Gliederung
Einleitung. 1
1. Grundlagen seiner Friedensstrategie. 2
1.1 Persönlicher Hintergrund. 2
1.2 Staatssekretär und Minister des Äußeren. 4
1.3 Vorbereitungen in Berlin. 5
2. Anfangszeit bis zum 7. Mai 1919. 8
2.1 Deutsche Delegation in Versailles. 8
2.2 Gegenrede des Außenministers. 11
3. „Gegenspieler“ des Außenministers. 13
3.1 Auseinandersetzungen zwischen Erzberger und Rantzau. 13
3.2 Kluft zwischen Kabinett und Delegation. 14
4. „Notenkrieg“ bis zum 16. Juni 1919 und Abreise. 16
4.1 Kriegsschuldfrage im „Notenkrieg“ 16
4.2 Verhandlungen in Weimar. 19
Schlussbetrachtung. 20
Zeittafel. 22
Literaturverzeichnis 25
1
Einleitung
Ulrich Graf von Brockdorff-Rantzau ist ein Name, dem in der Geschichtswissenschaft in den seltensten Fällen große Beachtung geschenkt wird und das obwohl er als erster deutscher Außenminister eines republikanischen Deutschlands vor der schwierigen Aufgabe stand, in den Friedensverhandlungen größtmöglichen Schaden für sein Land abzuwenden. Dabei trug er die politische Verantwortung für eine der heikelsten und folgenreichsten Fragen seiner Zeit - der Kriegsschuldfrage. Auch wenn er die fachlichen Voraussetzungen für diese Aufgabe erfüllte wie kein Zweiter, kristallisierte sich doch im weiteren Verlauf der Friedensverhandlungen ein persönliches Profil des Vorzeige-Aristokraten heraus, das ihn in Konflikt mit den alliierten Gesprächspartnern brachte und auch innerdeutsche Widerstände provozieren musste. In seinem widersprüchlichen Wesen mischten sich traditionell aristokratische Elemente der Ehre und Würde mit einer vernunftgebundenen, durchdachten Sicht der Dinge. Dies sollte einerseits der Grund für den raschen Aufstieg des Karrierediplomaten sein, ließ ihn aber andererseits auch zu einer tragischen Figur seiner Zeit werden. Ausgerechnet er, der dem sterbenden wilhelminischen Deutschland seinen Aufstieg verdankte, wollte helfen, der jungen Republik „im Unglück seine innere Größe und Würde [zu] bewahren“ 1 . An der Aufrichtigkeit dieses Vorsatzes ließ er seine gesamte politische Laufbahn keinen Zweifel aufkommen. Er war fest entschlossen, eine Schuldzuweisung der alliierten Siegermächte auch über Hindernisse hinweg abzulehnen und einer „neuen alten“ deutschen Großmacht den Weg zu bereiten. Wieso vermochte aber Brockdorff-Rantzau bei aller analytischen Begabung die Folgen seiner unnachgiebigen Politik nicht abzuschätzen? War er tatsächlich davon überzeugt, dass seine harte Haltung gegenüber der Entente sich durchsetzen würde? Der Beantwortung auf die Fragen soll in der vorliegenden Arbeit nachgegangen werden.
Eine Schwierigkeit im Quellenstudium stellten die vielen Akten in den Archiven des Auswärtigen Amts und des Bundesarchivs in Koblenz dar, die bei Analyse der Fragestellung dem Autor nicht zugänglich waren. Zahlreiche Quellenangaben mussten daher aus der Sekundärliteratur entnommen werden. Das Leben und Wirken Brockdorff-Rantzaus ist in der Literatur zufrieden stellend nachgegangenen worden, wenn auch hier Nachholbedarf bestünde.
1 Programmatische Erklärung zum Amtsantritt als Staatsekretär am 2. Januar 1919. Brockdorff- Rantzau, Ulrich Graf von: Dokumente und Gedanken um Versailles, Berlin 1925, S. 17.
2
1. Grundlagen seiner Friedensstrategie
1.1 Persönliche Hintergründe
Die Person des Ulrich Graf von Brockdorff-Rantzau war bereits für damalige Verhältnisse ein polarisierender Charakter, der es verstand seine Umgebung in zwei Lager zu spalten - in das der Bewunderer, ob seines scharfen Verstandes und gesellschaftlichen Charmes und in das der erbitterten Feinde, die sein mangelndes Einfühlungsvermögen beklagten. Welcher Seite man auch zuneigte, es blieb stets ein Rest von Faszination über sein schillerndes Wesen übrig. Er vereinte als erster deutscher Außenminister der Weimarer Republik sowohl das alte preußischaristokratische Standesdenken, als auch ein (wenn auch) utilitaristisches Bekenntnis zur neuen Republik in sich. Dies brachte ihm posthum den Titel eines „Wanderers zwischen zwei Welten“ 2 ein.
In der „ersten Welt“ bekam er seinen unverwechselbaren Stempel aufgedrückt. Graf Brockdorff-Rantzau ist der Spross eines alten holsteinischen Adelsgeschlechts. Die in seinem Namen vereinten Geschlechter zählen beide zum bedeutenden Hochadel, der nicht nur im deutsch-dänischen Grenzgebiet, sondern auch weit über die Landesgrenzen Ansehen und Einfluss genoss. Seinem Stand entsprechend, genoss er eine vorzügliche akademische Ausbildung in Neuchâtel, Freiburg, Berlin und Leipzig, die er mit Promotion und Bravour abschloss. 3 Der in adligen Kreisen übliche Dienst beim Militär war von eher mäßigem Erfolg gekrönt. Aus seiner adligen Herkunft machte Brockdorff-Rantzau nie einen Hehl, er verkörperte vielmehr „die Wesensprägung des stolzen Aristokraten sans phrase“ 4 , den perfekten Aristokraten, und richtete danach auch sein gesamtes berufliches Umfeld darauf aus. Sein aristokratisches Prestigedenken fügte sich problemlos in die damalige deutsche Diplomatie, die traditionell eine Domäne des Adels war. Es war vor diesem Hintergrund somit nichts Außergewöhnliches im diplomatischen Korps, dass Brockdorff-Rantzau sein ganzes politisches Streben darauf ausrichtete, die nationale Ehre und Würde Deutschlands zu erhalten. 5 Ein Umstand, der besonders bei den Friedensverhandlungen in Versailles und der dabei anhängigen Frage nach der
2 Der damalige Außenminister Gustav Stresemann verlieh ihm diese Bezeichnung in seiner Trauerrede. Die 1929, ein Jahr nach seinem Tode, erschiene Biographie führte anschließend diese Bezeichnung als Titel. Siehe dazu: Stern-Rubarth, Edgar: Graf Brockdorff-Rantzau, Wanderer zwischen zwei Welten, Herford/Bonn 1968.
3 Vgl. Stern-Rubarth (1968), S. 21.
4 Schulz, Gerhard: Revolutionen und Friedensschlüsse 1917-1920, dtv-Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, Bd. 2, München 1969, S. 213.
5 Vgl. Scheidemann, Christiane: Ulrich Graf Brockdorff-Rantzau (1869-1928). Eine politische Biographie, Frankfurt am Main/u.a. 1998, S. 29.
3
deutschen Kriegsschuld zum Tragen kommen sollte. Eigenartigerweise galt dies aber nicht für sein persönliches Umfeld, das gering an der Zahl war und aus Kontakten zu nichtadligen Personen bestand. Im besonderen schätzte er es sich mit ihm untergebenen Menschen zu umgeben, vornehmlich jüdische Kaufleute, Intellektuelle und Bankiers. 6 Ein Biograph beschrieb diese gegensätzliche persönliche Grundhaltung mit den Worten: „Bei aller Aufgeschlossenheit für das Neue hat er sich immer auch als den Erben einer großen Tradition betrachtet.“ 7 In der „zweiten republikanischen Welt“, der des post-wilhelminischen Deutschlands, kam die aristokratische Persönlichkeit des Grafen aufgrund des gesellschaftlichen Umbruchs durch die Kriegsniederlage noch stärker zum Vorschein. Sein Charakter prägte auch sein politisches Auftreten. Zu seinen eher negativen Charaktereigenschaften zählte man seine Reizbarkeit, ein überempfindliches Ehrgefühl und ein enormes Geltungsbedürfnis. 8 Ein Zeitzeuge fand zwar wohlwollende Worte über ihn zu sagen, erkannte aber auch darin ein tragisches Wesen:
„Nicht nur Ehrgeiz - den er unzweifelhaft besaß -, sondern auch ein eingewurzeltes Gefühl , jene fast traumhafte Gewissheit des genialen Menschen, daß er zu Außergewöhnlichem erkoren ist, erfüllte ihn schon lange, bevor er die Berufung erhielt. [...] Und doch war seine Selbstbeherrschung, jenes schönste Geschenk eines alten Herrengeschlechts, so stark, daß nur die intimsten Freunde und Menschen , die ihn lange und genau beobachteten, die Risse spürten, die er hinter der kühlen Maske des Grandseigneurs und geschulten Diplomaten zu verbergen verstand.“ 9 Bei genauerer Betrachtung seiner Person fiel eben diese innere Zerrissenheit und die Diskrepanz zwischen seinen Erwartungen und der politischen Realität besonders auf. In einer umfassenden Biographie über ihn wird diese komplizierte Persönlichkeitsstruktur in dem treffenden Satz zusammengefasst: „Selbstbewusstsein bis in zur Selbstüberschätzung und sturem Eigensinn, große Opferbereitschaft, Verantwortungsbewußtsein und Pflichterfüllung, aber auch extreme Verletzbarkeit, permanentes Mißtrauen - Arroganz, aber auch demonstrative Liebenswürdigkeit, geistreicher Esprit in Geselligkeit wie der Hang zur Vereinsamung - all diese
6 Brockdorff-Rantzau war Mitbegründer des Demokratischen Klubs, einer Mittlerorganisation zwischen Deutscher Demokratischer Partei und Vertretern der Industrie und Banken. Vgl. Scheidemann: Brockdorff-Rantzau (1998), S. 407.
7 Vgl. Stern-Rubarth: Graf Brockdorff-Rantzau (1968), S. 17. Brockdorff-Rantzau betonte stets seine Abstammung aus dem Geschlecht der Rantzau. Bei Abkürzungen seines Namens wies er darauf hin, dass der Name unter Wegfall des Namens „Brockdorff“ genannt werden solle, da er ein Rantzau sei. Vgl. Scheidemann: Brockdorff-Rantzau (1998), S. 25, Anm. 32 und S. 34. Im weiteren Verlauf wird deshalb auf diese Bezeichnung für seine Person zurückgegriffen.
8 Vgl. Haupts, Leo: Ulrich Graf von Brockdorff-Rantzau, Diplomat und Minister in Kaiserreich und Republik, Göttingen/Zürich 1984, S. 8.
9 Kohl, Louis von: Ein deutscher Staatsmann. Persönliche Erinnerungen an Graf Brockdorff-Rantzau, in: Berliner Monatshefte, 16, 1938, S. 1070 und S. 1072.
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Wesenszüge waren kennzeichnend für die Person des Grafen.“ 10 Mit der Person Rantzaus stand somit eine der kompetentsten, aber auch gleichzeitig schwierigsten Diplomaten seiner Zeit der Aufgabe gegenüber, eine der heikelsten Fragen der deutschen Nachkriegsgeschichte zu erörtern - die Kriegsschuldfrage.
1.2 Staatssekretär und Minister des Auswärtigen
Bevor Rantzau als neuer Staatssekretär im Auswärtigen Amt am 18. Dezember 1918 ernannt wurde, verpasste er es nicht, sich nach harten Verhandlungen mit dem Rat der Volksbeauftragten die nötigen Freiräume für die Amtsführung zu sichern. Die Regierung Scheidemann kam seinen beiden Hauptforderungen nach. Er forderte „eine Mitarbeit auch bei der Lösung der inneren Fragen“, da seiner Einschätzung zufolge von entscheidender Bedeutung sei, dass „heute mehr als je der Erfolg in der auswärtigen Politik des Reiches abhängig von der innenpolitischen Entwicklung“ 11 sei. Desweiteren erbat er sich die Option, die Annahme des Friedensvertrages auch zu verweigern zu können: „Ich muss wissen, ob ich unter Umständen, das heißt, wenn die Friedensbedingungen, die uns die Feinde diktieren werden, so ausfallen, daß sie eine auch nur annähernd menschenwürdige Existenzmöglichkeit für das Volk ausschließen, ermächtigt wäre, meine Unterschrift zu verweigern; ... .“ 12 Diese Zusage der Regierung erwies sich für die kommenden Friedensverhandlungen und die bedeutende Frage der deutschen Kriegsschuld jedoch als fatal, da sie die Grundlage für die drohenden Kompetenzstreitigkeiten zwischen Außenminister und Regierung bereitete.
In seiner programmatischen Erklärung am 2. Januar 1919 zum Amtsantritt gab Rantzau deutlich zu verstehen, wie ein unter ihm ausgehandelter Frieden aussehen würde. Es war ihm wichtig zu betonen, dass ein ratifizierter Friede nur ein Rechtsfrieden sein könne, der dem deutschen Volk helfen solle „im Unglück seine innere Größe und Würde zu bewahren“ 13 . Dies traf mehrheitlich den Ton der politischen Führung, die bestrebt war das durch den Krieg beschädigte Ansehen Deutschlands dadurch wiederherzustellen, indem sie der Kriegsschuldfrage erhöhte Aufmerksamkeit widmete. 14
10 Scheidemann: Brockdorff-Rantzau (1998), S. 723f.
11 Brockdorff-Rantzau: Dokumente, (1925), S. 5.
12 Brockdorff-Rantzau: Dokumente (1925), S. 5.
13 Ebenda, S. 17.
14 Vgl. Krüger, Peter: Die Außenpolitik der Republik von Weimar, Darmstadt 1993, S. 61f. Jedoch versuchte die politische Führung der SPD einer offenen Debatte über die Kriegsschuldfrage auszuweichen, da man glaubte auf diese Weise von der Nation und der Partei Schaden abwenden zu können. Vgl. Niedhart, Gottfried, Die Außenpolitik der Weimarer Republik, München 1999, S. 6.
5
Anlässlich seiner Ansprache an die Vertreter der ausländischen Presse am 24. Januar 1919 nahm Rantzau explizit Bezug auf die Kriegsschuldfrage. Er griff Clemenceaus Äußerung, er sei ein Anhänger des alten Systems, auf und sprach eben jenem „fragwürdigen europäischen Gleichgewicht, das mehr als irgendeine Einzelperson die Schuld für das in den letzten vier Jahren vergossene Blut trägt“ 15 , die Hauptlast des Krieges zu. Schließlich sei von deutscher Seite der Vorschlag gemacht worden eine neutrale Kommission einzurichten, die zur „Aufdeckung der Schuld am Kriege“ 16 auf der Grundlage aller verfügbaren ausländischen Dokumenten beitragen solle. Rantzau entwickelte zwar den Gedanken einer unabhängigen Schlichtung weiter, indem er in einer Denkschrift vom 27. Januar 1919 eine „obligatorische Schiedsgerichtsbarkeit für alle internationalen Streitfragen“ 17 forderte; es erstaunt aber doch, dass er die Ausführungen über die Kriegsschuldfrage in seiner Antrittsrede als erster Außenminister äußerst kurz hielt und sich auf die Forderung nach einer internationalen Schiedsgerichtsbarkeit beschränkte. Rantzau machte in seiner Rede zwar ein Schuldeingeständnis für das Verhalten Deutschlands auf den Haager Friedenskonferenzen (1899 und 1907), dies „schließt aber keineswegs das Geständnis ein, daß das deutsche Volk im Sinne feindlicher Behauptungen allein den Weltkrieg verschuldet und daß es ihm mit der Barbarei geführt habe, die ihm ausschließlich zu eigen sei“ 18 . Dass er mit seinen Ansichten den Zeitgeist getroffen hat, kann angenommen werden, da die Rede eine positive Resonanz bis ins Lager der Sozialdemokraten und Demokraten erhielt. 19 In der Frage, inwieweit Deutschland eine teilweise oder sogar die alleinige Schuld am Krieg trug, konnte sich Rantzau nun einer breiten Mehrheit in Parlament und Regierung sicher sein. Seit seiner Ernennung zum Außenminister verdichteten sich jedoch die Anzeichen für ein Auseinanderdriften des Außenministers und der Mehrzahl seiner Kabinettskollegen.
1.3 Vorbereitungen in Berlin
Die Debatte um eine deutsche Kriegsschuld und ihre Erörterung auf der Friedenskonferenz wurde jäh durchschnitten von der britischen Note vom 7. März 1919, worin die von der deutschen Regierung am 29. November 1918 beantragte
15 Brockdorff-Rantzau: Dokumente (1925), S. 28.
16 Vgl. ebenda, S. 29.
17 Schwabe, Klaus: Quellen zum Friedensschluss von Versailles, Darmstadt 1997, S. 107.
18 Brockdorff-Rantzau: Dokumente (1925), S. 41.
19 Vgl. Scheidemann: Brockdorff-Rantzau (1998), S. 399.
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M.A. Frank Walzel, 2004, Die Anfänge deutscher Außenpolitik in der Weimarer Republik - Ulrich Graf von Brockdorff-Rantzau und der Streit um die deutsche Kriegsschuld in Versailles, München, GRIN Verlag GmbH
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