Inhalt und Struktur
Seite
1 E i n l e i t u n g 3
1 1 V o r g e h e n s w e i s e 4
1.2 Vorbemerkung zu den genutzten Quellen 5
2 Vorteile digitalen Fernsehens 6
2.1 Hintergrund 7
2.2 Quantitativer Programmzuwachs durch Datenreduktion 8
2.2.1 Optimale Ressourcenausnutzung 13
2.2.1.1 Kabelnetze (DVB-)C 14
2.2.1.2 Terrestrik (DVB-T) 15
2 2 2 „ E l e k t r o n i s c h e r K i o s k “ 1 7
2 2 3 N e a r - V i d e o - o n - D e m a n d 1 8
2 2 4 M u l t i - C h a n n e l i n g 1 8
2.3 Multimediale Zusatzdienste 19
2 3 1 E l e c t r o n i c P r o g r a m G u i d e 2 0
2.4 Individuelle Adressierbarkeit 21
2 5 I n t e r a k t i v i t ä t 2
2 5 1 H i n t e r g r u n d 2
2 5 2 D e f i n i t i o n 2 3
2.5.3 Einsatzmöglichkeiten 2 5
2 6 Z u s a m m e n f a s s u n g 2 7
3 Marktpenetration digitalen Fernsehens in Europa 28
4 Gründe für die bisher geringe Marktdurchdringung 30
4.1 Pay-TV-basierte Einführungsstrategie 30
4 1 1 H i n t e r g r u n d 3 0
4.1.2 Free-TV-Angebot in Deutschland 33
4.1.3 Generelle Gleichsetzung mit Pay-TV 37
4.1.3.1 Hintergrund 38
4.1.3.2 Konsequenz 39
4.2 Technische Standards 40
4 2 1 H i n t e r g r u n d 4 0
4 2 2 M i d d l e w a r e 4 2
4.2.2.1 Multimedia Home Platform 43
4.2.2.2 Konsequenz 47
4.2.3 Verschlüsselungssystem 48
4.2.3.1 Pay-TV-Verschlüsselung 48
4.2.3.2 Generelle Verschlüsselung 50
1
4.3 Medienpolitische Rahmenbedingungen 56
4.4 Digitales Angebot in Deutschland 63
4.5 Deutsche Technologiefeindlichkeit 74
4 . 6 Z u s a m m e n f a s s u n g 7 9 5 L ö s u n g s a n s ä t z e 83 5 . 1 P r e i s g ü n s t i g e r e H a r d w a r e 8 4 5.2 Verkürztes Simulcasting 89 5.3 Ausbau der Interaktivitätsmöglichkeiten 91
5.4 Umfassende Aufklärung 106 5.5 Zusammenfassung 107 6 Fazit 109 7 Quellenverzeichnis 112 7.1 Monographien und Aufsätze 112 7.2 Zeitschriften und Zeitungen 115 7.3 Internetquellen 116 7.4 Sonstige Quellen 119 7.5 Abbildungen 120
2
1 Einleitung
Nach der Stunde Null für das werbefinanzierte Privatfernsehen 1984 1 und dem bundesweiten Start des Satellitenfernsehens mit dem Launch des ersten direktstrahlenden europäischen Fernsehsatelliten ASTRA 1A am 11.10.1988 steht das deutsche Fernsehen mit der Digitalisierung des Rundfunks nun inmitten der dritten Revolution in gerade einmal 20 Jahren. 2 Der Fernseher, der heutzutage in nahezu allen Haushalten vorhanden ist und dessen Nutzung in den letzten fünfzig Jahren erlernt wurde, wird dabei durch die Digitalisierung seiner Verbreitungswege zum Multimedium der Informationsgesellschaft. Somit übernimmt das digitale Fernsehen eine Art Lokomotivfunktion bei der Vollvernetzung der Haushalte als notwendige Voraussetzung für den Wandel von der Industriegesellschaft zur Informations- und Wissensgesellschaft des 21. Jahrhunderts. „Der Eintritt in ein neues Fernsehzeitalter hat begonnen.“ 3
Doch in Deutschland scheint sich der Fernsehzuschauer und damit einer der letzten weißen Flecken auf der Landkarte der Digitalisierung, die in vielen anderen Bereichen, angefangen mit der 1979 eingeführten Compact Disc (CD), später dann DVDs, MP3s, aber auch Mobiltelefonen 4 , dem ISDN-Telefonnetz, dem PC und dem Internet, um nur einige der bedeutendsten Begleiter unseres täglichen Lebens zu nennen, auch hierzulande einen erfolgreichen Siegeszug hat führen können, beim Übergang zur neuen Form audiovisuellen Rundfunks nicht so recht auf die neue Technologie einlassen zu wollen. Doch nicht nur er übt sich derzeit noch in Zurückhaltung. Auch innerhalb der Branche währte die Euphorie nicht allzu lange. So zogen sich beispielsweise die geplanten Konkurrenzangebote zum ersten deutschen Digitalfernsehsender DF1, die aus dem Hause Bertelsmann („RTL Club“) und der ProSieben-Sat.1-Gruppe („SiebenPlus“) stammten, schnell wieder aus dem Markt zurück, was selbigen noch vor seinem eigentlich Start bereits erschütterte und Erwartungen deutlich dämpfte. 5 In der Branche und der Öffentlichkeit ist seitdem die Unsicherheit, ob die Entwicklung des digitalen Fernsehens in Deutschland auch nur
1 Vgl. Schenk et al. (2002), S. 21
2 Vgl. Breunig (1997), S. 11. Becker et al. nennen zwar im Rahmen ihrer „TV3G“-Chronik andere
Revolutionspunkte in der Geschichte des Fernsehens (generelle Einführung des Fernsehens nach dem zweiten
Weltkrieg [Anm. d. Verf.: erfolgte in Deutschland in 1952] und Umstellung auf Farbfernsehen [Anm. d. Verf.:
erfolgte in Deutschland in 1967] als erste und zweite Revolution), beziehen diese aber auf Revolutionen in der
bildlichen Darstellung, wohingegen Breunig offenbar Revolutionspunkte dort sieht, wo das quantitative
Programmangebot durch medienpolitische (Deregulierung) oder technische Veränderungen eine deutliche
Erweiterung erfahren konnte. Da das digitale Fernsehen - wie im zweiten Kapitel dargestellt werden wird -hinsichtlich beider Kriterien eine deutliche Innovation darzustellen vermag, bezeichnen aber beide
Veröffentlichungen die Digitalisierung des Fernsehens als dritte Revolution. Vgl. Becker et al. (2004), S. 15
3 Lenz / Reich (1999), S. 6
4 Mobiltelefone senden seit 1991 digital. Vgl. Becker / Hauptmeier (2005), S. 12
5 „Wir haben nochmals nachgerechnet“ kommentierte Thorsten Rossmann, Unternehmenssprecher von
ProSieben, im Oktober 1996 den frühzeitigen Rückzug des geplanten Digital-Angebots „SiebenPlus“. Er führte
weiter aus, dass die „Rentabilitätserwartungen für das Programm SiebenPlus gemessen an den Investitionen
nicht ausreichend“ seien. Vgl. Breunig (1997), S. 115
3
annähernd so stürmisch verlaufen wird wie erhofft, nicht gewichen und der anfänglichen unternehmerischen Begeisterung hinsichtlich der Markteinführungschancen bereits Ernüchterung gefolgt.
Betrachtet man angesichts dessen die aktuelle Marktdurchsetzung digitalen Fernsehens in Deutschland - wie es in Kapitel 3 detailliert geschehen wird - und vergleicht diese mit dem anvisierten Ziel der Bundesregierung, bis zum Jahr 2010 den digitalen Fernsehrundfunk nahezu flächendeckend eingeführt und den analogen Distributionsweg vollständig außer Betrieb gesetzt zu haben (der so genannte „Analogue Switch-Off“) 6 , ist Skepsis durchaus angebracht. Der Übergang vom analogen zum digitalen Rundfunk in Deutschland gestaltet sich erheblich schwieriger als offenbar erwartet. 7
Ziel dieser Arbeit soll daher sein, die Hintergründe dieser aktuell noch sehr geringen Diffusionsgeschwindigkeit digitaler Fernsehtechnologie in Deutschland zu ermitteln. Hierbei wird die These verfolgt, dass nicht einzelne Gründe allein diese Zurückhaltung motivieren, sondern eine ineinander verschachtelte Kausalkette die Diffusion blockiert.
1.1 Vorgehensweise
Im folgenden Kapitel 2 soll auf der Suche nach den deutschen Diffusionshemmnissen zunächst einmal die Frage geklärt werden, was digitales Fernsehen ist und welche Potenziale es bietet. Diese Frage drängt sich dabei angesichts des politisch gefassten Willens zur abschließenden Umstellung auf den digitalen und Abschaltung des analogen Übertragungsweges, dessen Rechtfertigung es zu klären gilt, ohnehin auf. Würden sich im technischen Potenzial dieser Technologie bereits Insuffizienzen ergeben, die für den deutschen Markt eine fehlende Umstellungsbereitschaft der Bevölkerung zu erklären im Stande wären, wäre eine weitere Diskussion obsolet. Ferner soll Kapitel 2 angesichts dieses technologisch dominierten Themas die überaus bedeutende Aufgabe übernehmen, technische Begrifflichkeiten für die weitere Diskussion zu klären.
Im dann folgenden Kapitel 3 soll die in dieser Einleitung bereits vorweggenommene Behauptung einer mangelhaften Marktpenetration des digitalen Fernsehens in Deutschland durch statistische Beobachtungen gestützt und mit anderen Ländern verglichen werden.
6 Das Bundeskabinett beschloss am 24. August 1998 diesen Zeitpunkt auf Empfehlung der im gleichen Jahr
durch das Bundeswirtschaftsministerium gestarteten „Initiative Digitaler Rundfunk“ (IDR). Vgl. Zervos
(2003), S. 132
7 Vgl. ebd., S. 122
4
Die sich hieraus ergebende Frage nach den Gründen für die deutsche Zurückhaltung gegenüber der neuen Technologie soll dann umfassend in Kapitel 4 diskutiert werden. Gelingt es hierbei, die im vorhergehenden Abschnitt genannte These zu beweisen, werden Lösungsansätze vorgestellt, wie ein Ausbruch aus dieser Kausalkette gelingen und den Diffusionshemmnissen begegnet werden kann.
1.2 Vorbemerkung zu den genutzten Quellen
Probleme gab es bei der Bearbeitung dieses Themas vor allem bei der Aktualität der Quellen. Informationen, die bei der Bearbeitung noch aktuell waren, haben möglicherweise jetzt im Moment des Lesens aufgrund der herrschenden Dynamik dieses Marktes bereits ihre Gültigkeit verloren. Dieser Problematik wurde zwar generell durch umfangreiche Internet-Recherchen zur Verifizierung der wesentlich langsameren Erscheinungsbedingungen unterworfenen gedruckten Literatur zu begegnen versucht, dennoch erforderte die lebhafte aktuelle Diskussion zu diesem Thema zusätzlich eine Beschränkung der Quellenlage auf den Stand eines Stichtages. Als Stichtag für diese Arbeit gilt daher der 02.02.2006. Informationen, die nach diesem Datum verfügbar wurden, wurden nicht mehr berücksichtigt. Daher kann auch nicht völlig ausgeschlossen werden, dass einige der hier beschriebenen Aspekte bald wieder als überholt gelten dürften, da nicht davon auszugehen ist, dass sich der Markt während der Bearbeitung dieser Abschlussarbeit nicht weiter bewegt und keinerlei Veränderungen mit sich bringt, die Thesen oder Informationen hierin anachronistisch werden lassen.
5
2 Vorteile digitalen Fernsehens
Da die Argumentation der folgenden Kapitel hinsichtlich der Gründe für die bisher unzureichende Marktdurchdringung des digitalen Fernsehens in Deutschland voraussetzt, dass der technische Innovationsgrad der Neuerung „digitales Fernsehen“, also das hiermit realisierbare Potenzial, überhaupt hinreichend ist, um das Publikum vom Anschluss an die neue Technologie zu überzeugen, soll zunächst dargelegt werden, worin eben dieser technische Vorteil der Digitalisierung besteht und ob der überaus positiven Einschätzung der neuen digitalen Fernsehtechnologie als das „ultimativ neue Fernsehen“ durch Gottfried Zmeck Recht gegeben werden kann. 8 Diese Frage drängt sich dabei geradezu auf, denn rein oberflächlich gesehen handelt es sich beim digitalen Fernsehen nur um eine Umstellung des Übertragungsweges für Fernsehsignale von analogen elektromagnetischen Wellen zu digitalen Datenströmen. Dies stellt zwar einen konsequenten Gleichzug der Fernsehtechnik mit der fortgeschrittenen Computer- und Mobiltelefon-Welt dar, die seit Jahren ausschließlich digital arbeitet 9 , doch ergibt sich bei oberflächlicher Betrachtung hieraus inhaltlich zunächst nichts Neues. Die Frage nach den nutzerseitigen Vorteilen erscheint also mehr als gerechtfertigt, denn im Prinzip kann man konstatieren - und damit nichts Falsches behaupten - dass das digitale Fernsehen „nur“ die analoge Ausstrahlung von TV-Signalen ersetzt und damit die Lücke zwischen dem schon weitgehend digitalisierten Studio und dem ohnehin hinsichtlich seiner Signalverarbeitung bereits digitalisierten Endgerät 10 schließt. 11 Diese Substitution eines zeitkontinuierlichen analogen Signals durch einen binären Datenstrom birgt auf den ersten groben Blick kaum das phänomenale Potenzial in sich, dass verständlich werden ließe, warum die gesamte Medienwelt aufhorcht und derart umfangreiche medienpolitische, wirtschaftliche und technische Aktivitäten entfaltet, wenn von digitalem Fernsehen die Rede ist. 12
Eine inhaltliche Entwicklung ging in der Geschichte des Fernsehens aber stets einher mit einem Fortschritt in der Rundfunktechnologie. 13 So auch bei der dritten Revolution des Fernsehens, dem digitalen Fernsehen. Die technischen Rahmenbedingungen liefern zurzeit die entscheidenden Charakteristika dieser Technologie. Ihre genauere Betrachtung erlaubt eine präzise Definition des komplexen und diffusen Begriffs digitalen Fernsehens. Daher soll im Rahmen der Fragestellung dieser
8 Zmeck war Geschäftsführer des ersten deutschen digitalen Fernsehsenders DF1. Vgl. Breunig (1997), S. 11
9 Vgl. Schrape (1998), S. 23
10 Das Gerät verarbeitet dabei aber noch nach wie vor analoge Signale, ist also kein digitales Endgerät (zur
Darstellung bereits digital empfangener Signale) im hier verwendeten Sinne. Vgl. Lenz / Reich (1999), S. 27
11 Vgl. ebd.
12 Vgl. ebd.
13 Vgl. Breunig (1997), S. 15
6
Arbeit zunächst versucht werden - vorwiegend aus technischer Sicht - die neuen Möglichkeiten und Kommunikationsdienste, die in der digitalen Technologie stecken, zu beleuchten. Hierdurch soll eine Antwort auf die bedeutende Frage gefunden werden, wodurch sich ein digitales Fernsehsystem gegenüber dem herkömmlichen System auszeichnet und worin seine - rein technologische - Existenzberechtigung und sein Mehrwert im direkten Vergleich mit dem analogen Fernsehen besteht. Schließlich muss dieser derart enorm sein, dass er den politischen Willen zur vollständigen Substitution der gebräuchlichen analogen Technik in Deutschland bis zum Jahr 2010 rechtfertigt.
2.1 Hintergrund
Historisch betrachtet hat das heutige Fernsehen seinen Ursprung in der Erfindung der Braunschen Röhre durch Karl Ferdinand von Braun zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts. 14 Bewegte Bilder waren zu Beginn der Verwendung dieser trichterförmigen Elektronenröhre, die bis heute in modernisierter Form Kerntechnologie eines jeden Röhren-basierten Fernsehgerätes ist, allerdings nur sehr schwer zu erkennen. 15 Seit dieser Geburtsstunde des Fernsehens war daher die Entwicklung gekennzeichnet durch die stetige Verbesserung der bildlichen Darstellung. Belege hierfür sind die Vergrößerung der Bildfläche der Fernsehgeräte, die optimale Anpassung der Geräte an die menschlichen Sehgewohnheiten mittels Veränderung des Flächenformats (von 4:3 zu 16:9 oder ähnlichen Breitwandformaten 16 ) sowie der Wandel hin zum Farbfernsehen. 17 Auch die Digitalisierung stellt einen weiteren konsequenten Entwicklungsschritt dar. So wird durch die Verwendung der digitalen Technologie beispielsweise eine hervorragende Darstellung bewegter Bilder möglich, wie man sie bislang nur von der DVD-Wiedergabe kennt. Die Bilder seien hierbei erheblich rauschärmer und stabiler, während zusätzlich der digitale Ton die Verwendung neuester Raumklangverfahren zulasse, präzisiert Kleinsteuber diesen Vorteil. 18 Hinzu kommt, dass erst durch die Digitalisierung des Fernsehsignals die Realisierung moderner Technologien wie dem Personal Video Recorder 19 möglich
14 Vgl. ebd., S. 21
15 Vgl. ebd.
16 Augenphysiologische Forschungen japanischer Labors in den 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts
ergaben, dass ein Bildseitenverhältnis von 16:9 (Breite zu Höhe) den Sehgewohnheiten eher entgegenkomme
als das herkömmliche 4:3-Format. Hierdurch gewinne der Zuschauer die Möglichkeit, wie im Kino im Bild zu
„wandern“, es miterleben zu können. Man bezeichnet dies als Telepräsenz. Vgl. Ziemer (1997), S. 285
17 Vgl. Breunig (1997), S. 21
18 Vgl. Kleinsteuber (2001), S. 1f
19 Der Personal Video Recorder (PVR) wird häufig als Vorteil des digitalen Fernsehens genannt, basiert aber
streng genommen nur auf einem Sekundäreffekt, der aus der Digitalisierung des Übertragungssignals
entsteht und prinzipiell auch ohne das digitale Fernsehen durch nutzerseitige Digitalisierung des
Empfangssignals erzeugt werden könnte. Das digitale Signal bietet dabei die Möglichkeit, auf Festplatte
gespeichert zu werden und von dort aus - auch noch während der Aufnahme - wiedergegeben werden zu
7
wird. Doch beließe man eine Darstellung der Vorteile der digitalen Signalübertragung bei diesen zweifelsfrei bedeutenden Neuerungen, wäre dem digitalen Fernsehen sehr unrecht getan, denn seine Möglichkeiten erstrecken sich weit hierüber hinaus. So werde nach Friedrichsen und Lindner erst das digitale Fernsehen dem gesellschaftlichen Trend des Rückzugs ins eigene Heim (so genanntes „Cocooning“) gerecht. 20 Hierdurch gewinne der Bereich der Home-Medien und dabei an erster Stelle das Fernsehen an Bedeutung. 21 Durch das digitale Fernsehen folgen die Angebote 22 diesem Trend und damit dem Zuschauer in sein Wohnzimmer. Es müsse nun nur erreicht werden, dass das heimische Publikum die neuen Angebote auch in sein Wohnzimmer lasse, schließen Friedrichsen und Lindner hierzu an. 23 Zugleich reagiere das digitale Fernsehen durch die hierin realisierbaren technischen Möglichkeiten auf die fortschreitende Fragmentierung des Publikums 24 , indem es bisher unbekannte Potenziale der Individualisierung ermögliche. 25 Die Individualisierung des Programms vollzieht sich dabei entlang mehrerer Stufen, die im Folgenden näher erläutert werden sollen. Allzu technische Details und Hintergrundinformationen, die aber für das Verständnis der zugrunde liegenden Technologie und der Zusammenhänge zwischen den Vorteilen bedeutsam erschienen, wurden dabei in die Fußnoten ausgelagert, um diesem einleitenden Kapitel keinen unangebracht enormen Umfang zu verleihen.
2.2 Quantitativer Programmzuwachs durch Datenreduktion
In nahezu allen Bereichen der Telekommunikations- und Informationstechnik hat sich die Digitalisierung bereits als ökonomisch überzeugender Weg zu einer effizienten Nutzung von Ressourcen erwiesen. 26 So auch beim digitalen Fernsehen: Den
können. In der Konsequenz ist hiermit zeitversetztes und damit letztlich individualisiertes, da zeitsouveränes
Fernsehen möglich. Ferner ist auch die Programmierung von Interessenschwerpunkten möglich, bei der im
Zusammenspiel mit einem elektronischen Programmführer (EPG, siehe hierzu Abschnitt 4.2.4), der die
Genreinformationen zu den einzelnen Programmangeboten enthält, alle Sendungen zu einem präferierten
Thema ständig aufgezeichnet werden. Sendungen zu den „programmierten“ Themen stehen dann fortlaufend
zum lokalen Abruf bereit. Sieht man einmal von letzterer Möglichkeit, die einen digitalen EPG erfordert, ab,
steht der Personal Video Recorder aber nur bedingt in Zusammenhang mit dem digitalen Fernsehen und den
hierin realisierbaren Interaktionsmöglichkeiten, da die Individualisierung auf der Nutzerseite durch Aufnahme
und versetzte Wiedergabe des zu einer bestimmten Uhrzeit massenhaft verbreiteten Fernsehsignals erzeugt
wird, also keine Interaktion zwischen Sender und Empfänger erfordert. Lediglich das digitale Fernsehsignal,
das zur Festplattenaufnahme erforderlich ist, schlägt die Brücke zum Digitalfernsehen. Häufig sind die
erforderlichen Festplatten aber in die Set-Top-Box integriert, so dass eine Verwaschung dieser Beziehung
nachvollziehbar erscheint. Vgl. Beckert (2004), S. 119
20 Vgl. Friedrichsen / Lindner (2004), S. 298
21 Vgl. ebd.
22 Neben den Unterhaltungsprogrammen sind dies auch TeleShopping- und TeleLearning-Angebote (so
genannter T-, also Television-Commerce, bei dem Umsätze über eine Zuschauer-Sender-Interaktion generiert
werden). Vgl. Goldhammer / Wiegand (2004), S. 225ff
23 Vgl. Friedrichsen / Lindner (2004), S. 298
24 Vgl. Opaschowski (1999), S. 21
25 Vgl. Friedrichsen / Lindner (2004), S. 305
26 Vgl. Schrape (1998), S. 22ff
8
„bedeutendsten Vorteil“ 27 digitaler Fernsehverbreitung gegenüber der herkömmlichen analogen Variante sehen Lenz und Reich sowie Jungbeck hierbei in der erheblichen Vervielfachung logischer Kanäle auf allen Distributionswegen. 28 Aufgrund der enormen Bedeutung dieses Vorteils soll dieser zunächst nachfolgend detailliert betrachtet werden.
Der Begriff „digital“ stammt vom lateinischen Wort „digitus“, das übersetzt „Finger“ heißt, ab und bedeutet, dass Kommunikationsinhalte in Form von Zahlen dargestellt werden. 29 Bei der digitalen Übertragung werden die zu übertragenden Größen in Werte zerlegt und durch Zahlen binär 30 aus Folgen von Nullen und Einsen 31 (den so genannten Bits) dargestellt. Ergebnis der Digitalisierung ist ein digitaler Datenstrom, der eine wesentlich effektivere Datenreduktion ermöglicht als sie bei analogen Daten denkbar wäre. 32 In der Konsequenz lassen sich mittels digitaler Datenreduktionsverfahren über einen physikalischen Übertragungskanal, also einem „technischen Frequenzbereich (…), der für die Übertragung eines elektronischen Signals verwendet wird“ 33 , mehrere Programme 34 zugleich übertragen (so genannte „logische Kanäle“ 35 ), während mit analoger Übertragungstechnik über eine Kanalfrequenz nur ein Programm abgestrahlt werden kann. In der analogen Technik sind logische und physikalische Kanäle somit kongruent.
Die digitale Übertragung ist daher geeignet, die vorherrschende Frequenzknappheit durch die Möglichkeit der Nutzung eines physikalischen Kanals für mehrere logische Kanäle zu beseitigen. Das klingt zunächst paradox, da die Datenströme, die bei der Digitalisierung entstehen, jene analoger Signale um ein Vielfaches übersteigen. So erfordert ein mittels eines unkomprimierten digitalen Signalstroms zu übertragendes Fernsehsignal nach der hierzulande üblichen PAL-Fernsehnorm eine unvorstellbare Datenmenge von circa 270 Mbit/Sekunde, ein hochauflösendes Fernsehsignal nach HDTV-Norm sogar über 1.150 Mbit/Sekunde. 36 Diese hohen Datenübertragungsraten erfordern Bandbreiten, die auf den verschiedenen Übertragungswegen zunächst nicht realisierbar sind. 37 Eine Übertragung über herkömmliche Infrastrukturen konnte erst durch eine Reduktion der Datenmenge um den Faktor 30 ermöglicht werden. Dies
27 Lenz / Reich (1999), S. 27
28 Vgl. Jungbeck (1998), S. 57
29 Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Digitalisierung (13.01.2006)
30 Als Binärcode bezeichnet man die Darstellung komplexer Werte mittels zweier Zahlen (meist 0 und 1). Vgl.
http://de.wikipedia.org/wiki/Bin%C3%A4rcode (13.01.2006)
31 Beim Binärcode. Prinzipiell sind auch andere Codes denkbar, aber eher ungebräuchlich.
32 Vgl. Breunig (1997), S. 24
33 Ebd., S. 17
34 Breunig definiert ein Programm als „zusammengestellte zeitliche Abfolge von Sendungen“. Vgl. ebd.
35 Ebd.
36 Vgl. Lenz / Reich (1999), S. 33
37 So erlaubt beispielsweise ein ASTRA-Satellitentransponder eine maximale Übertragungsrate von circa 55
Mbit/Sekunde, im Durchschnitt aber sogar nur 38 MBit/s. Vgl. ebd.
9
wurde erst mit der seit Beginn der 90er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts stark ansteigenden Verarbeitungsgeschwindigkeit integrierter Schaltkreise und hierdurch möglichen Datenkompressionsverfahren realisierbar. 38 Dieser Prozess der Datenreduktion wird als „Quellencodierung“ bezeichnet. 39 Hierzu bedient man sich nach den Standardisierungen des DVB-Projektes 40 des so genannten MPEG 41 -Codecs 42 . Grundsätzlich verwendet dieser zwei Arten von Algorithmen, die die Bitrate reduzieren: die Irrelevanz- und die Redundanz-Reduktion. 43 Der Gedanke hinter der Redundanz-Reduktion ist, dass nur jene Bildanteile übertragen werden müssen, die sich gegenüber vorhergehenden Bildern bewegt haben. 44 Technisch bedarf diese Reduktion eines Speichers im Encoder, der fortwährend die aufeinander folgenden Einzelbilder des Fernsehsignals miteinander vergleicht und nur die Informationen überträgt, die sich zum vorhergehenden Bild verändert haben. 45 So genannte Bildkonstanten, also sich nicht verändernde Bildanteile, werden herausgefiltert und nicht erneut übertragen. 46
Demgegenüber stützt sich die Irrelevanz-Reduktion auf psychooptische Phänomene der menschlichen Wahrnehmung, nach denen jene Informationen aus dem Bild herausgefiltert und nicht übertragen werden, die der Mensch nicht wahrnimmt (ergo
38 Vgl. Breunig (1997), S. 24
39 Vgl. ebd.
40 Im Frühjahr 1992 fand sich eine Gruppe von Vertretern vieler am Fernsehen beteiligten Organisationen
Europas zusammen, die es sich zur Aufgabe gemacht hatte, eine gemeinsame und koordinierte Entwicklung
von Systemen und Standards zu betreiben, mit denen das digitale Fernsehen in Europa möglich gemacht
werden kann. Diese Gruppierung bezeichnete sich zunächst als „European Launching Group For Digital
Television Broadcasting“ (ELG). Im September 1993 wurde mit der Unterzeichnung eines Kooperations-
vertrages („Memorandum of Understanding“) aus der ELG das „European DVB (Digital Video Broadcasting)-
Project“. Derzeit sind über 270 Mitglieder aus den Bereichen Rundfunkveranstalter, Gerätehersteller, Netzbe-
treiber und Regulierungsbehörden aus weltweit über 30 Ländern beteiligt (neben europäischen Ländern auch
Japan, die USA, Kanada und Südkorea). Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/ DVB#Geschichte_und_Hintergrund
(26.12.2005) und Breunig (1997), S. 56
41 MPEG steht für „Motion Picture Expert Group“ und bezeichnet eine gemeinsame Arbeitsgruppe der
Internationalen Standardisierungs-Organisation (ISO) und Internationalen Electrotechnical Commission (IEC),
die 1988 von über 100 Unternehmen gegründet wurde, um Vorschläge und Standards in Expertengruppen zu
diskutieren und zu erarbeiten. Die Arbeitsgruppe erarbeitete dabei wesentliche Standards zur Datenreduktion
bei der Übertragung digitaler Datenströme. Man unterscheidet neben neueren Verfahren primär „MPEG-1“
(wird hauptsächlich im Computerbereich angewendet) und „MPEG-2“ (Standard für Digitalfernsehen in
Europa, aber auch Datenreduktionsverfahren der „Digital Versatile Disc - Video“ (DVD Video)). Vgl. hierzu
http://www.chiariglione.org/mpeg/ (27.12.2005)
42 Das Kunstwort „Codec“ verbindet die beiden Worte „Coder“ und „Decoder“ in einem und bezeichnet einen
definierten Standard der Datenumwandlung, den sowohl die Sender-, als auch die Empfängerseite
beherrschen muss, um die analogen Daten digital zu encodieren (wandeln) und versenden sowie nach der
Übertragung wieder fehlerfrei decodieren zu können. Der Codec ist sozusagen der Schlüssel. Vgl.
http://de.wikipedia.org/wiki/Codec (16.01.2006)
43 Vgl. Breunig (1997), S. 24
44 Vgl. Lenz / Reich (1999), S. 34
45 Vgl. Breunig (1997), S. 25
46 Vgl. Lenz / Reich (1999), S. 34. Hierbei werden drei Bildertypen unterschieden: so genannte I-Frames
(intracodierte Bilder), die datenreduzierte Vollbilder enthalten (vergleichbar mit JPEG-komprimierten Fotos), P-Frames (präzidierte Bilder), die aus vorangegangenen Bildern vorhergesagt werden können und B-Frames
(bidirektional präzidierte Bilder), die sich aus einem vorangegangenen und einem nachfolgenden Bild vorher-
sagen lassen. Beim analogen Fernsehen werden hingegen unkomprimierte Vollbilder (oder korrekter: Halbbilder
aufgrund der nicht-progressiven Darstellung mit 50 Halbbildern pro Sekunde bei PAL) übertragen. Der
entschieden höhere Bedarf an Übertragungskapazitäten liegt dabei auf der Hand. Vgl. Lenz / Reich (1999), S. 35
10
irrelevante Informationen).
47
So könne das menschliche Auge beispielsweise feine Strukturen ab einem gewissen Grad nicht mehr auflösen; ein feines schwarz/weißes Muster nehme der Mensch deshalb nur noch als graue Fläche wahr, die daher auch nur in dieser Form übertragen werden müsse, so Lenz und Reich hierzu.
48
Die Datenreduktion vernachlässigt daher ab einer bestimmten Grenze Farbabstufungen völlig und verringert die Auflösung feiner Muster im wahrnehmbaren Bereich.
49
Dieser Vorgang ist irreversibel, während die Redundanz-Reduktion im Empfangsgerät wieder rückgängig gemacht wird, um einen fortlaufenden Bildstrom (25 Bilder pro Sekunde bei PAL) an den Fernseher weitergeben zu können.
50
Mit den Audiodaten wird auf Basis psychoakustischer Phänomene ähnlich verfahren, wodurch auch hier eine signifikante Reduktion der Datenmenge erfolgen kann.
51
In der Konsequenz kann ein einzelnes Fernsehprogramm in gewohnter Bildqualität und mit erstklassigem HiFi-Ton nach MPEG-2-Norm mit einer Datenrate von durchschnittlich 4,5 Mbit/Sekunde
52
codiert werden.
53
Vergleicht man diesen reduzierten Datenstrom mit der Datenrate eines durchschnittlichen analogen Signals (circa 40 Mbit/Sekunde),
stellt man schnell fest, dass der digitale Datenstrom nur ein Zehntel der Daten benötigt (siehe Abb. 1) -und das bei optisch gleich bleibender Streng genommen hat das digitale Signal sogar einen
qualitativen Vorsprung vor dem analogen Signal: Inhaltlich haben die Reduktionsverfahren (wenn auch meist nicht wahrnehmbar) das Signal zwar verschlechtert, allerdings wurde es durch die Digitalisierung wesentlich widerstandsfähiger für den beschwerlichen Übertragungsweg. Der Grund hierfür liegt
47 Vgl. ebd., S. 34
48 Vgl. ebd.
49 Vgl. ebd.
50 Vgl. ebd., S. 35
51 Lenz und Reich verweisen auf ein Beispiel, bei dem ein Radio in Zimmerlautstärke neben einem in Betrieb
befindlichen Presslufthammer nicht hörbar sei. Das Ohr blende hierbei innerhalb eines Tongemischs Töne
unterhalb einer bestimmten Lautstärke aus, die demnach weder wahrgenommen würden, noch übertragen
werden müssten. Vgl. ebd., S. 35f
52 In der Praxis werden neben etwa 4 Mbit/Sekunde für die Videodaten circa weitere 200 (Stereo) bis 400
kBit/Sekunde (bei Dolby Digital 5.1) für die Audiodaten benötigt. Ergebnis ist eine Datenrate von circa 4,5
Mbit/Sekunde. Vgl. ebd., S. 36
53 Vgl. ebd.
54 Vgl. ebd.
11
in der Struktur der Signalströme. Während analoge Signale innerhalb eines Zeit- und Wertebereiches jeden erdenklichen Zahlenwert annehmen können, Zeit und Amplitude also kontinuierlich wie bei einer Sinuskurve sind und auf der Empfängerseite so interpretiert werden müssen, wie sie dort ankommen und damit grundsätzlich bei jeder analogen Übertragung Verluste zu beklagen sind, kann ein digitales Signal nur zwei einfache, diskrete binäre Werte annehmen: 0 oder 1. 55 Auf dem Übertragungsweg ist das digitale Signal zwar den gleichen Verlusten ausgeliefert, allerdings lässt sich aufgrund der einfachen Struktur des Signals auf der Empfängerseite mittels raffinierter Fehlerkorrekturmechanismen 56 das ursprüngliche Signal wieder interpolieren. Der Traum der (letztlich) 57 verlustfreien Signalübertragung ist damit realisiert. 58
Doch zurück zur Datenreduktion und damit einem der entscheidenden Vorteile der Digitaltechnik: Durch die digitale Reduktion der Datenmengen gegenüber der analogen Übertragung um den Faktor 10 ist es möglich, mittels der vorhandenen Übertragungskapazitäten (physikalische Kanäle) die sieben- bis achtfache Menge an logischen Kanälen zu distributieren. 59 Hierzu werden mehrere digitale Programme innerhalb eines physikalischen Kanals zusammengefasst und übertragen. So ist zum Beispiel über einen ASTRA-Satellitentransponder mit einer durchschnittlichen Übertragungskapazität von 38 Mbit/Sekunde netto die Übertragung von bis zu acht digitalen Programmen 60 - abhängig von deren Kompressionsfaktor - möglich. Betrachtet man das gesamte ASTRA-Satellitensystem mit knapp 300 Transpondern 61 , könnten damit bis zu 2.400 digitale Fernsehkanäle abgestrahlt werden. Nun drängt sich freilich die Frage auf, wem dieser schiere Überfluss an Kanälen, den Helmut Thoma 1996 gar als „medialen Rinderwahnsinn“ 62 bezeichnete, dienen soll. Bei genauerer Betrachtung ist es aber gerade dieses neue Potenzial an logischen Übertragungskapazitäten, das - als deren Basis - eine Vielzahl weiterführender
55 Vgl. Ziemer (1997), S. 25f
56 Die Verfahren zur Fehlerkorrektur sind sehr komplex und werden daher hier nicht näher betrachtet.
Grundsätzlich unterscheidet man aber den äußeren (so genannter Reed Solomon Code) und den inneren (so
genannter Viterbi Code) Fehlerschutz. Ziel beider Verfahren ist die Erkennung und Korrektur fehlerhaft
übertragener Bits. Vgl. Lenz / Reich (1999), S. 43ff
57 Die Signalübertragung ist nicht verlustfrei, aber die verlorenen Daten können auf der Empfängerseite wieder
rekonstruiert werden.
58 Vgl. Lenz / Reich (1999), S. 29 oder Ziemer (1997), S. 25f
59 Die Datenrate liegt bei den zurzeit üblichen Übertragungswegen im Kabel und über den Satelliten zwischen
33,791 und 38,015 Mbit/Sekunde für einen Übertragungskanal. Hieraus ergibt sich bei einer zugrunde
gelegten Datenmenge von 4,5 Mbit/Sekunde pro Programm eine Übertragungskapazität von sieben bis acht
digitalen Programmen pro vorhandenem Kanal. Vgl. angegebene Zahlen mit Lenz / Reich (1999), S. 36f
60 Vgl. Jungbeck (1998), S. 57
61 Vgl. Unternehmensbroschüre der Société Européene des Satellites „SES - Europas privater
Satellitenbetreiber“ (Luxemburg, o.J.)
62 Helmut Thoma, Geschäftsführer von RTL Television bis 1998, zitiert nach: http://www.berlinonline.de/
berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/1996/0713/reporter/0005/index.html (20.01.2006)
12
Vorteile des digitalen Fernsehens erst ermöglicht und daher nicht unbegründet die zentrale Innovation dieser Technologie darstellt. 63 Hinsichtlich des klassischen Programmangebots können die hinzugewonnenen Kanäle technisch gesehen auf zwei Arten genutzt werden: Zur Vervielfachung der übertragenen Programme pro Kanal (statt bisher einem nun bis zu acht) oder zur deutlichen Verbesserung der Bildqualität (dann lediglich ein bis zwei digitale Programme pro Übertragungskanal). 64 Beispiele für die letzte Variante wäre der Einsatz des hochauflösenden TV-Standards HDTV 65 , der nach enormen Erfolgen auf ausländischen Märkten 66 nun auch hier-zulande als Verkaufsargument dienen soll. 67 Dabei soll der HDTV-Standard auch beim Empfang mit herkömmlichen Geräten deutliche Vorteile haben, da die Digitaltechnik zu einem erheblich rauschärmeren Bild führe. 68 HDTV benötigt dabei eine weitaus höhere Datenrate und verringert somit die Zahl der übertragbaren Programme. Während diese Technologie in den USA der entscheidende Treiber der digitalen Entwicklung hat werden können 69 , sei in Europa derzeit, so Ziemer, eher eine Tendenz der Anbieter festzustellen, die hinzugewonnenen Kapazitäten für mehr Programme und Dienste-Angebote zu nutzen. 70 Werden hierbei mehrere Programme in einem Kanal „verpackt“ (man nennt diesen Vorgang „Multiplexing“), spricht man von so genannten „Bouquets“. 71
2.2.1 Optimale Ressourcenausnutzung
Von besonderem Interesse ist die Möglichkeit der signifikanten Ausweitung des Kanalangebots über die bestehende, bisher limitierende Infrastruktur für Distributionswege mit erheblicher Frequenzknappheit. Hierbei sind vor allem die
63 Vgl. Lenz / Reich (1999), S. 27
64 Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/hdtv (13.10.2005)
65 HDTV steht für „High Definition Television“, also hochauflösendes Fernsehen. HDTV ist ein Sammelbegriff,
der eine Reihe von Fernsehnormen bezeichnet, die sich gegenüber dem herkömmlichen Fernsehen („Standard
Definition Television“ / SDTV) durch eine erhöhte vertikale, horizontale und/oder temporale Auflösung
auszeichnen. Dabei verstand man zu verschiedenen Zeiten aufgrund des aktuellen technischen Standes
andere Auflösungen als hochauflösend. Aktuell sind Vertikalauflösungen von 720 (bei Vollbildern) und 1080
Zeilen (bei Halbbildern) gebräuchlich. Die bisherigen europäischen Fernsehstandards PAL und SECAM bieten
zum Vergleich 576 Zeilen und der amerikanisch/japanische Standard NTSC 480 Zeilen. HDTV arbeitet
ausschließlich mit dem Seitenverhältnis 16:9, das dem menschlichen Sehvermögen eher entspricht als das
herkömmliche 4:3-Format (siehe hierzu auch Fn. 16). Prinzipiell ist die Umsetzung hochauflösenden
Fernsehens vom digitalen Fernsehen entkoppelt, setzt aber die digitale Signalübertragung voraus. Vgl. ebd.
66 Vgl. Becker / Hauptmeier (2005), S. 4. In den USA setzen seit 2000 die Sender vermehrt auf den Einsatz
von HDTV in der Primetime, was zu enormen Absatzsteigerungen HD-fähiger Empfangsgeräte geführt hat.
Vgl. ebd.. Einer Prognose bei Becker et al. zufolge wird für das Jahr 2006 ein Marktanteil von 15,3% für
HDTV-Geräte in den USA erwartet. Vgl. Becker et al. (2004), S. 23
67 So wird beispielsweise das „HD ready“-Logo, das Fernsehgeräte tragen, die sich durch ihre Auflösung für die
Anzeige hochauflösender Bilder eignen, durch Werbung und Gerätehersteller zunehmend als bedeutendes
Ausstattungsmerkmal proklamiert, was die zunehmende Ausrichtung des Endgeräte-Marktes auf das digitale
Fernsehen verdeutlicht. Vgl. Kommission der Europäischen Gemeinschaften (2006), S. 8
68 Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Digital_Video_Broadcasting (26.12.2005)
69 Vgl. Becker / Hauptmeier (2005), S. 4
70 Vgl. Ziemer (2000), S. 13
71 Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Bouquet_%28Digitales_Fernsehen%29 (16.01.2006)
13
Kabelnetze und die Terrestrik zu erwähnen, die hierdurch ihre quantitativen Nachteile hinsichtlich der Programmmenge gegenüber den geostationär positionierten 72 Satellitensystemen 73 ausgleichen können. 74 Zwar gewinnen auch die Satellitensysteme durch die Digitalisierung erhebliche Kapazitätszuwächse, doch sind aufgrund der enormen Bandbreite der dort üblichen Transponder von je etwa 38 MHz, die für diesen Distributionsweg bereits heute circa 1.400 digital übertragene Programme realisieren, Kapazitätsengpässe nie ein Thema gewesen. 75 Letztlich stellt die durch die Digitalisierung mögliche Erweiterung des Programmangebots und der Übertragungsqualität bei Kabel und Terrestrik für den Rezipienten einen erheblichen Gewinn dar, da ihm hierdurch zumindest quantitativ ein deutlicher Nutzen durch zahlenmäßige Programmzuwächse über die bestehende Infrastruktur entsteht. Kabel und Terrestrik erlangen hierdurch die Möglichkeit, näher an das enorme Programmspektrum der Satelliten heranzureichen und damit individuellen Sehbedürfnissen Rechnung zu tragen 76 , während die Vorteile dieser Distributionswege - Lokalisierbarkeit 77 und systemintegrierte Rückkanalfähigkeit (beim Kabel) 78 - zugleich erhalten bleiben. Deswegen sei hierauf im Folgenden kurz differenziert eingegangen.
2.2.1.1 Kabelnetze (DVB-C)
So leiden beispielsweise die Kabelnetzbetreiber bereits seit langem an der weitreichenden Fremdbestimmung ihres Programmangebots durch die Landes-
72 DieSatelliten befinden sich hierbei in 36.000 Kilometern Höhe (gleiche Rotationsgeschwindigkeit wie die
Erde) und werden mittels eigener Triebwerke entgegen aller orbitalen Einflüsse konstant in einem
festgelegten Kubus gehalten, so dass diese permanent auf die gleichen Erdteile strahlen (man spricht von
einem stets gleichen „Footprint“). Hierdurch ist der Empfang des Angebots aller Satelliten eines Systems
mittels einer Empfangsanlage möglich, was eine drastische Quantitätssteigerung der Programme zur
Konsequenz hat. Die Empfangsanlagen können hierdurch einen fixen Winkel beibehalten und alle Satelliten
des abgestimmten Systems fortwährend von einer fixen Orbitalposition (ASTRA 1A-1H auf 19,2° Ost oder
Eutelsat Hotbird 1-6 auf 13° Ost) empfangen. Kombiniert mit der digitalen Signalübertragung, die über
diesen Distributionsweg als „Digital Video Broadcasting - Satellite“ (kurz: DVB-S) bezeichnet wird, ergeben
sich so enorme Übertragungskapazitäten. Vgl. Breunig (1997), S. 59
73 Für Europa sind die Systeme ASTRA (betrieben von der Société Européenne des Satellites S.A. (kurz: SES))
und Eutelsat von besonderem Interesse. Das erstgenannte System hat dabei in Deutschland einen
Marktanteil von circa 95 %. Vgl. Jungbeck (1998), S. 58
74 Zukünftig könnte sich durch noch effektivere Datenreduktionsverfahren oder ausgeweitete Übertragungs-
bandbreiten eine Erweiterung des Spektrums verfügbarer Distributionswege aus der Nutzung breitbandiger
Telefonnetze (ADSL) oder der Einspeisung frequenzmodulierter Fernsehsignale in das Stromnetz („Powerline“)
ergeben. Da diese Verfahren sich aber noch fernab der Marktreife befinden, seien sie an dieser Stelle für die
weitere Betrachtung vernachlässigt. Vgl. Schenk et al. (2002), S. 30f
75 Vgl. Zervos (2003), S. 44
76 Der Empfang per Satellit stellt grundsätzlich eine weitaus individualisierbarere Empfangsmöglichkeit dar, da
man nicht nur aus dem knappen Programmpaket des Kabelnetzbetreibers auswählt, das dieser zudem auf
Seiten der Kopfstationen aus eben diesem Satellitenprogramm selektiert, sondern einem das volle Programm-Spektrum zur Verfügung steht.
77 Regionale Angebote könnten beim Satelliten nur für das gesamte Ausstrahlungsgebiet gesendet werden. Eine
regional abweichende Belegung des gleichen Transponders und damit der Betrieb mehrerer kleinerer
Ausleuchtzonen nebeneinander lässt sich technisch bedingt nicht realisieren. Die Ausstrahlung regionaler
Programme würde somit die Übertragungsressourcen der Satelliten über Gebühr strapazieren. Vgl. Breunig
(1997), S. 50
78 Terrestrische Antennen und Satellitenempfangsanlagen sind reine Empfangssysteme. Sie können system-
integriert keine Information an den Sender beziehungsweise den direktstrahlenden Satelliten zurücksenden.
Vgl. Schenk et al. (2002), S. 30
14
medienanstalten, die für die Zulassung von Veranstaltern und die Zuweisung von Übertragungskapazitäten gemäß eines durch die Kapazitätsknappheit „erzwungenen Prioritätssystems“ 79 (Must-Carry-Regelungen 80 ) verantwortlich sind. 81 Durch die enorme Datenreduktion und damit höhere relative Übertragungskapazität gegebener Infrastruktur durch den geringeren Ressourcenbedarf bei der Übermittlung einzelner Programme ist damit besonders für die Kabelnetzbetreiber und deren Kunden ein enormer Vorteil realisiert. Die digitale Signalübertragung und Datenreduktion können dabei die infrastrukturell bedingten Kapazitätsgrenzen des Kabels besser ausnutzen und es erlauben, erheblich mehr Programme durchzuleiten. 82 Die eingangs erwähnte effizientere Ressourcenausnutzung wird hier am Beispiel überdeutlich. So ist es deutschen Kabelnetzbetreibern durch die Digitalisierung und damit dem Wegfall rigider kapazitativer Grenzen nun erstmals möglich, Special-Interest-Angebote mit geringer anvisierter Zielgruppe, beispielsweise auch für ausländische Mitbürger, anzubieten. 83 Damit werde auch hier der Individualisierung Rechnung getragen, so Jürgen Doetz, Präsident des Verbandes Privater Rundfunk und Telekommunikation (VPRT e.V.) und Geschäftsführer der Sat.1 SatellitenFernsehen GmbH. 84
Terrestrik (DVB-T) 85 2.2.1.2
Ähnlich verhält es sich beim terrestrischen Empfang. Während diese älteste Methode analoge Fernsehsignale auszustrahlen, die seit 1940 in Deutschland eingesetzt wird,
79 Hege (1995), S. 19
80 Diese Regelungen, die in §52 des Rundfunkstaatsvertrages gesetzlich fixiert sind, verpflichten die
Kabelnetzbetreiber zur Durchleitung bestimmter Programme, unter anderem einem Großteil der öffentlich-
rechtlichen Kanäle. Zweck dieser Regelungen ist die Sicherstellung einer hinreichenden Meinungsvielfalt
(durch die öffentlich-rechtlichen Anbieter) mittels gesetzlicher Vorkehrungen, um zu verhindern, dass der
Rundfunk einzelnen gesellschaftlichen Gruppen ausgeliefert ist. Die Notwendigkeit dieses Eingriffs ergibt sich
dabei durch die Sondersituation des Rundfunks, der unter Verwendung der analogen Übertragungstechnik
durch eine enorme Knappheit der Übertragungsfrequenzen und hohem finanziellem Aufwand der Programm-
distribution geprägt war. Vgl. Breunig (1997), S. 147
81 Vgl. ebd.
82 Vgl. Zervos (2003), S. 42
83 So bietet beispielsweise die Kabel Deutschland GmbH (KDG) über ihre sechs Regionalgesellschaften ihren
Kabelkunden ein digitales Programmangebot, dessen Basisdienste ohne zusätzliche Kosten empfangen
werden können. Im erweiterten Bouquet mit neun Programmpaketen können meist ausländische
Spartenkanäle gegen eine Zusatzgebühr abonniert werden. Die KDG unterscheidet dabei diverse Pakete für
unterschiedliche Sprach-Zielgruppen: von einem englischsprachigen Paket, das 15 Sender umfasst (ab 4,-
Euro/Monat), über diverse türkische (8,- bis 22,- Euro/Monat) und russische (12,- Euro/Monat) Pakete, bis
hin zu Bouquets für Kunden, die Sprachen des Mittelmeerraums bevorzugen (Spanisch (4,- Euro/Monat),
Portugiesisch oder Griechisch (je 2,- Euro/Monat)). Vgl. http://www.kabeldeutschland.de/kabeldigital/pakete/
digitalinternational.php?p=sn (13.01.2006). Andere Anbieter haben ähnliche Pakete.
84 Vgl. Interviewprotokoll Jürgen Doetz, VPRT und Sat.1, in: Zervos (2003), S. 188
85 DVB-T steht für „Digital Video Broadcasting - Terrestrical“ und bezeichnet die terrestrische, also
erdgebundene Übertragung des digitalen Fernsehprogramms, die in Europa und anderen Staaten als
Standard für die Übertragung von digitalem Fernsehen und Hörfunk per Antenne verwendet wird. Das
nordamerikanische Pendant heißt ATSC, das japanische ISDB. Vgl. hierzu http://de.wikipedia.org/wiki/DVB-T
(25.12.2005)
15
hierzulande 86 kaum noch große wirtschaftliche Relevanz 87 hat, da sie lediglich die Übertragung von drei bis fünf zudem technisch qualitativ minderwertigen Programmen zulässt, stellt die digitale Terrestrik einen höchst interessanten neuen Markt dar. Wagner und Grünwald schreiben der Terrestrik dabei einen hohen Stellenwert zu, da in sehr vielen Haushalten noch heute die Zweit- und Drittempfänger terrestrisch versorgt würden. 88 Ferner nutze heute circa ein Viertel der Satellitenhaushalte eine terrestrische Antenne zum analogen Empfang regional ausgestrahlter Programme. 89 Daher sei es falsch, zu behaupten, dass der terrestrische Übertragungsweg völlig hinter die anderen Distributionswege zurücktrete. 90 Er habe den entscheidenden Vorteil, dass er auch dort einen Fernsehempfang ermögliche, wo die Kabelinfrastruktur nicht hinreiche oder der Satellitenempfang technisch zu aufwändig sei, so Wagner und Grünwald weiter. 91 Dabei bewirkt auch hier die Digitalisierung eine Erweiterung der Übertragungskapazitäten auf bis zu 25 Programme, was in etwa der Anzahl analoger Programme im derzeitigen Kabelnetz entspricht. Durch DVB-T eröffnen sich damit neue Kommunikationschancen für Anbieter und Teilnehmer, wodurch dem grundrechtlichen Anliegen größtmöglicher Breite und Vielfalt im Rundfunk besser entsprochen werden kann. Insbesondere für die öffentlich-rechtlichen Programme ergibt sich durch DVB-T die Möglichkeit, bislang aufgrund knapper analoger Frequenzen nicht terrestrisch verbreitete Programme auf diesem digitalen Wege zu übertragen und damit allen Gebührenzahlern, also auch den 10% der Haushalte, die ausschließlich terrestrisch empfangen, das volle Spektrum gebührenfinanzierter Programme tatsächlich zugänglich zu machen. Zugleich erziele - wie auch bei den anderen Distributionswegen, aber aufgrund der in der Terrestrik höheren Grenzkosten mit hier weitaus größerem absolutem Effektdie Datenreduktion eine erhebliche Kostensenkung der Übertragung für die Anbieter durch die Aufspaltung der Distributionskosten eines physikalischen Kanals auf die Teilnehmer des hiermit transportierten Bouquets, ergänzen Wagner und Grünwald die Vorteile der digitalen Terrestrik. 92 Dieser Übertragungsweg adressiere dabei primär den mobilen Kunden, der sein Fernsehprogramm über portable Empfangs-
86 InDeutschland werden nur noch durchschnittlich 10% der Haushalte terrestrisch erreicht (im Osten weniger
als im Westen der Republik). Zum Vergleich: 70% der französischen Bevölkerung empfangen ausschließlich
analog terrestrisch. Quelle: o. Verf. (2002c)
87 Die analoge terrestrische Übertragung ist zugleich der technisch aufwändigste und damit teuerste sowie
hinsichtlich der Reichweite unbedeutendste Übertragungsweg (siehe hierzu Fn. 86). Die Kosten für die
Erreichung eines Terrestrik-Haushaltes liegen bei etwa 30,- Euro pro Jahr. Im Vergleich hierzu wenden die
Rundfunkanstalten für jeden Haushalt, der mittels Kabel erreicht wird, lediglich 16 Cent (da auch vom Kunden
über Kabelgebühren mitfinanziert), beim Satelliten 60 Cent auf. Vgl. Interviewprotokoll Dr. Hans Hege,
Direktor der Medienanstalt Berlin-Brandenburg (MABB), in: Zervos (2003), S. 201
88 Vgl. Wagner / Grünwald (2002), S. 11
89 Vgl. ebd.
90 Vgl. ebd.
91 Vgl. ebd.
92 Vgl. ebd., S. 15
16
geräte wie Handys und Organizer empfangen wolle und stelle somit eine weitere konsequente Ausweitung der individuellen digitalen Programmverfügbarkeit dar, so Wagner und Grünwald weiter. 93 Dass gerade diese Zielgruppe primär angesprochen werden soll, zeigt auch die 1998 zur CeBIThome getroffene Entscheidung, einen Modellversuch auf einem 30 Kilometer breiten Streifen entlang der Autobahnen A2 und A27 durchzuführen, bei dem der DVB-T-Empfang im Auto im Mittelpunkt steht. 94 Aber auch für den stationären Empfang ist DVB-T höchst interessant, da es für die Nachfrager die bisherigen Nachteile gegenüber dem Empfang per Satellit oder Kabel zumindest partiell ausgleichen kann, da der digitale Empfang per Antenne ohne zusätzliche Gebühren (vgl. Kabel) und bei erheblich geringerem Antennenaufwand (vgl. Satellit) möglich ist.
„Elektronischer Kiosk“ 95 2.2.2
Die Vielzahl der zur Verfügung stehenden logischen Kanäle erlaubt das Angebot einer großen Zahl von thematischen Special-Interest-Kanälen, die im Gegensatz zum klassischen Vollprogramm einen inhaltlichen Schwerpunkt auf einem Genre besitzen. 96 Das Angebot ähnele somit dem eines heutigen Zeitschriftenkiosks mit seinen unzähligen Fach- und Publikumszeitschriften, die für jede Zielgruppe entsprechende thematische Angebote bereithalte, stellen Schenk et al. in diesem Zusammenhang fest. 97 Zwar wären diese Angebote grundsätzlich auch mittels analoger Übertragungstechnik möglich, doch erfahren sie erst durch die Digitalisierung und die damit einhergehende quantitative Zunahme von Übertragungskanälen eine breite Realisation. Opaschowski konstatiert daher, dass erst das digitale Fernsehen eine erhebliche Individualisierung der Sehgewohnheiten ermögliche, da es ein breiteres Angebot bereithalte und individuellen Rezeptionsbedürfnissen ein Forum biete 98 - hier zunächst in inhaltlicher Hinsicht. 99 Zugleich reduziere das Multiplexing, also die Nutzung eines physikalischen Kanals durch mehrere logische Kanäle - wie schon bei der Terrestrik angesprochen - die Kosten des einzelnen Anbieters. 100 Dies gebe wiederum kleinen Spartenprogrammen die
93 Vgl. ebd., S. 11
94 Vgl. Lenz / Reich (1999), S. 185
95 Ziemer (1997), S. 399
96 Vgl. Breunig (1997), S. 30
97 Vgl. Schenk et al. (2002), S. 38
98 Vgl. Opaschowski (1999), S. 21
99 Vgl. Beckert (2004), S. 118
100 Vgl. Interviewprotokoll Jürgen Doetz, VPRT und Sat.1, in: Zervos (2003), S. 188
17
Möglichkeit eines Markteintritts, wodurch die Individualisierung des Programms bestärkt werde, so Jürgen Doetz vom VPRT. 101
2.2.3 Near-Video-on-Demand
Eine weitere Form der Individualisierung, nun aber in zeitlicher Hinsicht 102 , stellt Near-Video-on-Demand (nVoD) dar. Near-Video-on-Demand wird erst durch die große Anzahl an verfügbaren Kanälen möglich, mit der man hier nahezu verschwenderisch umgeht. Die zurzeit typische Anwendung von nVoD ist jene, ein Programm mit einem zeitlichen Versatz von jeweils 15, 30 oder auch 60 Minuten in mehreren Schleifen über eine bestimmte Anzahl von logischen Kanälen zu übertragen. 103 Hierdurch erlangt der Zuschauer, obwohl es sich um einen klassischen Verteildienst handelt, die Möglichkeit, ein Programm innerhalb eines bestimmten Rahmens zeitlich unabhängig vom Programmschema eines Senders zu sehen und durch die Auswahl eines Kanals die Anfangszeit des Programms innerhalb des gesetzten Spielraums zu wählen. 104 Das nVoD-Verfahren erfordert dabei entgegen dem Real-VoD- oder True-VoD-Verfahren 105 keine individuelle Anforderung des Rezipienten, realisiert innerhalb gewisser Grenzen (der zeitlichen Abstände der Schleifen) aber dennoch eine Individualisierung des Programms infolge zeitlicher Unabhängigkeit durch die „quasi-permanente Abrufmöglichkeit“ 106 . Prinzipiell simuliert nVoD daher nur wirkliche Individualität über den Umweg mehrfacher zeitversetzter Ausstrahlung auf einer Vielzahl von Kanälen. 107 Auf Art und Inhalt der Sendung hat der Zuschauer dabei freilich keinen Einfluss. 108
2.2.4 Multi-Channeling
Ebenfalls erst durch die große Anzahl der verfügbaren logischen Kanäle wird es möglich - wie seinerzeit auch beim Formel-1-Rennen am Hockenheimring bei der Einführung von DF1 geschehen 109 - ein Ereignis aus mehreren Kameraperspektiven zu übertragen. Hierzu werden die verschiedenen Blickwinkel mittels separater Kanäle zum Empfänger gesandt, der dann seinerseits die favorisierte Perspektive, also den
101 Vgl. ebd.
102 Vgl. Beckert (2004), S. 118
103 Vgl. Breunig (1997), S. 29
104 Vgl. Schenk et al. (2002), S. 40
105 Vgl. hierzu Abschnitt 2.5.3
106 Breunig (1997), S. 29
107 Vgl. Schenk et al. (2002), S. 40
108 Vgl. ebd.
109 Vgl. hierzu Abschnitt 4.1.3.1
18
logischen Kanal, der diese überträgt, auswählen kann. 110 Auch dieser Dienst stellt eine enorme Individualisierung der Sehgewohnheiten dar und benötigt keinen Rückkanal. Dass dieses Angebot in der Werbekommunikation von DF1 seinerzeit besonders herausgestellt wurde, betont, welche Bedeutung man ihm beimisst. 111
2.3 Multimediale Zusatzdienste
Beim digitalen Fernsehen geht es aber nicht mehr nur noch um Programme. Über die Vervielfachung der Kanäle hinaus ermöglicht die Digitalisierung auch gänzlich neue Dienste und Angebote parallel zum klassischen Fernsehempfang. Bild, Sprache, Musik und andere Daten werden in digitale Informationen umgewandelt, die als Datenströme zum Empfänger gesandt werden. Der hierbei eingesetzte Zeichensatz ist stets identisch - völlig gleich welche Art Information ein Datenstrom überträgt. 112 Ein digitales Endgerät kann mit der entsprechenden Software hierdurch alle Datenströme verarbeiten, was als Interoperabilität bezeichnet wird. 113 Die Digitalisierung bedeutet damit erstmals die Egalisierung von Audio-, Video- oder Datenmaterial - digitalisiert und binär codiert sind sie auf einen gemeinsamen Nenner gebracht. 114
Während analoges Fernsehen nur die Übertragung sehr begrenzter Datenmengen über Restkapazitäten in der ohnehin gesendeten Bandbreite (Austastlücke) des Fernsehbildes (beispielsweise Videotext) zulässt 115 , offeriert das digitale Fernsehen zudem durch die Bereitstellung ganzer Kanäle zu diesem Zwecke eine signifikante Ausweitung der Übertragungsmöglichkeiten für Zusatzdienste wie Spiele, Votings, HomeBanking, TeleLearning, E-Mail, Products-on-Demand 116 und Programmführer (Electronic Program Guide, kurz: EPG). Der Zuschauer kann sich über den digitalen Fernsehzugang Inhalte jeder Art anfordern beziehungsweise herunterladen. Allen Angeboten gemein ist dabei, dass sie mit herkömmlichem Fernsehen kaum noch etwas zu tun haben. Sie bieten dem Zuschauer, der dann zum „User“ wird, die Möglichkeit, alle Arten von Informationen frei in der von ihm gewünschten Intensität und mit vollständiger Zeitsouveränität abzurufen. Technisch seien diese Möglichkeiten mit denen des Internets vergleichbar, so Schenk et al.. 117
110 Vgl. Schenk et al. (2002), S. 40
111 Vgl. Breunig (1997), S. 30
112 Vgl. ebd., S. 20
113 Vgl. Schenk et al. (2002), S. 43
114 Vgl. ebd., S. 39f
115 Vgl. Ziemer (1997), S. 25
116 Hierunter verstehen Schenk et al. den Download immaterieller Produkte wie Computerprogramme oder dem
auditiven Inhalt von Musik-CDs. Vgl. Schenk et al. (2002), S. 43
117 Vgl. ebd.
19
Zurzeit ist durch das Fehlen des Rückkanals 118 und allgemein akzeptierter Standards hinsichtlich des Betriebssystems der Set-Top-Box 119 nur die Realisierung des elektronischen Programmführers weiter vorangeschritten, der im Folgenden daher ausführlicher beschrieben werden soll.
2.3.1 Electronic Program Guide
Das Fernsehen der Zukunft wird sich, wie unter 2.2 dargelegt, durch ein umfassendes Programmangebot mit vermehrten spezialisierten Themenschwerpunkten auszeichnen. Um trotz der nahezu unüberschaubaren Fülle an Programmen, die dank digitaler Datenreduktion möglich wird, dennoch den Überblick behalten zu können, offeriert das digitale Fernsehen elektronische Programmführer (EPG), die dem Zuschauer den Weg durch den Dschungel der Programme weisen. Die EPG-Systeme, die auch als „Super-Bildschirmtext“ 120 bezeichnet werden, sind dabei Navigatoren, die mit Lesezeichenfunktionen und Prioritätsangaben Transparenz in die Fülle der Angebote bringen sollen. 121 Der Nutzer kann hierdurch einen Überblick über die Programm- und Dienstangebote im digitalen Fernsehen gewinnen und - sofern im Vorfeld entsprechend konfiguriert - das unüberschaubare Programmangebot auf die individuellen Präferenzen reduziert übersichtlich wiedergeben und sich zu den für ihn interessanten Angeboten führen lassen. Somit trägt auch der EPG bei entsprechender Personalisierung des Nutzerprofils im Endgerät seinen Teil dazu bei, das Fernsehen der Zukunft zu individualisieren. 122 Der Bedarf für eine solche elektronische Benutzerführung wird angesichts der Vermehrung von Programmen und Diensten des „Multichannel Environment“ 123 unabweisbar. Im Vergleich zum klassischen Videotext sind beim digitalen EPG zudem auch Darstellungen von hochauflösenden Fotos, Bewegtbildern, Tönen und Links zu komplementären Online-Informationen möglich. 124 Ursprünglich war sogar für die in Deutschland aufgrund derer langjährigen Erfordernis für den Empfang des Pay-TV-Senders Premiere marktführende d-Box 125 ein nachträgliches Update geplant, mit dem der EPG um die Möglichkeit ergänzt werden sollte, Filmtrailer aus dem Internet laden und anzeigen zu können. 126 Nachfragen bei Premiere ergaben aber, dass man derzeit diese Idee nicht weiter
118 Hierauf wird später in Abschnitt 4.4.1 detailliert eingegangen werden.
119 Hierauf wird später in Abschnitt 4.2.2 detailliert eingegangen werden.
120 Becker et al. (2004), S. 21. Der EPG gilt als moderner Nachfolger des Teletextes, der im Seitenbereich 300-
399 bislang eine Art Programmzeitschrifts-Funktion übernahm - allerdings ohne jede Individualisierungs-
möglichkeit. Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Electronic_Program_Guide (26.12.2005)
121 Vgl. Schenk et al. (2002), S. 40f
122 Vgl. Beckert (2004), S. 118
123 Ebd.
124 Vgl. Schulz / Kühlers (2000), S. 46
125 Siehe hierzu auch Abschnitt 4.2.3.1
126 Vgl. Paukens / Schümchen (2000), S. 15
20
verfolge. 127 Deutlich wird dennoch, dass den Zusatzdiensten ein enormes Potenzial zugeschrieben werden kann und dass deren Möglichkeiten noch lange nicht annähernd ausgeschöpft sind.
2.4 Individuelle Adressierbarkeit
Verteilnetze wie das Kabel-, Satelliten- und terrestrische Sendernetz beschreiben Übertragungssysteme, die keine individuelle Verbindung zwischen dem Sender und den Empfängern aufbauen. 128 Diese Netze zeichnen sich durch ihre Architektur aus, bei der ein Sender an eine große Zahl von Empfängern überträgt (so genanntes „Broadcasting“ oder „Point-to-Multipoint“). 129 Dem gegenüber ermöglichen Wählnetze eine individuelle, bidirektionale Verbindung zwischen Sender und Empfänger. 130 Beispiele für derartige Unicast- oder Point-to-Point-Systeme sind das Telefonnetz oder das Internet. 131 Mit der unter 2.2 dargelegten erheblichen Ausweitung des Angebots logischer Kanäle existieren erstmalig die technischen Kapazitäten, um audiovisuelle Kommunikationswege, die bislang allein der massenhaften Übertragung nicht individualisierter Programme vorbehalten waren, für die Weiterverbreitung von individualisierten oder nur kleine Zielgruppen adressierenden Programmen zu nutzen. 132 Die digitale Technologie ermöglicht es dabei, einzelne Empfangsgeräte 133 individuell zu adressieren, was insbesondere für das Pay-TV von großem Interesse ist, da Verschlüsselungsverfahren hierdurch einfacher und sicherer implementiert werden können. Einzelne Kunden können individuell für kostenpflichtige Dienste freigeschaltet werden, sogar wenn diese mittels üblicher Verteilnetze massenhaft an alle Empfänger und nicht gezielt nur an den zahlenden Kunden übertragen werden. 134 Nicht freigeschaltete Empfänger empfangen das Programm dann nur verschlüsselt. Man bezeichnet dieses Verfahren als „Pay-per-View“. 135 Fernsehen
127 Dies ergab eine Nachfrage bei der Premiere Technikhotline (01805-120000) vom 04.01.2006.
128 Vgl. Breunig (1997), S. 51
129 Vgl. ebd.
130 Vgl. ebd.
131 Vgl. ebd.
132 Vgl. Zervos (2003), S. 93
133 Beziehungsweise korrekter: Die darin eingesetzten Conditional-Access-Module sind individuell adressierbar.
Empfänger ohne diese Module (so genannte „Free-to-Air“-Geräte) sind somit für diesen Vorteil gänzlich
unempfänglich. Vgl. ebd. und Abschnitt 4.2.3.2
134 Die Freischaltung erfolgt bei Übereinstimmung zwischen Adressschlüssel im Signal (ECM, siehe hierzu
ausführlich Abschnitt 4.2.3.1) und Smartcard-Nummer im Gerät. Vgl. Ziemer (1997), S. 337f
135 Während bei der im analogen Bereich mangels der Möglichkeit einer Einblicknahme des Senders in den
individuellen Programmkonsum üblichen Abrechnungsmethode des „Pay-per-Channel“ ein ganzer Kanal
abonniert werden muss und die Intensität der Nutzung für die Höhe der Gebühr unerheblich ist, wird bei
„Pay-per-View“ nur pro angefangener Angebotseinheit (beispielsweise einem Film) abgerechnet. Somit wird
durch das digitale Fernsehen auch die Berechnung des Abonnements individueller, da nur gezahlt werden
muss, was man auch gesehen hat. Vgl. Schenk et al. (2002), S. 35
21
entwickelt sich damit - parallel zum Massenmedium - zu einem Medium der Individualkommunikation.
Doch die Adressierbarkeit erlaubt noch Vieles mehr. So ist beispielsweise - sofern datenschutzrechtlich legitim - die Sammlung von Kundendaten und die Erstellung individueller Zuschauerprofile seitens der Anbieter möglich. Diese Profile können neben dem EPG, der sie zur Hervorhebung bestimmter präferenzadäquater Fernsehangebote und damit einer automatisierten Individualisierung des Programmführers nutzen könnte, auch seitens der Programmanbieter zur Individualisierung der eingestreuten Werbespots verwendet werden. Friedrichsen und Lindner zufolge könne hierdurch auch die Werbung zu einem Mehrwert im Programm werden, da in der Theorie hiernach nur Produkte beworben würden, die den betreffenden Kunden auch interessieren. 136 Die Involvement-Situation verändere sich und die seitens der werbetreibenden Industrie oft beklagte Werbereaktanz würde bei gleichzeitigem Nutzermehrwert sinken, so Friedrichsen und Lindner weiter. 137 Zudem stellt die Adressierbarkeit die Basis für vollständig individualisierte Programmdienste wie (True/Real)-Video-on-Demand dar, bei denen der Zuschauer aus einer virtuellen Videothek Filme bestellen kann, die ihm gegen Zahlung einer Gebühr über den Fernsehanschluss individuell übertragen und zugänglich gemacht werden. Hierfür ist allerdings eine Interaktion zwischen Zuschauer und Dienstanbieter erforderlich, die direkt zu einem weiteren Vorteil überleitet.
2.5 Interaktivität
Vollendung findet die Individualisierung des Verteilmediums Fernsehen erst durch die Möglichkeit der Interaktion zwischen Sender und Empfänger. Schenk et al. sehen in dieser Erweiterung zum Verteildienst mit interaktivem Zugriff „die entscheidende Neuerung des digitalen Fernsehens“ 138 . Dabei setzt auch diese Innovation das in 2.2 erläuterte erweiterte Kanalspektrum voraus, um eine Vielzahl an Zuschauern - wie in 2.4 dargestellt - individuell adressieren zu können. Hinzu kommt aber hierbei die Erfordernis eines Rückkanals, also einer Verbindung, durch die Daten vom Zuschauer zum Sender fließen können.
2.5.1 Hintergrund
Der Gedanke des interaktiven Fernsehens ist dabei nicht wirklich neu, sondern wurde bereits Ende der 60er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts in den USA durch eine
136 Vgl. Friedrichsen / Lindner (2004), S. 296
137 Vgl. ebd.. Siehe hierzu auch ausführlich Abschnitt 5.3.2
138 Vgl. Schenk et al. (2002), S. 28f
22
systemintegrierte 139 Erweiterung des Kabelfernsehens um einen Rückkanal 140 zu verwirklichen versucht. 141 Über diesen schmalbandigen Kommunikationskanal waren diese Kabelfernsehsysteme mit einer örtlichen Zentrale verbunden, die man heute als Server bezeichnen würde. Damals nannte man dies „TOCOM“ als Abkürzung für „Total Communication“. 142 Der Zuschauer erlangte mittels dieses Systems die Möglichkeit - vom herkömmlichen Verteildienst Fernsehempfang einmal abgesehenaus der zentralen Datenbank Fahrpläne, Sportergebnisse, Wetterkarten oder auch Börsenkurse abrufen und auf dem heimischen Fernseher darstellen zu können. 143 Umgekehrt war das zentrale Rechenzentrum hierdurch in der Lage, Informationen wie beispielsweise persönliche Sehgewohnheiten über den jeweiligen Teilnehmer zu sammeln, wie es auch heute wieder angedacht ist. 144
2.5.2 Definition
Der Interaktivitätsbegriff wird in der Literatur nicht einheitlich verwendet. 145 Während einige Autoren bereits in der heutigen Möglichkeit der Auswahl aus einer Vielzahl von Sendern (Zitat Helmut Thoma: „Interaktiv ist doch schon die Fernbedienung“ 146 ) eine hinreichende Interaktion sehen, gehen andere erheblich weiter und definieren erst die Möglichkeit einer bidirektionalen Kommunikation und Anforderungsmöglichkeit seitens der Rezipienten als wirkliche Interaktivität. 147 Daher muss zunächst der Interaktivitätsbegriff differenzierter betrachtet werden. Technisch gesehen sei Interaktivität, so sieht es Breunig, recht schlicht zu umschreiben als die „Reaktion des Fernsehsystems auf eine Aktion seines Nutzersegal auf welcher Ebene, als Form der Steuerung und Regelung“ 148 . Es geht also um eine Wechselbeziehung zwischen den an der televisionären Kommunikation beteiligten Akteuren. Doch ist auch diese Definition noch wenig trennscharf, da sie nicht festlegt, ob der Sender tatsächlich auf eine individuelle Anforderung mit einer ebenso individuellen Antwort reagieren muss oder ob bereits die Auswahl seitens des
139 Man unterscheidet beim Rückkanal einen einfachen, nicht-systemintegrierten und einen vollwertigen,
systemintegrierten Rückkanal. Ersterer bezeichnet dabei lediglich eine schmalbandige Übermittlung von
Steuersignalen mittels systemexterner (Medienbruch) Netze (beispielsweise des Telefonnetzes), während
letzterer eine tatsächlich bidirektionale Leitung darstellt, über die auch das Programm zum Zuschauer gelangt
(medienbruchfrei). Vgl. Ziemer (1997), S. 361ff und Abschnitt 4.4.1.1
140 Für den schmalbandigen Rückkanal wurde der Frequenzbereich unterhalb von 40 MHz eingesetzt, während
jener oberhalb von 40 MHz der herkömmlichen Programmübermittlung in Richtung des Zuschauers diente.
Vgl. Breunig (1997), S. 27
141 Vgl. ebd.
142 Vgl. ebd., S. 27f
143 Vgl. ebd., S. 28
144 Vgl. ebd.
145 Vgl. Schenk et al. (2002), S. 36
146 Helmut Thoma, Geschäftsführer von RTL Television bis 1998, zitiert nach: Breunig (1997), S. 41
147 Vgl. Schenk et al. (2002), S. 36
148 Breunig (1997), S. 41
23
Arbeit zitieren:
Frank Hermanns, 2006, Digitales Fernsehen in Deutschland - Hintergründe und Lösungsansätze zur Marktpenetration, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Vom Musikfernsehen zum jugendorientierten Vollprogramm; MTV - ein Fern...
Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen
Bachelorarbeit, 98 Seiten
Schockierende Werbung: Wesen und Wirkungsweise
BWL - Marketing, Unternehmenskommunikation, CRM, Marktforschung
Forschungsarbeit, 26 Seiten
Jugendliche Rezeption von Videoclips
Die Welt der Musikvideos in de...
Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen
Seminararbeit, 18 Seiten
Werbewirkungsmodelle und Theorien zur Rezipientenaktivierung
BWL - Marketing, Unternehmenskommunikation, CRM, Marktforschung
Hausarbeit, 19 Seiten
Stärken-Schwächen-Analyse bei werbefinanzierten Fernsehanbietern
Hausarbeit (Hauptseminar), 40 Seiten
Involvement: Messung eines Phantoms
BWL - Marketing, Unternehmenskommunikation, CRM, Marktforschung
Seminararbeit, 16 Seiten
"Ringtones killed the Videostar" - Eine Untersuchung des For...
Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen
Bachelorarbeit, 30 Seiten
Einführung von HDTV im ARD-Sendezentrum - Voraussetzungen und technisc...
Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen
Diplomarbeit, 95 Seiten
Das Verhältnis der Geschlechter in Stanley Kubricks Full Metal Jacket
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 23 Seiten
One Planet - One Music? MTV und Globalisierung
Kulturwissenschaften - Empirische Kulturwissenschaften
Hausarbeit, 22 Seiten
MTV Central Europe - Abschied vom Musikfernsehen
Medien / Kommunikation - Film und Fernsehen
Seminararbeit, 27 Seiten
Analyse der Beziehungen zwischen Fernsehprogrammanbietern und den Dist...
Medien / Kommunikation - Medienökonomie, -management
Magisterarbeit, 168 Seiten
Gfk-Fernsehforschung - repräsentativ für deutsches TV-Verhalten?
Medien / Kommunikation - Medienökonomie, -management
Seminararbeit, 17 Seiten
Die aktivierende Wirkung der Musik in der Werbung
Medien / Kommunikation - Public Relations, Werbung, Marketing
Seminararbeit, 31 Seiten
Frank Hermanns hat den Text Digitales Fernsehen in Deutschland - Hintergründe und Lösungsansätze zur Marktpenetration veröffentlicht
Frank Hermanns hat einen neuen Text hochgeladen
Digitale Fernseh- und Hörfunktechnik in Theorie und Praxis
MPEG-Basisbandcodierung, DVB-,...
Walter Fischer
Verbreitung und Nutzung von DVRs: Ein Vergleich zwischen USA und Deuts...
Analyse der Auswirkungen auf d...
Katharina Hahn
Was ist neu am neuen Fernsehen?
Technik, Nutzung, Inhalt - dig...
Reinhard Scolik, Julia Wippersberg
0 Kommentare