Inhaltsverzeichnis 3
INHALTSVERZEICHNIS :
1 EINLEITUNG 5
2 DIE SITUATION DER BETROFFENEN KINDER HEUTE. 8
2.1 VORBEMERKUNG 8
2.2 WIE GEHT ES DEN KINDERN JETZT? 9
2.2.1 Lebensumstände 9
2.2.2 Psychosoziale Belastung 12
2.2.3 Bewältigungsstrategien 15
2.2.4 Exkurs: Transaktionales Stresskonzept nach Lazarus. 17
2.3 AKTUELLE FORSCHUNGSERGEBNISSE. 21
2.3.1 Ergebnisse der Risikoforschung 21
2.3.2 Ergebnisse der Resilienz- und Bewältigungsforschung 23
2.3.3 Ergebnisse der Vulnerabilitätsforschung. 26
2.4 GRÜNDE FÜR FEHLENDE UNTERSTÜTZUNG TROTZ HOHEM BEDARF. 27
2.4.1 Vorhandener Unterstützungsbedarf 27
2.4.2 Möglichkeiten der Unterstützung. 28
2.4.3 Warum gibt es Defizite im Unterstützungsnetz? 30
2.5 RECHTLICHER RAHMEN UND DESSEN KONSEQUENZEN 32
2.6 KOOPERATION JUGENDHILFE - PSYCHIATRIE 34
3 BESTEHENDE UNTERSTÜTZUNGSANGEBOTE 38
3.1 VORBEMERKUNG 38
3.2 INITIATIVE "NETZ UND BODEN“ 38
3.3 KINDERPROJEKT „AURYN“ 41
3.4 PRÄVENTIONSPROJEKT „KIPKEL E.V.“ 44
3.5 PATENSCHAFTEN BEI „PFIFF E.V.“ 48
3.6 SCHLUSSFOLGERUNGEN 52
Unterst ützung von Kindern psychisch kranker Eltern - ein Konzept für Aachen
Inhaltsverzeichnis 4
4 EIN KONZEPT FÜR AACHEN 55
4.1 VORBEMERKUNG 55
4.2 DIE SITUATION IN AACHEN 55
4.2.1 Zur Notwendigkeit eines Unterstützungsangebotes. 55
4.2.2 Wie viele Kinder sind betroffen? 56
4.3 GEWÜNSCHTE HILFSANGEBOTE UND DEREN UMSETZUNG 57
4.3.1 Welche Angebotswünsche bestehen? 57
4.3.2 Können sie realisiert werden? 59
4.4 DAS UNTERSTÜTZUNGSMODELL FÜR AACHEN 59
4.4.1 Zielgruppe 59
4.4.2 Allgemeine Ziele 60
4.4.3 Grundlegende Voraussetzungen 61
4.4.4 Konkret-zielgerichtetes Angebot 63
4.4.5 Finanzierungsplan. 71
4.5 ZUKUNFTSPERSPEKTIVEN. 73
5 ZUSAMMENFASSUNG. 74
6 LITERATURVERZEICHNIS. 78
7 ANHANG 86
A) Anschreiben der Psychiatrie-Paten e.V. vom 6. April 2005 86
B) Erfahrungsbericht von Katja Bern. 88
)C Kinderschutzbund Aachen - Erklärung der Zusammenarbeit 91
D) „10 praktische Tips“ für Eltern 92
E) „Notfallplan“ für Kinder psychisch kranker Eltern. 94
Unterst ützung von Kindern psychisch kranker Eltern - ein Konzept für Aachen
1 Einleitung 5
1 EINLEITUNG
Ich bin durch die konkrete Nachfrage des Selbsthilfevereins Psychiatrie-Patinnen und -Paten e.V. (PP), von der ich über Prof. Dr. Jungbauer erfuhr, auf die Problematik von Kindern psychisch kranker Eltern aufmerksam geworden. „Wir finden, dass die Einrichtung eines [...] Angebotes für diese Kinder sehr nötig ist und hoffen Sie dafür gewinnen zu können“ 2 . Die konkrete Frage nach der Entwicklung eines Konzepts zur Etablierung einer Unterstützung der betroffenen Kinder, hat mich sofort begeistert, da ein greifbares, handlungs-orientiertes und praxisbezogenes Ergebnis zu erwarten war.
Das Thema „Kinder psychisch kranker Eltern“ ist heute noch ein soziales Randthema, obwohl es in der Fachliteratur bis in die 30er Jahre zurückverfolgt werden kann. Auch wenn die Anzahl der Veröffentlichungen ab den 60er Jahren kontinuierlich anstieg, geriet dieses Thema nie ins Bewusstsein der (Fach-) Öffentlichkeit. Erst durch engagierte Öffentlichkeitsarbeit Einzelner scheint dieses Thema langsam an Gewicht zu gewinnen. Obwohl erwiesen ist, dass betroffene Kinder in vielfältiger Weise durch die elterliche Krankheit betroffen und exponiert sind selbst eine psychische Störung zu entwickeln, gibt es in Deutschland keine flächendeckenden, speziellen Hilfsangebote.
In der vorliegenden Arbeit geht es hauptsächlich um die Entwicklung einer präventiven Unterstützungsmöglichkeit für Kinder psychisch kranker Eltern in Aachen. Denn für viele Experten, wie Mattejat (2004) ist es äußerst unbefriedigend, erst dann einzugreifen, wenn die Kinder schon psychische Störungen entwickelt haben. Vorbeugende Angebote müssen etabliert werden um frühzeitig Hilfe zu arrangieren.
2 Anfrage-Schreiben der PP (Anhang A)
Unterstützung von Kindern psychisch kranker Eltern - ein Konzept für Aachen
1 Einleitung 6
Nach dieser Einleitung erläutere ich im zweiten Kapitel erst einmal die momentane Situation der betroffenen Kinder und ihre mit der elterlichen Erkrankung verbundenen Belastungen. Die einschneidenden Veränderungen, wenn ein Elternteil erkrankt, wirken sich auf alle Lebensbereiche der Kinder aus und können von ihnen selten aus eigener Kraft bewältigt werden. Aus diesem Grund gehe ich der Frage nach, warum keine speziellen Angebote für die betroffenen Kinder etabliert sind, obwohl ein Bedarf erwiesen ist. In diesem Zusammenhang stelle ich den rechtlichen Rahmen zur Situation der betroffenen Kinder vor. Es geht dabei um das Wohl des Kindes, Hilfen zur Erziehung sowie Sorgerechtsfragen. Als letzten Punkt in dem zweiten Kapitel veranschauliche ich, wie wichtig eine Vernetzung von Erwachsenenpsychiatrie und Jugendhilfe zur Unterstützung von Kindern mit psychisch kranken Eltern ist.
Das dritte Kapitel greift wichtige bestehende Unterstützungsangebote in Deutschland heraus und verdeutlicht, welche Möglichkeiten für die betroffenen Kinder bestehen. Die an dieser Stelle ausgesuchten Projekte werden häufig publiziert und mehrere unterschiedliche Auswertungen liegen vor.
In dem für mich wichtigsten Teil dieser Arbeit, dem vierten Kapitel fertige ich ein Konzept an, das eine Unterstützung von Kindern psychisch kranker Eltern in Aachen etablieren kann. Dazu werde ich genaue Daten für Aachen erheben bzw. ableiten, Erfahrungswerte der bestehenden Projekte einbeziehen und eine geeignete Unterstützungsmöglichkeit für Aachen entwerfen.
Die Arbeit wird mit einer Zusammenfassung abgeschlossen.
Unterstützung von Kindern psychisch kranker Eltern - ein Konzept für Aachen
1 Einleitung 7
Lesehinweise:
Aus Gründen der Übersichtlichkeit und besseren Lesbarkeit möchte ich auf eine Schreibweise, die beide Geschlechter berücksichtigt, verzichten, sofern sie nicht beim Zitieren übernommen werden muss. Ich verwende die männliche Personenbezeichnung, welche für beide Geschlechter steht. Wenn ich von Kindern psychisch Kranker spreche, sind damit auch Jugendliche einbezogen, das heißt ich betrachte eine Altersspanne von 0-18 Jahren. Wenn es um erwachsene Kinder psychisch kranker Eltern geht, werde ich dies explizit benennen.
Die Bezeichnung „psychisch kranke Eltern“ bezieht sich meist auf einzelne Elternteile, also Väter oder Mütter, kann aber auch beide Elternteile meinen. In entsprechenden Situationen, in denen ausschließlich von beiden Elternteilen eines Kindes die Rede ist, werde ich dies vermerken.
Unterstützung von Kindern psychisch kranker Eltern - ein Konzept für Aachen
2 Die Situation der betroffenen Kinder heute 8
2 DIE SITUATION DER BETROFFENEN KINDER HEUTE
2.1 VORBEMERKUNG
Kinder psychisch kranker Eltern sind in vielfältiger Weise durch die Erkrankung der Eltern betroffen und einem hohen Risiko ausgesetzt selber eine psychische Störung zu entwickeln. Sowohl genetische als auch psychosoziale Risiko-faktoren spielen dabei eine Rolle. Dennoch ist das Wissen um die Lebenssituation und mögliche Gefährdungen der betroffenen Kinder in der Fachwelt zu gering. Nach Lenz (2005) müssen die Kinder in ihrer konkreten Lebenssituation als Angehörige psychisch Kranker, in ihren Sorgen und Nöten wahrgenommen und angemessene Hilfsangebote bereit gestellt werden. Es hat zwar in den letzten Jahren einen Wandel in der psychiatrischen Versorgung gegeben, doch gezielte Hilfsmaßnahmen haben sich leider noch immer nicht etabliert. Die meisten Hilfen erreichen die Kinder zu spät. Erst wenn Säuglinge oder Kleinkinder durch die plötzliche Klinikeinweisung ihrer psychisch kranken Mutter akut versorgungsbedürftig werden, schalten sich die Jugendämter ein. Oder Kinder geraten ins Blickfeld der Psychiatrie, weil sie selber psychiatrische Hilfe benötigen.
Präventive Unterstützung muss an dieser Stelle geleistet werden. Nach außen wirken die Kinder meist sehr angepasst, weshalb viele von ihnen erst durch extreme Verhaltensauffälligkeiten Unterstützung finden. Dies hängt unter anderem damit zusammen, dass eine Kooperation zwischen Jugendhilfe und Psychiatrie nur dürftig existiert. Für die Gruppe von Kindern psychisch kranker Eltern scheint sich keines der beiden Hilfesysteme zuständig zu fühlen.
Um einen Einblick aus der Sicht von Kindern psychisch Kranker zu erhalten, empfehle ich den Erfahrungsbericht von Katja Bern im Anhang B. Das Lesen der persönlichen Schilderungen Betroffener habe ich in der Vorbereitung auf
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2 Die Situation der betroffenen Kinder heute 9
meine Diplomarbeit als sehr hilfreich empfunden um mir ein klares Bild der Auswirkungen einer psychischen Krankheit zu machen.
2.2 WIE GEHT ES DEN KINDERN JETZT?
2.2.1 Lebensumstände
In der Bundesrepublik Deutschland begeben sich ca. 1,6 Millionen erwachsene Menschen in psychiatrische Behandlung. Diese Zahl entspricht etwa 3% der erwachsenen Gesamtbevölkerung über 21 Jahre (Schone & Wagenblass 2001). Hipp & Staets (2003) geben an, dass wiederum 20% von ihnen Kinder haben, also deutschlandweit etwa 320.000. Andere Autoren, wie Lenz (2005) sprechen von 500.000 Kindern psychisch kranker Eltern, da laut ihren Studien 27% der Untersuchten minderjährige Kinder haben. Zusätzlich ist eine hohe Dunkelziffer in diesem Bereich zu erwarten, da keine systematische Datenerhebung für dieses Krankheitsbild durchgeführt wird.
Anmerkung:
In dieser Arbeit sind heterogene Angaben über psychisch Kranke und deren Kinder zu finden. Zitierte Autoren kommen aufgrund von systematischen Selektionseffekten, beispielsweise unterschiedliche Untersuchungsbedingungen bei den untersuchten Stichproben zu verschiedenen Ergebnissen. Allgemeingültige Daten fehlen.
Wo und wie leben diese Kinder?
Eine Studie von Gärtner & Pivorno in Basel im Jahr 1999 (vgl. Lenz 2005) besagt, dass 23% der hospitalisierten Frauen und 20% der Männer minderjährige Kinder haben, 59% leben mit ihnen zusammen.
Unterstützung von Kindern psychisch kranker Eltern - ein Konzept für Aachen
2 Die Situation der betroffenen Kinder heute 10
Das Diagramm stellt Ergebnisse einer Studie im Rahmen des Auryn-Programms im Kreis Chemnitz (nach Böhme 2001) vor. 37% der Kinder leben alleine mit einem erkrankten Elternteil, 17% mit beiden Elternteilen und 15% nur mit einem gesundem Elternteil zusammen. Nach dieser Untersuchung wohnen über die Hälfte der Kinder bei mindestens einem erkrankten Elternteil und erleben seine Erkrankung direkt mit. Nach Lenz (2005) leben ca.72% der psychisch kranker Eltern mit ihren Kindern zusammen. Ebenso fand er heraus, dass öfter Mütter als Väter von einer psychischen Krankheit betroffen sind. Der Geschlechterunterschied in seinen Studien ist signifikant: 34% der Frauen und nur 18% der Männer haben minderjährige Kinder. Laut der Chemnitzer Studie ist in 80% der Fälle die Mutter erkrankt und
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2 Die Situation der betroffenen Kinder heute 11
nur in 13,12% der Vater. Bei 3,36% der untersuchten Familien sind beide Elternteile betroffen, die restlichen 3,52% haben dazu keine Angaben gemacht.
Der Anteil der psychisch erkrankten Männer und Frauen ist ungefähr gleich. Trotz dieser geschlechtlichen Ausgeglichenheit geht aus oben genannten Zahlen hervor, dass der Anteil der Frauen, die Kinder haben, wesentlich größer ist als der Anteil der Männer.
Wagenblass & Schone (2001) haben dazu mögliche Erklärungen gefunden:
• psychisch kranke Männer gründen seltener Familien, unter anderem, weil Männer in der Regel früher erkranken als Frauen,
• Männer werden in Problemsituationen von Ehefrauen oder Partnerinnen besser aufgefangen und unterstützt, so dass eine psychische Erkrankung gar nicht erst auftritt,
• das Risiko für Mütter ist durch Hormone in und nach der Schwangerschaft höher, sie erkranken oft erst durch oder nach der Schwangerschaft,
• Frauen leben grundsätzlich häufiger in einer Doppelbelastung zwischen Familie und Beruf, was zu Überforderungen und Stresssituationen führen kann.
Kinder leben häufig mit ihrem erkrankten Elternteil zusammen, bemerken die Krankheit der Mutter oder des Vaters als erste und sind mit den Verhaltensweisen überfordert. Wagenblass & Schone (2001) fanden heraus, dass 41% der betroffenen Kinder keine Unterstützung von professionellen Institutionen bekommen und auf sich gestellt sind.
Auch die finanzielle Lage der Familien, in denen ein Elternteil psychisch krank ist, schränkt die Bedürfnisse der Kinder oft stark ein. So leben nach Böhme (2001) die meisten der betroffenen Familien von Rente, Arbeitslosengeld, Arbeitslosenhilfe, Sozialhilfe, Unterhalt oder Krankengeld.
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2 Die Situation der betroffenen Kinder heute 12
Den Kindern und ihren Familien steht demnach nicht viel Geld zur Verfügung. Hinzu kommt, dass viele Eltern krankheitsbedingt, ihr Geld nicht verwalten können, es unnötig ausgeben oder sogar verschenken. Viele Familien sind dadurch hoch verschuldet.
2.2.2 Psychosoziale Belastung
Die Kinder psychisch kranker Eltern gehören nicht nur aufgrund der genetischen Komponente zu einer Risikogruppe selbst psychisch zu erkranken oder auffällig zu werden (mehr dazu in Kapitel 2.3.1), auch psychosoziale Faktoren spielen eine bedeutende Rolle. Mattejat (1996) unterscheidet die Belastungen der Kinder in unmittelbare Probleme, hervorgerufen durch das direkte Erleben der Krankheit der Eltern, und Folgeprobleme, als Resultat solcher familiären Veränderungen.
Zu den unmittelbaren Problemen zählen demnach:
Desorientierung: Die Kinder haben Angst und sind verwirrt, weil sie die Krankheitssymptome und Probleme der Eltern oder des Elternteils nicht verstehen und einordnen können. Nicht selten passiert es, dass eine Realitätsverschiebung von Seiten des Erkrankten stattfindet und dieser das Kind als krank bezeichnet. Vor allem kleine Kinder können diese Aussagen nicht als falsch interpretieren und denken sie seien richtig.
Schuldgefühle: Die Kinder sind auf der Suche nach Ursachen und Gründen für die Erkrankung und finden oft Antworten bei sich. Sie glauben Schuld an der Erkrankung zu sein und denken ihr Verhalten wirkt sich auf den Gesundheits-zustand der Eltern oder des Elternteils aus. Tabuisierung: Mit niemandem sprechen zu können, nichts erklärt zu bekommen, war nach Heim (2001) für viele betroffene Kinder das „Allerschlimmste“. Aber dennoch wird in den wenigsten der betroffenen Familien über dieses „Geheimnis“ gesprochen. Wagenblass (2003) nennt als
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Grund die falsch verstandene Rücksicht gegenüber den Kindern. Es wird versucht die Erkrankung zu verschweigen, weil die Kinder schon genug Belastungen durch die Auswirkungen der Erkrankung erfahren. Ein weiterer Grund für das „Geheimhalten“ der Krankheit ist die Angst vor der Bloßstellung von familiären Defiziten, die im schlimmsten Falle dazu führen können, dass das Sorgerecht in Frage gestellt wird. „Wir müssen es alleine schaffen, denn wird erst einmal klar, dass wir Hilfe brauchen, wird man uns nur auseinander reißen.“ (Lisofsky 2003, S.34). Oft wird den Kinder auch auferlegt, dass sie das „Familiengeheimnis“ wahren sollen, alles andere sei ein „Verrat“ am kranken Elternteil. So geraten sie in tiefste Loyalitätskonflikte, wenn sie sich jemandem öffnen wollen. Einerseits schämen sie sich für das Verhalten des Erkrankten, andererseits fühlen sie sich des „Verrats“ schuldig, wenn sie schlecht über ihre Eltern reden. Nach Lisofsky (2003) ist die Tabuisierung zudem nicht nur ein innerfamiliäres, sondern auch ein gesellschaftliches Phänomen, denn entscheidend ist auch wie ein Großteil der Bevölkerung in der Öffentlichkeit mit psychischen Erkrankungen umgeht.
Isolation: Die Isolation der Kinder psychisch Kranker und ihrer Familien kann als
Folge der Tabuisierung angesehen werden. Da von den Kindern Verschwiegenheit erwartet wird, damit die Krankheit unbemerkt bleibt, verschließen sie sich vor allen Außenstehenden. Oft bringen sie ihre Freunde nicht mit nach Hause, weil ihnen ihr erkrankter Elternteil „peinlich“ ist und sie sich für ihn schämen, weil er beispielsweise ungepflegt aussieht oder unpassende Bemerkungen ausspricht.
Zu den Folgeproblemen zählen:
Betreuungsdefizit: Eltern fühlen sich in Akutkrisen überfordert und ihre Erziehungsfähigkeit sinkt teils enorm. Gleichzeitig aber steigt der Erziehungsbedarf der Kinder. Je jünger die Kinder, desto verheerender sind die Auswirkungen des Versorgungsdefizits. Nach Schwartländer (2004) können psychisch kranke Eltern die elementaren Grundbedürfnisse eines Kindes nach Versorgung,
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Schutz, Orientierung und Zuwendung nicht zuverlässig erfüllen. Schwerwiegende Grenzüberschreitungen, beispielsweise nachts lautstark Musik hören, ordinäre Beschimpfungen, verrückte Fragen oder sogar Misshandlung, verstärken das Betreuungsdefizit.
Zusatzbelastungen: Eigene Bedürfnisse der Kinder treten in den Hintergrund, da sie in der Familie zusätzliche Aufgaben erledigen müssen, die der Elternteil aufgrund seiner Erkrankung nicht bewältigen kann. Dazu gehören anfallende Hausarbeiten, sowie die Versorgung von jüngeren Geschwistern. Diese Arbeit stellt eine große zeitliche Beanspruchung für die Kinder dar, sie haben weniger Freizeit und müssen oft ihre Hobbies oder Beschäftigungen einschränken. Nicht selten kommen finanzielle Probleme der Familie hinzu, welche zu einem sozialen Abstieg führen können.
Eine Trennung der Eltern aufgrund der Erkrankung eines Elternteils und der damit verbundenen Veränderung seines Wesens kommt häufiger vor und kann die Kinder zusätzlich belasten.
Verantwortungsverschiebung: Kinder fühlen sich den Eltern gegenüber verant-wortlich und übernehmen für jüngere Geschwister und/oder ihre Eltern oft elternhafte Funktion, die sie überfordert. Erfahrungen, wie „Kind sein bedeutet, unbeschwert zu sein; Kinder werden beschützt und versorgt“ (Beeck 2004b, S. 48), kennen die betroffenen Kinder meist nicht. Stets sind sie wachsam um auf krisenhafte Ereignisse deeskalierend reagieren zu können. So verteidigen die Kinder beispielsweise ihre Eltern vor Außenstehenden und wirken aus diesem Grunde sehr reif und erwachsen. Sie übernehmen nicht nur die Mutterrolle, sondern halten oft als Partnerersatz, sowohl für den gesunden als auch für den erkrankten Elternteil, her.
Abwertungserlebnisse: Sie erleben, dass ihr soziales Umfeld sie aufgrund der elterlichen Erkrankung meidet und ablehnt. Bekannte oder Verwandte brechen ihre Beziehungen zur Familie ab oder distanzieren sich, wenn sie von der Erkrankung erfahren.
Loyalitätskonflikte innerhalb der Familie: Betroffene Kinder erleben Konflikte in
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der Familie und werden in diese involviert. Sie stehen oft zwischen den Erkrankten und anderen Familienangehörigen und sollen sich für eine Partei entscheiden. Den Kindern fällt eine Parteinahme sehr schwer, zumal sie dem erkrankten Elternteil gespalten gegenüber stehen, weil sie ihn einerseits lieben und gleichzeitig für sein rücksichtsloses Verhalten ihnen gegenüber hassen. Loyalitätskonflikte nach außen: Die Kinder schwanken zwischen der Loyalität zur und Distanzierung von der Familie. Sie schämen sich vor Freunden und Bekannten für ihre Eltern und verstärken hierdurch die Isolation der Familie.
Zusätzlich zu den von Mattejat genannten Faktoren haben viele Kinder große Angst selbst einmal an der Krankheit des Elternteils zu erkranken. Fast alle Kinder leiden unter abrupten Beziehungsabbrüchen zu ihren Eltern, die bedingt durch ihre Krankheit oft für längere Zeit in stationärer Behandlung sind. Bei manchen Krankheitsbildern, wie der Schizophrenie oder der Depression weisen die erkrankten Elternteile nach Lenz (2005) Defizite im kognitiven und emotionalen Bereich auf, die sich im Ungang mit dem Kind manifestieren und das Risiko für psychische Störungen bei den Kindern erhöhen. Hinzu kommen noch Probleme mit den unterschiedlichen Interaktionserfahrungen zwischen Kindern und Eltern. Alles in ihrem Leben kann sich von Minute zu Minute ändern, da Schwankungen der Gefühle und Verhaltensweisen bei psychisch Kranken von großem Ausmaß sind. Aufgrund dieser nicht einschätzbaren Reaktionen fällt es den Kindern häufig schwer, sich auf jemanden zu verlassen, jemandem zu vertrauen (vgl. Beeck 2004a).
2.2.3 Bewältigungsstrategien
Aufgrund der unterschiedlichen Formen und Ausmaße psychischer Erkrankungen entwickeln Kinder je nach Alter und Lebenssituation verschiedene Bewältigungsstrategien.
Die betroffenen Kinder sind meist als Erste mit den krankheitsbedingten
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Veränderungen ihrer Eltern konfrontiert. Nach Lenz (2005) erkennen die Kinder so genannte „Frühwarnzeichen“ der Krankheit, zum Beispiel wenn der Erkrankte weinend im Bett liegt, sich zurückzieht und viel grübelt, unruhig und gestresst wirkt oder die Aufgaben im Haushalt und in der Familie nicht mehr erledigt werden. Wenn Kinder solche Frühwarnzeichen wahrnehmen, verändern sie meist schnell ihr Verhalten dem erkrankten Elternteil gegenüber. Sie versuchen weitere Belastungen und jegliche Form von Aufregung und Ausein-andersetzung in der Familie zu vermeiden.
Der überwiegende Teil der Kinder neigt in solchen Situationen zu defensiven, passiv-vermeidenden Bewältigungsverhalten. Sie ziehen sich zurück, verdrängen ihre Gedanken und Gefühle bezüglich der Erkrankung der Eltern und/oder flüchten in eine Phantasiewelt. Auch Wagenblass (2005) erkennt, dass die Kinder eher still, verschlossen und introvertiert wirken. Sie tragen ihre Probleme nicht nach außen, sondern versuchen diese ohne Unterstützung ihrer sozialen Umwelt zu lösen. „Diese nach innen gerichtete Verarbeitung lässt die Kinder häufig nach außen als unauffällig erscheinen und verstärkt somit die Nichtreaktion der Umwelt.“ (Wagenblass 2005, S.11).
Besonders hilfreich in dieser schweren Phase sind intakte Beziehungen zu den Großeltern oder anderen nahestehenden Personen, die Probleme der Kinder wahrnehmen und sie unterstützen können. Kontakte der Betroffenen unter-einander sind förderlich, da der Austausch über die gemachten Erfahrungen und die Information über die Erkrankung hilft den erkrankten Elternteil besser zu verstehen und eigene Ängste abzubauen. Eine offene Auseinandersetzung mit der Erkrankung kann in anderem Rahmen kaum stattfinden. Wenn nachvollziehbare Erklärungen fehlen, schafft die kindliche Phantasie Erklärungen, die schlimmer als die Wirklichkeit sind. Manche Kinder wissen sich nicht anders zu helfen und ihnen „[...] bleibt dann allenfalls die Möglichkeit, ihrer Einsamkeit und Ratlosigkeit Ausdruck zu verleihen, indem sie ihrerseits `Probleme´ machen.“ (Heim 2001, S. 177). Dadurch erlangen sie Aufmerksamkeit, die sie vorher nicht bekommen haben, jedoch ist
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diese meist negativ und verschlimmert die Situation der Kinder nachhaltig. Viele Kinder wirken als würden sie mit der Situation sehr gut zurechtkommen. Sie sind sehr selbstständig, managen oft den ganzen Familienbetrieb und haben eine große Problemlösungskompetenz entwickelt. Dass diese Entwicklung nicht kindgerecht ist und eine hohe Gefährdung darstellt, ist den meisten - auch Fachkräften - oft nicht bewusst.
2.2.4 Exkurs: Transaktionales Stresskonzept nach Lazarus
Jedes Lebensereignis, das im sozialen System der Familie drastische Veränderungen hervorruft, bzw. das Potenzial zu einer solchen in sich trägt, kann zu einem Belastungs- oder Stressfaktor für die gesamte Familie werden. Lazarus & Launier (1981) bieten mit ihrem transaktionalem Stresskonzept (siehe Abb. 2 am Ende dieses Kapitels) eine wissenschaftliche Betrachtungsweise von Stressentstehung und -bewältigung. Sie betrachten Stress als Ergebnis der Interaktion zwischen Mensch und Umwelt
Demnach wird die Entstehung von Stress durch die Einschätzung der betroffenen Person über die neue oder unbekannte Situation ausgelöst.
Die Einschätzung der Situation wird kognitiv in zwei Phasen bewertet: (1) „primary appraisal“: Die Situation wird auf seine Wirkung hin analysiert, indem der Reiz als positiv, irrelevant oder stressend empfunden wird. Eine positive Einschätzung geht mit angenehmen Gefühlen einher und auch eine irrelevante bedarf keiner weiteren Beachtung. Nur stressende oder belastende Situationen verlangen von der Person eine Form der Bewältigung.
Lazarus & Launier (1981) teilen die stressenden Situationen in drei Kategorien:
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(2) „secondary appraisal“: In der zweiten Phase werden die eigenen internalen und externalen Ressourcen und Fähigkeiten, um mit der Heraus-forderung oder Bedrohung in der Situation umzugehen, eingeschätzt. Dabei werden alle Möglichkeiten durchdacht und die zur Verfügung stehenden Bewältigungsmöglichkeiten auf ihre Erfolgswahrscheinlichkeit überprüft (vgl. Lazarus & Folkman 1994).
Beide Prozesse verlaufen nicht zeitlich getrennt als separate Prozesse, sondern als ein Evaluationsprozess, der bei der Situationsbewertung abläuft.
Ein weiteres Element des Stressmodells von Lazarus ist das Coping, welches für die Auseinandersetzung und Bewältigung von Schwierigkeiten steht und Strategien und Verhaltensweisen zur Bewältigung bezeichnet. Lazarus & Launier (1978) unterscheiden vier Arten des Copings: (1) Informationssuche: Es werden Vorraussetzungen für eine Handlung geschaffen, mit denen sich das Problem lösen lässt. (2) Direkte Handlungen: Die Person trifft Entscheidungen, greift ein oder stellt Kontakte her, die helfen mit der Problemsituation umzugehen. (3) Handlungsunterlassung: Die Handlungshemmung ist ein Spezialfall der direkten Handlung, da die Person durch die Unterlassung einer Handlung im Einklang mit situativen und intrapsychischen Gegebenheiten bleibt.
(4) Intrapsychische Bewältigung: Dabei sind alle kognitiven Prozesse, die das Wohlbefinden einer Person verbessern und ihre Emotionen regulieren, gemeint.
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Diese vier Arten werden auf zwei Hauptfunktionen des Copings bezogen: (1) Problemorientiertes Coping: Es wird versucht die belastende Situation so zu verändern, dass die Belastung reduziert wird. (2) Emotionsorientiertes oder kognitives Coping: Es bezieht sich auf die Regulation von Emotionen. Durch bewusste Aktivitäten, wie beispielsweise positive Vergleiche oder selektive Aufmerksamkeit, sollen die als belastend empfundenen Emotionen reduziert werden.
Im dritten Schritt des transaktionalen Stressmodells, dem „Reappraisal“, kommt es zu einer Veränderung der ursprünglichen Wahrnehmung. Die Person bewertet aufgrund der Ergebnisse des bisherigen Handelns, neuer Reize oder interner und externer Bedingungen (primary & secondary appraisal) die Situation neu. Ein weiterer Stressverarbeitungszyklus nach Lazarus kann beginnen.
Das Modell der Stressbewältigung von Lazarus ist ein psychologisch wissenschaftlicher Erklärungsansatz, der verdeutlicht, wie Stresssituationen und Möglichkeiten der Bewältigung entstehen. Für Kinder psychisch kranker Eltern werden Stresssituationen durch die elterliche Erkrankung und dadurch entstehende Veränderungen hervorgerufen (vgl. Kapitel 2.2.2), auf die sie in unterschiedlicher Weise reagieren (vgl. Kapitel 2.2.3).
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Arbeit zitieren:
Diplom Sozialpädagogin Vera Magolei, 2005, Unterstützung psychisch kranker Eltern - ein Konzept für Aachen, München, GRIN Verlag GmbH
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