Inhalt
0 Einleitung 2
1 Übersetzungen 3
2 Textkritische Anmerkungen zu CATULL 4 5
3 Analyse 8
3.1 Aufbau 8
3.2 Metrik 10
3.3 Lexik 12
3.4 Stilistik und Syntax 13
4 Interpretation 15
4.1 Biografische werkimmanente und andere Ansätze zu CATULL 4 15
4.2 CATULL 4 und VERG catal 10 im Vergleich/
Textbeziehung und Parodiebegriff 18
5 Fazit 20
6 Quellen 21
1
0 Einleitung
Catulls viertes Gedicht hat im Gesamtkorpus des Dichters eine zentrale Stellung. Es steht an sehr prominenter Stelle zwischen passer- und Lesbia-Gedichten und es weist eine überaus kunstvolle Komposition auf. Der herausragende Status dieser Verse muss auch schon der antiken Welt deutlich geworden sein, denn sie fanden zahlreiche Nachahmer. Eine Nachahmung findet man in den Catalepton-Gedichten des Vergil. Im Anschluss an eine Übersetzung der beiden Gedichte und nach einer textkritischen Betrachtung soll es zunächst Aufgabe dieser Hausarbeit sein, das Catull-Gedicht nach kompositorischen, metrischen, lexikalischen und syntaktisch-stilistischen Gesichts- punkten zu analysieren. Dabei soll auch immer wieder auf Unterschiede und Gemeinsamkeiten zum Catalepton 10 hingewiesen werden. Im zweiten großen Teil sollen mögliche Interpretationsansätze zu CATULL. 4 dargestellt und bewertet werden. Schließlich soll über einen Vergleich der beiden Gedichte die Frage nach der Beziehung der beiden Texte näher umrissen werden: Ist das Catalepton-Gedicht eine Parodie auf Catull? Und was ist eigentlich eine Parodie?
Dabei wird sich die Frage nach Beziehung von Texten überhaupt stellen. Bei der Umreißung von älteren und neueren Theorien sollen anhand dieses Gedichtsvergleichs ihre möglichen Vor- und Nachteile skizziert werden.
Merseburg, im Juli 2006
2
1 Übersetzungen
Die folgende Übersetzung von CATULL. 4 stützt sich – wie auch die Analyse und die Interpretation – auf die Ausgabe von Thomson 1 , was in der textkritischen Diskussion begründet werden soll.
Jener Kahn, den ihr seht, Gäste,
sagt, dass er das Schnellste der Schiffe gewesen, und dass der Drang irgend eines Schiffes nicht im Stande gewesen sei, vorbeizukommen, ob mit dem Segel oder dem Ruder es nötig war, dahinzufliegen. 5 Und er versichert, dass dies die Küste der bedrohlichen Adria nicht leugnen oder etwa die Kykladen und das namhafte Rhodos und die durch den thrazischen Wind raue Propontis oder das wilde pontische Meer, wo jener, nachmals ein Kahn, zuvor belaubter Wald 10 war; denn auf dem cytorischen Joch stieß er oft durch rauschendes Laub ein Säuseln aus. Pontisches Amastris und Buchsbaum tragender Cytorus, dass dir das wohl bekannt war und ist, sagt der Kahn. Dass er seit Urzeiten 15 auf deinem Gipfel gestanden habe, sagt er, dass er in deinem Meer die Ruder eingeweiht und von da aus über etliche ungestüme Meere den Herren getragen habe, ob ein linker oder rechter Wind blies oder ob Jupiter 20 gleich begünstigend in beide 2 Segel einfiel. Und keine Gelübde wurden den Küstengöttern von ihm aus gemacht, als er jüngst vom Meer kam zu jenem klaren See hin.
Aber dies war früher. Nun altert er in zurückgezogener 25 Ruhe und weiht sich dir, Zwilling Castor und Castors Zwilling. 1 Catullus, edition with commentary, hrsg. von D.F.S. Thomson. Toronto, 1998. 2 Entgegen der Bewertung von utrumque als Adverb (und somit als Nebenform zu utrimque) bei Thomson (1998, 216) soll hier von einem Attribut auf pedem in Vers 4 ausgegangen werden.
3
Der Arbeit mit VERG. catal. 10 liegt die Ausgabe von Westendorp 3 zugrunde.
Jener Sabinus, den ihr seht, Gäste, sagt, dass er der Schnellste der Maultiertreiber gewesen, und dass der Drang irgend einer heran eilenden Kutsche nicht im Stande gewesen sei, vorbeizukommen, ob es nach Mantua oder Brixia nötig war hinzufliegen. 5 Und er versichert, dass dies das Haus des Konkurrenten Tryphon oder etwa die noblen Mietskasernen des Cerylus nicht leugnen, wo jener, nachmals Sabinus – zuvor Quinctio, mit zwei-gezahnter Schere behaarte Nacken beschnitt – wie er sagt –, damit nicht die wegen des drückenden 10 cytorischen Jochs steife Mähne Schmerzen hervorrief. Frostiges Cremona und lehmiges Gallien, dass dir das wohl bekannt war und ist, sagt Sabinus. Dass er seit Urzeiten in deinem Abgrund gestanden habe, sagt er, 15 dass er in deinem Sumpf das Gepäck abgestellt und von da aus über etliche tausend Wagengeleise das Joch getragen habe, ob das linke oder das rechte Maultier oder beide den Dienst zu versagen begannen. Und keine Gelübde wurden den Wegegöttern 20 von ihm aus gemacht, außer diesem jüngsten, die väterlichen Zügel und den zuletzt benutzten Striegel. Aber dies war früher. Nun sitzt er auf einer elfenbeinernen Bank und weiht sich dir, Zwilling Castor und Castors Zwilling. 25
3
Vergilius, Catalepton, pars altera,
hrsg. von R.E.H. Westendorp Boerma. Assen, 1963.
4
2 Textkritische Anmerkungen zu CATULL. 4
CATULL. 4 betreffend verdienen vor allem zwei Textstellen eine nähere textkritische Betrachtung. Es handelt sich um Thracia in Vers 8 und um novissime in Vers 24 (beide so bei Thomson). An diesen beiden Stellen schlagen Mynors 4 und Fordyce 5 andere Konjekturen vor.
Bei der Betrachtung der ersten Stelle fällt auf, dass die Handschriften OGR tractam überliefern. Alle drei Autoren weisen jedoch auf die spätere Korrektur traciam hin, welche bereits in der Handschrift α vorliegt. Mynors und Fordyce setzen an diese Stelle Thraciam als Epitheton zu Propontida. Fordyce 6 argumentiert auf zwei Ebenen: Gedichtsstruktur und Realien. Zunächst macht er deutlich, dass mit einem Epitheton Thraciam eine parallele Struktur hervorgerufen würde (horridamque Thraciam Propontida und trucemve Ponticum sinum). Des Weiteren stellt er Thraciam eindeutig als Adjektiv heraus und wendet sich gegen die Lesart von Propontida als eine weitere, asyndetisch angeschlossene Reisestation des phaselus; denn schließlich müsse sich horridam auf Propontida beziehen, wie sich ja auch minacis auf Hadriatici und trucem auf sinum beziehe. Sein drittes strukturell-vergleichendes Argument betrifft den Einwand, sein Syntagma sei durch ein Enjambement getrennt. Er verweist auf zwei Stellen im gleichen Gedicht, nämlich auf die Verse 20f. und 25f., bei denen ebenfalls deutliche Zeilensprünge auszumachen seien. Auf der inhaltlichen Ebene versucht er, deutlich zu machen, dass die besiedelte und fruchtbare Küste Thraziens nicht als horrida bezeichnet werden könne – und hinter die Küste habe der phaselus ja nicht blicken können. Thomson dagegen schlägt an dieser Stelle Thracia vor, den Ablativ eines Substantivs Thracias 7 , welches den von Thrazien her wehenden Wind bezeichnet. Dieser wiederum sei verantwortlich für die benannte Eigenschaft (horrida) der Propontis. Als Argument liefert Thomson die Windbezeichnung in CATULL. 26, 3: Apheliothes. Das Adjektiv horridam beziehe sich somit auf das Meer und nicht auf das Land, wie auch Fordyce argumentiert. Wichtig ist weiterhin, dass Thomson es als selbstverständlich ansieht, dass der phaselus an der südlichen Küste der Propontis entlang segelt 8 .
4 C. Valerii Catvlli Carmina, hrsg. von Roger Mynors. Oxford, 1958.
5 Catullus, a commentary, hrsg. von Christian James Fordyce. Oxford, 1961.
6 cf. Fordyce 1961, 102.
7 Auch Fordyce (1961, 102) hält Thomsons Konjektur für „not impossible“ und nennt dessen Vorgehen sogar „ingeniously“.
8 „The ship’s course would naturally follow the south side (not ’Thrace’) of the Propontis“ (Thomson 1998: 215)
5
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Robert Krahl, 2006, Catulls Carmen 4, Analyse und Interpretation im Vergleich zu Vergils Catalepton 10, Munich, GRIN Publishing GmbH
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