"Oral History" - Theorie und Praxis
Die Kunst, die Erinnerung
erz ählen zu lassen und so wach zu halten
Gliederung
I. Einleitung: "Oral History" 1
II. Oral History als Methode in der Geschichtswissenschaft. 4
III. Oral History und Holocaust - Zu Wesen und Bedeutung der Interviews mit
Überlebenden. 7
1. Hauptaspekte und Stationen der Zeitzeugenbefragung bis zur Gegenwart. 7
2. Das Interview. 11
a) Die Beteiligten. 12
b) Die Vorgehensweise. 14
3. Spezifische Problempunkte 19
a) Trauma. 19
b) Subjektive Erinnerung und Rekonstruktion 22
IV. Schlussbetrachtung. 26
Literaturverzeichnis 29
I. Einleitung: "Oral History"
"Das jüdische Volk hat keine Rache genommen, denn das hätte bedeutet, alle Deutschen auszurotten und so wie die eigenen Mörder zu werden. Statt dessen hat es sich für das Erinnern entschieden, so widerstrebend und zögerlich es auch stattfinden mag. Dieses Sicherinnern ist das Sich-wieder-Einfinden in die eigenen Werte und stellt zugleich eine Form von Totengeleit für all die Ermordeten dar, die namenlos gestorben sind und keine Gräber haben."
1 Isidor J. Kaminer
Zu Beginn des neuen Jahrtausends, also über fünfzig Jahre nach dem in der Geschichte der Menschheit einzigartigen Versuch eines totalen Völkermordes, der, initiiert und unter Mithilfe von Teilen anderer europäischer Bevölkerungsgruppen und Individuen betrieben vom nationalsozialistischen Deutschland, zur systematischen Vernichtung von rund sechs Millionen europäischer Juden führte, ist der Holocaust bzw. die "Shoah" - so die hebräische Bezeichnung - zu einem festen Moment innerhalb des westlichen Bewusstseins geworden, dessen universale Aktualität mit dem Fortschreiten der Jahre eher noch zuzunehmen scheint. 2 Hierbei bleibt zu betonen, dass durch die große Produktivität der historischen Forschung und steigende Vielzahl der Veröffentlichungen in diesem Bereich zwar ein detaillierteres Wissen über die unter dem Begriff Holocaust zusammengefassten Ereignisse, aber dennoch kein eigentliches Verständnis dieser erlangt worden ist und wohl auch nicht erlangt werden kann. 3
1 Isidor J. Kaminer, Spätfolgen bei jüdischen KZ-Überlebenden, in: Dierk Juelich (Hg.), Geschichte
als Trauma (Festschrift für Hans Keilson zu seinem 80. Geburtstag), Frankfurt a.M. 1991, S.19-33,
S.22f. Kaminers Beitrag stellt eine überarbeitete Fassung des Sachverständigengutachtens anlässlich
der öffentlichen Anhörung in Bonn zur "Entschädigung von Opfern nationalsozialistischen Unrechts"
am 24.06.1987 dar.
2 Vgl. zu letzterem Aspekt das Beispiel Amerikas in: Peter Novick, The Holocaust in American Life,
Boston, New York 1999.
3 Saul Friedländers Bestandsaufnahme aus dem Jahre 1976 scheint an Gültigkeit nicht verloren zu
haben: "There is no clearer perspective today, no deeper comprehension than immediately after the
war. Indeed, we know that any attempt to assess the historical significance of the Holocaust means
trying to explain in a rational context events which cannot be encompassed in rational categories
alone, or described solely in the usual style of historical analysis." (Ders., Some Aspects of the
Historical Significance of the Holocaust, in: The Jerusalem Quarterly 1 (Fall 1976), S.36-59, S.36).
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Daneben ist auf die Bedeutung eines weiteren zeitspezifischen Aspekts hinzuweisen, den Norbert Frei in der kurzen Feststellung, "the contemporaries of National Socialism are gradually departing from the scene", zum Ausdruck bringt. 4 Mit dem Fortlauf der Zeit werden die Augenzeugen, seien es Täter, Opfer oder Zuschauer, die von ihrer persönlichen Erfahrung ausgehend von der Zeit der nationalsozialistischen Judenvernichtung berichten können, immer weniger und dem Prozess einer bisweilen allzu voreilig angemahnten Historisierung des Holocausts scheint die Bahn geebnet. 5 Gerade in Bezug auf die Überlebenden der Konzentrations- und Vernichtungslager, deren Stimmen nach 1945 oft lange nicht gehört wurden, wird die Dringlichkeit der Situation besonders deutlich. In ihrer Authentizität unentbehrliche Zeugnisse aus dem direkten Umfeld der Todesfabriken drohen unwiederbringlich verloren zu gehen.
Von diesem Befund ausgehend will die vorliegende Arbeit die Methode der sogenannten Oral History, also die Erschließung neuer historischer Quellen durch mündliche Befragung von Zeitzeugen, einer genaueren Betrachtung unterziehen. Im Mittelpunkt des Interesses soll hierbei ihre Anwendung auf den Themenkomplex des Holocausts stehen, zusätzlich eingeschränkt auf die Gruppe der jüdischen Opfer, die die gegen sie gerichtete Vernichtungsmaschinerie der Nazis überlebten. (Die Perspektive der Täter bzw. der problematische Umgang mit ihren Aussagen wird also ausgeklammert.)
Im voraus erscheint es als sinnvoll, sich in Kürze die Entwicklung und Position der Oral History, sowie ihre theoretischen Kernaspekte im Rahmen der allgemeinen Geschichtswissenschaft vor Augen zu führen (II). Im Anschluss sollen die entscheidenden Hauptcharakteristika und Stationen der Befragung von HolocaustÜberlebenden seit 1945 bis zur Gegenwart problemorientiert dargestellt werden (III.1).
4 Norbert Frei, Farewell to the Era of Contemporaries. National Socialism and its Historical
Examination en route into History, in: History & Memory 9, No. 1/2 (Fall 1997), S.59-79.
5 Zur Problematik einer solchen Historisierung vgl. Martin Broszat/ Saul Friedländer: A Controversy
about the Historicization of National Socialism, in: Yad Vashem Studies 19 (1988), S.1-47.
- 2 -
Einer ausführlichen Auseinandersetzung mit der eigentlichen Befragung, dem Interview, welche das Augenmerk sowohl auf die Beteiligten als auch auf die Vorgehensweise zu richten hat (III.2), folgt die Erörterung von spezifischen Problempunkten und Merkmalen, die eine Evaluierung von Oral History in Anwendung auf die Überlebenden berücksichtigen muss (III.3).
Den Hintergrund zu dieser Arbeit bildet meine Zeit als Mitarbeiter des Yad Vashem Historikers Gideon Greif im Rahmen des Forschungsprojekts „Die Geschichte des Sonderkommandos in Auschwitz-Birkenau 1940-1945“ 6 in den Jahren 1999 und 2000. Gideon Greif verdanke ich auch viele wertvolle Literaturhinweise, Literaturauszüge und Tipps für diese Arbeit.
Im Rahmen des Forschungsprojekt „Die Geschichte des Sonderkommandos in Auschwitz-Birkenau 1940-1945“ wurden mit ehemaligen Häftlingen Interviews geführt, die teilweise erstmals über ihre Erfahrungen von der Arbeit in dem Kommando berichteten, 7 dessen Erfindung und Aufstellung Primo Levi als das "dämonischste Verbrechen des Nationalsozialismus" bezeichnete. 8 Auf diese Befragungen wird im Hauptteil stellenweise beispielhaft eingegangen.
Im Jahr 2000 verlor David Irving in London den von ihm angestrengten Prozess gegen die amerikanische Historikerin Deborah E. Lipstadt, mit welchem er gegen die von ihm als solche empfundene Verleumdung durch Lipstadt, die ihn - aufgrund von expliziten Äußerungen seinerseits - innerhalb ihres Buches "Denying the Holocaust" als Holocaust-Leugner bezeichnet hatte, 9 vorgehen wollte.
6 Zu meinen Tätigkeiten gehörte eine Vielzahl von Aufgaben, wie die Korrektur von
Manuskripten für ein neues historisches Buch über das Sonderkommando in Auschwitz-
Birkenau, Texte von Vorträgen, Quellenstudium relevanter historischer Materialien,
Korrespondenz mit Institutionen und Wissenschaftlern auf der ganzen Welt,
photographische Dokumentation und Filmaufzeichnungen von Shoah-Überlebenden.
Auch begleitete ich Gideon Greif auf einige internationale Interview-Reisen - nach
Kanada, Deutschland, Polen und die Vereinigten Staaten von Amerika - um auch im
Ausland bei Interview-Sitzungen zu assistieren.
7 Die Häftlinge wurden gezwungen, im Bereich der Gaskammern und Verbrennungsöfen
verschiedene Aufgaben zu übernehmen und somit als Juden aktiv an der Vernichtung anderer Juden
mitzuwirken. Eine Auswahl von sechs der Interviews findet sich in: Gideon Greif, "Wir weinten
tränenlos..." Augenzeugenberichte des jüdischen "Sonderkommandos" in Auschwitz, Frankfurt a.M.
1999.
8 Primo Levi, Die Untergegangenen und die Geretteten, München 1993, S.52.
9 Dt.: Deborah E. Lipstadt, Betrifft: Leugnen des Holocaust, Zürich 1994.
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Dass die Augenzeugenberichte der ehemaligen Sonderkommando-Angehörigen als Belege für die Verteidigung dienten, 10 die in die Rolle gedrängt wurde, die nationalsozialistische Judenvernichtung beweisen zu müssen, unterstreicht die Bedeutung der Zeugnisse von Überlebenden gerade auch angesichts stärker werdender revisionistischer und neonazistischer Tendenzen.
II. Oral History als Methode in der Geschichtswissenschaft
Wie Herwart Vorländer zurecht bemerkt, hat es "mündliche Geschichtsüberlieferung und mündliche Zeugenbefragung über geschichtliche Sachverhalte (...) gegeben, seit Menschen sich für ihre Vergangenheit interessieren." 11 Dennoch ist die konkret formulierte Praxis der Oral History 12 gerade innerhalb der deutschen Geschichtswissenschaft ein relativ neues und schon deswegen kontroverses Phänomen. 13 Begründet in den Vereinigten Staaten, fand die Oral History bzw. "mündlich erfragte Geschichte" -so eine der umstrittenen
Übersetzungsmöglichkeiten 14 - in Deutschland erst Ende der siebziger Jahre Beachtung 15 und wurde in der Folgezeit zum "methodologischen Zugpferd der Sozial-, Alltags- und Regionalgeschichtsforschung". 16
10 Vgl. hierzu: Thorsten Schmitz, Zeugen, die aus der Hölle kommen. Wovon die Rede ist, wenn
David Irving in seinem Londoner Prozess die Judenvernichtung bestreitet, in: Süddeutsche Zeitung,
02.03.2000, S.3.
11 Herwart Vorländer (Hg.), Oral History. Mündlich erfragte Geschichte, Göttingen 1990, S.5.
12 Siehe zur Einführung: Paul Thompson, The Voice of the Past. Oral History, Oxford, London, New
York 1978; Gideon Greif hat mich in diesem Zusammenhang auch auf folgende Publikation
hingewiesen: Lutz Niethammer (Hg.), Lebenserfahrung und kollektives Gedächtnis. Die Praxis der
"Oral History", Frankfurt a.M. 1985.
13 Zur speziellen Situation in Deutschland vgl. neben Vorländer: Alexander von Plato, Oral History
als Erfahrungswissenschaft. Zum Stand der "mündlichen Geschichte" in Deutschland, in: Bios 4
(1991), Heft 1, S.97-119; Ulrike Jureit, Erinnerungsmuster. Zur Methodik lebensgeschichtlicher
Interviews mit Überlebenden der Konzentrations- und Vernichtungslager, Hamburg 1999, S.19-42;
14 Vorländer betont, dass "Oral History" im Deutschen einen Verlegenheitsbegriff darstellt,
Übersetzungen wie "mündliche Geschichte" oder "erinnerte Geschichte" (Steinbach) allerdings
unzulänglich sind: "Einen Begriff, der zum Beispiel über den Prozeß des Erinnerns und die äußere
Form der Mündlichkeit der Weitergabe hinaus auch das wichtige (...) mäeutische Element der Oral
History mit einschließt (...), habe ich bisher nirgends gefunden." (Herwart Vorländer, Mündliches
Erfragen von Geschichte, in: Ders., Oral History Anm.16, S.7-28, S.7f.).
15 Dies ist vor allem auf folgenden Aufsatz Lutz Niethammers zurückzuführen: Ders., Oral History in
USA. Zur Entwicklung und Problematik diachroner Befragungen, in: Archiv für Sozialgeschichte 18
(1978), S.457-501.
16 Steinbach, Sozialgeschichte, Arbeitergeschichte, erinnerte Geschichte, S.542f.
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Die hiermit verbundene, oft geradezu als selbstverständlich angenommene Anbindung an eine alltagsbezogene "Geschichte von unten" im Sinne der Devise: "Eine demokratische Zukunft bedarf einer Vergangenheit, in der nicht nur die oberen hörbar sind" , 17 bringt dabei jedoch die Gefahr mit sich, den Blick auf die Vielfalt der Anwendungsmöglichkeiten der Oral History zu verdecken.
In Israel hingegen konnte sie sich aus einer Reihe von Gründen, die aus der spezifischen Geschichte des jüdischen Volkes herzuleiten sind, 18 schon eher und, vor allem, was den Bereich der Zeitgeschichte angeht, freier etablieren. 19
Zwecks einer allgemein gehaltenen Abgrenzung der Oral History von anderen Forschungstechniken der Geschichtswissenschaft ist vor allem auf drei für sie wesentliche Charakteristika hinzuweisen, an denen auch gleichzeitig schon eventuelle Problempunkte erkennbar werden können:
1. Ihre Entstehung und auch ihre universale Anwendbarkeit verdankt die Oral History unmittelbar dem technischen Fortschritt, genauer gesagt der Entwicklung des Tonbandgerätes, das als "zweifellos aufwendigste und auffälligste Gangart geschichtswissenschaftlicher Heuristik" 20 auch heute noch das weitverbreitetste Instrumentarium auf diesem Felde darstellt.
17 Niethammer, Lebenserfahrung und kollektives Gedächtnis, S.7.
18 Hierzu: Niethammer, Oral History in USA, S.460: "Zeitgeschichte wurde hier mit einem ähnlichen
Schub sozio-politischen Interesses etabliert wie im Nachkriegsdeutschland, aber mit anderem
Wertakzent und einer anderen Quellenlage. Das Opfer ist glaubwürdiger als der Täter, und es hat auch
ein größeres Mitteilungsbedürfnis als dieser. Insofern waren hier Interviews leichter zu bekommen
und begegneten geringerer Skepsis. Die nationale Überlieferung war nicht staatlich verfasst, sondern
von vornherein Kultur- und Sozialgeschichte: Vielfach waren ihre autochthonen Quellen zerstört, die
mündlichen Traditionen unterbrochen und wesentliche geschichtliche Erfahrungen unter dem Mantel
des Geheimnisses gemacht worden. Die verbliebenen Zeugen zum Reden oder Schreiben zu bringen,
musste insofern als ein vordringliches Bedürfnis nationaler zeitgeschichtlicher Forschung erscheinen."
19 Niethammer verweist auf die Hebräische Universität und die nationale Gedenk- und
Forschungsstätte Yad Vashem in Jerusalem mit ihren "umfängliche(n) Befragungsprojekte(n) zur
Geschichte der jüdischen Gemeinschaften in aller Welt, zur Erfahrung der Verfolgung und Ausrottung
der Juden im Zweiten Weltkrieg und zur Vor- und Frühgeschichte des Staates Israel". (Niethammer,
Oral History in USA, S.460); siehe auch: Paul Thompson, Oral History in Israel, in: Oral History 5,
1977, Nr.1, S.35-39; K.Y. Ball-Kaduri, Evidence of Witnesses, its Value and Limitations, in: Yad
Vashem Studies 3 (1959), S.79-90.
20 Steinbach, Sozialgeschichte, Arbeitergeschichte, erinnerte Geschichte, S.543.
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Zunehmend findet allerdings die Videoaufzeichnung, mit der eine noch anschaulichere Erfassung des Befragungsvorgangs möglich zu sein scheint, Verwendung. Dadurch, dass der Historiker das Interview mit dem bzw. den Zeitzeugen aufzeichnet und somit für die Zukunft festhält, wirkt er "selbst an der Produktion von Quellen mit". 21 Die Quelle, in ihrer Gesamtheit bestehend aus Interviewprotokoll, Transkription und Tonband- bzw. Videoaufzeichnung, 22 wird in diesem Fall also nicht nur gefunden, sondern auch erst geschaffen, die Geschichte, die zu analysieren ist, erstmals in eine festere Form gegossen.
2. Der notwendigerweise diachrone Charakter der Interviews bringt es mit sich, dass die jeweilige Geschichte des Befragten nicht nur eine mündlich erfragte, sondern vor allem eine erinnerte ist. 23 Somit muss man neben der physischen Bedingtheit des individuellen Gedächtnisses als Kollektions- und Selektionsinstanz für Erinnerung gerade auch seine soziale Bedingtheit in Rechnung stellen, seine Kopplung an das "kollektive Gedächtnis" (Halbwachs). 24 Diese ist - stark vereinfacht - mit den Worten Jan Assmanns so zu verstehen, dass "das individuelle Gedächtnis (...) sich in einer bestimmten Person kraft ihrer Teilnahme an kommunikativen Prozessen auf(baut)". 25
3. Eng verbunden mit dem Aspekt der Erinnerung ist als weiteres, in seiner Bedeutung nicht zu unterschätzendes Kennzeichen der Oral History die persönliche Erfahrung zu nennen. Sie ist es, auf die der Zeitzeuge bei der Befragung zurückgreift, die er sich, vom Interviewer quasi animiert, in Erinnerung ruft; dass dies, wie zuvor festgestellt wurde, für gewöhnlich eingefasst im Rahmen des ihn
21 Niethammer, Oral History in USA, S.457.
22 Jureit, Erinnerungsmuster, S.31.
23 Steinbach bemerkt denn auch diesbezüglich: "In der Tat ist und bleibt Oral History eine Methode
und ist als heuristisches Instrument am besten übertragen mit "Mündliche Überlieferung", vom
Aussagewert her aber am sinnvollsten mit "Erinnerte Geschichte". Denn nicht nur fragen wir in jedem
historischen Interview nach der Erinnerung. Erinnerung ist das Grundelement unseres reflexiven
Umgangs mit geschichtlicher Erfahrung. Und jede Rekonstruktion von lebensgeschichtlichen
Erfahrungen wird durch den Filter Erinnerung und den Modus ihrer Überlieferung begrenzt."
(Sozialgeschichte, Alltagsgeschichte, erinnerte Geschichte , Anm.18, S.547).
24 Maurice Halbwachs, Das kollektive Gedächtnis, Frankfurt a. M 1985. Die Bedeutung von
Halbwachs' Ansatz, den er bereits 1925 in französischer Sprache darlegte, wird betont in: Jan
Assmann, Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen
Hochkulturen, 2. Aufl. TB, München 1999.
25 Assmann, Das kulturelle Gedächtnis, S.36f. Assmann betont, dass die Rede vom "kollektiven
Gedächtnis" nicht metaphorisch zu verstehen sei: "Zwar 'haben' Kollektive kein Gedächtnis, aber sie
bestimmen das Gedächtnis ihrer Glieder. Erinnerungen auch persönlichster Art entstehen nur durch
Kommunikation und Interaktion im Rahmen sozialer Gruppen." (Ebd., S.36).
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umgebenden Kollektivs geschieht, ändert nichts an der grundsätzlichen Subjektivität der ihm eigenen Erfahrung. So muss es der Oral History also - zumindest bis zu einem gewissen Maße - auch immer um die "'Verarbeitung' historischer Erlebnisse und Abläufe, um die Entwicklung von Konsens- und Dissenselementen einer Gesellschaft, auch um die Veränderungen von Selbstdeutungen von Menschen in der Geschichte oder gar prinzipiell um die Bedeutung des Subjekts in der Geschichte" gehen. 26
Die Hervorhebung der drei hier angeführten Charakteristika soll an dieser Stelle genügen, da auf einzelne Fragen und Problempunkte, vor allem die konkrete Vorgehensweise der Zeitzeugenbefragung 27 im Rahmen des Komplexes "Oral History und Holocaust" später im Text noch ausführlicher und themenbezogener eingegangen werden wird. Dem soll nun im folgenden ein Überblick über die bisherige Entwicklung der Befragung von Holocaust-Überlebenden seit 1945 vorangehen.
III. Oral History und Holocaust - Zu Wesen und Bedeutung der Interviews mit Überlebenden
1. Hauptaspekte und Stationen der Zeitzeugenbefragung bis zur Gegenwart Unmittelbar nach der Befreiung der Konzentrations- und Vernichtungslager wurden von Seiten der Alliierten erste Befragungen von Überlebenden durchgeführt, in erster Linie im Zusammenhang mit der Strafverfolgung der Täter. 28
26 Von Plato, Oral History als Erfahrungswissenschaft, S.98. Nach von Plato wäre es daher auch
generell sinnvoller, anstelle von 'Oral History' "von 'Erfahrungsgeschichte' oder
'Erfahrungswissenschaft' zu sprechen, weil diese Begriffe das Forschungsfeld und die dazugehörige
methodische Vielfalt aufzeigen und sich nicht von der einen darin notwendigen Quelle her definieren,
die für verschiedene Felder genutzt werden kann". (Ebd.).
27 Für allgemeine Richtlinien vgl.: Louis M. Starr, Oral History in den USA. Probleme und
Perspektiven, in: Niethammer, Lebenserfahrung und kollektives Gedächtnis, S.37-74, Anhang: Oral
History Association (S.71f.); Frieder Stöckle, Zum praktischen Umgang mit Oral History, in:
Vorländer, Oral History, S.131-158.
28 Ein erstes Beispiel von eigentlicher Oral History, David P. Boders Auswahl von sechs 1945 in
displaced persons camps auf Tonband aufgezeichneten Aussagen von Holocaust-Überlebenden, trägt
den bezeichnenden Titel: I didn't interview the dead, Urbana/ Illinois 1949.
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Dipl. Pol. Tobias Raschke, 2004, Oral History - Theorie und Praxis: Die Kunst, die Erinnerung erzählen zu lassen, München, GRIN Verlag GmbH
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