Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Makrostruktur (Inhaltsangabe)
3. Mikrostruktur (Sprachspiele)
3.1. Ada or Ardor
3.1.1. Nomen est Omen
3.1.2. Adored Ada - angebetet, geliebt, adoriert?
3.1.3. Ardor
3.2. Verwandtschaft, Sexualität und Sprachspiele
3.2.1. Incestuos (whatever that term means)
3.2.2. Her sister’s sister’s last letter
4. Fazit
5. Literaturverzeichnis
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1. Einleitung
In jeder alphabetischen Liste der Werke Nabokovs steht „Ada or Ardor: A Family Chronicle“ 1 an erster Stelle. Wahrscheinlich ist das einer der Nebeneffekte, die den Schriftsteller dazu veranlasst haben, seinen Roman so zu betiteln: Sein Hauptwerk sollte einen gebührenden Platz einnehmen. Objektiv kann man zwar nur auf den Umfang bezogen behaupten, es sei Nabokovs größter Roman, doch zahlreichen Kritikern und auch der Verfasserin dieser Arbeit scheint es ebenfalls im übertragenen Sinne sein größtes Werk zu sein. Auch der Autor selbst war offenbar derselben Meinung: Auf dem Deckblatt seiner eigener Ausgabe schrieb er, der Roman sei „ein geniales Buch - eine Perle der amerikanischen Literatur“ 2 . Stilistisch ist Ada zweifellos ein Meisterwerk. Dieser Roman ist noch dichter als alle seine übrigen Werke von Anagrammen, Reimen, Alliterationen, verkleidet wiederkehrenden Leitmotiven, Doppel- und Dreifachbedeutungen etc. durchwoben, und all das mehrsprachig: Französische und russische Einstreuungen sind besonders zahlreich, aber auch andere Sprachen (u. a. Deutsch) kommen zum Zug. In der vorliegenden Arbeit werden diese Mittel untersucht und dabei übergreifend „Sprachspiele“ genannt. Die Einführung dieses Begriffs ist hier notwendig, weil keine der alternativen Bezeichnungen befriedigend ist. Man kann das, was Nabokov mit der Sprache tut, nicht „Wortspiel“ nennen, da damit ein zu kleiner Maßstab suggeriert wird - in Ada verbindet ein vielschichtiges sprachliches Spiel manchmal mehrere Sätze. „Dichterische Mittel“ oder „rhetorische Figuren“ beinhalten normalerweise keine gezielte Verwendung mehrerer Sprachen und keine Mystifikationen des Lesers, die sich über Dutzende von Seiten entfaltet. Außerdem enthält die erste dieser beiden Varianten statt des zu diesem ironischen Roman sehr passenden Lexems „Spiel“ das Wort „Mittel“ - dabei sind Nabokovs sprachliche Experimente oft ein Zweck an sich. Jedes Mal das konkrete Mittel zu nennen ist leider auch keine Lösung, da oft unterschiedliche Handgriffe ineinander übergehen, und auch ihre gesamte Quantität an bestimmten Stellen von Bedeutung ist.
2 „Гениальная книга - перл американской литературы“ (genialnaja kniga - perl amerikanskoi literatury),
zitiert nach Bryan Boyds Essay „Ada“ in „The Garland Companion to Vladimir Nabokov Garland
Publishing“, S. 3
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Fortan wird der Begriff „Sprachspiel“ stets in der hier beschriebenen Bedeutung verwendet, seine anderen Verwendungsmöglichkeiten (z.B. die im Sinne Wittgensteins) sollen dabei außer Acht gelassen werden. Der Terminus „Familienähnlichkeit“ dagegen kann durchaus im wittgensteinschem Sinne auf Ada bezogen werden. Der Sprachphilosoph bezeichnete damit eine Summe von Gemeinsamkeiten unterschiedlichen Grades und in unterschiedlichen Bereichen. Dieser Begriff lässt sich in dreifacher Hinsicht auf den Roman anwenden: Erstens haben alle sprachlichen Ornamente zwar etwas Grundlegendes gemeinsam - die Wiederholung nämlich - es kann aber die Wiederholung eines oder mehrerer Laute, inhaltlich oder etymologisch verwandter Wörter verschiedener Sprachen bzw. eines leitmotivischen Themas sein. Es kann sich auch um eine metaliterarische Anspielung handeln, die zwar innerhalb des Romans nur einmal vorkommt, aber ein anderes Werk (meistens persiflierend) wiederholt. Man kann auch so weit gehen, die Literatur an sich als Wiederholung des Lebens (naiver Realismus) oder anderer Literatur (Postmoderne) zu sehen. Die Arten der Wiederholung sind also unterschiedlich, und auch ihr Grad variiert stark. Zweitens sind die Glieder jedes einzelnen dieser Sprachspiele durch eine Familienähnlichkeit verbunden, die in Klang, Herkunft, Bedeutung etc. wurzeln kann. Drittens demonstrieren auch die Protagonisten des Romans in wörtlichem sowie in übertragenem Sinn ein Familienähnlichkeit: Nicht nur sind die Hauptfiguren Bruder und Schwester, sondern auch jede andere relevante Gestalt ist mit ihnen verwandt 3 . Die Gemeinsamkeiten zwischen Ada und Van sind zahlreich und liegen in unterschiedlichen Bereichen, von sprachlichen Eigenarten über ungewöhnliche Kraft des Intellekts sowie des Libido bis zu identischen Muttermalen.
Ein weiterer Terminus in dieser Arbeit bedarf ebenfalls einer Erklärung: Unter einer wörtlichen Übersetzung ist in dieser Arbeit immer eine solche Übersetzung gemeint, die lediglich den primären Inhalt überträgt, ohne die möglichen Assoziationen, Konnotationen sowie den Klang einzubeziehen. Eine tatsächliche Wort-für-Wort-Übersetzung ist per definitionem unmöglich, schon aus grammatikalischen Gründen, von einer solchen wird in dieser Untersuchung also nie die Rede sein.
3 Die zahlreichen Geliebten Adas und Vans sind lediglich Nebenfiguren, alle vergleichsweise oberflächlich
gezeichnet. Sie treten nur kurz auf, um der Konstruktion dienlich zu sein, wonach sie restlos
verschwinden, ohne ein Interesse des Lesers zu erregen
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Wenn man die Sprachspiele in Ada untersuchen will, bietet sich der Titel als erste und besonders ergiebige Quelle an. Ihm ist der erste Teil dieser Arbeit gewidmet. Anhand dieses Teils wird deutlich, wie exakt Nabokov jedes Wort durchdenkt und wie hoch konzentriert die unterschiedlichsten Sprachspiele in seinen Werken sein können. Dadurch kann die Plausibilität mancher Hypothesen bewiesen werden, die im zweiten Teil folgenvon einem Schriftsteller, der einen einzigen Namen derart vielschichtig gestalten kann, darf man extrem komplizierte Gedankengänge erwarten. Der besagte zweite Teil beschäftigt sich mit der Verbindung zwischen Sprachspiel und Inzest.
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2. Makroebene
Eine kontextlose Untersuchung einzelner Sprachspiele hätte wenig Sinn; es ist notwendig, kurz auf die Figurenkonstellation und die Handlung einzugehen. Dieses Kapitel wird sich dem Was? des Textes widmen, damit sich die nächsten auf das Wie? konzentrieren können. Selbstverständlich kann hier der Inhalt nur sehr stark verkürzt und vereinfacht wiedergegeben werden. Der Leser des Romans muss die „Story“ nach und nach aus vielen Bruchteilen konstruieren; hier wird sie in chronologischer Reihenfolge zusammengefasst. Auf die ungewöhnliche Erzählsituation, die Zeitsprünge, die kunstvoll eingebauten Traktate (z: B. über die Natur der Zeit oder auch über den idealen Aufbau eines Bordells) und zahlreiche andere postmoderne Kunstgriffe wird hier nicht eingegangen. Stattdessen wurde aus diesem Netz ein Plot herausgelöst, der von einem inzestuösen Liebesdreieck handelt.
Dieser primäre Handlungsstrang lässt sich, wenn auch oberflächlich, so wiedergeben: Van Veen ist ein vermeintlicher Cousin, in Wahrheit aber der einzige Bruder der Titelheldinbeide sind Kinder Demons und Marinas. Im Sommer 1884, kurz vor dem zwölften Geburtstag seiner Schwester, verliebt sich Van in sie, als er, vierzehnjährig und bereits sexuell erfahren, auf dem Familiengut Ardis weilt. Nach einem anfänglichen Zögern verführt er sie während eines Brandes (vgl. ardor - Hitze); eine extrem stark sexuell ausgerichtete Beziehung beginnt: Beide, auch das Mädchen, können nicht mehr als ein paar Stunden aushalten, ohne sich zu lieben. Nach diesen Ferienmonaten sehen sich die Geschwister vier Jahre lang nur selten, die Leidenschaft füreinander lässt sie aber nicht los. 1888 verbringen sie wieder einen Sommer auf Ardis; Lucette, die vermeintliche Schwester Adas, in Wirklichkeit aber sowohl ihre als auch Vans Halbschwester mütterlicherseits, ist mittlerweile zwölf Jahre alt. Sie verliebt sich in den nun volljährigen Van. Er hat für das Kind wenig Interesse, trotzdem wird es in die Liebesspiele der Geschwister verwickelt, da die Liebhaber Lucette nicht wegschicken können - sie befürchten, dass das Mädchen aus Eifersucht der Familie von ihrer Beziehung erzählen würde. Diesen Sommer erfährt Van, dass Ada ihm nicht treu war.
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Obwohl er selbst noch ausschweifender lebte, kann er ihr nicht verzeihen und flieht voller Rachepläne, die sich in einem Duell mit einem zufälligen Mitreisenden auflösen. Ada sowie Van erklären die Untreue mit einem übermächtigen sexuellen Hunger, der durch ihren frühen Liebessommer geweckt wurde.
Weitere vier Jahre später wird Van, der mittlerweile Psychologie studiert und an einem Roman arbeitet, von Lucette, nun einem bezaubernden jungen Mädchen, aufgesucht. Sie gesteht ihm ihre Liebe und erzählt, dass Ada mit ihr eine erotische Beziehung hatte, später aber das Interesse für die schwesterliche Geliebte verlor. Van widersteht Lucettes Versuchen, ihn zu verführen, obwohl er sie sehr attraktiv findet und sich sonst nie eine Frau entgehen lässt. Lucette übergibt ihm einen Brief, in dem Ada von einem Heiratsantrag berichtet, den sie anzunehmen droht, wenn er nicht zu ihr zurückkehrt. Anschließend leben Van und Ada ein Jahr lang glücklich zusammen, bis ihr Vater von ihrer Beziehung erfährt und auf einer Trennung besteht. Er spricht unter anderem von einer Enterbung, dem klassischen Erpressungsmittel literarischer Eltern, aber auch ohne sein Geld würden die Geschwister durchaus überleben können. Es scheint mehr Vans plötzliche Überzeugung von der Richtigkeit der väterlichen Forderung zu sein, die sie wieder - diesmal für zwölf Jahre - trennt. Van unternimmt einen Suizidversuch und verfolgt nach dessen Scheitern einen Diener, der das Paar mit Fotografien ihres ersten Sommers erpressen wollte. Van schwört, seine Augen auszuschlagen, und vollführt sadistisch diese Tat. Ada heiratet, Van studiert und reist. Auf einem Schiff trifft er Lucette, die ihm wieder ihre Liebe erklärt. Von ihm und auch von ihrer Schwester abgewiesen (beide bieten ihr Freundschaft an, aber keine Liebe), wirft sie sich ins Meer. Durch ihren Tod treten Van und Ada wieder in Kontakt, wenn auch nur schriftlich. 1905 stirbt ihr gemeinsamer Vater Demon, woraufhin sie sich treffen und ihre Leidenschaft wieder entflammt. Ada will ihren Ehemann verlassen, dieser wird aber krank, und so beschließt sie, ihm im Tod noch beizustehen. Doch er stirbt erst siebzehn Jahre später.
Ada, nun fünfzigjährig, trifft Van sofort nach dem Tod ihres Gatten wieder. Sie leben ab diesem Tag und bis zum Schluss zusammen. 1967 vollendet Van mit Adas Hilfe seine Memoiren, die den Titel „Ada, or Ardor. A Family Chronicle“ tragen. Er ist 97 Jahre alt. Das letzte Kapitel geht fließend in eine parodistische Rezension auf den Roman Ada über, so dass das Ende offen bleibt. Es wird aber angedeutet, dass Van an Krebs erkrankt. Auch
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eine Interpretation im Sinne eines gemeinsamen Suizids des Paars ist möglich. Der Rezensent-Erzähler bietet aber eine metaphorischere Deutung an: „One can even surmise that if our time-racked, flat-lying couple ever intended to die they would die, as it were, into 4 the finished book, into Eden or Hades.“ (443 5 )
4 Die Hervorhebung durch Kursivschrift in Zitaten stammt immer von Nabokov.
5 Die Seitenangaben beziehen sich bei Zitaten aus Ada or Ardor: A Family Chronicle immer auf die
Taschenbuchausgabe von „Fawcett Publications Inc.“, Greenwich, 1969.
Arbeit zitieren:
Alexandra Berlina, 2005, Nabokovs Ada: Inzest und Sprachspiel im Original und in der deutschen Übersetzung , München, GRIN Verlag GmbH
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