1. Das System der Speziallager in der SBZ
2. Verkürzte Vorgeschichte der „Spezlager“
Bereits im Dezember 1944 ordnete das Staatliche Verteidigungskomitee (GOKO) der UdSSR die Verbringung aller arbeitsfähigen Deutschen aus den befreiten Gebieten Rumäniens, Jugoslawiens, Ungarns, Bulgariens und der Tschechoslowakei in die UdSSR an.
2
Die Nutzung von Arbeitskräften bildete also den Ausgangspunkt für die Entstehung der Lager. Die Ausführung wurde dem NKWD(Volkskommissaritat des Innern der UdSSR) übertragen.
Davon waren zunächst etwa 271.672 Personen betroffen. 1 Mit dem weiteren Vormarsch der sowjetischen Armee kam ein weiterer Aspekt der Internierung dazu. Der Grundsatzbefehl Nr. 0016 „Über Maßnahmen zur Säuberung des Hinterlandes der Roten Armee von feindlichen Elementen“ hatte umfangreiche Verhaftungen zur Folge, diese sollten den ungehinderten Vormarsch der Truppen garantieren. Dabei wurden bereits über den militärischen Sicherheitsaspekt hinaus, andere Personengruppen festgenommen, z. B. Bürgermeister, Mitglieder verschiedener faschistischer Organisationen, Leiter großer Wirtschafts- und Verwaltungseinheiten, Redakteure, antisowjetische Autoren usw. Internierungen waren in allen Besatzungszonen vorgesehen und wurden auch
durchgeführt. Für die SBZ war der im April 1945 erlassene Befehl Nr.00315 des Volkskommissars für innere Angelegenheiten der UdSSR, Lawrenti P. Berija, von zentraler Bedeutung, neben den Direktiven des Alliierten Kontrollrates, vor allem Direktive 38. Im Befehl Nr.00315 waren vage gefasste Bestimmungen angegeben, die Personen festzunehmen, denen man antisowjetische Handlungen sowie geheimdienstliche Aktivitäten für die Westalliierten zur Last legte. D.h. das nicht nur nationalsozialistische Gegner festgesetzt werden konnten. Das Ziel der Entnazifizierung trat also nicht mehr als alleiniges Motiv auf. „Befehl des Volkskommissars für Innere Angelegenheiten über Maßnahmen zur Sicherung des Hinterlandes der Roten Armee vor feindlichen Elementen, 18.04.1945
1. Von den Frontbevollmächtigten des NKWD der UdSSR sind künftig beim Vorrücken der Truppen der Roten Armee auf das vom Feind befreite Territorium bei der Durchführung tschekistischer Maßnahmen zur Säuberung des Hinterlandes der kämpfenden Truppen der Roten Armee von feindlichen Elementen zu verhaften:
a) Spione, Diversanten und Terroristen der deutschen Geheimdienste;
Reif-Spirek, Peter/ Ritscher, Bodo (Hrsg.): Speziallager in der SBZ. Gedenkstätten mit „doppelter Vergangenheit“,
Berlin 1999. Kotek, Joël/ Rigoulot, Pierre: Das Jahrhundert der Lager. Gefangenschaft, Zwangsarbeit, Vernichtung,
München 2001.
3
b) Angehörige aller Organisationen und Gruppen die von der deutschen Führung und den Geheimdiensten des Gegners zur Zersetzungsarbeit im Hinterland der Roten Armee zurückgelassen wurden;
c) Betreiber illegaler Funkstationen, Waffenlager und illegaler Druckereien, wobei dir für Feindtätigkeit bestimmten materiell-technischen Ausrüstungen zu beschlagnahmen sind;
d) aktive Mitglieder der nationalsozialistischen Partei;
e) Führer der faschistischen Jugendorganisation auf Gebiets-, Stadt- und Kreisebene;
f) Mitarbeiter von Gestapo, „SD“ und sonstigen deutschen Straforganen;
g) Leiter von Gebiets-, Stadt- und Kreisverwaltungen sowie Zeitungs- und Zeitschriftenredakteure und Autoren antisowjetischer Veröffentlichungen.
2. Personen, die nachweislich terroristische und Diversionshandlungen begangen haben, sind entsprechend dem Befehl des NKWD der UdSSR Nr. 0061 vom 6.Februar 1945 an Ort und Stelle zu liquidieren.
3. Militärische und politische Offiziers. und Mannschaftsdienstgrade der gegnerischen Armee sowie der paramilitärischen Organisation „Volkssturm“, „SS“, „SA“ wie auch das Personal von Gefängnissen, Konzentrationslagern, Militärkommandanturen, der Militär-staatsanwaltschaften und Gerichte sind, wie festgelegt, in die Kriegsgefangenenlager des NKWD einzuweisen.
4. Offiziers. und Mannschaftsdienstgrade der sog. Russischen Befreiungsarmee sind in die Überprüfungs- und Filtrationslager des NKWD einzuweisen.
5. Der Abtransport der bei der Säuberung des Hinterlandes der kämpfenden Roten Armee inhaftierten Personen in die Sowjetunion ist einzustellen.
Festgelegt wird, dass einzelne Inhaftierte, an denen operatives Interesse besteht, mit Genehmigung des NKWD der UdSSR in die UdSSR überstellt werden können.
6. Um die Verhafteten an Ort und Stelle unterzubringen, haben die Frontbevollmächtigten des NKWD der UdSSR die nötige Anzahl von Gefängnissen und Lagern einzurichten. Zur Bewachung dieser Gefängnisse und Lager sind die den Frontbevollmächtigten unterstellten Wachtruppen des NKWD der UdSSR einzusetzen.
Vom stellv. Volkskommissar für Inneres der UdSSR, Gen. Tschernyschow, ist zusammen mit den Frontbevollmächtigten des NKWD der UdSSR innerhalb von fünf Tagen die Standortverteilung der an den Fronten zu schaffenden Gefängnisse und Lager zu erarbeiten und mir zur Bestätigung vorzulegen.
4
7. Die Frontbevollmächtigten des NKWD haben die Unterlagen aller Inhaftierten, die sich in ihrem Gewahrsam befinden, durchzusehen.
Invalide, Kranke, Arbeitsunfähige, Alte über 60 Jahre und Frauen, die nicht unter die Bestimmungen nach Pkt. 1 des vorliegenden Befehls fallen, sind freizulassen.
8. Die Genossen Staatssicherheitskommissare 2. Ranges Tschernyschow und Kobulow haben zusammen mit dem Leiter der GUPWI des NKWD der UdSSR, Gen. Kriwenko, und dem Leiter der Abt. Überprüfungs- und Filtrationslager des NKWD der UdSSR, Gen. Schitikow, die notwendigen Filtrationsmaßnahmen für Inhaftierte, die von den Fronten in die Lager des NKWD überstellt wurden, zu organisieren und durchzuführen. Dabei ist wie folgt zu verfahren:
a) Personen, die unter die Bestimmungen nach Pkt. 1 des vorliegenden Befehls fallen, sind in Internierungslagern in Gewahrsam zu belassen;
b) Personen, die nicht unter die Bestimmungen nach Pkt. 1 des vorliegenden Befehls fallen und zu denen kein weiteres Material ermittelt wird, sind sofern physisch dazu in der Lage, der Industrie zur Arbeit zu überstellen. Invaliden, Alte und Arbeitsunfähige sind nach der
Überprüfung organisiert an ihren ständigen Wohnort zu entlassen.“ 2
Am 6. Juni 1945 übernahm die SMAD 3 die oberste Regierungsgewalt in der SBZ. Ab Herbst 1947, mit dem Befehl 201 der SMAD stellte diese das Entnazifizierungsverfahren in der SBZ eigentliche auf eine einheitliche Grundlage. Dies bewirkte raschen Abschluss der offiziellen Entnazifizierung. Die Aburteilung ging danach auf deutsche Gerichte über, aber für die Lagerinsassen blieben bei diese Verfahren ohne Bedeutung, sie blieben außen vor. Die sowjetischen Geheimdienste errichteten bis September 1945 ein System von insgesamt 10 Speziallagern und 3 Gefängnissen in der SBZ. Zunächst noch zur Sicherung des sowjetischen Vormarschs.
2 Quelle: GARF, f. 9401, op. 12, d. 178, I. 30-32; Sowjetische Speziallager in Deutschland 1945 bis 1950. Bd. 2:
Sowjetische Dokumente zur Lagerpolitik, Berlin 1998, S. 178-180.
3 SMAD - Sowjetische Militäradministration.
5
Ziel der Lager war folgendendes:
„Die Lager des NKWD sind vorgesehen für Inhaftierte, die unter Punkt 1 des Befehls des NKWD der UdSSR Nr. 00315 vom 18. April 1945 fallen. Die Hauptaufgabe des Lagers besteht in der vollständigen Isolierung der im Lager befindlichen Kontingente und der Verhinderung von
Fluchten.“ 4
Die Lager wurden nach und nach zusammengelegt und aufgelöst. Im Mai 1947 bestanden nur noch fünf große Lagerkomplexe. Ca. ¾ der Todesopfer gingen zu Lasten dieser Lager. Im Oktober 1948 wurde die ehemaligen Kriegsgefangenlager Fünfeichen und Mühlberg aufgelöst, übrig blieben 3 Lager, die bereits nationalsozialistische Lager waren: Buchenwald, Sachsenhausen und Bautzen.
3. Struktur der Sowjetischen Sicherheitsorgane - Verantwortlichkeiten Verantwortlich für die Lager war das NKWD/MWD (ab 1946). Ihm unterstanden u. a. die Polizei, die Inneren Streitkräfte, die Lagersysteme und auch die Gefängnisse. Bei Kriegsende wurde das NKWD geleitet von Lawrenti P. Berija, Nachfolger wurde Sergei N. Kruglow.
NKWD Bevollmächtigter für die SBZ wurde 1945 Generaloberst Iwan A. Serow 5 stellvertretender Chef der SMAD und stellv. Volkskommissar für innere Angelegenheiten. Die Abteilung Speziallager, wurde bis 1947 von Oberst Michail J. Swiridow, bis März 1949 von Oberst Nikolai T. Ziklajew und ab April 1949 von Oberst Wladimir P. Sokolow geleitet. Die Lager unterstanden also direkt der Abteilung Speziallager in Berlin. Seit 1948 war diese Abteilung der Hauptverwaltung der Lager (GULag) des sowjetischen Innenministeriums zugeordnet. Die NKWD kontrollierte also alle drei jetzt vorhanden Lagersysteme. Die Lager der
GULag der GUPWI(Kriegsgefangenenlager) und die Lager in den besetzen deutsche Gebieten. 6
4 Vorläufige Anordnung über die Speziallager des NKWD auf dem besetzten Territorium Deutschlands, Juli 1945
(Auszug. Übersetzung) Generaloberst Iwan A. Serow.
5 Siehe oben, Befehl 0315 SMAD.
6 Vgl. Kotek, Joël/ Rigoulot, Pierre: Das Jahrhundert der Lager. Gefangenschaft, Zwangsarbeit, Vernichtung,
München 2001.
6
Arbeit zitieren:
Christian Heinze, 2006, Das System der Speziallager in der SBZ - 'Spezlager' - 'Schuld und Sühne'? Eine kurze Einführung, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Römische Aquädukte - Die Wasserversorgung in der Antike
Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike
Hausarbeit, 21 Seiten
Private Maschen und ein öffentliches Netz. Administration und Notwendi...
Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike
Seminararbeit, 35 Seiten
Organisation und Administration der Wasserversorgung im kaiserlichen R...
Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike
Seminararbeit, 28 Seiten
Die Entnazifizierung in der SBZ 1945-1948
Geschichte Europa - Deutschland - Nachkriegszeit, Kalter Krieg
Hausarbeit, 21 Seiten
Entnazifizierung in der Sowjetischen Besatzungszone Deutschlands
Geschichte Europa - Deutschland - Nachkriegszeit, Kalter Krieg
Seminararbeit, 19 Seiten
Buchenwald: Geschichte - Mythos - Erinnerung: Der 'Buchenwald-Konf...
Seminararbeit, 20 Seiten
Christian Heinze hat den Text Das System der Speziallager in der SBZ - 'Spezlager' - 'Schuld und Sühne'? Eine kurze Einführung veröffentlicht
Christian Heinze hat einen neuen Text hochgeladen
Schuld & Sühne - Stolz & Vorurteil
Polen und Deutsche
Gunter Hofmann, Adam Krzeminski, Dirk Reinartz, Lukasz Trzcinski
Einführung in das Schuldrecht (BT) 2
Unerlaubte Handlungen, Bereich...
Sebastian Bansi, Jan Niederle
Carbon Nanomaterials in Clean Energy Hydrogen Systems
Bogdan Baranowski, Ayfer Veziroglu, Svetlana Zaginaichenko, Dmitry Schur, Valeriy Skorokhod
0 Kommentare