Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. 3
2. Amerikanische Politik am Horn von Afrika 5
2.1. Zeitraum 1945-1989 5
2.1.1. Ausgangslage. 5
2.1.2. Gründung der Republik Somalia und ihre Folgen 5
2.1.3. Regierungswechsel in Äthiopien und dessen Auswirkungen. 6
2.1.4. Ereignisse im Iran und Afghanistan und ihre Folgen 7
2.1.5. Beginn des Zusammenbruchs der S.U 7
2.2. Amerikanische Somalia-Politik von 1989-1995. 8
3. Gründe für die amerikanische Politik am Horn von Afrika 9
3.1. Beginn des amerikanischen Einflusses 9
3.2. Reaktion auf den beginnenden sowjetischen Einfluss. 10
3.3. Abbruch der Beziehungen mit Äthiopien und Politik der Zurückhaltung. 10
3.4. Wiederaufleben des amerikanischen Einflusses. 11
3.5. Rückzug und Passivität während des Bürgerkriegs (1988-1992) 12
3.6. Humanitäre Versorgung und Intervention. 12
4. Neorealistische Analyse. 13
4.1. Internationale Politik aus neorealistischer Perspektive. 13
4.2. Erklärungskraft des Realismus. 14
4.3. Erklärungsdefizite des Realismus 16
5. Bedeutung von Normen 16
6. Fazit 18
7. Ausblick. 19
8. Literaturverzeichnis 20
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1. Einleitung
Der Realismus dominierte lange Zeit als eines der zentralen wissenschaftlichen Weltbilder die politologische Disziplin der Internationalen Beziehungen (IB). Dies erkennt man zum einen an einem quantitativen Übergewicht im Schrifttum und in den Professuren. Zum anderen beziehen sich aber auch viele neue Weltbilder und Grosstheorien in ihrer Abgrenzung und Kritik auf diese Denkschule. Folglich kann man konstatieren, dass sich viele Wissenschaftler mit dem Realismus auseinandersetzen. Da dies sowohl theorieintern als auch theorieextern geschieht, wird deutlich, dass der Realismus eine grosse Bedeutung in den IB hat (Krell 2004: 147).
Am stärksten wurden die IB von dem von Kenneth Waltz entwickelten und im Jahr 1979 in seinem Werk ‚Theory of International Politics’ veröffentlichten Neorealismus beeinflusst. Bei diesem handelt es sich um eine systemische Theorie bzw. um einen strukturellen Realismus, der davon ausgeht, dass die Struktur des internationalen Systems (IS) das Verhalten von Staaten beeinflusst. Aufgrund des Fehlens einer Instanz jenseits der Staaten (zum Beispiel einer Weltergierung), die als „Regelungs- und Sanktionsinstanz“ (Krell 2004: 162) funktioniert, müssen diese in ständiger Unsicherheit und Misstrauen gegenüber ihren Nachbarn leben und immer auf den schlimmsten Fall - Krieg - vorbereitet sein. Die IB sind demnach von Sicherheitsinteressen, Selbsterhaltungstrieb und der Verweigerung von Kooperation seitens der Staaten geprägt (Schörnig 2003: 62).
Mit der Entwicklung des Neorealismus verfolgte Waltz das Ziel, eine allgemeine Theorie der internationalen Politik (IP) zu schaffen, mit der sowohl Phasen des Krieges als auch Phasen des Friedens in den IB erklärt werden können. Laut Waltz wollen viele IB-Wissenschaftler aus empirischen Daten Gesetzmässigkeiten in der IP ableiten. Wenn die dabei betrachteten Faktoren für eine befriedigende Erklärung eines Falles jedoch nicht ausreichen, fügen sie oftmals ad hoc neue Variablen hinzu, um hierdurch die Komplexität des Falles besser zu erfassen. Waltz wendet sich aber explizit gegen dieses Vorgehen (Schörnig 2003: 63ff.). Es geht ihm folglich nicht darum, eine Theorie zu schaffen, die empirische Daten möglichst vollständig berücksichtigt (Hellmann, 1994, zitiert nach Schörnig 2003: 65). Vielmehr sollen wenige Variablen zur Erklärung bestimmter Phänomene herangezogen werden. Die Erklärungskraft einer Theorie wird dabei als umso höher eingeschätzt, je weniger Variablen zur guten Erklärung eines Falles angewendet werden (Schörnig 2003: 65). Folglich wählt Waltz bei der Entwicklung seines Neorealismus eine deduktive Vorgehensweise. Er möchte auf Basis weniger zentraler Annahmen, allgemeine Muster in der IP erkennen und erklären, um hierdurch eine unfassende Theorie der IB zu schaffen (Schörnig 2003: 63f.).
Allerdings ist die Kritik am Neorealismus seit seiner Veröffentlichung nicht mehr verstummt (Schörnig 2003: 81). Insbesondere nach dem Ende des Kalten Krieges verlor er zusehends an Erklärungskraft. Hierdurch konnten konstruktivistische Ansätze in den IB Fuss fassen (Katzenstein/Keohane/Krassner 1998: 670, 672). In diesen spielen Normen und Identitäten eine wichtige Rolle. Diese haben einerseits eine konstituierende Wirkung, indem sie Akteuren ein Selbstverständnis in der Relation zu anderen ermöglichen (Krell 2004: 370). Hierdurch können Akteure ihre Identität erlangen. Diese werden nun
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anschliessend in Verhalten umgesetzt. Dabei orientieren sich die Akteure an Verhaltensnormen. In diesem Sinne beeinflussen Normen sowohl staatlichen Interessen als auch die Wahl der Mittel, die diese wählen, um ihre gesetzten Ziele zu erreichen. Kowert und Legro machen in ihrem Artikel ‚Norms, Identities and Their Limits; A Theoretical Reprise’ deutlich, dass die grossen Denkschulen, wie beispielsweise der Realismus, oftmals bestimmte Erklärungsdefizite aufweisen. Durch die Hinzunahme von Normen als Analysefaktoren zur Erklärung von bestimmten Phänomen in den IB könne man deren Bedeutung für die Grosstheorien dieser politologischen Disziplin erkennen (Kowert/Legro 1996: .453, 455). Daraus kann man schlussfolgern, dass Normen als Analysefaktoren geeignet sind, um die Erklärungsdefizite des Neorealismus auszugleichen.
Da Waltz mit dem Neorealismus eine Theorie entwickeln wollte, die auf deduktive Art und Weise Regelmässigkeiten in der IP aufdeckt und erklärt, diese aber immer mehr an Erklärungskraft verliert, stellt sich die Frage, inwieweit ihm faktisch gelungen ist, sein Ziel zu erreichen. Handelt es sich beim Neorealismus tatsächlich um eine allgemeine und umfassende Theorie der IP oder weist er, wie Kowert und Legro annehmen, tatsächlich Erklärungsdefizite auf? Und wenn ja, kann man diese durch die Untersuchung von Normen in einem solchen Fall wirklich ausgleichen?
Um diese Fragen zu beantworten, werde ich die amerikanische Politk am Horn vom Afrika 1 seit dem Beginn des Kalten Krieges bis zum Ende der humanitären Intervention in Somalia im Rahmen der Vereinten Nationen (VN) deskriptiv darstellen und anschliessend die Motive für deren Verhalten in dieser Region erläutern. Dabei wird der Schwerpunkt der Analyse auf den Ländern Äthiopien und Somalia liegen, da diese während des Ost-West-Konflikts die wichtigsten Schauplätze des amerikanischen bzw. sowjetischen Einflusses am Horn von Afrika waren (Marte 1994: 219, 229). Nach einer knappen Einführung in die neorealistische Annahmen wird in einem nächsten Schritt die amerikanische Politik aus der Sicht des Neorealismus analysiert und dessen Erklärungskraft geprüft. Schliesslich werde ich untersuchen, inwieweit Normen in diesem Fall geeignet sind, die Erklärungsdefizite des Neorealismus auszugleichen. Der für die Analyse ausgewählte Zeitraum erfasst einerseits die Phase, in der der Neorealismus die Ereignisse der IP sehr gut erklären konnte (Kalter Krieg) (Schörnig 2003: 62). Andererseits wird mit der humanitären Intervention in Somalia auch eine Phase nach dem Ende des Ost-West-Konflikts analysiert und damit ein Zeitraum erfasst, in dem der Neorealismus schon weniger Erklärungskraft besass. Folglich kann man aufgrund dieser Analyse feststellen, inwieweit der Neorealismus durch die Hinzunahme von Normen als Analysefaktor positiv ergänzt werden kann, um dessen Erklärungsdefizite auszugleichen.
1 Zum Horn von Afrika gehören die Länder Äthiopien (einschliesslich Eritrea), Djibouti, Somalia (Marte 1994: 197)
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2. Amerikanische Politik am Horn von Afrika
2.1. Zeitraum 1945-1989
2.1.1. Ausgangslage
Die USA hatten schon seit dem späten 19. Jahrhundert wirtschaftliche Kontakte zu Äthiopien aufgebaut. Seit dem Jahre 1903 gab es auch die ersten diplomatischen Beziehungen zwischen beiden Ländern. Allerdings wurde diesen bis zum Zweiten Weltkrieg seitens der Amerikaner kaum Bedeutung beigemessen. Nach dem Ende des Krieges und in Anbetracht des beginnenden Ost-West-Konflikts intensivierten die Amerikaner ihre Beziehungen zu diesem Land. Dadurch gelang es ihnen, sich am Horn von Afrika festzusetzen (Marte 1994: 210ff.). So schlossen sie im Jahr 1953 ein Abkommen mit dem äthiopischen König Haile Selassie, welches ihnen erlaubte, eine militärische Kommunikationseinrichtung in Eritrea zu errichten (Marte 1994: 212). Als Gegenleistung versprachen die USA Äthiopien Unterstützung beim Aufbau und der Ausbildung einer eigenen Armee. Während sich der amerikanische Einfluss in der Folgezeit immer weiter vergrösserte, profitierte das afrikanische Land sehr von der militärischen und wirtschaftlichen Hilfe durch die Amerikaner. Folglich unterstützte auch der äthiopische König die amerikanische Afrika-Politik, so dass sich ein sehr gutes Verhältnis zwischen beiden Staaten entwickelte (Marte 1994: 214).
2.1.2. Gründung der Republik Somalia und ihre Folgen
Im Jahre 1960 erlangten im Zuge der Dekolonialisierung 15 afrikanische Staaten ihre Unabhängigkeit (Marte 1994: 219). Am 01.07.1960 schlossen sich die ehemals von den Briten und von den Italienern besetzten Gebiete, welche von Somalis besiedelt bzw. von somalischen Nomaden frequentiert wurden, zur Republik Somalia zusammen (Bongartz 1991, zitiert nach Rezwanian-Amiri 2000: 131f.). Die neu entstandene Republik strebte sofort nach ihrer Gründung ein grösseres Staatsgebiet in Form eines Gross-Somalia an. Um dieses zu erreichen, benötigten die Somalis allerdings militärische Ausrüstung und Mithilfe, da sie hierfür Teile Kenias, Äthiopiens und Djiboutis erobern mussten. In Anbetracht der Gefahr einer somalischen Invasion in Äthiopien stockten die Amerikaner ihre militärische Unterstützung für Äthiopien auf (Marte 1994: 217). Gleichzeitig unterbreiteten sie den Somalis zusammen mit anderen westlichen Ländern ein Angebot, in dem sie diesen zehn Millionen Dollar für die Ausbildung von somalischen Truppen versprachen, die für die innere Sicherheit des Landes verantwortlich sein sollten. Diese lehnten jenes jedoch ab. Stattdessen nahmen sie ein deutlich besseres Angebot militärischer Hilfe seitens der Sowjetunion (SU) an. 2 Am Anfang gelang es den Sowjets nur bedingt, verstärkt Einfluss auf Somalia zu nehmen, da auch westliche Staaten gute Kontakte zu dem neu gegründeten afrikanischen Land pflegten. So halfen unter anderem auch die USA beim Aufbau einer somalischen Polizei mit (Marte 1994: 219ff.). Auch als im Jahre 1969 Siad Barre die Macht übernahm und die Somalische Demokratische 2 Die SU hatte den Somalis 32 Millionen Dollar für militärische Hilfe und Uterstüzung beim Aufbau einer Luftwaffe angeboten
(Marte 1994: 220).
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Republik gründete, deren politisches Programm der ‚wissenschaftliche Sozialismus’ sein sollte, behielt der noch junge Staat zunächst seine guten Beziehungen zu westlichen Ländern bei (Marte 1994: 223, 225). Allerdings verschlechterten sich diese in der Folgezeit teilweise. So brachen beispielsweise die USA ihr Hilfsprogramm an Somalia aus Rücksicht auf ihren Verbündeten Äthiopien 3 ab. Der SU gelang es in der Folgezeit immer besser, sich durch militärische und wirtschaftliche Unterstützung Somalias am Horn von Afrika festzusetzen. Das Siad-Barre-Regime geriet demnach in eine immer grössere Abhängigkeit von der SU. Während die Sowjets den Somalis beim Aufbau ihres Landes halfen, wurde ihnen im Gegenzug erlaubt, dort militärische Stützpunkte aufbauen. So erhielten sie die Kontrolle über einen Marinestützpunkt in Berbera. Hierdurch wurden ihnen erstmals der direkte Zugang zum Indischen Ozean ermöglicht. Folglich konnte die SU ihre Aktivität in dieser Region verstärken und somit ihr Ziel verfolgen, den dortigen Einfluss der USA einzudämmen, welche bis dato in diesem Bereich stark präsent waren (Marte 1994: S. 225ff.). Die Somalische Demokratische Republik war nun der Dreh- und Angelpunkt des sowjetischen Einflusses am Horn von Afrika und hatte demnach die gleiche Bedeutung inne wie Äthiopien für die USA (Marte 1994: 219, 229). In Reaktion auf die gestiegene sowjetische Präsenz am Horn von Afrika, versuchten die Amerikaner nun ihrerseits, wieder stärker in der Region, insbesondere im Indischen Ozean, aktiv zu werden (Marte 1994: 228).
2.1.3. Regierungswechsel in Äthiopien und dessen Auswirkungen
Im Jahre 1974 kam es nach einer Revolution zu einem Regierungswechsel in Äthiopien. Der Sturz des langjährigen amerikanischen Verbündeten, König Haile Selassie von Äthiopien, hatte zur Folge, dass eine Partei (Derg) die Macht übernahm, deren politische Einstellung im Laufe der Zeit immer mehr in Richtung Sozialismus tendierte. So führte diese beispielsweise Zwangsenteignungen durch und versuchte einen Ein-Parteienstaat zu etablieren. Trotzdem brachen die USA ihre guten Beziehungen zu Äthiopien nicht ab und stockten ihre militärische Unterstützung für die neue Regierung sogar auf. Im Laufe der Zeit verschlechterten sich die amerikanisch-äthiopischen Beziehungen allerdings zusehends, so dass das freundschaftliche Verhältnis zwischen den beiden Staaten nicht aufrecht erhalten werden konnte. Als Mengistu, einer der führenden Politiker der Derg, 1977 schliesslich politische Gegner ermorden liess, um die Macht zu erhalten, stellten die Amerikaner zuerst die militärische Unterstützung für Somalia ein, bis sie schliesslich ihre Beziehungen zu diesem Land vollends abbrachen (Marte 1994: 234-238). Der Kurswechsel Äthiopiens in Richtung Sozialismus eröffnete nun der SU die Möglichkeit, ihren Einfluss am Horn von Afrika zu vergrössern. Obwohl eine Partnerschaft mit Äthiopien für die sowjetischsomalischen Beziehungen aufgrund des feindschftlichen Verhältnisses zwischen Somalia und Äthiopien schädlich sein würde, schloss die SU mit letzteren einen geheimen Militärvetrag, in dem sie diesen militärische Unterstützung zusicherte (Marte 1994: 239f.).
3 Zwischen Äthiopien und Somalia herrschte aufgrund der pan-somalischen Bestrebungen eine feindliche Beziehung vor (Marte
1994: 217)
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Arbeit zitieren:
Alexander Pinz, 2006, Die Erklärungskraft des Neorealismus am Beispiel der amerikanischen Politik am Horn von Afrika von 1945-1995, München, GRIN Verlag GmbH
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