Bilingualismus
Anna Michna
,,So häufig gemischte Ehen auch vorkommen mögen, immer noch stellen sie im Vergleich zur homogamen Ehe eine Ausnahme dar."
,,Der Fremde beginnt, wenn mir meine Distanz zu Bewusstsein kommt und endet, wenn wir uns alle als Fremde erkennen, rebellierend gegen Bindungen und Gemeinschaften"
,,Jemanden zu entwurzeln ist das größte Verbrechen,
sich selbst zu entwurzelt ist die größte Errungenschaft"
,,Diese innere Aufteilung macht permanent Angst. Ich will doch hoffen, dass ,,ich" etwas Einheitliches ist. Natürlich kann man es immer Stückchenweise analysieren. Aber das, was ich ,,ich" nenne, ist etwas zutiefst Einheitliches, das alles andere beherrscht. Erzählen Sie mir, was Sie wollen, über all diese Ich-Stückchen, es interessiert mich wenig - was ich ,,ich" nenne, ist das, was sie vereint. Führt nicht in der Gesellschaft wie beim Individuum dieses Auseinanderfalten zum Rassismus? Diese Art Aufteilung, bei der es einem nicht gelingt, alles zu integrieren? Ich existiere, wenn es mir gelingt, alles zu integrieren, was in mir ist, einschließlich dessen, was mir nicht gefällt. Macht nichts. Ich finde mich ab damit; ich konstituiere mich, indem ich sage: Alle Teilaspekte, das bin in Wirklichkeit nicht ich. Auch sie alle zusammenaddiert bin nicht ich. Die Fähigkeit, sie zu integrieren, das bin ich. Eine Nation ist eben auch die Fähigkeit, das Ganze zu integrieren. Und sie zerfällt, wenn sie Stücke ihrer selbst abstößt."
,,Die Menschen brauchen so sehr irgendein ,,Ausland", um sich über den Gegensatz zu ihm definieren zu können."
,,Die Zweisprachigkeit ist es, über die sich die Vorstellung vom Bikulturellen polarisiert."
Inhaltsübersicht
I. Identität
II. Probleme der Zweisprachigkeit -
am Beispiel der ,,gemischten" Ehe"
1. Verschiedene Definitionen der ,,gemischten" Ehe
2. Die deutsch - französische Ehe
3. Bedeutet die Sprache (oder Zweisprachigkeit) gleichzeitig eine bestimmte Kultur?
4. Das bikulturelle/zweisprachige Kind
5. Familiale Sprachpolitik
6. Sprachen und Identitäten
III. Verschiedene Formen des Bilingualismus
1. Equilingualismus
2. Bilingualismus
3. Semilingualismus
4. Sechs Grundgrößen des Spracherwerbs
IV. Abschlussdiskussion
Literatur
Begriffe wie ,,bikulturell", ,,binational", ,,zweisprachig" oder ,,verpflanzt" gehören in der heutigen Gesellschaft zum Alltag. Beinahe jeder Mensch beherrscht zwei, wenn nicht mehrere Sprachen, ist mit anderen Kulturen vertraut. Europa vereinigt sich, immer mehr Grenzen fallen, der Umgang mit anderen Bräuchen, Sitten und Mentalitäten stehen auf der Tagesordnung. Jeder vernünftige Mensch empfindet all dies als bereichernd und vorteilhaft, nicht zuletzt, weil es von der Arbeitswelt gefordert wird. Doch ist es nicht nur eine wunderbare Theorie? Warum weckt dann die Situation einer ,,gemischten" Ehe oder eine Familie, in der Kinder von klein auf mehrere Sprache sprechen, solch eine Neugier in den Menschen? Warum wird es sogar als anormal empfunden? Es ist in der Tat schwierig zu sagen, warum man es theoretisch als die Alltagsrealität akzeptiert, sobald man jedoch in der Praxis damit konfrontiert wird, zu einer anormalen Ausnahme macht.
Des Versuches Willen, diese Fragen jedoch trotzdem zu beantworten, soll geforscht und das Objekt des regen Interesses untersucht werden. Die Zweisprachigkeit und ihre angebliche Seltsamkeit sollen auf den folgenden Seiten genauer betrachtet werden.
An dieser Stelle ist es aber notwendig sich noch eine wesentliche Frage zu stellen. Sie zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Thema hindurch, sie leitet den Forscher, fordert es, beantwortet zu werden. Es ist die Überlegung, ob eine bestimmte Sprache, gleichzeitig bzw. automatisch eine bestimmte Kultur, gar eine bestimmte Identität nach sich zieht.
So soll als Erstes die gemischte Ehe betrachtet werden, als die Bühne, auf der sich das Wesen der Zweisprachigkeit abspielt. Das Phänomen der Zweisprachigkeit ist nur schwer zu erfassen aber gerade das Beispiel der gemischten Ehe bietet die Möglichkeit, es aus verschiedenen Blickwinkeln zu sehen und unter unterschiedlichen Aspekten zu analysieren.
Vor dem Einstieg in das Thema und die Problematik der Zweisprachigkeit am Beispiel der gemischten Ehe bedarf es jedoch noch eines wichtigen Schrittes, um Missverständnisse zu klären aber auch um gleichzeitig mit dem Thema verbundene Widersprüche und Konflikte aufzuzeigen, nämlich der genauen Definition des Begriffes ,,gemischte Ehe".
Doch schon bei diesem Vorhaben stößt man auf große Schwierigkeiten. Die Definitionen sind sehr ungenau. Warum sie jedoch so ungenau sind, soll sich aus den folgenden Definitionen ergeben. Diese sind nur Paradebeispiele, jedoch noch lange keine vollständige Liste aller existierenden Begriffsbestimmungen für ,,gemischte Ehe".
,,Gemischt" bedeutet allgemein ,,das Zusammentreffen von Dingen, die gewöhnlich für inkompatibel gehalten werden" (Varro/Gebauer 1997 : 28) oder etwas milder ausgedrückt bedeutet es, dass sich etwas aus verschiedenartigen Bestandteilen zusammensetzt. ,,Gemischt" steht ebenfalls für die Mischung der Gattungen oder speziell auf die Ehe bezogen für die gleichzeitige Anwesenheit beider Geschlechter. Somit wäre aber doch jede Ehe gemischt, es wäre also ,,normal" und nicht mehr als störend und diskussionsbedürftig empfunden.
Da erkennt man ganz deutlich die Problematik. Das Wort ,,gemischt" ist zu relativ, ,,mehrdeutig und paradox". (Varro/Gebauer 1997 : 27) Diese Behauptung soll an einem Beispiel verdeutlicht werden.
Ein serbo-kroatisches Paar wäre in Frankreich allgemein als homogam bezeichnet. Die Franzosen würden kaum einen Unterschied machen. Für sie wäre klar, es ist ein jugoslawisches Paar. Anders in den Ursprungsländern dieser Eheleute. In ihrem Vaterland wäre ihre Beziehung als streng - heterogam angesehen.
[...]
Arbeit zitieren:
Anna Michna, 2001, Bilingualismus, München, GRIN Verlag GmbH
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