Da sitzt einer, lehnt sich entspannt im Bühnensessel zurück und zieht genüsslich an seiner Zigarette. Noch bevor er jedoch ausatmen kann, unterbricht er sich selbst in seiner Gelassenheit. Der Kopf blickt erst nach links, dann nach rechts, bis die Augen das erblicken, was sie gesucht haben. Schnell spült er den inhalierten Rauch mit einen Schluck aus der soeben entdeckten Bierflasche herunter. Es geht weiter. Rocko Schamoni liest aus seinem neuen Buch: „Risiko des Ruhms“ oder besser, er versucht daraus zu lesen. Immer wieder hält er inne um zu entziffern, was da geschrieben steht. Es macht den Anschein als würde er seine eigenen Geschichten gar nicht kennen. Und doch: Er findet sie unsagbar komisch und lacht fast mehr als das ihm aufmerksam lauschende Publikum. Der Zuschauer weiß in diesem Augenblick nicht genau, ob das, was er da vorträgt, tatsächlich in seinem Buch steht, oder ob er sich alles in diesem Moment zusammengereimt hat.
Spontan oder abgelesen, unterhaltsam ist es allemal. Vielleicht auch gerade wegen diesem, wie zufällig wirkenden Spannungsfeld aus Seriosität und Naivität. Angesteckt durch die Leichtigkeit seines Vortrags und die Unbekümmertheit seiner Art, kann man sich plötzlich mit ihm über den dargebotenen Schwachsinn amüsieren. Der Inhalt reicht von unzusammenhängenden Phrasen bis hin zu philosophisch angehauchten Floskeln. Aber immer wieder sind diese gebrochen. Es ist schwer, wenn nicht unmöglich, ihm in allem, was er von sich gibt zu folgen, und dies dann in ein stimmiges Gesamtbild einzufügen. Zu schnell wechselt er Thematik, Stimmung und Auftreten.
Dieses rastlos wirkende Wesen Schamonis, kombiniert mit seiner Biographie, ließe nun alle Pseudopsychologen aufjubeln. Dem menschenkundlichen Betrachter fiele sofort auf, dass er mit italienischem Vater und luxemburgischer Mutter, stets auf der Suche nach der eigenen Identität ist. Unwissend wohin er eigentlich gehört, findet er immer wieder Dinge, die zu ihm passen und dann aber doch nicht das sind, was er eigentlich sucht. Natürlich kann er seinen Platz in dieser Gesellschaft nicht finden. Ist er doch weder Deutscher, Luxemburger, noch Italiener. Als Ausdrucksweise dieser Problematik dient ihm die Kunst. Ganz im Stile seiner Eltern: Der Vater Regisseur und die Mutter Harfenistin. Zu seinem ruhelosen Streben passt dann auch die in seinem Buch nachgezeichnete Vaterfigur, zu der er gottähnlich aufzuschauen scheint. Auch der obligatorische Protest gegen sein Elternhaus blieb nicht aus. Als „einer der ersten Punks“ in seiner Heimatstadt Lütjenburg bezeichnet er sich selbst und bedient damit auch das letzte Klischee, das der stereotype Analytiker für seine Untersuchung braucht.
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Doch schon bald konnte Schamoni die Grundsätze dieser Bewegung nicht mit sich selbst vereinbaren. Auf einer Tournee mit den Toten Hosen und den Goldenen Zitronen trennte er sich dann eindeutig von deren Reglementierungen und spielte stattdessen lieber Schlagerlieder. Dass er mit: „Tränen tun so weh“ oder „Johnny ritt in die Ferne“ bei den Punks Unverständnis bis Aggression auslöste, verwundert wenig. Ein klassisches Missverständnis, das damit endete, dass er von den Fans mit Tomaten und Eiern beschmissen wurde. Seine Freundschaft zu den Bands beeinträchtigte diese unkonventionelle Art der Provokation allerdings nicht. Bis heute steht er mit einigen der Musiker, insbesondere mit Schorsch Kamerun von den Goldenen Zitronen, in engem Kontakt. Gründete gar den „Klub der Gemeinen“, der dazu verpflichtet, jeden Tag etwas gemeines zu tun. Den Mitgliedsausweis zu diesem Klub trägt Campino angeblich bis heute bei sich. Rocko selbst beschränkte sich übrigens nie nur auf eine Ausdrucksweise, ist Musiker, Literat, Entertainer und Schauspieler in einem. Der Einfachheit halber könnte man ihn nun in eine Schublade mit Wigald Boning und anderen Hofnarren des deutschen Klamauk stecken. Wer nun allerdings glaubt, ihn derart einfach durchschauen zu können, irrt.
Die Umkehrung von bloßer Belustigung hin zur ernsthaften Botschaft gelingt aber nur demjenigen, der die Metaebene zu deuten weiß. Dann löst sich die vorgestellte Idiotie und verwandelt im gleichen Moment die ihn, umgebende Realität in eine absurde Szenerie: „da hat mich der Lektor gefragt, ob ich nichts schreiben möchte. Es sollte aber nicht unbedingt so etwas langweiliges wie die Beziehung zu meinem Vater sein, und dann dachte ich: ‚Genau das ist es!’“ Schon scheint die soeben biografisch rekonstruierte Neurose hinfällig. Er, „King Rocko“, verkehrt wie so häufig alles ins Gegenteil. Nein, das Gegenteil wäre zu unpräzise. Es ist vielmehr eine Art Versteckspiel. Jedes Mal, wenn der Zuhörer bzw. Leser denkt, ein stimmiges Gesamtbild geschaffen zu haben, ist er selbst diesem Bild wieder entflohen: „(...) es macht Spaß, sich in ein differentes Licht zu stellen und wenn die Leute dann denken: ‚Was ist das für ein Schwein!’, in diesen Momenten wird es interessant: Einfach ‚nur’ Linker zu sein ist ganz normal, aber so etwas in Aussicht zu stellen, bringt Bewegung und Zweifel beim Leser, das finde ich interessant.“ Da schwebt er dann in postmoderner Manier scheinbar spielerisch an uns vorbei: „Spannend“, so meint er, der sich im Gegenteil zu „King Elvis“ seine Krone selbst verlieh, sei es nur wenn man die eigenen Regeln ständig neu aufbreche. Doch bricht er auch mit den Regeln anderer: „Es ging auch darum, Punks zu provozieren, also die, die als die größten Provokateure antraten.“ Die Anarchie im Verbund mit starr reglementiertem Verhalten.
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Diesen Widerspruch versuchte er aufzudecken, ihn aufzulösen in einer höheren Synthese: „Hallo Freunde, ich bin der Beobachter“ heißt es in seinem Lied „Der Mond“. Genau darin liegt vielleicht seine größte Stärke. Er untersucht die ihn umgebende Wirklichkeit ganz genau. Und was dann bei seinen Interpretationen heraus kommt ist gerade wegen dieser Scharfsinnigkeit so grotesk: „Ich guck mir das ganze von außen an und hab das Gefühl, es gibt eine Menge von Leuten, die in einer Art ‚Saturnring’ um den inneren Kosmos, die ‚Gesellschaft’, herumschweben und an dem ganzen Treiben nicht so richtig teilnehmen können, weil es einfach zu albern ist.“ Eine gänzlich außenstehende Position nimmt man ihm jedoch nicht ab. Tatsächlich will er das auch gar nicht, meint gleichzeitig: „Die Leute gehen natürlich auf ein Konzert, um unterhalten zu werden, dennoch möchte ich etwas rüberbringen, das zum Handeln und Denken anregt.“
Sein Gesamtbild ist gebrochen. Es macht Mühe das ganze in einen logischen Zusammenhang zu bringen. Und genau hier bricht er auch mit dem Klamauk. Man kann Rocko Schamoni eben nicht einfach konsumieren. Er sträubt sich dagegen, wie er sich gegen die gesamte Gesellschaft sträubt: „Ich kann mit dem Mainstream-Wahnsinn der in dieser sogenannten Individualisierungsepoche stattfindet gar nichts anfangen. Schließlich handelt es sich dabei nur um kleine Mainstreams, die von irgendwelchen Markenfirmen verkauft werden. Ich kann das alles nicht ertragen, ich will anders sein als die, die da alle mitgehen.“ Doch gleichzeitig will er selbst natürlich auch andere von seinem Weg überzeugen. Stillstand ist mit diesem Anspruch somit nicht möglich. Es ist sogar seine Pflicht neues zu entdecken und Trends zu setzen. „Anders sein, anders als die meisten andern sein...“ so heißt es in einer weiteren Textpassage. Dieser Wille scheint bei ihm fast zwanghaft zu sein. Nur King Rocko kann und will den Weg vorgeben. Er muss schon gegenüber sich selbst „anders sein“. Doch auch als König ist er nicht gänzlich von dem umgebenden System autonom. Sucht Wege, für sich selbst auf diese Welt reagieren zu können und macht dabei nicht selten den Spagat zwischen innen und außen: „Ich finde, dass die letzten fünf bis zehn Jahre im Zeichen des ‚Superkapitalismus’ die Welt extrem verändert haben. Es geht nur noch um Geld, Markenbewusstsein und den Ausverkauf von Werten. Ich hatte das Gefühl, mich zumindest darauf beziehen zu müssen“. Sprach der ehemalige Punk und kreierte den unverwechselbaren Slogan: „Geld ist eine Droge...“. Wieder steht er außerhalb der Dinge indem er fort führt „...und ihr seid alle drauf...“.
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M. A. Eric Horster, 2004, Der andere Beobachter - Rocko Schamoni, Munich, GRIN Publishing GmbH
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