Christian Einsiedel Antoine Busnoys Gründe für eine Neubewertung S 2 von 39
Inhalt:
I EINLEITUNG 3
II BUSNOYS: LEBEN UND WERK 4
1. Herkunft Schaffensstätten und Einflußbereiche 4
a) Herkunft und Werdegang vor der Burgunder Zeit 4
b) Dienst beim letzten Burgunderherzog und seiner Nachfolge 10
c) Spätere Stationen 13
2. Musik 15
a) Allgemeines 15
b) Charakteristisches - Zwei Beispiele 16
c) Weitere Aspekte 22
III BUSNOYS: FRAGEN DER BEDEUTSAMKEIT 27
1. Indizien für Bedeutsamkeit 27
2. Kulturgeschichtliche Konstruktion von Bedeutsamkeit: Busnoys als Opfer 29
IV ZUSAMMENFASSUNG UND KRITIK 32
V ANHANG 33
1. Literatur 33
2. Tonträger 34
3. Noten 35
a) Je ne puis vivre 35
b) A que ville 37
Christian Einsiedel Antoine Busnoys – Gründe für eine Neubewertung S. 3 von 39
Antoine Busnoys
1
wird in der Musikgeschichtsschreibung gerne die Rolle eines Kleinmeisters
zugewiesen, der als Nachfolger Gilles Binchois‘ am burgundischen Hof zwar durchaus be- achtenswertes komponiert hat, letztlich aber zu Recht im Schatten Dufays und Ockeghems geblieben ist. So wird er z. B. im alten MGG als „typischer Vertreter der Kunst seiner Zeit“
eingeordnet, der allerdings „nicht die Ausdruckstiefe und –echtheit [Ockeghems] besitzt.“ 2 Im
dtv-Atlas Musik wird Busnoys zwar als Vertreter der „2. Epoche der franko-flämischen Vo-
kalpolyphonie“ 3 erwähnt, findet aber bezeichnenderweise keinen Eingang in ein Schaubild zu „Herkunft, Schaffenszentren und Einflußbereiche[n] der wichtigsten Komponisten“. 4
Wer sich dessenungeachtet auf Busnoys einläßt, gelangt bald zu einem facettenreicheren Bild: Busnoys‘ ausgereifter Umgang mit den kompositorischen Mitteln seiner Zeit, seine Vorliebe für zusätzliche, codierte Bedeutungsebenen in Musik und Text, seine außergewöhnlichen, erst Verehrung, dann Verachtung zum Ausdruck bringenden Chansons an Jaqueline d’Hacque- ville, seine Rolle bei der Entstehung der L’homme armé-Messen, sein bereits vor dem Eintritt in die Dienste Karls des Kühnen beachtlicher Werdegang und nicht zuletzt das außerordent- liche Renommee, das er bei Zeitgenossen wie Nachfolgenden genoß – all diese Aspekte scheinen schon für sich genommen so interessant, daß sich die Frage stellt, warum Busnoys dieses Interesse seitens der Musikwissenschaft lange Zeit nicht entgegengebracht wurde.
Die vorliegende Arbeit verfolgt daher zwei Zielsetzungen. Zum einen soll das tradierte Bild um den aktuellen Wissenstand zu den genannten Aspekten ergänzt und ein erweitertes Busnoys-Bild entwickelt werden, wie es m. W. in deutscher Sprache bisher nicht verfügbar ist. Zum anderen soll der Frage nachgegangen werden, was dazu beigetragen hat, daß sich die skizzierte (zumindest relative) Geringschätzung Busnoys‘ entwickeln und auf lange Zeit durchsetzen konnte. Möglich ist beides vor allem dank der umfangreichen Arbeiten von
HIGGINS, 5 auf die sich diese Arbeit ausdrücklich bezieht.
1 in dieser Arbeit wird durchgehend die Schreibweise „Busnoys“ verwendet, Zitate ausgenommen. Busnoys selber gibt einen Hinweis auf die Schreibweise mit „y“ durch seine symbolische Verwendung der Zahl 108 – der
Summe der Buchstaben seines Nachnamens nach dem Nummernalphabet (s. u.: Verschlüsselungen). HIGGINS
(1987) schreibt noch „Busnois“; bei einer Schreibweise mit „i“ wäre die symbolische Zahl allerdings 94. 2 beide Zitate aus THIBAULT (1952), Sp. 519 3 MICHELS (1989), S. 241; vgl. auch S. 229 4 ebd. S. 228 (Hervorhebung durch den Autor) 5 HIGGINS (1987), HIGGINS (1999a) – letztere ist der Ergebnisband einer Konferenz von 1992; die meisten Aufsätze stammen daher aus diesem Jahr
Christian Einsiedel Antoine Busnoys – Gründe für eine Neubewertung S. 4 von 39
1. Herkunft, Schaffensstätten und Einflußbereiche
a) Herkunft und Werdegang vor der Burgunder Zeit Antoine Busnoys wurde vermutlich um 1430 in Busne bei Béthune (südwestlich von Lille)
geboren. 6 Außer der Namengebung gibt es keine direkten Hinweise auf seine Herkunft. Aller-
dings wird im Jahr 1499 ein Maitre Philippe des Busnes als Priester an Notre Dame in Lens
(südöstlich von Béthune) erwähnt, der von den Grafen von Busnes abstammte. 7 Es ist gut
möglich, daß es sich hierbei um einen Verwandten Busnoys‘ handelt: Eine adlige Abstam- mung könnte Busnoys‘ geistliche wie musikalische Ausbildung erklären.
Erste Hinweise auf Busnoys finden sich im Jahr 1458: 8 Eine Handschrift mit Gedichten 9
enthält im letzten Teil das Busnoys zugeschriebene Gedicht „Lequel vous plairoit mieulx trouver“. Entstanden ist dieser letzte Teil vermutlich in der Bretagne unter Herzog Arthur III. Dafür spricht, daß sich mindestens acht der fünfzehn im Manuskript genannten Dichter im Jahre 1458 – dem einzigen Jahr Arthurs Herrschaft – an seinem Hof aufgehalten haben. Im gleichen Teil der Handschrift findet sich auch das an anderer Stelle von Busnoys vertonte Gedicht „En tous les lieux“, das einem ‚Monsieur Jacques’ zugeschrieben wird. Aller Wahr- scheinlichkeit nach handelt es sich hierbei um Jacques de Luxembourg, Schwager Arthurs III
und Bruder des Grafen Louis von Saint-Pol. 10 Da Jacques der am häufigsten genannte Autor
ist, seine Gedichte aber andererseits (abgesehen von zwei Vertonungen) nur in dieser einen Handschrift überliefert sind, ist es wahrscheinlich, daß es sich um Jacques persönliche Sammlung handelt. Wenn von der fehlenden Überlieferung auf einen geringen Verbreitungs- grad der Gedichte geschlossen werden kann, liegt die Vermutung nahe, daß Busnoys sich im Zeitraum vor der Entstehung der Handschrift, also in den späten 1450er Jahren, am bretonischen Hof aufgehalten haben könnte. Zumindest hypothetisch könnte der Kontakt wiederum durch Jacques Vermittlung zustande gekommen sein – Saint-Pol liegt unweit von
6 Das Datum ~1430 findet sich im New Grove und bei HIGGINS (1987); im MGG wird 1435 angegeben, allerdings ohne daß diese Angabe begründet würde; vgl. SHERR (2000), Sp. 1363; STARR (1992) rechnet mit
einem Geburtsjahr zwischen 1436 und 1439 (s. u.)
7 vgl. HIGGINS (2001), S. 660 (§1^) 8 vgl. zur folgenden Argumentation FALLOWS (1999), S. 25-30 9 Paris 9223; ediert: RAYNAUD, Gaston (Hrsg., 1889): Rondeaux et autres poésies du XVe siècle, Paris; zitiert nach FALLOWS (1999), S. 26
10 vgl. INGLIS, Barbara L. S. (Hrsg., 1985): Une nouvelle collection de poésies lyriques et courtoises du XVe siècle: Le manuscrit B. N. Nouv. Acq. Fr. 15771, Genf/Paris: Bibliothèque du XVe siècle (48), app. A, S. 213-
214; zitiert nach FALLOWS (1999), S. 26
Christian Einsiedel Antoine Busnoys – Gründe für eine Neubewertung S. 5 von 39 Busne/Béthune. Einen direkten Beweis für Busnoys‘ Anwesenheit am bretonischen Hof gibt
es bisher allerdings nicht – in den Büchern des Hofes werden die Mitglieder der Kapelle nur
ohne Namensnennung aufgelistet.
Der nächste Hinweis zu Busnoys‘ weiterem Werdegang stammt vermutlich aus dem Jahr
1461. 11 Die anonym überlieferte Liedmotette „Resjois toi terre de France/Rex pacificus“ trägt bei genauem Hinsehen abgeschnittene Reste einer Zuschreibung am oberen Rand. Ein Ver-
gleich mit anderen in der selben Handschrift erhaltenen Zuschreibungen zeigt, daß von allen
genannten Komponisten nur Busnoys‘ Name mit dem erhaltenen Haken zufriedenstellend zur
Deckung zu bringen ist. 12 Aufgrund des Textes, in dem königliche Ehre und ein neu gewon- nener Frieden gepriesen werden, kann das Stück mit dem französischen Hof in Verbindung
gebracht werden. Daraus erklärt sich die frühere Zuschreibung des Stücks zu Ockeghem, 13 der zu diesem Zeitpunkt als Mitglied der Hofkapelle der einzige in Frage kommende Komponist
mit bekannten Verbindungen zum französischen Königshaus war. Mit den neuen Erkennt-
nissen über Busnoys‘ Stellung in Tours (s. u.) ist allerdings auch Busnoys zumindest indirekt
mit dem König assoziiert, was die „grafische“ Zuschreibung von „Resjois toi“ zu Busnoys
wenn nicht sicher, so doch plausibel macht.
Ähnlich unklar ist die Datierung: Anlaß für die Komposition könnte zum einen eine Sieges-
serie Karls VII gegen Ende des hundertjährigen Krieges sein, die mit der Eroberung der
Provinz Guyenne und des Hafens von Bordeaux am 19. Oktober 1453 ihren Abschluß fand.
Auch könnte das Stück anläßlich der Thronbesteigung Ludwigs XI am 15. August 1461 oder
zu einem Triumphzug in Gebieten entstanden sein, die er in den 1460er und frühen 1470er
Jahren zurückgewonnen bzw. neu erobert hatte. Einen Hinweis liefert möglicherweise die
Gestaltung des Contratenor Altus im zweiten Teil des Stückes: Die Melodie des gesungenen
„Vivat rex in aeternum“ paraphrasiert einen kirchlichen Gesang, der dem Hymnus „Pater
superni luminis“ gleicht. 14 Dieser war Teil des Gottesdienstes vom 22. Juli, dem Todestag Karls VII. Es ist möglich, daß es sich hier um eine Anspielung zur Krönung des Sohnes
Ludwig XI handelt, was die Datierung des Stücks auf 1461 stützen würde. Unter vielen Vor-
behalten ist es also zumindest vorstellbar, daß Busnoys das Stück zwischen dem 22. Juli und
dem 15. August 1461 im Auftrag des französischen Königshauses komponiert hat.
11 vgl. zur folgenden Argumentation LINDMAYR-BRANDL (1999)
12 die Zuschreibungen stammen in der gesamten Handschrift vom selben Schreiber; vgl. LINDMAYR-BRANDL (1999), Abbildungen S. 280-283 13 vgl. FALLOWS, David (1984): Johannes Ockeghem: The Changing Image, the Songs and a New Source, Early Music 12, S. 218-230, S. 222; zitiert nach: LINDMAYR-BRANDL (1999), S. 277 14 vgl. LINDMAYR-BRANDL (1999), Notenbeispiel S. 288; die Autorin bezieht sich auf GILLER (1980)
Christian Einsiedel Antoine Busnoys – Gründe für eine Neubewertung S. 6 von 39 Im Jahr 1461 findet sich auch der erste unzweifelhafte Hinweis auf Busnoys: 15 In den
Archiven des Vatikan ist ein päpstliches Schreiben vom 28. Februar des Jahres erhalten, in dem Busnoys‘ Exkommunikation aufgehoben wird. Darin sind sowohl Busnoys Position als auch seine Vergehen aufgelistet, die zu dieser Maßnahme geführt hatten: Als Chapelain an der Kathedrale von Tours hatte er mit Gefolgsleuten einen Priester der gleichen Institution insgesamt fünfmal überfallen und bis zum Punkt des Blutvergießens zusammengeschlagen. Die Exkommunikation ignorierend hatte er weiterhin im Gottesdienst mitgewirkt - ein zusätzlicher Verstoß gegen kirchliches Recht.
Das Dokument läßt verschiedene Rückschlüsse zu: Zunächst ist anzunehmen, daß zwischen der Tat und der Exkommunikation sowie zwischen Busnoys‘ Petition und seiner Rehabilita-
tion mehr als zwei Monate vergangen sind; 16 damit kann es als gesichert gelten, daß Busnoys
spätestens seit 1460 als Chapelain an der Kathedrale in Tours aktiv war. Dies ist ein erstes Indiz für einen möglichen Kontakt mit Ockeghem (s. u.), der seit 1459 an der Kollegiatkirche St. Martin in Tours das Amt des Schatzmeisters innehatte. Zumindest spekulativ möglich scheint auch eine erste Verbindung Busnoys‘ zu seinem späteren Dienstherrn, dem Grafen von Charolais und späteren Burgunderherzog Karl. Dieser war Ende 1461 für drei Wochen in Tours und könnte dabei sowohl mit Busnoys‘ Musik in Kontakt gekommen sein, als auch durch Klatsch in Kirchenkreisen von dessen Gewalttaten erfahren haben - was Busnoys in den Augen des kriegerischen Karl unter Umständen eher ausgezeichnet als diskreditiert haben
mag. 17 Aus der Art des Vergehens läßt sich weiterhin zum einen auf eine gewisse Heißblütig-
keit, andererseits durch das planmäßige Vorgehen aber auch auf eine gewisse Reife schließen.
Daraus läßt sich auf Busnoys‘ Alter zum Tatzeitpunkt spekulieren. 18 Drittens wird schließlich
durch die erteilte Absolution deutlich, daß Busnoys’ Verstöße zumindest keine unverzeih- lichen Vergehen darstellten – zumal in dem Dokument ausdrücklich darauf hingewiesen wird,
daß das Opfer keine bleibenden Schäden davongetragen hat. 19
15 vgl. zur folgenden Argumentation STARR (1992), S. 249-256; Abdruck des päpstlichen Dokuments S. 260 (5) 16 STARR (1992) gibt die übliche Bearbeitungszeit mit drei bis sechs Monaten an; vgl. ebd., S. 253, Fußnote 100 17 STARR (1992) beschreibt diese Möglichkeit in Frageform: „The forthright pugnacity of Charles the Bold is well documented; he has even been considered an archetypal figure of the ‘homme armé’. Could this man of
action, encountering the controversial figure of the composer Antoine Busnoys, perhaps have recognised a
kindred spirit?“, ebd., S. 254 18 nimmt man mit STARR (1992) an, daß Busnoys zum Tatzeitpunkt zwischen 22 und 25 Jahren alt gewesen sein dürfte, wäre er zwischen 1436 und 1439 geboren; vgl. STARR (1992), S. 251. M. E. ist allerdings fraglich,
ob die genannten Hinweise für eine in solchem Maße Exaktheit suggerierende Altersbestimmung ausreichen. 19 vgl. STARR (1992), S. 260; auch HIGGINS (1999c) relativiert die Tat: „(...) one has to wonder how seriously Busnoys and his companions intended to harm a man who, after five separate gang beatings, was still alive to
talk about it.“, ebd., S. 161/162
Christian Einsiedel Antoine Busnoys – Gründe für eine Neubewertung S. 7 von 39 Die nächste gesicherte Information findet sich im Jahr 1465: 20 In den Annalen der Kollegiat-
kirche St. Martin ist festgehalten, daß Busnoys dort am 7. April des Jahres zum Akoluth der von St. Martin verwalteten Kirche St. Venant ernannt wurde und dazu auch die anderen
niederen Weihen erhielt. Nur eine Woche später wurde er zum Subdiakon ernannt. 21 Neben
der Bestätigung seines Aufenthalts in Tours ist dies in dreifacher Hinsicht von Bedeutung: Zum einen läßt sich aus der Busnoys übertragenen Verantwortung für St. Venant schließen, daß er zuvor bereits über einen längeren Zeitraum an St. Martin gewirkt haben dürfte. Seine Rolle war dabei vermutlich die eines „heurier-matinier“ – eines Musikers, der für polyphonen
Gesang in der Kirche zuständig ist. 22 Zum zweiten stellt Busnoys‘ Anstellung an St. Martin
eine Verbindung zum französischen Königshaus her: Tours war durch die Wundertaten des am Standort der Kirche begrabenen St. Martin eine wichtige Pilgerstätte; die Kirche selber eine der bedeutendsten der damaligen Zeit. Dies zeigt sich neben dem immensen materiellen Reichtum von St. Martin unter anderem darin, daß der jeweilige französische König auch
Titularabt, also nominales Oberhaupt der Kirche war. 23 Damit war der französische König
Ludwig XI gewissermaßen Busnoys‘ oberster Dienstherr. Schließlich erscheint durch Busnoys‘ augenscheinlichen Wechsel von der Kathedrale an die Kollegiatkirche St. Martin eine Verbindung zu Ockeghem (s. o.) noch wahrscheinlicher. Es ist daher stark anzunehmen, daß er und Busnoys in persönlichem Kontakt standen. Ein solcher Kontakt könnte zum einen die von den Tinctoris und anderen betonte Zusammengehörigkeit beider Komponisten und
stilistische Ähnlichkeiten ihrer Werke 24 erklären. Zum anderen scheint es zumindest möglich,
daß Busnoys‘ Selbstdarstellung als Nachwuchs Ockeghems in „In hydraulis“ nicht meta-
phorisch gemeint, sondern auf ein tatsächliches Lehrer-Schüler-Verhältnis bezogen ist. 25
Der letzte gesicherte biographische Hinweis vor Busnoys‘ Eintritt in die Dienste Karls des
Kühnen stammt aus der Kollegiatkirche St. Hilaire-le-Grand in Poitiers: 26 Das Protokoll einer
Sitzung der Kirchenoberen vom 14. September 1465 gewährt Einblick in eine ungewöhnliche
20 vgl. zur folgenden Argumentation HIGGINS (1987), S. 125-160
21 vgl. AUVRAY, Lucien & René Poupardin (1921): Catalogue des manuscrits de la Collection Baluze, Paris, S. 86/87; zitiert nach: HIGGINS (1987), S. 126 22 die Bezeichnung für diese Position variiert je nach Gemeinde; andere Bezeichnungen sind z. B. „clerc de matines“ oder „petit vicaire“; vgl. HIGGINS (1987), S. 135, insb. Fußnote 240 23 bedeutende geistliche und weltliche Amtsträger hatten weitere Ehrenpositionen inne; vgl. HIGGINS (1987), S. 131-133 24 vgl. hierzu HIGGINS (1987), S. 144-159; s. auch: HIGGINS (1986) 25 vgl. HIGGINS (1987), S. 133 und 138-160 26 vgl. zur folgenden Argumentation HIGGINS (1999c)
Christian Einsiedel Antoine Busnoys – Gründe für eine Neubewertung S. 8 von 39 Personalentscheidung – es wird diskutiert, ob der frisch eingestellte Chormeister 27 Johannes
Le Begue durch Busnoys ersetzt werden soll, der sich augenscheinlich um die Stelle bemüht hatte. Den Äußerungen der Beteiligten ist zu entnehmen, daß Busnoys bereits zu dieser Zeit als Musiker und Komponist beträchtlichen Ruhm genoß. Auch seine moralische Eignung zur Erziehung der Chorknaben wird ausdrücklich hervorgehoben. Dabei fehlt jede Bemerkung über die Umstände seiner Exkommunikation fünf Jahre zuvor – Gewalt auch in kirchlichen Kreisen war augenscheinlich ein zu alltägliches Phänomen, um allein daraus auf einen schlechten Charakter schließen zu können. Gegen seine Anstellung wurden lediglich ethische Bedenken gegenüber Le Begue angeführt. Am Ende wurde diesem eine Abfindung zugesprochen und die Anstellung Busnoys‘ beschlossen.
Es fällt auf, daß in der Folge viele neue Chorkleriker eingestellt wurden. Zum einen ist dies sicher auf den Willen der Kirchenobern zurückzuführen, dem polyphonen Gesang einen höheren Stellenwert einzuräumen – dieser Wille wird schon aus den beispiellosen Umständen Busnoys‘ Einstellung deutlich. Zum anderen bestätigt es auch seinen Ruf – der Name Busnoys zog augenscheinlich eine Vielzahl talentierter Sänger an.
Busnoys behielt die Stelle allerdings nicht lange: Kaum zehn Monate später, am 19. Juli 1466 wurde Le Begue formell wieder eingestellt; eine Woche später wird Busnoys in einem Doku- ment als „Chormeister des gerade vergangen Jahres“ geführt. Das selbe Dokument benennt einen Verantwortlichen für die Begleichung offener Rechnungen mit Busnoys; einem wei- teren Dokument vom 3. Januar 1467 ist zu entnehmen, daß bis zu diesem Zeitpunkt noch immer keine zufriedenstellende Regelung mit dem „ehemaligen Chormeister“ gefunden war. Direkte Hinweise auf den Grund seines Weggangs finden sich nicht. Allerdings wird aus an- deren Dokumenten ersichtlich, daß es auch nach seiner beschlossenen Anstellung Konflikte unter den Kirchenoberen um Busnoys‘ Position und Bezahlung gab, was die Schwierigkeiten mit der Abrechnung erklären dürfte. Zudem kann man die expliziten Auflagen, die Le Begue bei seiner Wiedereinstellung gemacht wurden, als möglichen Hinweis auf vorangegangene Unstimmigkeiten mit Busnoys werten, die nun bei seinem Nachfolger vermieden werden
sollten. 28
27 im Original „magister puerorum“; HIGGINS (1999c) übersetzt diesen Terminus ebenso wie die Bezeichnung „magister clericulorum“ durchgehend mit „master of the choirboys“. Dieser Übersetzung kommt m E. der deutsche Begriff „Chormeister“ am nächsten, da hier im Gegensatz zum Begriff „Kantor“ irreführende neuzeitliche Assoziationen weitgehend auszuschließen sind. Die dem Begriff fehlende Konnotation des „Erziehers der Chorknaben“ ist hier und im folgenden ausdrücklich mit gemeint.
28 Le Begues erneute Einstellung erfolgte „with the provision that he and any future master would have to feed and maintain six boys and would not be able to hold a vicariate or benefit from its emoluments.“, HIGGINS (1999c), S. 162, lat. Originaltext in Fußnote 26
Quote paper:
Christian Einsiedel, 2001, Antoine Busnoys - Gründe für eine Neubewertung, Munich, GRIN Publishing GmbH
This text can be quoted and accessed from this url:
Embed
DOI
Zu den Klausulierungen und der textausdeutenden Setzweise im Bach-Chor...
Scholarly Essay, 7 Pages
Der Un-Klang Neuer Musik - Warum sie nicht gehört werden will
Scholarly Paper (Advanced Seminar), 24 Pages
Christian Einsiedel has published the text Antoine Busnoys - Gründe für eine Neubewertung
Christian Einsiedel has uploaded a new text
Antoine de Lohyer: The Complete Guitar Duos, Volume 3
Antoine De Lhoyer, Erik Stenstadvold, Antoine De Lhoyer
A Guide for Grown-Ups: Essential Wisdom from the Collected Works of An...
Antoine De Saint-Exupery
Antoine Arnauld and Pierre Nicole: Logic or the Art of Thinking
Pierre Nicole, Antoine Arnauld, Jill Vance Buroker
Antoine Arnauld and Pierre Nicole: Logic or the Art of Thinking
Pierre Nicole, Antoine Arnauld, Jill Vance Buroker
Jean-Antoine Houdon: Sculptor of the Enlightenment
Anne L. Poulet, Guilhem Scherf, Ulrike Mathies
0 comments