Inhalt
I. Einleitung
II. Hauptteil: In der Forschung diskutierte Handlungsmotive
1. Die Containment-Strategie
1.1 Vorgeschichte
1.2 Quellenlage
1.3 Angebot der des ERP an die Sowjetunion
2. Wirtschaftspolitische Interessen der USA
2.1 Vorgeschichte
2.2 Zusammenhang wirtschaftspolitischer und sicherheitspolitisch-strategischer Interessen
3. Integrationsintention
4. Lage in Deutschland
5. Politische Instabilität in Frankreich und Italien
6. Das Frankreichproblem
7. Die Schwäche des britischen Empire
III. Schluss
IV. Literaturverzeichnis
2
I. Einleitung
Averell Harriman, der Vorsitzende des überparteilichen Harriman Committee, das im Juni 1947 gebildet wurde und Truman ein unabhängiges Urteil über weiterreichende wirtschaftliche Unterstützung für Europa geben sollte, erinnert sich an ein Ergebnis der Arbeit seines Komitees: „The United States had a vital interest - humanitarian, economic, strategic, and political - in helping the participating countries to achieve economic recovery.“ 1 Der vorrangige Zweck des Marshall-Plans war natürlich der wirtschaftliche Wiederaufbau des daniederliegenden Europa. Aber mit eben diesem vordergründigen Ziel verfolgten die USA ferner noch ökonomische, strategische und politische Interessen unterschiedlicher Art.
Ziel dieser Arbeit ist zu untersuchen, welche Handlungsmotive die Vereinigten Staaten von Amerika zur Ausarbeitung, Planung und Durchführung des Marshall-Plans bewegten.
Darauf begründet sich die These, dass das wichtigste Handlungsmotiv der USA für den Marshall-Plan, der den offiziellen Namen European Recovery Program (ERP) trägt, die Eindämmung (Containment) des Sowjetkommunismus darstellte. Fast alle anderen in der Forschung diskutierten, und hier in den einzelnen Kapiteln aufgeführten, Handlungsmotive gehen in irgendeiner Form auf die in der Truman-Doktrin vom 12. März 1947 offiziell formulierten Containment-Strategie zurück. Die von Beginn an existente wirtschaftspolitische Zielsetzung des ERP, die Eingliederung Westeuropas in ein liberales Wirtschaftssystem unter Führung der USA, muss zwar als wichtiges eigenständiges Handlungsmotiv verstanden werden, verbindet sich aber letztendlich ebenfalls mit der Eindämmungsintention des Marshall-Plans, wodurch sich beide Beweggründe ergänzen. 2
Es liegt in der Logik der Sache, dass zur Erforschung der Handlungsmotive der USA in erster Linie und fast ausschließlich Quellen und historische Zusammenhänge aus der unmittelbaren Vorgeschichte des Marshall-Plans, also aus dem Jahr 1946 und dem Frühjahr 1947 vor dem 5. Juni, als Marshall sein europäisches Wiederaufbauprogramm in Harvard der Weltöffentlichkeit vorstellte, zur näheren Analyse herangezogen werden müssen. Dennoch finden natürlich auch für die Fragestellung wichtige Überlieferungen und geschichtliche Ereignisse aus der direkten Folgezeit nach der Harvard-Rede Marshalls Berücksichtigung.
1 Harriman, 1984, S. 15.
2 Vgl. dazu Kap. II.2.2 Zusammenhang wirtschaftspolitischer und sicherheitspolitisch-strategischer Interessen S. 14 dieser Arbeit.
3
Zunächst werden die beiden in der Forschung am häufigsten erörterten Beweggründe, die Containment-Strategie und die wirtschaftspolitischen Interessen der USA, diskutiert (Kap.II.1 und II.2). Bei beiden ist eine kurze geschichtliche Einleitung unabdingbar, denn nur so können sie mit dem ERP sinnvoll in Verbindung gebracht werden. Folgend werden die anderen Handlungsmotive vorgestellt und besprochen, wobei für jedes gesondert der Zusammenhang mit der usamerikanischen Eindämmungsstrategie aufgezeigt wird (Kap. II.3 bis II.7).
II. In der Forschung diskutierte Handlungsmotive
1. Die Containment-Strategie
In seinem Buch The Origins of the Marshall Plan vertritt John Gimbel unter anderem die These, dass der Marshallplan nicht als strategisches Eindämmungsinstrument entwickelt wurde. 3 Nach näherer Untersuchung der us-amerikanischen Politik von 1945 bis 1947 und der zum ERP gehörigen Quellenlage muss man aber - wie in diesem Kapitel aufgezeigt wird - zu einem anderen Ergebnis kommen.
1.1 Vorgeschichte
Ein latenter Konflikt zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und der Sowjetunion bestand bereits spätestens seit der russischen Oktoberrevolution. 4 Aufgrund der konträren Ideologien gab es auch während des II. Weltkriegs tiefgreifende Interessengegensätze zwischen den Alliierten. Diese waren zunächst aber nur unterschwellig vorhanden, da die Kriegspartnerschaft und der gemeinsame Feind sie noch zu überdecken vermochten.
Nach der erfolglosen Pariser Außenministerkonferenz rückte eine Integration der Westzonen für die USA immer mehr in den Vordergrund. Diese Konferenz und mehrere andere Ereignisse des Jahres 1946 trugen zur Verhärtung der Fronten im Ost-West-Konflikt bei: eine aggressive Stalin-Rede am 9. Februar, sowjetisches Engagement in Persien, Churchills berühmt gewordenen Eiserne-Vorhang-Rede am 5. März und das erste Veto der Sowjetunion im UN-Sicherheitsrat. 5
3 Vgl. Gimbel, 1976, S. 4; die weiteren Thesen Gimbels, dass der Marshall-Plan in erster Linie aufgrund der Lage in Deutschland entwickelt worden sei und die Franzosen für einen Wiederaufbau Deutschlands gewonnen werden sollten, werden in den jeweiligen Kapiteln dieser Arbeit besprochen (II.4 Lage in Deutschland S. 18 und II.6 Das Frankreichproblem S. 23).
4 Vgl. Lehmann, 2000, S. 22.
5 Vgl. Lehmann, 2000, S. 27.
4
Ein weiterer bedeutender Schritt in der Zuspitzung des Konflikts war das am 22. Februar 1946 verfasste Lange Telegramm George F. Kennans, dem führenden Russlandexperten und späteren Chef des Planungsstabes (Policy Planning Staff) des State Department, der mit der Planung des ERP beauftragt wurde. Hierin meinte er, die sowjetische Politik sei expansiv und ziele auf eine Mehrung der sowjetischen Macht auf Kosten der bürgerlich-kapitalistischen Staaten. Dabei sei es die Strategie der UdSSR ausländische Organisationen, wie z.B. Gewerkschaften, zu unterwandern. 6 Angesichts dieser sowjetischen Politik erschien Kennan eine Ausformung zweier konträrer Blöcke praktisch unausweichlich. 7 Auf sowjetische Expansionsbestrebungen sollte eine Politik der Eindämmung die adäquate Antwort sein. 8 Kennan erkannte auch die Folgen für andere Staaten, die dieser Gegensatz zwischen zwei Großmächten hatte. So meinte er, dass v.a. die europäischen Völker „Führung eher als Verantwortung [suchen] [...]. Wir sollten besser befähigt sein als die Russen, sie ihnen zu geben. Und wenn wir es nicht tun, werden die Russen es bestimmt.“ 9 Die Sichtweise, die Kennan vertrat, war keine grundsätzlich neue. Die Riga-Schule innerhalb des State Department vertrat ebenfalls diese Ideen und gewann auch 1946 innerhalb des Departments deutlich an Einfluß. 10 Das long telegram tat sein übriges; die „außergewöhnliche Resonanz, die [...] [es] in Washington erzielte, ist unumstritten“ und „bis Anfang 1947 hatte sich Kennans Containment-Strategie in Washington weitgehend durchgesetzt; sie wurde zur offiziellen Regierungspolitik.“ 11 Auch Loth meint, dass sich mit „Kennans `langem Telegramm` [...] die Politik der `Festigkeit` gegenüber der Sowjetunion in der Truman-Administration endgültig durchgesetzt“ 12 hatte.
Darauf begründet war Kennan der Ansicht, dass Washington jene Gebiete verteidigen sollte, in denen es um westliche Kultur, Politik und Sicherheit ging, dass man aber nicht die beherrschende Position der Sowjets in Osteuropa in Frage stellen sollte. 13 In einem Telegramm vom 6. März 1946 sprach er sich außerdem für die Teilung Deutschlands aus, um den Westen gegen die Sowjetunion abzuschotten. 14 Ein Bericht von Clark Clifford, dem Sonderberater Trumans, vom 24. September
6 Vgl. Kennan, 1968, S. 554 und 558.
7 Vgl. Lehmann, 2000, S. 28.
8 Ob die sowjetische Politik wirklich auf Expansion ausgelegt war, kann an dieser Stelle nicht diskutiert werden. Wichtig ist hier ohnehin nur die Tatsache, dass die Politik der UdSSR von den USA als eine expansionistische empfunden wurde (wie das Lange Telegramm zeigt).
9 Kennan, 1968, S. 570.
10 Vgl. Lehmann, 2000, S. 28.
11 Lehmann, 2000, S. 28f.; Zu den positiven Reaktionen in Washington vgl. auch Loth, 2002, S.128.
12 Loth, 2002, S. 129.
13 Vgl. Maier, 1992, S. 22.
14 Vgl. Kennan an Außenminister Byrnes, 6. März 1946, in: Foreign Relations of the United States (im folgenden zitiert: FRUS), 1946, Bd. V, S. 519.
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1946 besagte, dass die Vereinigten Staaten militärisch in die Lage versetzt werden müssten der sowjetischen Expansion entgegenzutreten und dass allen Nationen, „die jetzt nicht zur sowjetischen Sphäre gehören, großzügige wirtschaftliche Hilfe und politische Unterstützung in ihrem Widerstand gegen sowjetische Durchdringung gegeben werden [muss]. [...] Militärische Unterstützung im Falle eines Angriffs ist ein letztes Zufluchtsmittel; eine weitaus effektivere Barriere gegen Kommunismus ist kräftige wirtschaftliche Unterstützung.“ 15 Hier zeichnete sich schon das Prinzip der Eindämmung durch Wirtschaftshilfen für vom sowjetischen Expansionismus gefährdete Staaten ab.
Die Sowjetunion konzentrierte sich fortan ebenfalls auf die Konsolidierung des eigenen Einflussbereiches. 16 So machte Stalin in seiner schon erwähnten Rede vom 9. Februar 1946 deutlich, dass alle Kräfte auf die Vorbereitung einer neuen Auseinandersetzung konzentriert werden müssten, 17 was auf US-Seite teilweise als „Declaration of World War III“ 18 aufgefasst wurde. Die Vorstellung, dass Demokratie und Kommunismus in Frieden zusammen existieren konnten, wurde schon jetzt aufgegeben. 19
Maier ist der Meinung, dass die USA im Laufe des Jahres 1946 die sowjetische Gefahr erkannt hatten und von nun an gegen die sowjetische Expansion vorgegangen seien. 20 Diese Bemühungen zur Eindämmung der vermeintlichen kommunistischen Expansion führten tatsächlich mehr und mehr zur Konzentration des amerikanischen Interesses auf die Regionen, die außerhalb des sowjetischen Einflussbereiches verblieben waren, und damit zu einer tendenziellen Zweiteilung der Welt. Darauf begründet meint auch Loth, dass „die amerikanische Regierung tatsächlich mit der Schaffung einer westlichen Hemisphäre als Antwort auf die sowjetische Sicherheitssphäre begann.“ 21
Die außenpolitischen Ansichten der USA hatten sich schon 1946 dahingehend entwickelt, dass die Sowjetunion durch ihre bloße Existenz die USA gefährdete und die absolute Notwendigkeit einer Eindämmung der sowjetischen Gefahr bestand, um letztendlich die eigene Existenz zu sichern.
15 Memorandum von Clifford an Truman, 24. September 1946, zit. n. Loth, 2002, S. 129.
16 Vgl. Loth, 2002, S. 150f.
17 Vgl. Loth, 2002, S. 151.
18 Forrestal Diaries, 1951, S. 134.
19 Vgl. Forrestal Diaries, 1951, S. 135.
20 Vgl. Maier, 1992, S. 25f.
21 Loth, 2002, S. 140f.
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Die Teilung der Welt wurde zwar nicht als solche geplant, „aber sie ergab sich als Konsequenz der neuen Definition amerikanischer Sicherheitsinteressen.“ 22 Im State Department war man mehr und mehr davon überzeugt, dass die Teilung Europas eine unwiderrufliche Tatsache war. 23
Ein weiterer Schritt zur Verhärtung der Fronten zwischen Ost und West stellte die Zusammenlegung der amerikanischen und der britischen Besatzungszone zur Bizone dar, zu der es am 1. Januar 1947 kam. Diese Entscheidung bedeutete zweifellos eine tiefe Spaltung Deutschlands und ganz Europas. 24
Die deutlichste und von US-Seite aggressivste Maßnahme war die Kongress-Rede Trumans vom 12. März 1947, in der er die Eindämmungsstrategie als offizielle Politik der USA proklamierte (Truman-Doktrin). Dabei führte er aus, dass die USA für Demokratie und Freiheit stehen und die Sowjetunion - auch wenn sie nicht explizit erwähnt wurde - für Unterdrückung und Unfreiheit. Außerdem machte er das Angebot, die „freien Völker“ zu unterstützen, die sich der Unterwerfung durch bewaffnete Minderheiten oder dem Druck von außen widersetzten. 25 Es wurde also ganz klar eine außenpolitische Zielrichtung festgelegt.
Schon allein das Faktum, dass die Truman-Doktrin nur drei Monate vor dem Marshall-Plan verkündet wurde, lässt auf einen Zusammenhang der beiden amerikanischen Initiativen schließen.
Die amerikanische Eindämmungspolitik und die sowjetische Expansions- und Abschottungspolitik hatten also bis zur Entstehung des Marshall-Plans die tendenzielle Teilung der Welt in zwei konkurrierende Einflusssphären mit sich gebracht. Die Tatsache, dass dies der amerikanischen Seite sehr wohl bewusst war, deutet darauf hin, dass die USA mit dem ERP den eigenen Machtbereich zu festigen bzw. auszubauen gedachten, um so gleichzeitig den sowjetischen einzudämmen. Dieses Hauptziel aber, die „Stabilisierung der vermeintlich von kommunistischer Expansion bedrohten Regionen“ 26 , wie Loth es formuliert, wurde bisher keineswegs erreicht. Dem stand vor allem die desolate wirtschaftliche Lage Europas entgegen. Die bisherigen US-Anleihen genügten nicht um eine Verbesserung herbeizuführen. Dem sollte der Marshall-Plan jetzt endgültig abhelfen.
22 Loth, 2002, S. 141.
23 Vgl. Maier, 1992, S. 38.
24 Vgl. Maier, 1992, S. 23.
25 Die Rede ist abgedruckt in Jones, Howard: „A new kind of war“. Americas Global Strategy and the Truman Doctrine in Greece, New York 1989, S. 237-242 (Appendix I).
26 Loth, 2002, S. 156.
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Benjamin von dem Berge, 2006, Der Marshall-Plan: Handlungsmotive der Vereinigten Staaten von Amerika, München, GRIN Verlag GmbH
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