meist nicht aus ihrem gemeinsamen Ursprung, sondern aus einer gemeinsamen Vorstellung darüber, was die Bedeutung der spezifischen Nation ist. Die Idee der Nation hat sich mittlerweile, ausgehend vom Westen, weltweit etabliert. Parallel zu dieser Entwicklung fand die Verbreitung des Fußballs statt: „Der Aufstieg des Fußballs, seine Institutionalisierung in England zwischen 1860 und 1870 und seine weltweite Verbreitung laufen parallel zur Verbreitung der Idee der Nation. Der Fußball, der mit Leichtigkeit alle Grenzen übersprang, wurde stets in einem nationalen Rahmen praktiziert und organisiert.“ 2
1 Vgl.: Bhabha, S. 1.
2 Pornschlegel, S.110.
3
Pornschlegel verdeutlicht hier, dass der Fußball durch die Nation organisiert und strukturiert wurde. Die heute Bestehende Organisationsstruktur des Fußballs ist also keineswegs zufällig. Diese gemeinsame geschichtliche Entwicklung stellt die Grundlage einer Verbindung von Fußball und Nation dar. Ebenfalls wird der Ursprung dieser Verbindung deutlich, auf den ich in der Folge weiter Bezug nehmen werde.
2.2. Der Fußball ist Teil einer Kette, die den Begriff der Nation mit
Bedeutung belegt
Bei der Verbindung von Nation und Fußball handelt es sich keineswegs um eine einseitige Beziehung. Die Nation strukturierte zwar die „Form“ des Fußballspiels, aber auch der Fußball bestimmt die Bedeutung einer Nation mit. Ein Nationalstaat erfährt seine Bedeutung durch die Vorstellung der nationalen Subjekte. Wie diese Bedeutung allerdings entsteht ist noch offen. Um dies zu verstehen, möchte ich die Überlegungen Benedict Andersons anführen, der Nation als „Vorgestellte Gemeinschaft“ 3 bezeichnet. Er stellt fest dass, obwohl die Subjekte einer Nation meist einander nicht kennen, im Kopf eines jeden Einzelnen doch eine Vorstellung davon besteht, was es heißt englisch, deutsch, usw. zu sein.
Durch dieses gemeinsame Verständnis gelingt es der Nation sich als einheitlich zu repräsentieren. Stuart Hall fügt dem hinzu, dass man nicht mit einer nationalen Identität geboren wird. Das Englischsein bzw. das Deutschsein wird durch die Nationalkultur repräsentiert. In dieser wächst man auf und erlernt somit auch nach und nach, was es bedeutet englisch oder deutsch zu sein. Wichtig ist hier zusätzlich die Feststellung Halls, dass die Nation damit ein Bedeutung produzierendes System darstellt:
„Eine Nation ist also nicht nur ein politisches Gebilde, sondern auch etwas, was Bedeutung produziert - ein System kultureller Repräsentationen. Menschen sind nicht nur rechtmäßige Bürger einer Nation, sie partizipieren auch an der Idee der Nation, wie sie in ihrer nationalen Kultur repräsentiert wird.“ 4
3 Vgl.: Hall, S. 201.
4 Hall, S. 200.
4
Die Nation produziert demnach Bedeutung. Entscheidend an der Aussage ist jedoch, dass es sich bei der Bedeutungsproduktion nicht um eine einseitige Beziehung handelt. Die Bedeutung der Nation ist eben nicht starr. Die Subjekte sind in der Nation nicht passiv, sondern nehmen aktiv an der Bedeutungsbestimmung teil. Zum Ausdruck kommt dieser Diskurs in kulturellen Repräsentationssystemen. Sehr schöne Beispiele für diese Interaktion können auch in der Beziehung zwischen Fußball und Nation gefunden werden. Pornschlegel stellt in einer Passage seines Textes: „Wie kommt die Nation an den Ball?“ dar, wie sich diese beidseitige Verbindung äußern kann:
„Ob Effenbergs kleine WM-Geste angemessen oder unangemessen war, ob Matthäus „zu alt“ ist, ob der „Ausländeranteil“ steigen oder nicht steigen soll, ob Disziplin vor Individualität geht; Solche Diskussionen sind kein überflüssiges Beiwerk zum reinen Spiel. Es sind Kristallisationspunkte der ideologischen Substanz.“ 5
Pornschlegel verwendet in seinem Zitat den umfassenden Begriff der ideologischen Substanz. Dieser schließt jedoch auch den Begriff der Bedeutung mit ein, an den ich mich in der Folge halten möchte. Demnach fungiert Fußball als ein kultureller Repräsentant, durch den die Bedeutung der Nation immer wieder neu ausgehandelt wird.
Die Organisationsstruktur des Fußballs hilft also den Begriff der Nation mit Bedeutung zu belegen. Durch den Fußball können Werte wie Disziplin oder Kameradschaft vermittelt werden. Ebenso schaffen national organisierte Institutionen, wie der Fußball gemeinsame Erfahrungen. Der Sieg einer Nationalmannschaft schafft eine Erfahrung, die sich über die unterschiedlichen Ursprünge der einzelnen Subjekte legt. So kann sich die Nation auf dieser Basis als einheitlich repräsentieren. Genau diese Tatsache wurde auch bei der Kolonialisierung genutzt. Trotz vermeidlich differenter Ursprünge suggerieren die diversen kulturellen Repräsentanten eine einheitliche Erfahrung „der Nation“.
Die Subjekte der Nation partizipieren also auch auf dem Gebiet des Fußballs an der nationalen Bedeutungskonstruktion mit. Gleichzeitig aber wird die nationale Identität von dieser Auseinandersetzung geprägt. Diesen Rückbezug möchte ich in meiner dritten These erläutern.
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2.3. Fußball konstruiert nationale Identität
Nach Hall gibt es eine Identifikation der Subjekte mit der nationalen Kultur. 6 Durch diese Identifikation konstruieren die Subjekte somit auch nationale Identität. Einen Beleg hierfür liefert er mit der Aussage:
„In der modernen Welt gehören nationale Kulturen, in die wir hineingeboren werden, zu den Hauptquellen kultureller Identität. Wenn wir uns selbst definieren, sagen wir oftmals, dass wir Engländer, Waliser, Inder oder Jamaikaner sind.“ 7 Die nationale Bestimmung ist also ein entscheidender Punkt bei der Definition des Subjekts. Die Art und Weise, wie diese Vorstellungen von Nation vermittelt werden sind sehr vielschichtig. Ein Aspekt, und im Bezug auf den Fußball ist es der wichtigste, ist die Vermittlung durch die bereits erwähnten kulturelle Repräsentationssysteme.
Da Fußball als ein Repräsentant der nationalen Bedeutungskonstruktion fungiert, trägt er so auch zum Entwurf einer nationalen Identität bei. Diese Verbindung kann sehr anschaulich und offensichtlich beobachtet werden. Als Beispiel soll an dieser Stelle ein Zitat Toni Schumachers dienen, auch wenn sich sicherlich viele weitere anbieten würden.
Nach dem Einzug ins Finale der Weltmeisterschaft 1986 verlor die deutsche Mannschaft gegen Argentinien. Von den deutschen Fußballfans wurde der zweite Platz als großer sportlicher Erfolg gewertet. Beim Empfang der deutschen Nationalmannschaft äußerte sich Schumacher und formulierte seine Sicht der Dinge folgendermaßen:
5 Pornschlegel, S.106.
6 Vgl.: Hall, S.199.
7 Hall, S.199.
6
Arbeit zitieren:
M. A. Eric Horster, 2003, Fünf Thesen über das Verhältnis von Fußball und dem Begriff der Nation aus kulturwissenschaftlicher Perspektive, München, GRIN Verlag GmbH
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