Neil Postman und die Notwendigkeit einer neuen Aufklärung
Hausarbeit
1. Einleitung
Diese Hausarbeit handelt von Neil Postman, dem im Oktober 2003 verstorbenen amerikanischen Medienwissenschaftler. Auf der Grundlage seines Buchs: „Die zweite Aufklärung. Vom 18. ins 21. Jahrhundert“ und mehreren daraus ausgesuchten Thesen (siehe Seite 2) werde ich darstellen, wie Postman die in seinen Augen heute mehr denn je benötigten „Antworten“ in den Erkenntnissen des Zeitalters der Aufklärung sieht. Den Thesen Postmans werde ich kritische Ansichten des postmodernen Philosophen Michel Foucault gegenüberstellen, um auch eine andere Sichtweise der Dinge einzubringen. Diese Aufgabe bringt jedoch diverse Schwierigkeiten mit sich: Zum einen sind Foucaults Texte sehr komplex, zum anderen stellen sie insgesamt kein homogenes Ganzes dar, sondern sind durch „theoretische Verschiebungen“ 1 gebrochen, die seine Philosophie in mehrere Phasen unterteilen und so nochmals den Zugang erschweren. Ich werde die - meiner Ansicht nach - jeweiligen Vor- und Nachteile der Auffassungen Postmans und Foucaults herausarbeiten und eine Überleitung zur heutigen
Bildungsdiskussion herstellen, mit der Überlegung, welche Teile hiervon evtl. neue, bzw. gute Ansätze für unsere heutige Bildungsdiskussion bieten. Abschließen werde ich meine Arbeit mit einem Resümee, worin ich mögliche Konsequenzen meiner Ergebnisse für den heutigen Unterricht darlegen, sowie meine eigene Position und Auffassung von Ethos begründen werde.
1 Fink-Eitel, Foucault zur Einführung, S. 14ff
1
1.1 Die Grundthesen
01. Die Zukunft ist stets eine Projektion der Vergangenheit. 2
02. Die Menschen haben ein Bedürfnis nach Welterklärung und
Sinnstiftung auch deshalb hat die Fortschrittsgläubigkeit eine
schon religiöse Dimension angenommen.
03. In der Aufklärung sind die großen Ideen entwickelt worden.
(„Theorie des Fortschritts“)
04. Die Lösung von alten Problemen führt immer zu neuen Problemen.
05. Fragen ist das bedeutsamste geistige Werkzeug, das den Menschen
zur Verfügung steht (Modell des Sokratismus).
06. Nur aufgeklärte Menschen besitzen die nötige Skepsis, die zu einem
adäquaten Verständnis der Welt nötig ist. Skepsis ist das wichtigste
Vermächtnis der Aufklärung.
07. Die fortschreitende Ökonomisierung der Kindheit führt zu einer
Degradierung der Kinder zum Konsumenten und bewirkt das Ende
der Kindheit.
08. Information darf nicht mit Wissen verwechselt werden.
(Nur das Wissen ist von Nutzen für den Menschen)
09. Mit der Ausbreitung elektronischer Medien geht eine Vereinsamung
der Menschen einher.
10. Jedes Unterrichtsfach soll mit der dazugehörigen Geschichte gelehrt
werden.
11. Die Kinder sollen beigebracht bekommen die Technologie zu
benutzen, anstatt von ihr benutzt zu werden.
12. Es soll ein pädagogisches Modell entwickelt werden, welches den
Erfordernissen des digitalen Zeitalters gerecht wird.
13. Der Rückzug des argumentierenden Denkens gefährde letztlich die
Demokratie.
2 Postman, Neil: Die zweite Aufklärung. Vom 18. ins 21. Jahrhundert; Berlin, 1999 (bezieht sich auf alle 13 Thesen).
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2. Aufklärung aus Sicht von Postman
Postman vertritt die Ansicht, dass im 18. Jahrhundert, der Zeit der Aufklärung, zwar auch nicht alles perfekt war, sich auf der anderen Seite aber nicht leugnen lässt, dass dort die großen Ideen geboren wurden. Unter anderem die Idee der Kindheit, die Abschaffung der Sklaverei, die Erfindung der Dampfmaschine usw. Er sieht in dieser Zeit zugleich die Ursprünge einer Vernunft, die mit ihrer Dynamik nicht nur die Technik, sondern auch die Gesellschaft revolutionierte. Das Besondere dieser Auffassung der sogenannten Aufklärer bestehe seiner Meinung nach darin, das Erreichte oder Beabsichtigte immer wieder in Bezug auf mögliche Konsequenzen in Frage zu stellen, also zu reflektieren und damit einer umsichtigen Prüfung zu unterziehen. Dieser kritische Umgang mit (technologischem) Fortschritt ist für Postman vorbildlich und auch unbedingt notwendig für das Jahrhundert, in dem wir heute leben. Die faszinierenden Dinge, die im 18. Jahrhundert z.T. geschehen sind, solle man sich vor Augen führen: Kant beispielsweise hat die Befreiung des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit gefordert, Montesquieu entwickelte revolutionäre Gedanken zur
Gewaltenteilung, Voltaire und Diderot unterzogen die institutionalisierte Religion einer fundamentalen Kritik, und David Hume bereitete die Grundlagen für die induktive Wissenschaft vor. 3 „Die Aufklärer wollten nicht das Paradies auf Erden errichten, aber sie entwickelten Ideen, die den Menschen ein besseres Leben ermöglichen sollten, nicht nur technologisch und wissenschaftlich, sondern auch politisch und sozial“ 4 . Mit dem neuen Glauben an die menschliche Vernunft entwickelte sich der pädagogische Ansatz heraus, dass der Erzieher seine Zöglinge von der erkannten Notwendigkeit des gesellschaftlichen Zusammenlebens zu brauchbaren Menschen und vernünftigen Bürgern bilden solle. Er stützt sich dabei auf die im Menschen angelegte Vernunft als ein Potenzial, das durch belehrende Einsichtsförderung gezielt entwickelt werden könne. Man kann also sagen, der Mensch wurde zu jener Zeit seines Glückes Schmied. Er ist nunmehr in der Lage, sich selbst zu erschaffen, sich selbst in
3 Vgl. Kaindlstorfer Interview.
4 Postman, S. 57.
3
der von ihm gewünschten Qualität hervorzubringen, d.h. jeder einzelne hat die Möglichkeit aus sich ein vernünftiges Wesen zu machen. Der Mensch wird im 18. Jahrhundert nicht nur als zufälliges Produkt der vorgefundenen gesellschaftlichen Umstände verstanden, sondern als ein diesen Umständen gegenüber souveränes Wesen. 5 Postman zufolge sei das Zeitalter der Aufklärung als Quelle für die dringend benötigten Antworten der heutigen Probleme zu nutzen.
3. Aufklärung aus Sicht von Foucault
Nach Foucault ist Aufklärung ein Ereignis oder eine Gesamtheit von Ereignissen und komplexen historischen Prozessen, die an einem bestimmten Punkt der Entwicklung der europäischen Gesellschaften lokalisiert sind. „Auf jeden Fall ist Aufklärung durch eine Veränderung der bestehenden Beziehungen zwischen Wille, Autorität und dem Gebrauch der Vernunft definiert.“ 6 Das Projekt einer aufklärenden Philosophie wie sie Postman fordert, bestehe demnach auch nicht in der Erstellung, Verteidigung oder Begründung eines solchen universalen und für alle gültigen Kanons der Vernunft 7 . Foucault geht es um das Projekt einer anderen Vernunft. Der Vernunftbegriff solle - statt vermeintlich allgemeine und überindividuelle Gesetzes- oder Seinsnormen zum Ausdruck zubringen - vielmehr der Selbstgestaltungskraft des historisch situierten und auf den gegenwärtigen Augenblick bezogenen Subjekts zurückgegeben werden. Das Subjekt solle sich, gemäß einer „Ontologie seiner Selbst“ (Lehre vom Sein), in den spezifischen Denk- und Handlungsstrukturen seiner Zeit begreifen lernen, um auf diese kritisch und transformierend zurückwirken zukönnen. 8 Foucaults generelle Kritik am Vernunftsubjekt, verstanden als Subjekt universaler Denkgesetze und Vernunftregeln, zielt auf die Einschränkung menschlicher Möglichkeiten durch bestimmte Erkenntnis- und Verhaltensmodelle, die jeweils zur Norm - als „Normalität“ der Natur des Menschen - erhoben
5 Vgl. Schäfer, Alfred: Einführung in die Erziehungsphilosophie, S. 96.
6 Foucault, S. 37.
7 Kögler, S. 6.
8 Kögler, S. 5.
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2006, Neil Postman und die Notwendigkeit einer neuen Aufklärung, München, GRIN Verlag GmbH
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