Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Importsubstitution durch Industrialisierung (ISI) 4
2.1. Theorie des ISI-Ansatzes 4
2.2. Anwendung von ISI in Lateinamerika 7
3. Theorie der exportorientierten Handelspolitik 10
3.1. Die neue Exportorientierung in Südostasien 11
4. Ergebnisse der lateinamerikanischen und asiatischen Handelsstrategien 15
4.1. Lateinamerika 15
4.2. Asien 17
5. ISI und Exportorientierung: zwei gegensätzliche Ansätze? 20
6. Fazit 21
A. Anhang 22
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1. Einleitung
Die Länder Südostasiens und Lateinamerikas haben sich seit Beginn der 60er Jahre von armen und isolierten Volkswirtschaften zu Akteuren auf dem Weltmarkt gewandelt und verfügen heute oftmals über ein Vielfaches ihres damaligen Wohlstands. Dennoch ist unter den Nationen die Bandbreite des inzwischen erlangten Reichtums und der Bedeutung von Exporten für die verschiedenen Volkswirtschaften groÿ. So verbindet man heute besonders Länder wie Südkorea und Taiwan mit dem Phänomen des exportierenden und stetig wachsenden Tigerstaates. Im Unterschied dazu konnten sich die Länder 1 (siehe hier-Lateinamerikas bisher nicht im selben Ausmaÿ als global player etablieren. zu auch Abbildung A.1 auf Seite 23) Diese Arbeit veranschaulicht die verschiedenen Handelsstrategien der Länder im südostasiatischen Raum und Lateinamerika, welche sich als bedeutende Determinanten des späteren Exporterfolges erwiesen haben. Auch das wirtschaftliche Wachstum der Länder hing entscheidend von den jeweils gewählten Strategien ab.
Dem chronologischen Ablauf entsprechend befasst sich die Arbeit auf Seite 4 zunächst mit dem Modell der Importsubstitution durch Industrialisierung (ISI), welches bis in die 60er Jahre in beiden Regionen Anwendung fand. Im Anschluss wird auf Seite 10 der nachfolgende asiatische Ansatz der Exportorientierung dargestellt. Zusammenfassend erfolgt auf Seite 15 eine Bewertung der zeitversetzten Handelspolitiken unter den Gesichtspunkten, wie ezient sie funktionierten und dabei die Faktoren Wohlstand und Exporte für die Länder der jeweiligen Region verbessern konnten. Ferner wird kurz auf das dritte Modell Lateinamerikas eingegangen, mit dem versucht wurde, an den Erfolg der asiatischen Exportförderung anzuknüpfen. Abschlieÿend wird auf Seite 20 der Fragestellung nachgegangen, inwiefern sich die Konzepte Importsubstitution und Exportorientierung unterscheiden, bzw. ob sie sich ergänzen.
1 Eine gute Vergleichsmöglichkeit bietet der Anteil der Exporte von Ländern aus den zwei Regionen am Welthandel: Südkorea (2,18 %), Taiwan (1,79 %), Brasilien (0,81 %). Mexiko (1,96 %) (Pocket World in Figures, 2004, S. 34)
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2. Importsubstitution durch
Industrialisierung (ISI)
Dieses Kapitel erläutert im ersten Abschnitt die theoretischen Fundamente des ISI-Ansatzes und erklärt, aus welchen Gründen lateinamerikanische Staaten hierin eine passende Antwort auf die aus ihrer Sicht unvorteilhafte wirtschaftliche Position der Entwicklungsländer gegenüber den Industriestaaten sahen. Der zweite Teil illustriert die Durchführung von ISI-orientierter Handelspolitik anhand des Beispiels einiger lateinamerikanischer Länder.
2.1. Theorie des ISI-Ansatzes
Importsubstitution war ein wichtiger Bestandteil der Auÿenhandelspolitik von vielen Entwicklungsländern in den 50er und zu Beginn der 60er Jahre. Motiviert wurde der Ansatz insbesondere durch die vorherrschende Handelsstruktur zwischen den Ländern der ersten und dritten Welt: Die Volkswirtschaften der Entwicklungsländer waren hauptsächlich auf die Produktion von Primärgütern konzentriert, welche im Anschluss 1 exportiert wurden. Die Herstellung von Industriegütern fand in den reichen Norden
praktisch nicht statt, wodurch Produkte dieser Art aus den Industrieländern importiert werden mussten. Besonders in Südamerika bewerteten Verfechter des ISI-Modells diesen Vorgang als unvorteilhaft für die lateinamerikanischen Volkswirtschaften. Sie lehnten somit die klassisch orientierte Denkweise ab, wonach Entwicklungsländer durch Spezialisierung auf Primärexporte, in denen sie komparative Vorteile besaÿen, als Exporteure vom Auÿenhandel protieren würden. (Narula, 2002, S. 7) Das Importsubstitutionsmo- 1 Zurvereinfachten Darstellung orientiert sich die Arbeit an der in der Literatur oft anzundenden NordSüd Aufteilung: Dementsprechend werden die reichen Industriestaaten Europas und die USA als den Norden bezeichnet, der Süden umfasst primär Lateinamerika
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2. Importsubstitution durch Industrialisierung (ISI)
dell basierte somit auf einem ausgeprägten Exportpessimismus (Krueger, 1997, S. 3) Die wichtigste theoretische Fundierung dieser Haltung erfolgte durch die Prebisch-Singer- 2 formulierteKonzept bezieht These. Dieses 1950 von Hans Singer und Raúl Prebisch
sich auf die Terms of Trade zwischen den Entwicklungs- und Industrieländern. Die Au-toren begründeten dabei ihre negative Einstellung gegenüber freiem Handel mit der systematischen Benachteiligung von Primärexporteuren gegenüber den Industriestaaten 3 (Waterbury, 1999, S. 331) So durch die sekuläre Verschlechterung der Terms of Trade. schreibt Hans Singer:
It is a matter of historical fact that ever since the [eighteen] seventies the trend of price has been heavily againt sellers of food and raw materials and in favor of the seller of manufactured articles (Lutz, 1999, S. 44)
Prebisch und Singer bedienten sich mehrerer Konzepte zur Erklärung der Terms of Trade Entwicklung: Prebisch führte Disparitäten in den Einkommenselastizitäten der Importnachfrage in Entwicklungs- und Industrieländern für seine Argumentation heran. (Prebisch, 1959, S. 252) (Siehe hierzu auch Grak A.2 auf Seite 23) Demnach war die Einkommenselastizität der Nachfrage für Primärgüter niedriger als für Industriegüter. Begründet wurde diese These mit dem Engelschen Gesetz, wonach mit steigendem Einkommen die Ausgaben für Nahrungsmittel relativ abnehmen. (Bruton, 1998, S. 905) Im Gegensatz dazu unterlag die Nachfrage nach Industriegütern einer hohen Einkommenselastizität, da in den Entwicklungsländern insbesondere Investitionsgüter 4 Zusätzlich unterhielten die Industrieländer für die Industrialisierung benötigt wurden.
eine protektionistische Handelspolitik, welche die Nachfrage nach Exporten aus den Entwicklungsländern beschränkte. (Waterbury, 1999, S. 331) Eine weitere Verschlechterung der Position von Primärexporteuren entstand durch die fortschreitende Substitution von Rohstoen durch synthetische Materialien. Das Nachfragewachstum nach Exporten aus den Entwicklungsländern wuchs bedingt durch diese Prozesse somit unterproportional
2 Raúl Prebisch (1901-1986) war ein argentinischer Entwicklungsökonom und bis 1962 Generalsekretär der CEPAL (Comisión Económica para América Latina y el Caribe). Neben dem ISI Modell ist er
auÿerdem verantwortlich für den Dependencia Ansatz und das Zentrum-Peripherie Modell 3 terms of trade: P
P ∗ ·E
4 Sei M ∗ die Importnachfrage für primäre Güter aus den Entwicklungsländern , M die Nachfrage nach Industriegütern aus dem Norden sowie Y das Einkommen der jeweiligen Volkswirtschaft dann gilt η M,Y > η M ∗ ,Y .
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2. Importsubstitution durch Industrialisierung (ISI)
zum weltweiten Wachstum.
Die Entwicklungsländer wurden des weiteren durch die Preissetzungsmechanismen im Norden und Süden benachteiligt. (Bruton, 1998, S. 905) So bewirkten Produktivitätssteigerungen in den Industrieländern keine Preissenkungen und somit auch keine Terms of Trade Verbesserung für die Entwicklungsländer. Stattdessen führten laut Prebisch die Macht der Gewerkschaft und die Monopolstruktur der Unternehmen in den Industrieländern sogar zu einem Anstieg der Preise für Industriegüter. In den Entwicklungsländern verursachten Produktivitätssteigerungen hingegen keine Preissteigerungen. Bedingt durch strukturelle Arbeitslosigkeit und schwache Gewerkschaften blieben die Löhne konstant. Zusätzlich unterlagen die Produkte der Entwicklungsländer einem groÿen Wettbewerbsdruck, der dafür sorgte, dass Kostensenkungen über die Preise an die Nachfrager weitergegeben wurden. Produktivitätsfortschritte der Entwicklungsländer übertrugen sich somit in Form von Einkommenstransfers an die Nachfrager, d.h. vornehmlich die Industrieländer.
Aus Sicht der Vordenker des ISI-Ansatzes ergab sich aus diesem Missstand für die Entwicklungsländer akuter Handlungsbedarf: Um wirtschaftlich zu expandieren und vom internationalen Handel zu protieren würden Entwicklungsländer zunächst eine autonome Strategie verfolgen müssen und eine eigene industrielle Basis benötigen. Nur so wäre es ihnen möglich, die Rolle des Primärexporteurs zu verlassen, der gleichzeitig seine Industrieprodukte importieren muss.
Der ISI-Ansatz besitzt hierfür eine Zwei-Säulen-Struktur, um an zwei Punkten in den wirtschaftlichen Ablauf einzugreifen: interventionistische Wirtschaftspolitik auf dem Heimatmarkt, sowie durchgreifende Regulierung des Auÿenhandels d.h. Protektionismus. (Waterbury, 1999, S. 332) Letzterer zielte darauf ab, neu aufgebaute Industrien anfänglich vor Importen aus den wesentlich produktiveren und somit relativ billigeren Industrieländern zu schützen und Leistungsbilanzdezits zu verhindern. Jegliche Importe von Industriegütern, die nicht als Kapitalgüter den Produktionsstock aufbauen konnten, sollten unterbunden werden. Der Idealfall gemäÿ ISI wäre es somit gewesen, sich nur zum Aufbau der industriellen Basis überhaupt dem Import von Industriegütern zu bedienen.
Diese starke Schutzbedürftigkeit der heimischen Industrie wurde mit dem von Frederick List verfassten infant-industry Argument begründet: Demnach hat ein neu aufgebau-
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2. Importsubstitution durch Industrialisierung (ISI)
ter Industriesektor anfänglich höhere Durchschnitts- und Grenzkosten als beispielsweise die etablierte Industrieproduktion im Norden, die bereits in ihrem Optimum produziert. Um jedoch den Bestand der Industrie zu sichern, bis auch diese in ihrem wettbewerbsfähigen Kostenminimum produzierte, waren besagte protektionistische Maÿnahmen seitens 5 (Krueger, 1997, S. 4), (Krueger, 1982, S. 1142) Die neuen Indusdes Staates erforderlich.
trien würden dann Güter produzieren, welche die bisherigen Importe aus dem Ausland substituieren, die sich wiederum durch protektionistische Maÿnahmen stark verteuert hatten. Die Hauptmotivation von ISI lag somit darin, die Preise der heimischen Produktion von den Weltmarktpreisen abzukoppeln, um somit einen Anreiz zu schaen, die Produktion auf den heimischen Markt auszurichten. (The Economist, 2001)
2.2. Anwendung von ISI in Lateinamerika
Wie bereits im vorherigen Abschnitt dargestellt, stellt ISI einen massiven Eingri des Staates in die wirtschaftlichen Abläufe und die Handelsbeziehungen eines Landes dar. Während eine Marktliberalisierung staatliche Eingrie abbaut basiert ISI auf stark ausgeprägten Einussmöglichkeiten. Diese Struktur ist somit im Einklang mit der eingangs vorgestellten Logik des Modells, dass ein uneingeschränktes Wirken von Marktkräften für Entwicklungsländer einen Nachteil bedeutet.
Der Aktionsrahmen von ISI-Politik konzentriert sich gemäÿ der oben aufgezeigten Zwei-Säulen Struktur auf auÿenwirtschaftliche und makroökonomische Variablen. Eine bedeutende Rolle kommt im Rahmen von ISI somit dem Wechselkurs zu: Bestandteil von Importsubstitution in jedem ausführenden Land war eine künstliche Überwertung der eignen Währung. Grundidee war es, hierdurch den Import von Gütern zur Kapital-formation zu erleichtern und somit Investitionen im Industriesektor anzuregen. (Bruton, 1998, S. 907) Krueger (1997, S. 6) verweist zusätzlich darauf, dass die Überbewertung der eigenen Währung neben der Subvention von Kapitalimporten auch eine Steuer auf 6 Chile, Argentinien und Uruguay unterhielten beispiels-Agrarexporte darstellen sollte.
5 Eine detailliertere Darstellung des infant-industry Arguments bendet sich in (Schafaeddin, 2000, S. 16 .)
6 Laut Bruton (1998, S. 913) trat in vielen Fällen gleichzeitig das sog. Dutch Disease auf: eine hohe
Nachfrage nach bestimmten Rohstoen der Entwicklungsländern verteuerte zusätzlich die Währung der Entwicklungsländer, wodurch sich der Export von anderen Produkten stark verteuerte und somit erschwert wurde.
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Arbeit zitieren:
Bachelor of Arts Nils-Hendrik Klann, 2006, Strategische Handelspolitik im Vergleich: Importsubstitution vs. Exportorientierung am Beispiel der asiatischen Tigerstaaten und Lateinamerika, München, GRIN Verlag GmbH
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