Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung. 3
II. Weltanschauung und Weltanschauungsliteratur im Kontext der Moderne. 4
III. Geschlecht und Charakter im kulturtheoretischen Diskurs um 1900. 6
IV. Geschlecht und Charakter als Ausdruck einer Weltanschauung:
Analyse der Textorganisation. 9
1. Aufbau. 9
2. Partielle Wissenschaftlichkeit. 10
3. Vermischung der Diskurse. 12
4. Pseudowissenschaftliche Beweisführung. 14
5. Fiktionalität. 16
V. Schlussbetrachtungen. 18
Literaturverzeichnis. 19
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I. Einleitung
Die philosophische Dissertation von Otto Weininger mit dem Titel Geschlecht und Charakter wurde im wissenschaftlichen Diskurs hauptsächlich inhaltlich betrachtet, das heißt, den misogynen und antisemitischen Charakter des Werkes herausgestellt. Die Abhandlung ist aber aus einem anderen Gesichtspunkt nicht weniger interessant: die Frage nach den Darstellungsverfahren des Inhalts. Denn Weiningers Buch ist zwar formell eine wissenschaftliche Arbeit, argumentativ kann man es jedoch der Weltanschauungsliteratur zuordnen - nach Horst Thomé ein Texttyp, der sich für die Vermittlung von Weltanschauungen bestimmter Strategien bedient. 1
In dieser Arbeit soll Geschlecht und Charakter daraufhin untersucht werden, welche Schreibverfahren den Text als Weltanschauung konstituieren. Aufgrund der Komplexität und der Perspektivenvielfalt der Weltanschauungsliteratur im Allgemeinen und von Geschlecht und Charakter im Besonderen ist die Analyse durch eine klare Struktur mit Schwierigkeiten verbunden. Folgende Merkmale, die Weiningers Text als Weltanschauungstext interessant machen, erscheinen mir jedoch für eine Analyse sinnvoll: Aufbau, partielle Wissenschaftlichkeit, Vermischung der Diskurse, pseudowissenschaftliche Beweisführung und Fiktionalität.
Da die Weltanschauungsliteratur besonders zu Beginn des 20. Jahrhunderts Konjunktur hatte, möchte ich eine Betrachtung des Texttyps im Kontext der Moderne voranstellen. Da Weiningers misogyne Thesen zur Jahrhundertwende keineswegs als abstrus galten, sondern Teil eines wissenschaftlichen Diskurses über weibliche Sexualität und über die gesellschaftliche Stellung der Frau darstellten 23 , werde ich zusätzlich die kulturellen und sozialen Vorraussetzungen für die frauenfeindliche Ansichten erläutern und Geschlecht und Charakter im Kontext anderer kulturtheoretischer Abhandlungen untersuchen.
1 Vgl. Thomé, Horst: Weltanschauungsliteratur. In: Danneberg, Lutz und Friedrich Vollhart (Hrsg.): Wissen in Literatur im 19. Jahrhundert. Tübingen 2002. 338-380.
2 Vgl. Beßlich, Barbara: „Mütter im Visier. >Versehen< und >Telegonie< in Otto Weiningers Geschlecht und Charakter - mit einem Seitenblick auf Weiningers Anleihen bei Goethe, Ibsen und Zola“. In: KulturPoetik 4 (1). 2004. S. 19-36. Hier S. 20.
3 Dass sein Werk im wissenschaftlichen Diskurs ernst genommen wurde, zeigen die Plagiatsvorwürfe von Möbius und Fließ, einem Freund Sigmund Freuds. Zwar kritisierten diese Weininger auf polemische Art, doch galt seine Abhandlung damit auch als überhaupt kritik- und diskussionswürdig. (Vgl. dazu Le Rider, Jacques: Der Fall Otto Weininger. Wurzeln des Antifeminismus und Antisemitismus. (Weininger und die Plagiatsaffäre - Moebius, Fliess, Freud und andere.) Wien und München 1985. S. 78-101.
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II. Weltanschauung und Weltanschauungsliteratur im Kontext der Moderne
Besonders ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis ins 20. Jahrhundert hinein entstanden in großer Anzahl weltanschauliche Texte. Obwohl sich viele Texte zwar durch einen sehr individuellen, subjektiven Charakter auszeichnen, transportieren sie dennoch kollektive gesellschaftliche Ideen ihrer Zeit. Daher muss Weltanschauungsliteratur im Kontext von gesellschaftlichen Strukturen und deren Veränderungen, die im späten 19. Jahrhunderts den Beginn der Moderne markierten, betrachtet werden. Dabei stehen verschiedene Phänomene alle im Zusammenspiel miteinander. So konnten die Errungenschaften in den Naturwissenschaften Fragen aus den Bereichen Kosmologie, Biologie, Anthropologie und Psychologie beantworten, die Religion und Philosophie bis dahin nicht lösen konnten. Eine wissenschaftliche Betrachtung von Religion hat diese dadurch letztendlich unmöglich gemacht. Horst Thomé konstatiert dabei allerdings, „daß nicht einfach die Naturwissenschaften die Welterklärungs- und Sinnstiftungskompetenz des Christentums übernehmen, sondern diese Rolle wieder einem >Glauben< zufällt, der den Wissenschaften erst noch aufhelfen muss und mit ihnen wohl kompatibel , aber nicht identisch ist“ 4 . Wissenschaft musste damit also den Charakter von Philosophie einnehmen, um der Voraussetzung von Glauben gerecht zu werden. Gleichzeitig wurde aber auch wiederum Philosophie zur Wissenschaft. Denn durch den enormen Stellenwert von Naturwissenschaften sollten alle Aspekte der Welt empirisch erklärt werden. Dadurch wurde versucht, selbst metaphysische Fragen empirisch zu erklären. Empirische Beweise sollten auch in der Geschichte gefunden werden. Dinge, die geschichtlich empirisch nachzuweisen waren, wurden als allgemeingültig angesehen und in Analogie auf andere Dinge übertragen. 5 Mit dem Wegfall einer gottgegebenen Objektivität und dem Anzweifeln von Allgemeingültigkeiten von Normen und Werten wurde dem einzelnen Individuum mehr Bedeutung zugesprochen, sodass auch subjektive Denkweisen eine größere Bedeutung annahmen. Die Subjektivierung von Werten markiert dabei die Voraussetzung für das gleichzeitige Bestehen mehrerer Weltanschauungen. Entscheidend ist auch, dass die unterschiedlichen Weltanschauungen in Konkurrenz zueinander stehen können. Auch Horst Thomé bekräftigt, dass die Moderne also von einer Vielzahl von Erkenntnissen gekennzeichnet ist, die zum einen miteinander konkurrieren und sich gegenseitig ausschließen und zum anderen auch in Konkurrenz zu traditionellen und besonders bürgerlichen Normen
4 Thomé, Horst: S. 346.
5 Vgl. Ebd. S. 345-347.
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und Werten des 19. Jahrhunderts stehen. 6 Die Vervielfältigung der Ideen schlägt sich auch im Pluralismus der Disziplinen nieder. Weltanschauungsliteratur bedient sich Ideen aus den unterschiedlichsten Wissensbereichen, die mitunter innerhalb eines Textes herangezogen werden. Dies resultiert aus einer Kritik an der fortschreitenden Spezialisierung der Wissenschaften. Autoren wie Haeckel kritisierten, dass gerade durch die Spezialisierung eine allumfassende Betrachtung der Welt zerstört wurde. In den Natur- sowie Geisteswissenschaften wurde daher gefordert und in den einschlägigen Texten versucht, die Erkenntnisse der einzelnen Fachrichtungen zu einer Einheitswissenschaft zu verbinden und zu harmonisieren. 7 So profitiert auch Weininger einerseits von der Verschiedenheit von Disziplinen wie Biologie, Physiologie, Psychologie, Kantischer Philosophie und christlicher Mystik, die er aber in seiner Arbeit dann versucht zu synthetisieren. 8 worauf in Kapitel IV dieser Arbeit eingegangen wird. Die Vermischung der Diskurse ist für ihn so entscheidend, da er die Frage der Geschlechter für alle Bereiche des Lebens bedeutsam sieht. Nur durch eine Weltanschauung kann das Problem gelöst werden: „Aber das Problem ist eines, das mit allen tiefsten Rätseln des Daseins im Zusammenhange steht. Nur unter der sicheren Führung einer Weltanschauung kann es, praktisch und theoretisch, moralisch oder metaphysisch aufgelöst, werden“ (GC VIII).
Im Kontext von Pluralisierung und Subjektivierung ist das Entstehen von Weltanschauungstexten nicht nur erst möglich geworden, sondern sogar notwendig geworden. Die Weltanschauung soll die kulturelle Zerrissenheit überwinden und wieder eine geistige Einheit herstellen. Sie geht aber noch weiter, indem sie als ethische Handlungsanweisung in einer pluralistischen Gesellschaft fungiert, deren Mitglieder durch die Grenzenlosigkeit der Ideen den Halt zu verlieren scheinen. Die Weltanschauung stellt sich also als ordnungsschaffendes Instrument in einer Gesellschaft dar, in der alles möglich zu sein scheint und es darum keine Gewissheit an Stabilität gibt. Sie nimmt damit eine paradoxe Stellung ein: sie ist nicht nur Ausdruck von Modernisierung, sondern auch Kompensation verlorener sozialer Direktiven.
Dies trifft auch auf Otto Weininger zu. Barbara Beßlich sieht in seinem Werk den Versuch, die Spannungen in der Wiener Moderne auszugleichen:
6 Vgl. Ebd. S. 344-345, 349.
7 Vgl. Kaufmann, Kai: „Naturwissenschaft und Weltanschauung um 1900. Essayistische Diskursformen in den populärwissenschaftlichen Schriften Ernst Haeckels“. In: Zeitschrift für Germanistik (1). 2005. Berlin u.a. S. 61-75. Hier S. 68.
8 Vgl. Kavka, Misha: „The ’Alluring Abyss of Nothingness’: Misogyny and (Male) Hysteria in Otto Weininger“. In: New German Critique 66. 1995. S. 123-145. Hier S. 124.
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Die Unsicherheit angesichts einer um Etablierung bemühten Frauenbewegung und der Antisemitismus eines im katholischen Österreich zum Protestantismus konvertierten Juden kulminieren bei Weininger in einem manifesten Ordnungswillen gegen die als chaotisch empfundene Moderne. Mit großer systematisierender Kraftanstrengung versucht Weininger, das irrationale Feld der Sexualität rational handhabbar zu machen und zu verwissenschaftlichen. 9
Mit Hilfe von Rationalität, die Weininger in den Naturwissenschaften sucht, bemüht er sich also, gleichzeitig seine eigene innere Zerrissenheit und diejenige, die er in seiner Welt des Fin de Siècle spürt, zu überwinden.
III. Geschlecht und Charakter im kulturtheoretischen Diskurs um 1900
Aufgrund der vielen gesellschaftlichen Veränderungen des späten 19. Jahrhunderts im wirtschaftspolitischen, naturwissenschaftlichen und philosophischen Bereich entstand eine männliche Identitäts- und Autoritätskrise. Die Hinterfragung des vorhandenen Werte- und Normensystems, beispielsweise durch Säkularisierung und die Bedeutung entdeckter Naturgesetze, schaffte für die Gesellschaft im Allgemeinen und für den Mann, der bis dahin als unerschütterlich galt, im Besonderen eine große Unsicherheit. Die Frauenrechtlerin Helene Stöcker beschrieb 1897 in ihrem Aufsatz Unsere Umwertung der Werte die gesellschaftlichen Veränderungen folgendermaßen: „Damit, daß ‚Gott’, die ‚absolute Wahrheit’, das Absolute überhaupt fiel: damit fiel auch die absolute Überlegenheit des Mannes.“ 10 In besonderem Maße war die Angst um den Verlust eines traditionellen Verständnis von Männlichkeit in intellektuellen Kreisen zu finden. Man fürchtete sich jedoch nicht nur vor einem Autoritätsverlust des Mannes, sondern vor einer damit eingehenden Apokalypse der ganzen Gesellschaft. 11 Man imaginierte, dass die Gesellschaft dekadent und verweiblicht werden würde: „Worst of all was the concomitant fear of emasculation and loss of secure male identity in the presence of the ‚New Woman’.“ 12 Einerseits hatte dieser männliche Autoritätsverlust für Frauen eine Befreiung aus der starren, patriarchalischen Einengung und ein aufkommendes Selbstbewusstsein zu
9 Beßlich, Barbara. S. 22.
10 Stöcker, Helene: Unsere Umwertung der Werte (1897). In: dies.: Die Liebe und die Frauen. Minden 1906. S. 6-18, hier S. 15. Zitiert nach: Dehning, Sonja: Tanz der Feder. Künstlerische Produktivität in Romanen von Autorinnen um 1900. Würzburg 2000. S. 30.
11 Sengoopta, Chandak: Otto Weininger. Sex, Science, and Self in Imperial Vienna. Chicago und London 2000. S. 29.
12 Andersen, Susan C.: „Otto Weininger’s masculine utopia“. German Studies Review 19 (3). 1996. S. 433-453. Hier S. 437.
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Arbeit zitieren:
Daniela Wack, 2005, Otto Weiningers 'Geschlecht und Charakter' als Weltanschauungsliteratur, München, GRIN Verlag GmbH
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DOI
"Die Leiden des jungen Werther": Werthers Selbstmord
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 17 Seiten
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