Inhaltsverzeichnis
Seite
I Einleitung 3
II Vergessen und Vorwelt 4
1. Die Vorwelt als Vergessenheit 4
2. Vergiß das Beste nicht 7
3. Die Form der Dinge in der Vergessenheit: Entstellung 8
III Eine kleine widersinnige Hoffnung 9
1. Die Angeklagten 10
2. Gehilfen Narren und Studenten 11
IV Das Dunkel ausbreiten 13
Literaturverzeichnis 14
2
I. Einleitung
Benjamin selbst bringt auf den Begriff, wonach er in seinem Essay Franz Kafka: Zur zehnten Wiederkehr seines Todestages von 1934 auf der Suche ist: Kafkas „Rätselfrage“ (II/2, 410). Er ist das im strengsten Sinne: Nicht auf der Suche nach Antworten, sondern auf der Suche noch nach der Frage, die darüber hinaus eher die Form eines Rätsels annimmt. Er ist sich wohl bewusst, dass Kafka „alle erdenklichen Vorkehrungen gegen die Auslegung seiner Texte getroffen“ (II/2, 422) hat, und so ist sein Essay viel eher der Versuch, „in ihrem Inneren sich vorwärts[zu]tasten“ (ebd.) denn eine „Interpretation“, weil er sich bewusst ist, dass „eine unmittelbare ‚Übersetzung’ der Kafkaschen Bilder in die Begrifflichkeiten bestehender philosophischer, psychologischer, sozio- logischer oder theologischer Denksysteme nicht möglich sein würde […].“ 1 Benjamin bewegt sich in „Kafkas Welt“ (II/2, 410), in die er sowohl Kafkas Texte als auch das Leben des Dichters ein- bezieht, beschaut die Gesten und Figuren der Texte, verbindet die Eindrücke seiner Kafka-Lektüre mit eigenen, vorher verfassten Texten. Eben darum ist Benjamins Essay „in einem ganz basal an- zusetzenden Sinne ‚schwierig’“ 2 . Es ist es darüber hinaus, weil Benjamin Adornos Forderungen an den Essayisten beinahe mustergültig entspricht: „Er fängt nicht mit Adam und Eva an sondern mit dem, worüber er reden will; er sagt, was ihm daran aufgeht, bricht ab, wo er selber am Ende sich fühlt und nicht dort, wo kein Rest mehr bliebe […].“ 3 Das Spannungsfeld, in dem sich der Kafka-Essay bewegt, ist eines, das Benjamins Denken allge- mein beherrscht und sich in den Personen, mit denen er Kontakt pflegt, widerspiegelt: Das Ver- hältnis von „historischem Materialismus“ einerseits und „Theologie“ andererseits. In der ersten These Über den Begriff der Geschichte entwirft er ein Bild, in dem die beiden Theorien zusam- menzudenken seien. (I/2, 693) Über den Kafka-Essay selbst legt er ein „Dossier von fremden Ein- reden und eigenen Reflexionen“ (BüK, 83) an, in dem sich die gegensätzlichen Stimmen Adornos, Brechts und Scholems wiederfinden dürften. Hans Mayers These, in der Auseinandersetzung um Benjamins Kafka-Auslegung entfalte sich eine „stellvertretende Auseinandersetzung in der deut- schen Exilierten-Literatur“ 4 ist sicher keine Übertreibung.
Benjamin selbst war sich der Schwierigkeit und Unsicherheit seines Vorhabens bewusst:
Ob ich den Bogen jemals so werde spannen können, daß der Pfeil abschnellt, ist natürlich dahingestellt. […] Warum, das deutet das Bild vom Bogen an: hier habe ich es mit zwei Enden zugleich zu tun, nämlich dem politischen und dem mystischen. (BüK, 82f.)
1 Bernd Müller: „Denn es ist noch nichts geschehen“. Walter Benjamins Kafka-Deutung. Köln, Weimar, Wien 1996: Böhlau. S. 4 2 Sven Kramer: Rätselfragen und wolkige Stellen: Zu Benjamins Kafka-Essay. Lüneburg 1991: zu Klampen. S. 7 3 Theodor W. Adorno: Der Essay als Form. In: ders.: Gesammelte Schriften, hg. von Rolf Tiedemann unter Mitwir- kung von Gretel Adorno, Susan Buck-Morss und Klaus Schultz. Frankfurt a.M. 1986: Suhrkamp. Bd. 11. S. 10 4 Hans Mayer: Walter Benjamin und Franz Kafka. Bericht über eine Konstellation. In: Literatur und Kritik 14,1979. S. 580
3
Die spezifische Form, wie Benjamin sich durch Kafkas Werk bewegt, seine Form des Essays und vor allem die Lage Benjamins zwischen den Lagern der „Politik“ und der „Mystik“, die „zwiefa- che Gretchenfrage“ 5 an Benjamin also, müssen bei einer näheren Beschäftigung mit seinem Kaf- ka-Essay mitgedacht werden. Hier können sie nur als einleitende Gedanken und kleine Ergänzun- gen berücksichtigt werden. Dazu zwingt zum einen der eng gesteckte Rahmen dieser Arbeit, zum anderen soll es hier in erster Linie um zwei zentrale Motive des Essays gehen: „Vergessen(heit)“ und „Hoffnung“. Die Formen, die sie in Benjamins Kafka annehmen, sollen zu klären versucht werden, und darüber hinaus sollen immer wieder Bezüge zu den von Benjamin zitierten und wei- teren Stellen in Kafkas Werk hergestellt werden.
II. Vergessen und Vorwelt
Nachdem Theodor W. Adorno Benjamin in einem Brief zum Kafka-Essay darauf hingewiesen hat, wie wichtig ihm das Motiv des Vergessens im Zusammenhang mit Kafka erscheint, dass es aber „eindeutiger und härter artikuliert werden könnte“ (II/2, 1178), notiert Benjamin in seinen Aufzeichnungen zur Revision des Essays: „Das Verhältnis von Vergessen und Erinnern ist in der Tat – wie Wiesengrund sagt – zentral und bedarf der Behandlung.“ (II/2, 1255) In dieser Arbeit soll zunächst versucht werden, die Kategorie des Vergessens, beziehungsweise ihr Korrelat, die Vergessenheit, näher zu bestimmen, da sie im Essay in der Tat nicht „eindeutig“ artikuliert sind. Die Unterscheidung in „Vergessen“, „Vergessenheit“ und das „Vergessene“ ist keine, die sich im Essay nicht schon darbietet. Benjamin verwendet alle drei Formen, wobei insbesondere Verges- senheit und das Vergessene nicht immer trennscharf voneinander zu scheiden sind. Auffällig ist die enge Verbindung, die die Rede von der „Vergessenheit“ mit einer anderen zentralen Bestim- mung des Essays, der „Vorwelt“, eingeht, weshalb sie hier auch zusammen untersucht werden sollen. Mit dem Vergessen geht wiederum die „Entstellung“ einher, die Benjamin bei einer Reihe kafkascher Figuren ausmacht – eine motivische Verknüpfung, der hier ebenfalls nachgegangen werden soll.
1. Die Vorwelt als Vergessenheit
Einen Einstieg in Benjamins Vorstellung von der Vorwelt findet man vielleicht am ehesten, wenn man sich folgende Stelle in seinen geschichtsphilosophischen Thesen ansieht:
Streift denn nicht uns selber ein Hauch der Luft, die um die Früheren gewesen ist? ist nicht in den Stimmen, denen wir unser Ohr schenken, ein Echo von nun verstummten? haben die Frauen, die wir umwerben, nicht Schwestern, die sie nicht mehr gekannt haben? Ist dem so, dann besteht eine geheime Verabredung zwischen den gewesenen Geschlechtern und unserem. (I/2, 693f.)
5 Irving Wohlfarth: Märchen für Dialektiker. Walter Benjamin und sein „bucklicht Männlein“. In: Doderer, Klaus [Hg.]: Walter Benjamin und die Kinderliteratur. Aspekte der Kinderkultur in den zwanziger Jahren. Weinheim und München 1988: Juventa. S. 121f.
4
Diese „geheime Verabredung“ will Benjamin auch in Kafkas Welt aufspüren. Aus dieser Be- stimmung ergibt sich, dass die „Verwendung des Wortes ‚Vergessen’ hier […] eine Form der Ge- genwärtigkeit zu beschreiben scheint.“ 6 Diese Gleichzeitigkeit ist es, die die Vorwelt zur Verges- senheit werden lässt. Wäre sie eine Vorwelt, die „in die Gegenwart nicht hineinragt“ (II/2, 428), so wäre sie im strikten Sinne eine Vor-Welt. Bei Kafka aber ragt, so Benjamin, eben die Vorwelt in die „Jetztzeit“ (I/2, 703) hinein, sie ist in ihr anwesend, aber sie ist (ähnlich wie bei Freud das Unbewusste 7 ) nicht gewusst anwesend, sondern vergessen aber wirksam: „,Vergessen’ ist in ei- nem weiten, gleichsam entleerten Sinne zu lesen. Es ist der Name für das Verhältnis, in dem die Menschen zur Vorgeschichte stehen; zu dem, was vor der Geschichte und vor ihrer Geschichte da ist, als immer schon Vorausgegangenes und beim Versuch seiner Vergegenwärtigung immer wie- der Entgleitendes.“ 8 Dieses Gefühl, darauf weist Bernd Witte hin, 9 muss Kafka genau gekannt haben. Er schreibt in einen Brief an Milena Jesenská:
[…] nichts ist mir geschenkt, alles muß erworben werden, nicht nur die Gegenwart und die Zukunft, auch noch die Vergangenheit, etwas, das doch jeder Mensch vielleicht mitbekommen hat, auch das muß erworben werden, das ist vielleicht die schwerste Arbeit, dreht sich die Erde nach rechts – ich weiß nicht, ob sie das tut – müßte ich mich nach links drehn, um die Vergangenheit nachzuholen. […]. Jeder Versuch, hier mit eige- nen Kräften durchkommen zu wollen, ist Irrsinn und wird mit Irrsinn gelohnt. 10
Wo nun aber ist diese Vorwelt im Werk Kafkas anwesend? Nach Benjamin sind es zuallererst die „Gewalthaber“, die der Vorwelt entstammen: Der Vater im Urteil, die Richter im Proceß, die Sekretäre im Schloß, der Türhüter in Vor dem Gesetz. (II/2, 410f.) „Vielleicht sind sie Nachkom- men der Atlanten, die die Weltkugel in ihrem Nacken tragen?“ (II/2, 410) Die Frage nach der Verbindung der Gewalthaber mit den Atlanten bei Kafka, darauf weist Bernd Müller in seiner präzisen Studie zu Benjamins Kafka-Deutung hin, „spielt an auf den Übergang des titanischen Weltalters zu dem des Zeus in der antiken Mythologie.“ 11 Hans Blumenberg zufolge charakteri-
6 Dagmar Deuring: „Vergiss das Beste nicht!“: Walter Benjamins Kafka-Essay: Lesen, Schreiben, Erfahren. Würz- burg 1994: Königshausen und Neumann. S. 11 7 In Freuds Bestimmung des Unbewussten ist die Rede von etwas, das, ohne bewusst zu sein, Gegenwart hat und jederzeit wirksam werden kann: „Eine Vorstellung – oder jedes andere psychische Element – kann jetzt in meinem Bewußtsein gegenwärtig sein und im nächsten Augenblick daraus verschwinden; sie kann nach einer Zwischenzeit ganz unverändert wiederum auftauchen […]. Um dieser Tatsache Rechnung zu tragen, sind wir zu der Annahme genötigt, daß die Vorstellung auch während der Zwischenzeit in unserem Geiste gegenwärtig sei, wenn sie auch im Bewußtsein latent blieb.“ (Sigmund Freud: Einige Bemerkungen über den Begriff des Unbewußten in der Psychoanalyse. In: Ders.: Studienausgabe, hg. von Alexander Mitscherlich u.a., Bd. 3: Psychologie des Unbewußten. Frankfurt a.M. 2000: Fischer. S. 29; Hervorhebungen dort) Diese Analogie bedarf jedoch einer Einschränkung, denn für Benjamin ist das „Vergessene […] niemals ein nur individuelles.“ (II/2, 430) Für ihn ist die Vorwelt kein indivi- duell Unbewusstes, sie ist vielmher ein „geschichtsphilosophische[r] Index“ (BüK, 78).
8 Alexander Honold: Der Leser Walter Benjamin: Bruchstücke einer deutschen Literaturgeschichte. Berlin 2000: Vorwerk 8. S. 297 9 Bernd Witte: „Hier wird viel geschrieben“: Kommentar zu einigen Passagen aus Kafkas Roman „Das Schloß“. In: Grozinger, Karl Erich, Mosès, Stéphane, Zimmermann, Hans Dieter [Hg.]: Franz Kafka und das Judentum. Frankfurt a. M. 1987: Jüdischer Verlag bei Athenäum. S. 243 10 Franz Kafka: Briefe an Milena, hg. und mit einem Nachwort versehen von Willy Haas. Frankfurt a.M. 1966: Fi- scher. S. 189 11 Bernd Müller: „Denn es ist noch nichts geschehen“. S. 12f.
5
Quote paper:
Roman Kuhn, 2006, "Wenn nur die Last vom Rücken genommen ist" - Zu den Motiven "Vergessenheit" und "Hoffnung" in Walter Benjamins Kafka-Essay, Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
Die Verwandlung als Wunscherfüllung und gleichzeitige Selbstbestrafung...
German Studies - Modern German Literature
Termpaper, 15 Pages
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Elaboration, 25 Pages
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Elaboration, 35 Pages
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Elaboration, 15 Pages
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Elaboration, 25 Pages
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Elaboration, 20 Pages
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Termpaper, 14 Pages
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Script, 46 Pages
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Presentations, Models, Tutorials, Instructions
Elaboration, 39 Pages
Roman Kuhn has published the text "Wenn nur die Last vom Rücken genommen ist" - Zu den Motiven "Vergessenheit" und "Hoffnung" in Walter Benjamins Kafka-Essay
Roman Kuhn has uploaded a new text
Origen de la Dialectica Negativa: Theodor W. Adorno, Walter Benjamin y...
Susan Buck-Morss, Nora Rabotnikof Maskivker
Walter Benjamin: Selected Writings: Part 2 1931-1934
Walter Benjamin, Michael William Jennings, Howard Eiland
0 comments