1. Einleitung
In den letzten Jahren der Weimarer Republik trat diese in eine neue Phase ihrer Entwicklung ein. Die seit 28. Juni 1928 amtierende Regierung Müller stand dauerhaft unter Kritik und hatte sich kontinuierlich mit Krisen auseinanderzusetzen. Die Einflussnahme antiparlamentarischer Bewegungen nahm offensichtlich zu. Der „Rechtsruck“ innerhalb der bürgerlichen Parteien, dessen deutliches Zeichen die Amtsübernahme Ludwig Kaas als Parteichef der Zentrumspartei war, zeichnete die kommende politische Entwicklung bereits vor. Darüber hinaus entfernte die steigende Arbeitslosigkeit die SPD zunehmend von der DVP. 1 Die Gesamtkonstellation der Krisen zersetzte die Große Koalition schließlich so stark, dass diese an der Frage der Beitragserhöhung der Arbeitslosenversicherung um einen halben Prozentpunkt scheiterte. 2 Den Plan des Reichspräsidenten Hindenburg, eine von den Mehrheitsverhältnissen unabhängige Regierung, verwirklichte schließlich Heinrich Brüning, der nach Verständigung mit dem Reichspräsidenten schon während der Regierungszeit Müllers schließlich am 29. März 1930 zum Reichskanzler ernannt wurde.
Ein Phänomen, das 1929 zwar nicht erstmals, aber verstärkt auftrat, war eine Welle politischer Gewalttaten, die außerhalb der Regierungspolitik auf den Straßen der Weimarer Republik stattfand. Das Phänomen der politischen Gewalt in der Weimarer Republik und ihre Etappen von 1929 bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten am 30. 01.1933 sollen Thema dieser Arbeit sein. Getragen wurde diese vor allem von den extremen Flügelparteien und ihren Wehrorganisationen. Der „Rote Frontkämpferbund“ 3 auf der extremen linken Seite und die „Sturmabteilung“ 4 der Nationalsozialisten standen sich mit klarem Feindbild gegenüber. Aber auch die Wehrverbände der gemäßigten Parteien haben sich an den Auseinandersetzungen beteiligt, wenn auch in einem sehr viel geringerem Umfang. Deshalb ist der Fokus dieser Arbeit auch auf die beiden wichtigsten Akteure politischer Gewalt, die Nationalsozialisten und die Kommunisten mit ihren Wehrorganisationen, gerichtet.
1 Vgl. Wirsching, Andreas: Die Weimarer Republik. Politik und Gesellschaft (Enzyklopädie Deutscher
Geschichte, Bd. 58), München 2000, S. 30ff.
2 Vgl. Ebd.
3 Im folgendem: RFB.
4 Im folgendem: SA.
2
Die Welle der politischen Gewalt führte dazu, dass in der letzten Phase der Weimarer Republik mehr politisch motivierte Gewaltakte begangen wurden als in den mittleren Weimarer Jahren, denen häufig „eine relative Ruhe“ zugeschrieben wird. Politische Gewalt auf den Straßen gab es zwar auch massiv in der revolutionären Anfangsphase der Weimarer Republik, sie trat aber auch kontinuierlich über die mittleren Weimarer Jahre auf. Jedoch haben sich die Bedingungen, in denen es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen kam, verändert. Ein Beispiel dafür sind Erwerbslosenproteste, die keine eindeutig politische Ursache hatten und auch vielfach Frauen mobilisierten, wie diese in ihrer typischen Form während der Inflation aufgetreten sind. Gerade diese Form des sozialen Protests war 1930 nicht mehr derselbe. Die wirtschaftliche Krise führte eben nicht mehr zu unkontrolliertem Anstieg der Preise, sondern zu einem Nachfragerückgang. Dies traf dann vor allem die wachsende Zahl von Arbeitslosen. Unter diesen waren 1932 ein Viertel zwischen 18 und 25 Jahren alt 5 und nicht mehr so stark in der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung verwurzelt wie ihre Väter. 6 Die Propaganda radikaler Elemente konnte dadurch auf fruchtbaren Boden fallen.
Gewalt war aber nicht die notwendige Folge der wirtschaftlichen Krise und der politischen Konflikte. Im Gegensatz zu 1923 wurden aber die wirtschaftlichen und sozialen Schwierigkeiten den politischen Instanzen angekreidet. 7 Die Instrumentalisierung der politischen Situation auf den Straßen und die von der Straße aus auf die Politik wirkende Angst vor der Eskalation der Gewalt wird in dieser Arbeit anhand der maßgeblichen Ereignisse, die in Zusammenhang mit politischen Gewaltakten standen, untersucht.
2. Das Phänomen der „politischen Gewalt“ in der Weimarer Republik
Bernd Weisbrod schreibt politischer Gewalt zwei elementare Funktionen zu. Zum einen die Eigendynamik der Gewalteskalation und zum anderen den symbolischen Charakter, der „über die Gewalttat hinaus als Appell an verbindliche politische Grundwerte zu verstehen ist und erst daraus […] politische
5 Vgl. Schumann, Dirk: Politische Gewalt in der Weimarer Republik 1918 - 1933: Kampf um die Straße und
Furcht vor dem Bürgerkrieg, Essen 2001, S. 301.
6 Vgl. ebd.
7 Vgl. ebd., S. 302.
3
Wirkungsmächtigkeit erringt.“ 8 Anhand dieser Definition ist der Grundstein der Gewalt schon in den Freikorps und Einwohnerwehren gelegt, da diese bereits den inneren Frieden der Republik verweigerten. Die „Zersetzung des staatlichen Gewaltmonopols“ begann also bereits in der Frühphase der Weimarer Republik und verlief parallel zu einer Veränderung der Wert- und Moralvorstellungen, und des Rechtsempfindens. Die Akzeptanz dieser politischen Gewalt entstand also kontinuierlich mit einem stillen Einverständnis und nicht durch ein einzelnes bestimmtes Ereignis. 9
Verstärkend auf diese Entwicklung wirkten aber noch andere Faktoren. Zum Beispiel wirkte die bewusste Gewaltverherrlichung in der nicht unmittelbar nach dem Krieg, sondern verzögert einsetzende Literatur des „soldatischen Militarismus“, die besonders in der Studentengeneration Wirkung zeigte, zusätzlich als „Remilitarisierung der öffentlichen Meinung“. 10 Auch im verbreiteten extremen Antimodernismus und dem in bürgerlichen Kreisen verbreiteten extremen Nationalismus 11 , die Bernd Weisbrod als „Sammlung politisch-kultureller Fragmente“ bezeichnet, war die Akzeptanz von illegaler politischer Gewalt schon angelegt. 12 Eine Erklärung der politischen Gewalt ist also ohne die „konservative Kollaboration und die stille Duldung der traditionellen Eliten“ 13 gar nicht möglich. 14 Die Ursachen des politischen Extremismus sind also auch auf der sozialgeschichtlichen und nicht nur auf der politischen Ebene zu finden. 15
Die in der wissenschaftlichen Diskussion immer wieder betonte Schwäche der demokratischen Kräfte und Institutionen gegenüber der offenen Gewalt von rechts und links war eines der grundlegenden Probleme, durch das die rechten und linken Wehrverbände immer mehr militärische Elemente in die politische Kultur der
8 Weisbrod, Bernd: Gewalt in der Politik. Zur politischen Kultur in Deutschland zwischen den beiden
Weltkriegen, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 43 (1992), S. 391.
9 Vgl. ebd., S.403-404.
10 Ebd., S.399.
11 Vgl. Lehnert, Detlef; Megerle, Klaus: Politische Identität und nationale Gedenktage: zur politischen Kultur in
der Weimarer Republik, Opladen 1989.
12 Vgl. Weisbrod, Gewalt in der Politik, S.392.
13 Ebd., S. 398.
14 Vgl. ebd., S. 398.
15 Vgl. Bessel, Richard: Militarismus im innenpolitischen Leben der Weimarer Republik: Von den Freikorps zur
SA, in: Müller, Klaus-Jürgen; Opitz, Eckhardt(Hrsg.): Militär und Militarismus in der Weimarer Republik:
Beiträge eines internationalen Symposiums an der Hochschule der Bundeswehr Hamburg am 5. und 6. Mai
1977, Düsseldorf 1978, S. 221-222.
4
Weimarer Republik hineintragen konnten. 16 Wobei man sagen muss, dass dies kein spezifisch deutsches Problem war, auch in anderen Ländern kam es zur Mobilisierung paramilitärischer Verbände, aber an Intensität und Ausmaß der Ausschreitungen der Weimarer Republik gemessen waren diese doch eher verhalten. 17
„Die Erfahrungen Deutschlands zwischen den beiden Kriegen zeigen, daß in der
Bevölkerung ein tiefwurzelnder und weitverbreiteter Respekt für das Militär, militärische
Organisationsformen und für militärische Reaktionen auf politische Probleme existierte.
Weder die Freikorps, noch die Wehrverbände und Kriegervereine noch die SA haben die
militärische Stimmung eines so großen Teils der deutschen Bevölkerung geschaffen; diese
Organisationen haben die schon vorhandene Stimmung verbreitet und ausgenutzt, um ihre
18
politischen Ziele zu erreichen.“
Die entscheidenden Faktoren der Gewaltorganisation in den späten Weimarer Jahren stellten eben diese paramilitärischen Wehrverbände der politischen Parteien dar. Die wieder gegründete SA der Nationalsozialisten, der RFB der KPD und das republikanische Reichsbanner, das überparteilich sein sollte, traten zunächst nur in offene Konkurrenz in der Werbung und Mobilisierung von potenziellen Mitgliedern. Der Kampf war also zunächst ein Propagandafeldzug, ging aber immer stärker und schneller zum offenen Gefecht über. 19
Eine zusätzliche Sichtweise der Gewaltproblematik ist die „Idee des vitalistischen Aktionismus“, den Petra-Maria Schulz eingebracht hat. 20 Die jugendliche Gewalt, der Kampf auf der Straße, wurde von zahlreichen SA-Mitgliedern beispielsweise in Berichten von Saal- und Straßenschlachten als positives Erlebnis geschildert. Wer sich ihr aussetzt, gelange nach dieser Interpretation erst zu einem echten, spürbaren Leben. Damit hätten sich die Jugendlichen durch die Gewalt, von alten bürgerlichen Zwängen zu befreien versucht. 21 Da sich im Grunde aber jede Generation auf irgendeinem Weg von den Zwängen der elterlichen Generation zu befreien versucht, kann man diesen „vitalistischen Aktionismus“ auch als jugendlichen Aktionismus bezeichnen, der sich der Gewalt als Mittel bedient hat, weil diese gesellschaftlich akzeptiert war.
16 Vgl. Knütter, Hans-Helmuth: Die Weimarer Republik in der Klammer von Rechts- und Linksextremismus, in:
Bracher, Karl Dietrich; Funke, Manfred; Jacobsen, Hans-Adolf (Hrsg.): Die Weimarer Republik, Bonn 3 1998, S.
387.
17 Vgl. Blasius, Dirk: Weimars Ende: Bürgerkrieg und Politik; 1930 - 1933, Göttingen 2005, S. 14.
18 Bessel, Militarismus, S. 221-222.
19 Weisbrod, Gewalt in der Politik, S.396.
20 Vgl. Schulz, Petra-Maria, Ästhetisierung von Gewalt in der Weimarer Republik. Über die Wahlverwandtschaft
von Kloster und Fabrikdisziplin, Münster 2004.
21 Vgl. ebd.
5
3. Politische Gewalt 1929 - 1933
Bereits seit der Jahreswende 1929/30 war die Zunahme der Gewalt unübersehbar. Im Oktober 1931 veröffentlichte die „Welt am Montag“ eine aus polizeilichen Quellen und Statistiken zusammengefügte Auflistung der in Deutschland begangenen Morde und Körperverletzungen mit vermeintlich politischem Motiv. Diese endete im Juli 1931. Im Zeitraum seit Anfang 1923 seien 457 Menschen umgekommen und 1154 verletzt worden. Trotz der deutlich ansteigenden Zahlen, wurde aber das Niveau der Jahre 1919/1920 zunächst nicht erreicht. Dass Reichsbanner und SPD nicht die Hauptaktivisten im politischen Kampf auf der Straße waren, sondern Kommunisten und Nationalsozialisten, zeigt die Statistik der Todesopfer. Nach dieser ließen 323 linksradikale, von diesen 108 seit 1929, ihr Leben, 31 rechtsradikale Tote standen acht republikanischen und zehn Polizisten gegenüber. Die Statistik der Verletzten weist in dieselbe Richtung. 22
Zeitpunkt und Ausmaß der politischen Zusammenstöße wurde wesentlich durch die Wahlkampfzeiten bestimmt. Es waren weniger Kundgebungen oder große Aufmärsche mit tausenden Menschen, sondern die Versammlungswellen und der daraus resultierende „Versammlungskleinkrieg“, der das Bild in den letzen Weimarer Jahren bestimmte. 23 Die Art und Weise in denen Auseinandersetzungen in Form von Gewalt ausgetragen wurden, waren aber nicht sehr vielfältig. „Konflikte um weithin sichtbare Symbole, die zu Anfang der zwanziger eine große Rolle gespielt hatten, etwa nach den Morden an Erzberger und Rathenau, rückten jetzt ganz in den Hintergrund.“ 24 Bestimmte Symbole, wie Abzeichen oder Uniform blieben aber von größerer Bedeutung, sie kennzeichneten eindeutig den politischen Gegner. Mit ihnen machte man seine Zugehörigkeit zu einem der Verbände deutlich und sich der eigenen Stärke bewusst. Das preußische Innenministerium und später auch das
Reichsinnenministerium versuchten deshalb auch durch Uniformverbote die Gewalt einzudämmen. Seit den mittleren Weimarer Jahren entfalteten die Wehrverbände auch große propagandistische Wirkung über größere Symbole wie Fahnen, Standarten, besondere Kampf- und Feiertage, eigenes Liedgut usw. 25
22 Welt am Montag Nr. 41 v. 12.10.1931(in: GSTA PKI. HA Rep. 77 Tit. 4043 Nr. 120, Bl.301); zitiert in:
Schumann, Politische Gewalt, S. 303-307.
23 Vgl. ebd., S. 334.
24 Vgl. ebd., S. 309.
25 Vgl. ebd., S. 310.
6
Im Wesentlichen wiederholte sich ab 1929 aber eine Situation, die bereits in der revolutionären und nachrevolutionären Anfangsphase der Weimarer Republik vorhanden war. Damals waren Mitglieder von Freikorps für hunderte politische Morde verantwortlich. Sie wurden hauptsächlich eingesetzt, um die politische Linke zu unterdrücken. Der Unterschied zur Situation ab 1929 besteht offensichtlich lediglich darin, dass die SA als aggressivster Wehrverband, aber auch andere nationalistische Verbände, dies nun in Eigenregie taten. Dabei wurden sie von staatlicher und gesellschaftlicher Seite bis 1933 aber immer stärker legitimiert. Der Kampf gegen die Linke war also ein wiederkehrendes Motiv für politische Gewalttaten, die Akzeptanz gegenüber den rechten Wehrverbänden am Ende der Weimarer Republik war in ihren Gründungsjahren bereits angelegt und verwurzelt. Dennoch kann man die Wehrverbände nicht mit den Freikorps vergleichen. Sie waren um einiges politischer. Der Dienst als Streikbrecher, wie ihn die Freikorps noch staatlich gelenkt erfüllten 26 , war für Wehrverbände sehr viel weniger denkbar gewesen, denn dies hätte dem Ziel der Anhängergewinnung entgegengestanden. Dass sich die Wehrverbände, besonders die SA, in der Tradition der Freikorps befanden, war ihnen selbst bewusst. Ein SA- Geschichtsforscherschrieb 1933:
„Es geht eine gerade Linie aus den Schützengräben des Krieges über die Freikorps zu
den Sturmabteilungen der NSDAP. Wer die SA - Führer kennt und die Freikorps kannte, der
weiß, daß fast alle Freikorpsmänner und besonders alle Unterführer der Freikorps heute SA -
27
Führer sind, und nicht nur das: Sie haben die SA aufgebaut.“
Die Gewaltbereitschaft der Wehrverbände wuchs auch in der „relativen Ruhe der mittleren Weimarer Jahre“ beständig an. 28 „[Mit] der Ausweitung ihres organisatorischen Apparates, mit der Entfaltung ihrer Selbstdarstellungsriten einher ging eben auch die offen artikulierte Bereitschaft, sich das `Recht auf die Straße` notfalls mit Gewalt zu erkämpfen.“ 29 Mit Hilfe des Selbstschutzbegriffes, „verwandelten sich die Straßenkämpfer der späten Weimarer Jahre in Opfer und Ordnungshüter zugleich, die Gewaltorganisationen der Parteiarmeen begannen selbst die Strategien des politischen Kampfes zu bestimmen.“ 30
26 Vgl. Bessel, Militarismus, S. 199.
27 Gundelbach, Klaus: „Der Opferring zum Sieg“, in: Vom Kampf und Sieg der schlesischen SA, Ein Ehrenbuch,
Breslau 1933, S. 12; zitiert nach: Bessel, Militarismus, S. 202.
28 Vgl. Schumann, Politische Gewalt, S. 266.
29 Ebd., S. 266-267.
30 Weisbrod, Gewalt in der Politik, S. 396.
7
Arbeit zitieren:
Christian Heinze, 2006, Gewalt auf der Straße: Die Auseinandersetzungen von Rotfront und SA 1929 bis 1933, München, GRIN Verlag GmbH
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