Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Paläolithische Jagdwaffenfunde 3
3. Schöningen, Lkr. Helmstedt, Niedersachsen 4
4. Stratigraphie 4
5. Fundplätze 5
5.1 Schöningen 13 I 5
5.2 Schöningen 12 5
5.3 Schöningen 13 II-4 6
5.3.1 Die Holzgeräte 7
5.3.1.1 Wurfholz 7
5.3.1.2 Speere 7
5.3.1.3 Holzstab 8
6. Gesamtbefunde, Deutung und Perspektiven 9
7. Literatur 11
8. Abbildungsverzeichnis 12
2
1. Einleitung
Ernährte sich der homo erectus von Aas und Fallwild, wie es der anglo-amerikanische Ansatz 1 seit Jahren propagiert oder war der frühe Mensch bereits zu einer organisierten Großwildjagd in der Lage?
Um diese Frage zu klären ist es notwendig frühe Jagdwaffen oder -methoden nachzuweisen. Der Einsatz von Giften, Fallen-, Schlingen-/Netz- und Fallgrubenjagd, Hetzjagden und dem Ausnutzen natürlicher Hindernisse, wie Steilklippen oder Sumpfgebiete, um das Wild in die Enge zu treiben, läßt sich nur schwer nachweisen. 2 Daher können nur Funde paläolithischer Jagdwaffen zur Klärung dieser Frage beitragen.
2. Paläolithische Jagdwaffenfunde
Der erste dokumentierte Fund einer paläolithischen Jagdwaffe wurde 1911 bei Clacton-on-Sea, Essex, England gemacht. Eine Lanzenspitze, 38,7 cm lang und 3,6 cm maximaler Durchmesser, aus Eibenholz wurde gefunden, die in die Holstein-Warmzeit (Mittelpleistozän) datiert. 3 1948 entdeckte man bei Lehringen, Niedersachsen eine 2,38 m lange Eibenholzlanze, die etwa 120 000 Jahre alt ist und in die geologische Warmzeit des Eem datiert. 4 1953 publiziert G. Smalla weitere Nachweise bearbeiteter Hölzer aus dem Paläolithikum. 5 1987 fand sich bei Stuttgart-Bad Cannstatt ein aus dem älteren Paläolithikum stammender 2,20 m langer Holzstab aus Feldahorn mit einer sich verjüngenden Spitze. 6 Bei Bilzingsleben, Thüringen fanden sich calzinierte, bis zu 2,40 m lange stangenförmige Holzreste. 7
Seit dem Herbst 1995 fanden sich bei Schöningen, Niedersachsen die ältesten vollständig erhaltenen Jagdwaffen - hölzerne Wurfspeere - und andere Holzgeräte. Diese sollen im folgenden diskutiert werden.
1 Thieme, Holzgeräte 479; Gamble, Shoveler 91-93; Binford, Bones 294.
2 Thieme, Holzgeräte 451.
3 Ebd.; Oakley, Clacton 15.
4 Ebd. 451, 479; Ders., Lehringen 41-50, Abb. 15-19, Tab. 2; Adam, Waldelefant 83.
5 Ebd. 478.
6 Ebd.; Wagner, Cannstatt 54-55, Abb. 37-39.
7 Thieme, Holzgeräte 479.
3
3. Schöningen, Lkr. Helmstedt, Niedersachsen
Schönigen liegt am Nordrand der deutschen Mittelgebirgszone im Harzvorland (Abb. 1). Am Südostausläufer eines Muschelkalkrückens des Elms (bis zu 323 m über NN) findet obertägiger Braunkohleabbau auf einer Gesamtfläche von 6 km² (6 x 1 km) statt. 8 Seit 1983 wird dort ein langfristiges Grabungsprojekt, Archäologische Schwerpunktuntersuchungen im Helmstedter Braunkohlerevier (ASHB), von der Archäologischen Denkmalpflege Hannover ausgeführt. Bisher wurde eine Fläche von etwa 350 000 m² untersucht. Das Fundspektrum reichte bis 1991 vom frühen Neolithikum bis zur Zeitenwende. Nach einer neuen Schwerpunktsetzung ab 1992, bei der die Aufschlußwände einer systematischen Kontrolle unterzogen wurden, gab es auch sichere Nachweise für eine altsteinzeitliche Besiedlung des Raumes. Im Baufeld Süd in 8 m bis 15 m Tiefe, wurden mehrere altpaläolithische Fundplätze mit Kulturresten entdeckt. 9
4. Stratigraphie
Es lassen sich insgesamt sechs große Sedimentationsfolgen (Abb. 2), die Klimagroßzyklen des Quartärs entsprechen, unterscheiden. Die Sedimentzyklen verlaufen in Rinnen von NW nach SO. 10
Rinnen I bis III gehören der Elster-Saalevereisung (Rinne I dem Holstein-Interglazial, Rinne II dem Reinsdorf-Interglazial und Rinne III dem Schöningen-Interglazial, daß der Dömnitz-Warmzeit entspricht) an, Rinne IV dem Drenthe, Rinne V dem Eem-Interglazial und Rinne VI dem Holozän (Abb. 3). 11
Die Rinne I und besonders die Rinne II enthielten altpaläolithische Fundhorizonte (Abb. 4), die seit 1992 entdeckt und in zeitlich befristeten Rettungsgrabungen teiluntersucht wurden. 12
8 Ebd. 453.
9 Ebd. 452.
10 Thieme, Holzgeräte 453.
11 Ebd. 453-454.
12 Ebd. 454.
4
5. Fundplätze
5.1 Schöningen 13 I
Dieser Fundplatz liefert den ältesten Siedlungsnachweis des Menschen in Niedersachsen und wurde im Frühjahr 1994 entdeckt. In einer dreimonatigen Rettungsgrabung wurden 120 m² untersucht. Der Fundhorizont befand sich an der Basis des Holstein-Interglazials und gibt damit ein warmes, boreales Klima an. Skelettreste vom Steppenelephanten (Mammuthus trogontherii), Wildrind, Wildpferd und Rothirsch geben einen groben Überblick über die vorherrschende Fauna.
Verschiedene kleinformatige Feuersteinwerkzeuge und -abschläge, sowie craquelierte Feuersteintrümmer und -artefakte bilden den Nachweis für das Wirken des frühen Menschen. Der Feuerstein wurde mit der Thermolumineszenz-Methode älter als 400 000 Jahre datiert. 13
5.2 Schöningen 12
Der altpaläolithische Fundplatz wurde im Frühjahr 1992 entdeckt. Er befindet sich in den Sedimentserien des Reinsdorf-Interglazials, die aus fünf Folgen bestehen. Die erste Folge entspricht dem Früh- und Hochinterglazial, die Folgen 2-4 entsprechen borealen Waldsteppenphasen und Folge 5 geht bereits in die nächste Kaltzeit über. 14
In Folge 1 (150 m² untersucht) fanden sich, im ufernahen Sediment eines ehemals flachen Sees, Feuersteinartefakte (Abb. 9), die morphologisch denen von Bilzingsleben entsprechen, 15 sowie 3 Tannenast-Stücke (Abies alba), die an einem Ende gebrochen und am anderen Ende mit einer Schnittkerbe versehen waren (Abb. 13). Bei den Gegenständen handelt es sich nach W. H. Schoch um Astansätze, die aus Tannenstämmen ausgewittert und besonders hart sind. Diese Stücke wurden vermutlich gezielt ausgewählt.
Die Äste waren 170, 191 und 322 mm lang und hatten dabei einen Durchmesser von 36, 39 und 42 mm. Die Kerbe war diagonal in der Seitenansicht angebracht. 1996 fand sich ein viertes Stück (113 mm), das an beiden Enden eingekerbt war. Vermutlich handelte es sich bei diesen Geräten
13 Thieme, Holzgeräte 456.
14 Ebd.
15 Ebd.
5
um Schäftungshilfen für Feuersteingeräte oder um Klemmschäfte. Auffällig ist der hohe Standartisierungsgrad der gleichartigen Kerbung. Es scheint sich bei diesen Objekten um den ältesten Beleg für Kompositgeräte zu handeln. 16
Die Knochenreste der Großsäuger, Waldelephant, Waldnashorn (Stephanorhinus kirchbergensis), Wildpferd (Equus mosbachensis), Bär, Rothirsch (Cervus elaphus), Wildrind, Auerochse, Reh, Wildschwein und Löwe, entsprechen der Lagerplatzfauna von Bilzingsleben. Zerschlagene Knochen und Schnittspuren auf Knochen (Abb. 12) weisen auf eine Jagdfauna hin. 17
Etwa 2 bis 3 m über diesem Fundhorizont konnte ein weiterer Fundplatz (30 m² ausgegrabene Fläche) mit Feuersteinwerkzeugen und Jagdbeuteresten identifiziert werden. Angebrannte Hölzer belegen eine Feuerstelle. 18
5.3 Schöningen 13 II-4
Im August 1994 wurde etwa 700 m südlich von Schöningen 12 ein weiterer altpaläolithischer Fundplatz, an der Basis der Verlandungszone eines Gewässers in Folge 4 des Reinsdorf-Interglazials, entdeckt (Abb. 5-8).
Am gleichen Tag fand sich bei Schöningen 13 II-3 eine Konzentration von Großsäugerresten (Pferd), von denen aus Zeitgründen nur wenig geborgen werden konnte 19 (Abb. 11). Im Sommer 1999 fanden sich bei Schöningen 13 II-3 weitere Skelettteile von Großsäugern, Holzreste und Steinartefakte. 20
Die Funde von Schöningen 13 II-4 wurden auf der westlichen Uferzone eines einst flachen, rinnenförmigen Gewässers gemacht. Pollen- und Molluskenanalysen ergaben für die Zeit des Fundhorizontes ein boreal-kontinentales Klima mit parktaigaartigen Wäldern (Kiefer-Fichte-Lärche-Birke) und Wiesensteppen.
Bis 1998 wurden mehr als 2500 m² untersucht und dabei über 20 000 Jagdbeutereste (Wildpferd, Wisent, Rothirsch und Wildesel) vor allem in einem 10 m breiten Fundsaum entlang des
16 Ebd. 458.
17 Thieme, Holzgeräte 458.
18 Ebd. 461.
19 Ebd.
20 Ebd. 462.
6
Gewässers entdeckt. Vom Wildpferd (Equus mosbachensis) wurden 17 vollständige Schädel, zum Teil mit Unterkiefer, geborgen. Die Knochen waren zerschlagen und wiesen Schnittspuren auf. Mehr als 90 % der Knochen können dem Wildpferd zugeordnet werden, so daß man eine Absichtsjagd auf diese Spezies annehmen kann. 21
Bei den Feuersteinartefakten (Abb. 10) fanden sich vor allem sorgfältig retuschierte Schaber, verschiedene Spitzen und mehr als 1200 Retuschierabfälle. Die Werkzeuge scheinen in das Gebiet mitgebracht und dort (vor allem mit Knochen) nachbearbeitet worden zu sein. 22 Der Boden weist an mehreren Stellen eine rote Verfärbung sowie Trocken- und Schrumpfungsrisse auf, die durch Hitzeeinwirkung entstehen und auf Feuerstellen hinweisen. 23
5.3.1 Die Holzgeräte
5.3.1.1 Wurfholz
Im Oktober 1994 wurde ein 78 cm langes, im Mittelteil 3 cm durchmessendes und an beiden Enden sorgfältig zugespitztes Fichtenholz gefunden (Abb. 14-15). Es war aus einem Stämmchen gefertigt, von dem die Seitensprosse sorgsam entfernt waren. 24
Das Holz weist Ähnlichkeiten zu den Wurfhölzern und -keulen der Aborigines (Südostaustralien) auf und wurde eventuell als Wurfwaffe zur Vogeljagd eingesetzt - Entenknochen sind im Fundstoff nachgewiesen. 25
5.3.1.2 Speere
In der zweiten Hälfte des Jahres 1995 wurden inmitten von Jagdbeuteresten 3 gut erhaltene Holzspeere (Längen 1,82 m, etwa 2,25 m und über 2,30 m) gefunden (Abb. 16-17). Die Spitzen waren lang ausgezogen und bei den Speeren I und II auf mehr als 60 cm herausgearbeitet. 26 1996 wurden Teile eines vierten Speeres, ein Jahr später wiederum drei Speere (über 2 m, bis zu 2,50 m Länge) und 1998 wurde ein etwa 60 cm langes Spitzenbruchstück entdeckt. 27 Alle Funde stammen aus der 10 m breiten Fundstreuungszone und bestehen mit Ausnahme von Speer IV
21 Thieme, Holzgeräte 462.
22 Ebd. 461.
23 Ebd.
24 Ebd. 469.
25 Ebd.
26 Thieme, Holzgeräte 470.
27 Ebd. - Tabelle 1 für die Daten der Speere.
7
(Kiefernholz) aus Fichtenholz. Dabei wurde wie schon beim "Wurfholz" ein kleiner Stamm entrindet und von den Astansätzen befreit. Die Spitzen wurden völlig symmetrisch aus der Basis (hier ist das Holz am härtesten) gearbeitet. 28
Die Speere sind ähnlich geformt und ausbalanciert (der Schwerpunkt liegt im vorderen Drittel) wie moderne Wettkampfspeere, so daß es sich bei den Waffen (mit Ausnahme des 2,50 m langen Speeres VI) nicht um Stoßlanzen, sondern nur um Wurfspeere handeln kann. 29 Die geringen Jahrringbreiten deuten auf ein kühles Klima an und verleihen dem Holz zugleich eine gewisse Härte.
Bei diesen Holzgeräten handelt es sich um die bislang ältesten bekannten Jagdwaffen (die sogar im Fernkampf eingesetzt wurden). 30
5.3.1.3 Holzstab
Im Juni 1995 wurde ein an einem Ende angekohlter Stab im Bereich einer Konzentration von Skelettresten gefunden (Abb. 18-19). Der Stab wurde durch einen Spateneinstich rezent beschädigt und etwa 11 cm von der Basis durchtrennt. Die Länge des Stabes entspricht mindestens 87,7 cm. 31
Der Stab besteht aus Fichtenholz, ist leicht gekrümmt und verjüngt sich an beiden Enden künstlich (am Jahrringverlauf zu erkennen). Auf der Unterseite finden sich einige kurze (10 mm lange) Schnittspuren. Die Basis und die bearbeiteten Partien sind geglättet und im unteren Bereich spant das Holz ab. 32
Auffällig ist, daß lediglich nur ein Seitenspross nicht entfernt wurde - die angekohlte Stelle reicht etwa bis zu diesem Spross. Auch bei diesem Gerät diente ein kleiner Stamm als Ausgangsform. 33 Vielleicht handelte es sich bei diesem Gerät um einen mißlungenen oder zerbrochenen Speer, der nutzlos geworden umgearbeitet und sekundär weiterverwendet wurde. Eine andere Deutung berücksichtigt den auffälligen Seitenspross, der ein Abrutschen des Fleisches verhinderte, wenn der Stab als Bratspieß benutzt worden wäre. Auch die Länge könnte für die Verwendung des Stabes als Bratspieß sprechen. 34
28 Ebd. 470, 474.
29 Ebd. 474.
30 Ebd.
31 Thieme, Holzgeräte 474.
32 Ebd. 475-6.
33 Ebd. 474.
34 Ebd. 478.
8
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Magister Artium Daniel Hockmann, 2001, Die paläolithischen Holzreste von Schöningen, München, GRIN Verlag GmbH
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