Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis. 2
1 Einleitende Bemerkungen zur Konstellation von Körper und Seele 3
2 Die Welt der Ideen und deren Erkenntnis durch die Seele 5
3 Die negative Rolle des Körpers 11
4 Katharsis oder das philosophische Leben als Postulat der Vernunft 14
5 Ein Blick über den Dialog hinaus 17
6 Schlussbemerkungen. 19
2
1 Einleitende Bemerkungen zur Konstellation von Körper und Seele
Platons Phaidon gilt als eines der wichtigsten Werke der Philosophiegeschichte. Einerseits ist es die Thematik des existentiell Menschlichen, die dem Dialog eine Faszination verleiht und den Leser unmittelbar berührt: Das Leben und das Sterben, die Vorstellung der Seele und die Frage, was nach dem Tod kommt, hat Menschen schon seit jeher beschäftigt. Andererseits ist es einer der bedeutendsten Dialoge, weil darin eine Vielzahl der mit Platon am häufigsten assoziierten Themen behandelt werden. So etwa das Wesen der Seele, das Problem der Erkenntnis, die Ideenlehre, philosophische Methodik - um nur einige zu nennen. Eines der im Dialog zentralen Themen soll hier behandelt werden, nämlich die These der prinzipiellen Wesensverschiedenheit und Trennbarkeit von Geist und Materie. Konkret möchte die Arbeit der Frage nachgehen, wie sich das Verhältnis von Körper und Seele im Phaidon darstellt und welche Implikationen und Konsequenzen, insbesondere mit Blick auf die geforderte philosophische Lebensführung, sich daraus ergeben.
Der ‚Eigensinn’ des Körpers, seine Bedürfnisse und Leiden werden dem geistigvollkommenen Prinzip der Seele gegenübergestellt und dem gleichzeitig untergeordnet. In keinem anderen Dialog Platons wird der Gegensatz zwischen Leib und Seele so herausgearbeitet wie im Phaidon. Zudem gibt sich Platon in keinem anderen Dialog so leibesfeindlich wie hier. Der hier erstmals begründete Leib-Seele-Dualismus blieb für die nachfolgende Philosophiegeschichte alles andere als folgenlos - er zog sich bis in die Neuzeit hinein und ist bis heute Gegenstand immer neuer Diskussionen.
Die mit der Körper-Seele-Problematik zusammenhängende Frage nach objektiv erkennbaren ethischen Maßstäben soll dabei gegen Ende der Arbeit behandelt werden. Da der Dialog eine komplexe Verflechtung eines ganzen Bündels von Themen ist, sollen außerdem Platons wichtigste Theoreme vorgestellt werden, da der Versuch, ohne diese grundlegenden Annahmen das Verhältnis von Körper und Seele beschreiben zu wollen, notwendig erfolglos bliebe. Gesonderte Aufmerksamkeit kommt dabei der platonischen Seelenkonzeption zu, allerdings kann das Wesen der Seele auf Grund des knappen Rahmens dieser Arbeit und der Fülle der mit damit zusammenhängenden Ausführungen im vorliegenden Dialog nur ausschnitthaft behandelt werden.
3
Ein wesentlicher Punkt bei der Betrachtung von Körper und Seele ist, dass die beiden Instanzen schwerlich für sich alleine, sondern erst mit Blick auf das konträr Andere verständlich werden. Dies gilt insbesondere für den Körper, da er ohne die Beziehung zur Seele notwendig unverständlich bliebe. Anders als zur Seele werden im Phaidon bezüglich des Körpers keine oder nur sehr knappe Erläuterungen gemacht. Vielmehr ist es so, dass der Begriff Körper schon als bekannt vorausgesetzt wird. 1
1 Vgl. Hugo Perls: Lexikon der platonischen Begriffe. Bern und München 1973. S. 196f.
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2 Die Welt der Ideen und deren Erkenntnis durch die Seele
Ein Schlüssel zum Verständnis des Verhältnisses von Körper und Seele liegt in der Ideenlehre und im damit zusammenhängenden Erkenntnisvermögen, wie es von Platon gedacht wurde. Deshalb sollen im Folgenden die Grundzüge der platonischen Ideen- und Erkenntnislehre erläutert werden.
Platons Vorstellung von Erkenntnis ist für uns heute weit schwieriger nachzuvollziehen als die seines berühmtesten Schülers Aristoteles. Während Aristoteles der Auffassung war, dass sich Erkenntnis immer mittels der Sinne, also empirisch vollzieht, ist Platon der Auffassung, dass wahre Erkenntnis nur losgelöst von den Funktionen des Körpers stattfinden kann. Nach Aristoteles kommen sinnliche Wahrnehmungen als Empfindungen ins Bewusstsein, wo sie zu Vorstellungen verbunden werden. Aus dem jeweils Gemeinsamen bzw. Allgemeingültigen dieser Vorstellungen ergibt sich ein Begriff. Wahrheit meint dann schließlich die Übereinstimmung des Begriffs mit dem tatsächlichen Wesensgehalts des Gegenstands. 2 Platon teilte zwar mit Aristoteles die Überzeugung, dass in jeder Erkenntnis - d.h. einem mit einem Wahrheitsanspruch verbundenen Urteil - ein allgemeiner Begriff vorkommen muss, wollte einen solchen allerdings nicht auf sinnliche Wahrnehmungen zurückgeführt wissen. Denn nach Platon ist das Wesen jeden Dings nicht in ihm selbst gegeben, sondern existiert unabhängig von seiner Erscheinung als objektive Sinngestalt, eben als Idee (eidos, idea). Das Allgemeine alles Seienden wird bei Platon zum Objektiven, zu einem von allem Konkreten unabhängig bestehenden Seienden. Die Ideen existieren für ihn objektiv, d.h. unabhängig von jedweder menschlichen Kenntnisnahme oder subjektiven Gedankenwelt, wobei allerdings auf die Zuhilfenahme der Sinneswahrnehmung zum Zugang zur Ideenwelt auch nicht ganz verzichtet werden kann, mehr dazu jedoch an anderer Stelle. Die Ideen entspringen nicht einer Konstruktion des Bewusstseins, sondern werden durch dieses erkannt. Zugleich sind sie ideale Urbilder oder Muster der konkreten Dinge, genauso wie ihre notwendige Ursache. Die Wesensbeschaffenheit des konkreten Dings erklärt sich durch dessen Teilhabe an den Ideen, weshalb Dinge auch als Abbilder der Ideen gesehen werden. 3 Letztere sind eben gerade nicht - und anders als von Aristoteles gedacht - Abstraktionen der empirischen Dinge, sondern umgekehrt deren seinsmäßige Voraussetzung.
2 Vgl. Romano Guardini: Der Tod des Sokrates. Hamburg 1956. S. 175f.
3 Vgl. Platon: Phaidon. Griechisch-deutsch. Übersetzt und hrsg. von Barbara Zehnpfennig. Hamburg 1991. S.
123 / 100 cf.
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Die Idee ist für Platon demnach mehr als eine bloße Tautologie, wie auch Barbara Zehnpfennig bemerkt: „Vielmehr ist mit ihr die Erkenntnis bezeichnet, daß es immer dieselbe Ursache ist, die in Verschiedenem dasselbe bewirkt. [...] Zudem wird durch sie sichtbar, daß das bisher für die Ursache gehaltene Stoffliche nur das Material ist, an dem sie wirksam wird.“ 4
Da die Ideen anders als ihre sinnlichen Abbilder vollkommen sind, werden sie einer höheren Seinsweise zugeschrieben. Denn im Gegensatz zu den irdischen Dingen, die „veränderlich sind, entstehen und vergehen, sind die Ideen unwandelbar, unentstanden und unvergänglich, unabhängig von den Bedingungen der räumlichen und zeitlichen Existenz. In diesem Sinne gehören sie einem Seinsbereich an, der vom Bereich der konkreten Dinge verschieden ist. Dieser Unterschied ist aber nur als ein logisch-ontologischer, nicht etwa als ein räumlicher Unterschied aufzufassen.“ 5 Die Welt der Ideen ist im Vergleich zur Sinnenwelt für Platon nicht nur die höherstehende, sondern auch die wahrhaftigere, „wirklichere“ Form des Seins, deren Erkenntnis besondere Bedeutung und Wichtigkeit zukommt. Umgekehrt sieht er in der Welt der konkreten Dinge eine Art Scheinwirklichkeit, die höchstens einen schwachen Abglanz der wahren Wirklichkeit zu vermitteln imstande ist. Dieser Gedanke findet sich auch eindrücklich in Platons berühmten Höhlengleichnis im Bild der Schatten veranschaulicht. 6 Jene Schatten hält der Alltagsmensch für die Realität, weil er von einer wahreren Wirklichkeit nichts ahnt, denn „[e]rst wenn er sich von der gewöhnlichen Einstellung losmacht und erkennt, daß nicht die Wahrnehmungsdinge, sondern die Ideen das wahrhaft Wirkliche sind, begreift er, daß es die schattenhafte Seinsweise nur gibt und daß diese Gegenstände nur erkannt werden können, weil ihnen die wahrhafte Wirklichkeit der Ideen zugrunde liegt.“ 7 Obwohl die konkreten Dinge zwar Anteil (methexis) an den Ideen haben, bleiben sie von diesen auf Grund ihres Abbildcharakters durch eine Kluft (chorismos) getrennt. Die Vorstellung einer unüberwindbaren Schlucht ist allerdings auch problematisch und ein zentraler Punkt vieler Kritiker, weil es schwierig ist, Teilhabe der Dinge an den Ideen und gleichzeitig doch striktes Voneinander-Getrennt-Bleiben zusammenzudenken.
4 Ebd., S. 201.
5 Wolfgang Röd: Kleine Geschichte der antiken Philosophie. München 1998. S. 127f.
6 Vgl. Politeia. VII. Buch, 514a-515d.
7 Wolfgang Röd, a.a.O., S. 129.
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Arbeit zitieren:
Anne Paltian, 2003, Das Verhältnis von Körper und Seele in Platons Phaidon, München, GRIN Verlag GmbH
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