1. Einführung
In der aktuellen Literatur zur Thematik „Europäische Union“ (EU) taucht die These des „Verlust[s] nationalstaatlicher Souveränität durch einen EU-Beitritt“ immer wieder auf. In letzter Zeit, besonders im Zuge der EU-Osterweiterung im Jahre 2004, vermehren sich die wissenschaftlichen Betrachtungen auch unter diesem Gesichtspunkt bezüglich der neuen EU Mitgliedsländer. Besonders interessant ist hierbei, nicht nur wegen der gemeinsamen Vergangenheit, die Betrachtung des direkten Nachbarn Deutschlands: Die Republik Polen. Polen ist für Deutschland einer der wichtigsten strategischen und wirtschaftlichen Partner in der EU. Das soll aber nur ein Argument für diese Länderwahl sein. Viel gewichtiger sind die Veränderungen in der näheren Vergangenheit, die in der Tagespresse sogar für Schlagzeilen sorgten. Die letzten Parlamentswahlen und zuletzt die Präsidentenwahl werden überwiegend als „Rechtsruck“ proklamiert, da das national-konservative Lager die Mehrheit erlangte. Dass dies im Zusammenhang mit der erst kürzlich vorgenommenen EU-Osterweiterung stehen könnte, ist eine These, die zurzeit auch in der politischen Szene diskutiert wird. Es spricht also einiges dafür, diese Thematik genauer zu untersuchen. Diese Seminararbeit wird sich deshalb mit der Frage beschäftigen: Welche Auswirkungen hat der EU-Beitritt Polens auf polnische nationalistische Strömungen?
Vorerst jedoch zur Vorgehensweise in dieser Seminararbeit: Zunächst wird auf die wissenschaftlichen Ansätze zur Erklärung von Nationalismus eingegangen. Entscheidend wird hierbei sein, wie dieser sich entwickelt, inwiefern Patriotismus mit Nationalismus einhergeht und welche Einflussfaktoren Identität und Nationalstaat darstellen. Im Anschluss wird dann auf die parteipolitischen Veränderungen seit dem Bestehen der „Dritten Republik“ 1 eingegangen, um einen Eindruck über die Entwicklung der Parteienlandschaft zu erlangen und vor allem die Prozesse der einzelnen Strömungen nachzuvollziehen. Diese Ergebnisse werden dann im vierten Punkt, bei dem die Gründe für die Stärkung nationalistischer Kräfte in Polen analysiert werden, zu einer wichtigen Grundlage werden. Abschließend wird im letzten Punkt ein Fazit gezogen aus den hier erlangten Ergebnissen, sowie ein Ausblick für die Zukunft Polens.
1 Damit ist die Zeit nach der kommunistischen Herrschaft definiert.
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2. Wissenschaftliche Ansätze zur Erklärung von Nationalismus In dieser Betrachtung wird ausschließlich auf den „primären Nationalismus“ 2 eingegangen, da dieser hierbei von entscheidender Bedeutung ist. Der Nationalismus ist eine Erscheinung, deren Anfänge man in der Französischen Revolution findet. Über Patriotismus, also der „Vaterlandsliebe“, der „Verehrung und gefühlsmäßigen Hingabe an Tradition, Werte und historisch-kulturelle Leistungen des eigenen Volkes bzw. der eigenen Nation“ (Weidinger 2002: S. 128) entwickelte sich der Nationalismus. Den Nationalismus macht, im Gegensatz zum Patriotismus, ein ideologischer Grundgedanke aus. Dieser „Grundgedanke“ ist meist die gemeinsame Herkunft, Sprache und Wertevorstellung. Mit dem Nationalismus geht eine überzogene nationale Identität einher. Der Nationalismus ist dabei nicht an eine Staats- oder Gesellschaftsform gebunden.
Ein Grund für die Entstehung von Nationalismus ist der Wegbruch von traditionellen Gemeinschaften, wie zum Beispiel Dorfgemeinschaften. Dies geschah im Zuge der Industrialisierung, sowie der wirtschaftlichen Umwälzung, die heute als Globalisierung bekannt ist. Ein weiterer Aspekt ist die sinkende Bedeutung der Religionsgemeinschaften innerhalb der Gesellschaft. Dadurch entsteht ein Vakuum, das sich als Identitätsverlust zeigt. Dieser Verlust wird durch Anknüpfung an grundständige Werte, die sich zu einer Ideologie entwickeln, versucht auszugleichen. Dadurch erlangt Nationalismus den Stellenwert einer politischen Religion. Nationalismus konkurriert also mit anderen Identitätsformen, wie Religion, Monarchie und Familie, sowie die neueren Erscheinungen von Identität wie die soziale Klasse, die Heimat oder die Zugehörigkeit zu einem Nationalstaat. Der signifikante Unterschied zu den anderen Identitätsformen ist jedoch, dass der Nationalismus sich selbst als den anderen überlegen sieht (Weichlein 2006: S. 6). Er sieht im Nationalstaat die stärkste „Identitätsformel“ (Weichlein 2006: S. 6). Der Erfolgsgarant für den Nationalismus ist eine große „Verunsicherung“, die mit einem „sozialpsychischen Vakuum“ einhergeht (Weichlein 2006: S. 7).
2 Mit primärem Nationalismus, ist der Nationalismus in der Ersten Welt gemeint. Der sekundäre Nationalismus, ist der Nationalismus in der Dritten Welt.
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Nationalismus birgt zwei Ziele in sich: Zum einen die Inklusion möglichst großer gesellschaftlicher Schichten und gleichzeitig die Exklusion anderer gesellschaftlicher Gruppierungen 3 , die nach dem nationalen Verständnis zum Beispiel auf Grund der Religion, der ethnischen Herkunft oder der Kultur als nicht Zugehörig definiert werden.
Die Grundbedingung für den Nationalismus ist der Nationalstaat. Die Bildung eines Nationalstaates geschieht unter folgenden Kriterien: Zunächst wird eine gemeinsame, verbindliche Sprache, Sprachnationalismus, festgesetzt. Ein weiteres Kriterium für die Zugehörigkeit ist die Abstammung. Die ethnische Zugehörigkeit wird, nach dem nationalistischen Verständnis, als ein objektives und eindeutiges Merkmal gedeutet.
Ein weiteres Element, des Nationalismus ist die „KuIturnation“. Ziel ist es hierbei, eine gemeinsame Identität aus kulturellen Wertbezügen zu erschaffen. Aus den nationalen Bewegungen, die sich für die oben genannten „Identitätskriterien“ einsetzen, werden nationalistische Bewegungen. Häufig ist hierbei, das die alten Eliten der „Pro-Nationalstaat“-Bewegung die führenden Eliten des Nationalstaates werden.
Ein weiteres Element ist, dass der Nationalgedanke in die Erziehung und Bildung implementiert wird: In der Schule werden nationale Geschichte und Tradition vermehrt gelehrt, wobei die Objektivität bei den einzelnen Inhalten durch eine teilweise Heroisierung der nationalen „Verdienste“ 4 getauscht wird. Hierbei ist nicht Bildung das Ziel, sondern Loyalität zur Staatsführung. Diese Form von Loyalität findet auch in der „Ausweitung der nationalen Trägerschichten“ (Weichlein 2006: S. 63) statt. Hierbei wird der Bürger als Teilhaber definiert - das Volk wird zu einem Kollektiv vereinheitlicht, in dem jeder an dem Gelingen oder dem Scheitern der Nation maßgeblich beiträgt. Dadurch wird dem einzelnen Bürger fiktiv „Macht“ übertragen, die er „sorgfältig und zum Wohle des gemeinsamen Ziels“ einsetzen muss.
3 Also soziale Randgruppen, ethnische bzw. gesellschaftliche Minderheiten
4 Besonders im Nationalsozialismus des Zweiten Weltkrieges in Deutschland
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Arbeit zitieren:
Swen Klingelhöfer, 2006, Welche Auswirkungen hat der EU-Beitritt Polens auf polnische nationalistische Strömungen?, München, GRIN Verlag GmbH
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