1. Einleitung
Dass die Französische Revolution umfassende Auswirkungen auf den gesamteuropäischen Raum gehabt hat, ist hinlänglich bekannt und sehr umfangreich diskutiert worden. Die Diskussion im „Geistes- und Ideengeschichtlichen Forschungsraum“ entzündet sich dabei jedoch kaum an der politischen Entwicklung während der Herrschaft Napoleons, sondern konzentriert sich auf die Zeit vor der Jahrhundertwende. 1 Was das Heilige Römische Reich deutscher Nation angeht, so wird Napoleon als Überwinder der Revolution in Frankreich dargestellt,
„der das Deutsche Reich auflöst und die deutschen Dichter [und Schriftsteller] ins geistige Reich drängt, bis sich infolge der Unzufriedenheit mit der französischen Fremdherrschaft, ermutigt durch wachsende Misserfolge des Kaisers, ein geistiger Widerstand der Dichter und Philosophen formiert und dem Kampf gegen den Unterdrücker literarisch den Weg ebnet.“ 2
Einer dieser sich vom revolutionären Überschwang angesteckten, am politischen Geschehen beteiligenden Publizisten und demokratischen, im Sinne der Aufklärung agierenden Schriftsteller war Andreas Georg Friedrich Rebmann. Im Großteil der sich mit ihm beschäftigenden Literatur wird dieser als „deutscher Jakobiner“ oder Patriot bezeichnet, zwei Begriffe, die teilweise gleichbedeutend verstanden wurden. Thema dieser Arbeit soll es nun nicht sein diese Einschätzung Rebmanns ausreichend kritisch zu prüfen, dies ist an anderer Stelle geschehen. Dennoch habe ich mich entschlossen, diese Begrifflichkeiten zu verwenden, und werde deshalb versuchen, an Hand der Literatur, kurz eine politische Einordnung Rebmanns vorzunehmen. Der Titel dieser Arbeit wirft weiterhin zwei zentrale Fragen auf. Zum einen in wie weit Georg Friedrich Rebmann als „deutscher Jakobiner“ zu bezeichnen ist, und was dieser Begriff zunächst beinhaltet.
Zum anderen stellt sich dann eben in diesem Kontext die Frage, wie sich das Bild Napoleons exemplarisch, aus Rebmanns Sicht, als „Prototyp des deutschen Jakobiners“ 3 , veränderte oder eben nicht. Aus dieser zweiteiligen Fragestellung ergibt sich auch der Aufbau dieser Arbeit.
Rebmanns politische Einstellung, auf welche ich in dieser Arbeit zu sprechen kommen werde, ist besonders in den letzten Jahren relativ erschöpfend erforscht und teilweise kontrovers diskutiert worden. 4 Seine Tätigkeit als politischer Publizist konzentrierte sich, mit einigen wenigen Ausnahmen, auf sein Leben vor der Jahrhundertwende und kulminierte in seiner produktivsten Phase 1798 - 1800. So ist sein Rückzug aus der politischen Publizistik, nach dem Eintritt in den französischen Staatsdienst und der Machtübernahme Napoleons, sehr auffällig, betrachtet man die Zahl seiner Veröffentlichungen. Seine publizistische Tätigkeit flaute ab und er widmete sich, zumindest öffentlich, jetzt vermehrt juristischen Themen. Diese Tatsache stellt auch eine Schwierigkeit dieser Arbeit da. Weil sich die Fragestellung, eben mit der Zeit nach 1799/1800 beschäftigt, ist es notwendig neben seinen politisch-publizistischen Werken auch seine private Korrespondenz zu berücksichtigen, um das Bild eines „deutschen Jakobiners“ auf Napoleon zu beleuchten. Dabei ist der Lebenslauf Rebmanns für die Betrachtung von großer Bedeutung, besonders in Hinblick auf seinen plötzlichen Rückzug aus der politischen Publizistik. Er macht diesen erklärbar, zumindest aus heutiger Sicht verständlich. 5 Jedoch verstummte Rebmann auch nach 1799/1800 nicht vollständig. Wiederholt äußert er sich, wenn auch um ein vielfaches spärlicher als vor der Machtübernahme durch Napoleon, über das aktuelle politische Geschehen und auch über den Despoten selbst. Wenn dieser dabei auch nie Hauptthema eines seiner Werke ist, seine berufliche Stellung und die Zensur machten dies sowieso kaum möglich, so kann man doch versuchen, aus seinen Schriften das Napoleonbild eines „deutschen Jakobiners“ heraus zu lesen.
2. Biographisches Profil
2.1. Lebensdaten
Zunächst einmal ist es kaum möglich, ein auch nur annährend vollständiges Bild des Wirkens Georg Friedrich Rebmanns an Hand seiner biographischen Daten zu entwickeln, weil eben diese im Wesentlichen aus seinen eigenen Veröffentlichungen hervorgehen. Von einigen persönlichen Dokumenten, dabei vor allem Briefen, einmal abgesehen, sind kaum private Aufzeichnungen vorhanden. 6 Eine geschlossene und vollständige Darstellung seines Lebenslaufes soll auch nicht Thema dieser Arbeit sein, doch ist ein kurzes biographisches Profil notwendig, um Rebmann in die Rolle, die er zu seiner Zeit spielte, einzuordnen und ein grundlegendes Verständnis für seine Schriften und Werke zu schaffen, aber auch um eine historisch sinnvolle Lesart seiner Werke zu entwickeln.
Geboren wurde Andreas Georg Friedrich Rebmann am 24.11.1768 im süddeutschen Sugenheim als Sohn eines Beamten. Bereits mit 12 Jahren, 1781, wurde er an der Universität in Erlangen angemeldet, nahm aber sein Studium dort erst vier Jahre später auf. Im Alter von 18 Jahren wechselte er an die Universität nach Jena, an welcher er sein Jurastudium 1789 beendete. Daraufhin kehrte er nach Erlangen zurück, wo er weiterhin in Kreisen der Universität aktiv blieb. Er wurde Mitglied einer geheimen Verbindung, des „Schwarzen Ordens“, der sich mit seinen Tugenden: „Liebe, Eintracht, Moral“ wohl relativ eindeutig „die idealistischen Tugenden der Aufklärungsbewegung.“ 7 zuschreiben lässt.
1792 reiste er durch Franken, Thüringen, Sachsen und hielt sich zeitweise in Berlin auf. Anschließend übernahm er im Auftrag des Dresdner Buchhändlers Carl Christian Richter die Redaktion der „Neuen Dresdner Merkwürdigkeiten“ und auch die des „Allgemeinen sächsischen Annalisten“. 8
Ab „1793 ist Rebmann freier Schriftsteller und damit ein Prototyp des beruflich nicht gesicherten, auf die eigenen Schreibleistungen und den Büchermarkt angewiesenen oppositionellen Intellektuellen des ausgehenden 18. Jahrhunderts.“ 9
Rebmanns schriftstellerische Tätigkeit zog schnell Aufmerksamkeit auf sich, besonders die Behörden wurden sehr schnell auf ihn aufmerksam. Schon früh wurde er des Jakobinismus 10 verdächtigt, weshalb er nach einer Vorladung im Juni 1794 und immer stärker unter Druck geratend endgültig Dresden verließ. Zusammen mit dem Verleger Gottfried Vollmer versuchte er nun in Dessau einen Verlag zu gründen, jedoch wurden beide bevor es dazu kam des Landes verwiesen, weil Rebmann Anfang 1794 eine Aufsehen erregende Rede Robespierres übersetzt und veröffentlicht hatte. 11 Ab November desselben Jahres hielt sich Rebmann, zusammen mit seinem Verleger Vollmer, in Erfurt auf. Jetzt wurde er schon in Journalen, wie „Eudämonia“, dem „Revolutions-Almanach“ und der „Wiener Zeitschrift“, also gegenrevolutionärer Organe, politisch als Jakobiner stigmatisiert. Im folgenden Jahr wurde sein Verleger Vollmer verhaftet, woraufhin sich Rebmann erneut auf die Flucht begab, diesmal nach Altona, welches dänisch regiert war. Bis Juni 1796 blieb er und reiste dann schließlich, bereits aktiv verfolgt, über Holland und Belgien nach Paris, wo er im August desselben Jahres ankam, also bereits während der Regierungszeit des Direktoriums. Im Dezember des darauf folgenden Jahres, er fühlte sich wohl bereits als Franzose 12 , wird er ins französisch regierte Mainz zum Richter am Strafgericht berufen. Nach einer kurzen Tätigkeit in Trier, 1800-1802, als Mitglied am Revisionsgericht wird er zum Präsidenten des Kriminalgerichtshofes in Mainz ernannt. Für seine juristischen Verdienste erhält er von Napoleon Bonaparte den Orden der Ehrenlegion. 13 Schließlich wurde Rebmann im Juni 1810 zum Mitglied des Appellationshofes in Trier berufen und wenig später zu dessen Präsident ernannt. Bis zu seinem Tode blieb er nun im juristischen Staatsdienst tätig.
Auch nach dem Sturz Napoleons setzte er seine Tätigkeit im Dienst des neuen Landesherren, des bayrischen Königs Max Joseph fort. 1817 wurde Rebmann in den Adelsstand erhoben, machte aber von seinem Titel nach heutiger Erkenntnis keinen Gebrauch. Am 16. September 1824 stirbt er bei einem Kuraufenthalt in Wiesbaden. 14
2. 2. Werke und Veröffentlichungen
Rebmann hat einen großen Teil seiner Schriften in Zeitschriften veröffentlicht und war auch als Herausgeber beteiligt. Wie bereits erwähnt, fiel die Hauptphase seiner Tätigkeit auf die Jahre bis 1800. Die wichtigsten seiner Zeitschriften waren: „Das neue graue Ungeheuer. Herausgegeben von einem Freunde der Menschheit“. Diese Zeitschrift erschien von 1794 bis 1797 in unregelmäßigen Abständen und wurde anonym und mit unterschiedlichen Druckorten vertrieben. Rebmann betätigte sich als Redakteur und Verfasser, aber auch als Herausgeber der meisten Beiträge. Das Journal „Die Schildwache“ erschien zwischen 1796 und 1797 ebenfalls unregelmäßig. Ein weiteres wirkungsträchtiges Organ seiner politischen Publizistik, war das Journal „Die Geißel“, es erschien in den Jahren 1797 bis 1799 regelmäßig mit zwölf Heften pro Jahrgang. Eine große Anzahl der Artikel, aber auch Übersetzungen französischer Texte, hat Rebmann hier selbst geschrieben. Im „Obskuranten-Almanach“ der von 1798 bis 1800 erschien „erhebt er - zum letzten Male so direkt, so offen und so kämpferisch - seine Stimme als Verteidiger des menschlichen Fortschrittes und als Ankläger des Despotismus.“ 15
Wichtige Werke, die er vor 1800 veröffentlichte, waren unter anderen seine Reiseberichte: „Kosmopolitische Wanderungen durch einen Theil Deutschlands“ 1793 und seine „Wanderungen und Kreuzzüge durch einen Theil Deutschlands“ 1795/96 oder auch sein satirischer Roman „Hans Kiekindiewelts Reisen in alle vier Weltheile und den Mond“ 1795.
Um die Jahrhundertwende wurden die publizistischen Tätigkeiten Rebmanns seltener und seine Veröffentlichungen wurden vermehrt juristischer Natur. Als Beamter im französischen Staatsdienst und von Krankheit zunehmend gezeichnet schrieb er im Februar 1816 an Johann Peter Job Hermes: „Schriftstellern mag ich nicht, weil es 1. Mühe kostet, 2. ich doch nicht daran bleiben kann, 3. weil man doch eigentlich nicht wohl sagen darf, was man möchte.“ 16 Dennoch veröffentlichte er noch einige wenige Schriften, die über juristische Belange hinaus, sich mit der aktuellen politischen Situation, Gedanken über die Revolution und Zukunftsvorstellungen usw. beschäftigten. Einige wichtige unter diesen werde ich im Rahmen der Analyse des Napoleonbildes Rebmanns in dieser Arbeit noch aufführen.
Unter ihnen sind auch die „Historisch-politische Miscellen aus dem Jahrhundert der Kontraste für unbefangene Leser“ aus dem Jahr 1805, „Damian Hessel und seine Raubgenossen“ (1810) und seine „Aussichten von der Zeit in die Zukunft“ 1816 mit denen er seine politische Publizistik schließlich auch beendete. 17
3. Politische Einordnung 18
3.1. Jakobinismus in Frankreich
Ursprünglich weist das Wort "Jakobiner" 19 auf den politischen Klub hin, der sich 1789 im Jakobinerkloster als Société des amis de la constitution, in der Straße Saint-Honoré in Paris, niederließ und zu einem politischen Forum wurde, in dem die verschiedenen politischen Gruppierungen und führenden Akteure der französischen Revolution ein- und ausgingen. Als Jakobiner bezeichnete man also zunächst Angehörige des Pariser Jakobinerklubs oder einer seiner Tochtergesellschaften, die es während der Revolution vielfach in Frankreich gab.
Nachdem am 16. Juli 1791 die Feulliants, die man als politische Vertreter des Großbürgertums und liberalen Adels bezeichnen kann, sich nach der ersten Spaltung des Pariser Jakobinerklubs im Sommer 1791 als eine eigene politische Gesellschaft, den „Club des Feulliants“, in vielen Städten Frankreichs festigte und den rechten Flügel der antifeudalen Opposition repräsentierte, verließen im Oktober 1792 auch die Girondisten, als der politisch gemäßigtere Flügel, den Klub. 20 Dieser nach dem französischen Departement Gironde benannten Fraktion gehörten vor allem Vertreter des Handels- und Industriebürgertums an.
Durch die zunehmende Radikalisierung und wiederholte Spaltung erfuhr der Jakobinismus eine Eingrenzung, sodass er schließlich 1793/94 fast nur noch mit der „Wohlfahrtsdiktatur“ in Verbindung gebracht wurde.
Eben diese jakobinische Elite der Wohlfahrtsdiktatur übte zu jener Zeit eine scharfe Kritik an jeder Beschränkung des Gleichheitsprinzips und propagierte darüber hinaus die Einheit des Volkes. Diese Einheit sollte dabei als Gesamtköper verstanden werden. Heute gibt es in der Forschung einen weitgehenden Konsens darüber, dass „das Bekenntnis zur revolutionären Demokratie, zum konsequenten bürgerlichen Demokratismus, sowie Treue zur Französischen Revolution und die Bereitschaft, mit dem Volk und für das Volk politische Veränderungen zu realisieren, […] Positionen...“ 21 sind, die sowohl den eigentlichen französischen Jakobinern, als auch den außerfranzösischen Jakobinern, also auch den so genannten „deutschen Jakobinern“ zugeschrieben werden können. Während aber in Frankreich die Auseinandersetzung zwischen den Anhängern der Revolution stattfand, fanden die deutschen Anhänger der Revolution ihre Positionen stets konfrontiert mit den überlegenen Gegnern der Revolution, die versuchten sie nicht politisch aktiv werden zu lassen. Vor diesem Hintergrund stellt sich zunächst die Frage nach der Existenz und auch letztendlich die Frage nach den Entfaltungsmöglichkeiten einer „jakobinischen Kultur“ im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation.
3.2. Jakobinismus in Deutschland
Als Jakobiner bezeichnete man also auch die Anhänger der französischen Revolution außerhalb Frankreichs. Vor allem jene, die sich auch noch nach der Hinrichtung Ludwigs XVI. und der Wohlfahrtsdiktatur zu den Idealen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit bekannten und republikanische Staatsformen anstrebten, auch wenn sie nicht Mitglied einer politischen Organisation waren. Der Begriff war im Zeitkontext stigmatisierend gemeint und sollte sie in den Ruch von „radikalen Königsmördern“ bringen; selbst nannten sie sich Patrioten. Beide Begriffe wurden aber auch gleichbedeutend verwendet. In diesem Sinne verstanden sich die deutschen Revolutionsanhänger als "Freiheitsfreunde" und nicht als „deutsche Jakobiner“, eine Bezeichnung, die ihnen vor allem von den gegenrevolutionären Kräften im Heiligen Römischen Reich zugewiesen wurde, um sie als politischen Gegner zu diskreditieren.
Arbeit zitieren:
Christian Heinze, 2005, Das Napoleonbild eines deutschen Jakobiners: Andreas Georg Friedrich Rebmanns Veröffentlichungen über Napoleon Bonaparte nach 1799/ 1800, München, GRIN Verlag GmbH
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