Christian Einsiedel Amerikanische Musik: Miles Davis S. 1 von 22 Abstract:
The Analysis of the Miles Davis phenomenon is the objective of this paper. While portraying Davis’s biography and personality as well as taking a detailed look at his musical journey, the perspective changes between the discussion of researched factual knowledge and individual possibilities of understanding. The result of this approach is a well-rounded overview of Davis’s life and his oeuvre, which is meant to serve as a frame of reference for the reception of his music while equally providing a basis for further research. Die Analyse des Phänomens Miles Davis steht im Mittelpunkt dieser Arbeit. In der Betrachtung von Davis‘ Biographie und Persönlichkeit sowie einer ausführliche Schilderung seines musikalischen Weges wechselt die Perspektive immer wieder zwischen der Darstellung recherchierter Fakten und dem Aufzeigen individueller Zugänge. Ergebnis dieser Vorgehensweise ist ein fundierter Überblick zu Davis‘ Leben und Werk, der als Bezugsrahmen für die Rezeption seiner Musik ebenso dienen soll wie als Basis weiterführender Recherche.
Inhalt:
1 EINLEITUNG .................................................................................................................. 2
2 MILES DAVIS: LEBEN UND WERK .......................................................................... 3
2.1 Person ............................................................................................................................ 3 2.1.1 Lebensdaten..................................................................................................................................... 3 2.1.2 Lebenswandel.................................................................................................................................. 4 2.1.3 Anmerkungen zur Autobiographie.................................................................................................. 5
2.2 Musik ............................................................................................................................. 6 2.2.1 Musikalische Wurzeln..................................................................................................................... 6 2.2.2 Trompete ......................................................................................................................................... 8 2.2.3 Musikalischer Weg.......................................................................................................................... 9 2.2.4 Mitstreiter und Weggefährten ....................................................................................................... 15 2.2.5 Musikalisches Erbe ....................................................................................................................... 16
3 ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK ................................................................ 18
4 BIBLIOGRAPHIE ......................................................................................................... 20
Christian Einsiedel Amerikanische Musik: Miles Davis S. 2 von 22
Miles Davis war einer der wenigen Jazzmusiker, die im Rahmen eines
musikwissenschaftlichen Proseminars zu amerikanischer Musik im 20. Jahrhundert behandelt wurden. Die vorliegende, aus dem Proseminar hervorgegangene Arbeit soll Gründe für eine solche Auswahl und die in ihr zum Ausdruck kommende wahrgenommene Bedeutsamkeit von Miles Davis aufzeigen.
Dem Aufbau der Arbeit liegt die Annahme zugrunde, daß sich die Bedeutung eines Musikers nicht etwa mit intersubjektiven Kriterien ermessen läßt, sondern vielmehr auf Grund individueller Kontexte und Vorlieben attribuiert wird. Diese Zuweisung kann unter Hinzuziehung objektiver Kriterien zur Kanonbildung, also zur allgemeinen Wahrnehmung eines Musikers als „bedeutend“ führen.
Die im Untertitel programmatisch angekündigte „Annäherung“ an Miles Davis soll dementsprechend von beiden Seiten erfolgen: Den intersubjektiv überprüfbaren Fakten zu Leben und Werk sollen Anmerkungen zur Persönlichkeit, Zitate und Anregungen zur Seite gestellt werden, die einen umfassend informierten, aber letztlich subjektiven Zugang ermöglichen. Ziel der Arbeit ist es, auf diese Weise einen ebenso fundierten wie anregenden Bezugsrahmen für die Rezeption von Davis‘ Musik zu bieten. 1
1 Die zusätzlich vorgesehene Einbindung der Arbeit in den Rahmen des Seminars, also die Betrachtung „typisch amerikanischer“ Elemente in Davis‘ Musik, hätte den vorgesehenen Rahmen sowohl zeitlich/organisatorisch als auch in Bezug auf den Umfang der Arbeit weit überschritten und fehlt daher. Es soll jedoch versucht werden, Teile dieser Problematik in die abschließende Würdigung mit einzubringen.
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2.1 Person
Miles Davis wird häufig als eine „Persönlichkeit des Jazz“ beschrieben. Die darin zum Ausdruck gebrachte Bewunderung leitet sich von seinem musikalischem Schaffen her. Sie ist daher als Achtung vor seinem Lebenswerk zu verstehen und berührt seine Person nur insofern, als diese mit seinem Erbe untrennbar verbunden ist.
Im folgenden soll diese Trennung nichtsdestotrotz vorgenommen und der Versuch gewagt werden, Miles Davis weitgehend unabhängig von seiner Musik zu betrachten. Ein Wagnis ist dies insofern, als die Betrachtung über die biographischen Eckdaten zur Person hinausgehen und bestimmte Elemente der Persönlichkeit - hier verstanden als Zusammenspiel verschiedener „Persönlichkeitsmerkmale“ - mit beleuchten soll.
Der folgende Versuch über Person und Persönlichkeit des Miles Davis soll also die zusammengetragenen Fakten anreichern und darüber hinausweisende Zugänge für die abschließende Würdigung aufzeigen.
2.1.1 Lebensdaten 2
Miles Dewey Davis III wird am 25. Mai 1926 in Alton (Illinois) geboren. Der Vater hatte es als Zahnarzt zu Wohlstand und Ansehen gebracht; im Gegensatz zu anderen schwarzen Jazzmusikern wächst Davis daher nicht in ärmlichen Verhältnissen auf. Seine Kindheit und Jugend verbringt er mit seiner älteren Schwester Dorothy und dem drei Jahre jüngeren Bruder Vernon in East St. Louis, wo er ab dem 11. Lebensjahr Trompetenunterricht nimmt. 3 Bereits ab dem 15. Lebensjahr spielt Davis vor Ort professionell, wird jedoch von seiner Mutter daran gehindert, die Stadt vor Abschluß der High School zu verlassen.
Davis‘ Eltern trennen sich 1944. Im gleichen Jahr trifft er bei einem Gastspiel der Billy Eckstine Band in St. Louis auf Charlie Parker und Dizzy Gillespie, die beiden maßgeblichen Protagonisten des Bebop. Als der dritte Trompeter der Band ausfällt, nutzt Davis die Möglichkeit, mit seinen Idolen gemeinsam zu musizieren. 4
2 Die hier und in den folgenden Abschnitten gemachten biographischen Angaben stützen sich im wesentlichen auf die Übersicht in CARNER 1996, S. 245 ff.; s. auch: KERNFELD 1988, S. 271 ff.
3 Seinem Lehrer Elwood Buchanan sollte er sein Leben lang sehr verbunden bleiben, s. dazu DAVIS 1989, S. 32 und 399; vgl. auch die Anekdote in BERENDT 1976, S. 105/106
4 vgl. Davis‘ eigene Beschreibung dieser Auftritte in DAVIS 1989, S. 6 ff.
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Von diesem Erlebnis nachhaltig geprägt zieht er noch im Herbst 1944 nach New York. Er schreibt sich pro forma an der Juilliard School of Music ein, verbringt aber den ersten Monat hauptsächlich mit der Suche nach Charlie Parker. Mit Parker nimmt er bis 1948 mehrere Platten auf und erspielt sich durch Auftritte einen Ruf in der New Yorker Szene.
Seit den Nonett-Aufnahmen von 1949/50 ist Davis‘ eigenständiger musikalischer Weg erkennbar, dessen wesentliche Stationen in Abschnitt 2.2.3 skizziert werden sollen. Davis bleibt, von einer Schaffenspause Mitte der 70er Jahre abgesehen, bis kurz vor seinem Tod musikalisch aktiv. Er stirbt am 28. September 1991 in Santa Monica (Kalifornien).
2.1.2 Lebenswandel
Schon aus Miles Davis‘ Krankheitsgeschichte ist abzulesen, daß er auch jenseits seines musikalischen Wirkens ein sehr intensives, aufreibendes Leben geführt haben dürfte. Nach einer Stimmbandoperation von 1956 konnte er sich nur noch durch eine Art heiseres Flüstern verständlich machen, 5 dazu kamen in der Folge Infekte, Operationen, Diabetes und ein Herzinfarkt.
Als weiteres Indiz für ein gewisses selbstzerstörerisches Potential können seine häufigen Aus-einandersetzungen mit der Polizei herangezogen werden. Wesentliche Ursache sind zunächst seine Drogenerfahrungen: Davis war zwischen 1949 und 1954 heroinabhängig und konnte (bzw. wollte) auch nach dem erfolgreichen Entzug nicht auf Kokain, Alkohol und Zigaretten verzichten. Er wurde wegen Drogen- (und Waffen-)besitz mehrfach verhaftet und hatte 1972 nach Einnahme eines Schlafmittels einen schweren Autounfall. 6
Auch im Zusammenhang mit seinen Beziehungen und Ehen 7 kam Davis in Konflikt mit dem Gesetz: Wegen unterlassener Unterhaltszahlungen wurde er mehrfach verhaftet; für die gewalttätige Mißhandlung seiner Partnerinnen mußte er sich zumindest einmal vor der Polizei verantworten. 8
Zweimal wurde Davis selber zum Opfer von Gewalt: 1959 wurde er bei einer Verhaftung von einem Polizisten zusammengeschlagen, 1969 schossen militante Schwarze auf ihn. Beide Situationen interpretiert er als Folge von Rassismus: Polizisten unterstellt er generell Neid auf
5 vgl. MORGENSTERN, Dan, „The complete Prestige recordings“, in: CARNER 1996, S. 18
6 vgl. DAVIS 1989, S. 327
7 nach der Auflistung bei CARNER ist anzunehmen, daß Davis dreimal verheiratet war und vier Kinder aus verschiedenen Beziehungen hatte, vgl. CARNER, S. 245 ff.; s. auch Index in: DAVIS 1989, S. 418 ff.
8 ohne allerdings, daß dies für ihn Konsequenzen gehabt hätte, vgl. DAVIS 1989, S. 338, 366; für eine ausführliche Diskussion dieser Problematik, vgl. CLEAGE, Pearl: „Mad at Miles“, in CARNER 1996, S. 210 ff.
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einen erfolgreichen Schwarzen; 9 die Attentäter sollen sich an seinen guten Verbindungen zu Weißen gestört haben. 10 Bemerkenswert ist, wie Davis darauf hinweist, daß beide Angreifer auf ungeklärte Weise umgekommen sein sollen. 11
2.1.3 Anmerkungen zur Autobiographie
Bei der Betrachtung einer Künstlerbiographie besteht naturgemäß die Gefahr, einer inszenierten Selbstdarstellung zu erliegen. Allerdings verrät die Art und Weise, wie diese Selbstdarstellung angelegt ist, wieder einiges über die Persönlichkeit der sie entspringt. Richtet man bei der Betrachtung von Miles Davis‘ Autobiographie das Hauptaugenmerk also nicht auf die einzelnen Episoden, sondern auf den Stil, auf Hervorhebungen und Auslassungen, so sind einige Besonderheiten zu erkennen:
Auffallend ist zunächst Davis‘ Wortwahl. Selbst wenn man bedenkt, daß das Buch auf Interviews beruht, springen die häufige Verwendung von umgangssprachlichen Wendungen und „four letter words“ ins Auge. Als Beispiel soll Davis‘ Beschreibung einer Session dienen:
Trane would play some weird, great shit, and Cannonball would take it in the other direction, and I would put my sound right down the middle or float over it, or whatever. And then I might play real fast, or buzzzzz, like Freddie Webster. This would take Trane someplace else, and he would come back with other different shit and so would Cannonball. And then Paul’s anchoring all this creative tension between the horns, and Red’s laying down his light, hip shit, and Philly Joe pushing everything with the hip shit he was playing and then sending us all off again with them hip-de-dip, slick rim shots that were so bad, them „Philly licks.“ Man, that was too hip and bad. Everybody laying all kinds of
slick shit on everyone. 12
Davis betont weiterhin seine Unabhängigkeit von alten Fans, Kritikern und Plattenfirmen, 13 ebenso wie seine Überlegenheit gegenüber Weißen, 14 und Frauen. 15 Respekt zeigt er lediglich vor seinen Vorbildern, Mitmusikern und dem jungen schwarzen Publikum.
Eine Detailanalyse dieser Motive bewegt sich außerhalb der Zielsetzung dieser Arbeit und soll daher hier nicht geleistet werden. Ohne zu vage werden zu wollen, sei jedoch auf die Möglichkeit hingewiesen, den Text auf bestimmte Topoi hin zu lesen. Als mögliche Ausgangspunkte seien genannt:
9 vgl. DAVIS 1989, S. 238/239, 306/307, 361/362
10 vgl. DAVIS 1989, S. 307
11 vgl. BEHRENDT, S. 105, s. auch: DAVIS 1989, S. 307
12 DAVIS 1989, S. 222
13 vgl. DAVIS 1989, S. 394
14 vgl. Anmerkungen zur „Bitches Brew“-Aufnahmesession in DAVIS 1989 , S. 300; s. auch: Aussagen über die Verwendung schwarzer Musik durch Weiße, ebd. S. 400
15 vgl. DAVIS 1989, S. 366
Arbeit zitieren:
Christian Einsiedel, 2000, Miles Davis - Annäherung an ein Phänomen, München, GRIN Verlag GmbH
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