Inhalt
S. 1
1. Einleitung
S. 2
2. Analyse
S. 2
2.1 Einordnung der Passage
S. 3
2.2 Die Dampframme als Motiv der Gewalt
2.3 Die Weltstädte des Altertums als Motiv der
S. 4
Verg änglichkeit
2.4 Die Menschenmassen als Motiv der
S. 5
Entindividualisierung
S. 8
2.5 Erzählen im Kinostil
S. 11
3. Fazit
Bibliographie
2
1. Einleitung
Seit dem Entstehen der modernen Großstadt, sehen sich Autoren in Auseinandersetzung mit dieser, Schwierigkeiten einer literarischen Bewältigung gegenüber. Davon ausgehend, dass Großstadtliteratur mehr ist, als das bloße Abhandeln einer beliebigen Geschichte vor einer urbanen Kulisse, nämlich dass sie die Stadt selbst zu ihrem Thema macht - mehr noch, sich einer umfassenden Darstellung des Phänomens Großstadt anzunähern versucht, gilt es Kriterien für die Beurteilung von Werken, die in diesen Kontext gestellt werden, zu finden. In diesem Zusammenhang werde ich mich mit der Frage beschäftigen, auf welche Weise die Realität der modernen Großstadt in Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz 1 dargestellt wird.
Dies soll in relativ begrenztem Rahmen geschehen. Da die diversen Ebenen, auf denen die Stadt Berlin in Döblins Roman erzählerisch entsteht, im Rahmen einer Hausarbeit nicht erschöpfend zu behandeln sind, begrenze ich den Gegenstand meiner Analyse auf die Stadtpartie zu Beginn des 5. Buches des Alexanderplatz. Diese bietet sich aufgrund ihres Settings, der Fokussierung auf den im Umbau befindlichen Alexanderplatz als eine repräsentative Passage für das gewählte Thema an, auch wenn sie zentrale Aspekte des Buches, wie die Biberkopf-Geschichte, weitgehend unberührt lässt.
Einer kurzen Einordnung der Passage ins Werk folgt eine Betrachtung verschiedener großstädtischer Diskurse, die während der Passage verhandelt werden. Das Thema der Gewalt wird anhand des Motivs der Dampframme, die Vergänglichkeit anhand der untergegangenen Weltstädte der Antike und die Entindividualisierung am Verkehrsstrom der anonymen Massen erläutert. Schließlich betrachte ich zum Ende der Analyse die Erzählsituation.
Was die bereits publizierte Forschung zum Alexanderplatz in Hinblick auf die Konstitution von Großstadtliteratur angeht, so taucht die
1 Zitiert wird Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz nach der Taschenbuchausgabe, München 2003; im Folgenden auch als BA abgekürzt.
3
‚Dampframmen-Passage’ dort des Öfteren auf, dominierender Gegenstand einer Arbeit ist sie nach meinen Erkenntnissen nirgends.
2. Analyse
2.1 Einordnung der Passage
Die Passage bildet den ersten und größeren Teil des ersten Kapitels des 5. Buches des Alexanderplatz, „Wiedersehn auf dem Alex, Hundekälte. Nächstes Jahr, 1929, wird’s noch kälter“ (BA, S. 165). Längere Stadtpassagen die sich um den Alexanderplatz bewegen, finden sich jeweils am Anfang des 4., 5. und 7. Buches. Sie zeigen den im Bau befindlichen Platz - mal mehr durch Reportagen des Erzählers, mal mehr durch einmontierte Dokumente bestimmt.
Die Einordnung der ‚Dampframmen-Passage’ nehme ich im Rahmen der Biberkopf-Geschichte vor, die - wenn sie auch keinen expliziten Bezug dazu hat - mir die einzige formal nachvollziehbare Orientierungslinie innerhalb des Buches zu sein scheint.
Die Stadtpartie setzt ein, nachdem Biberkopf sich vom ersten Schlag getroffen - sein Kompagnon Lüders hat ihn hintergangen - nach einigen Wochen der Apathie, langsam wieder aufrafft und nach einer Zurückweisung durch Minnas Mann Karl, sich und dem Tod, der sich hier das erste Mal direkt an Biberkopf wendet, seine eigene Stärke schwört. Nach der Stadtpartie steht er vorerst erholt auf dem Alexanderplatz: „Er ist völlig auf dem Damm, 1,80 groß, sein Gewicht ist runter, aber es trägt sich leichter“ (BA, S. 169). Er handelt den „Völkischen Beobachter“ und erklärt einem „dürre[n] ältere[n] Mann“ (BA, S. 170) großspurig was es zu einem erfolgreichen Zeitungsverkäufer braucht.
Im weiteren Verlauf wird Biberkopf in Kontakt zu Reinhold und der Pums-Bande kommen was den zweiten Schlag nach sich ziehen wird.
4
2.2 Die Dampframme als Motiv der Gewalt
„Rumm rumm wuchtet vor Aschinger auf dem Alex die Dampframme“ (BA, S. 165). Sie beherrscht unüberhörbar die Szenerie. „[E]in Stock hoch, und die Schienen haut sie wie nichts in den Boden“ (BA, S. 165). Ein geradezu endzeitliches Monstrum von einer Maschine das sich vor dem inneren Auge des Lesers aufbaut und dessen Dröhnen und Lärmen, das die „Grundmelodie der ganzen Sequenzfolge bildet“ 2 , ihm vom Erzähler lautmalerisch erlebbar gemacht wird.
Fasziniert bleiben viele Menschen auf dem Alexanderplatz stehen und beobachten, wie die Dampframme Schlag um Schlag Eisenstangen für das Gleisbett der U-Bahn in den Boden rammt. Doch sie ist in diesem Zusammenhang nicht nur sinnlich erfahrbares Objekt moderner Technikbegeisterung, sondern vermag auch „dem ganzen Platz eine Eigendynamik zu geben“ 3 , die mit den ständig wiederkehrenden Variationen des ‚schlagenden’ Wortspiels aus der Zigarren-Werbung von Loeser und Wolff korrespondiert:
Geschmacksrichtungen,
Spezialleistung in dieser Preislage, in Kisten zu hundert Stück, 10 Pfennig. Ich schlage alles, du schlägst alles, er schlägt alles mit Kisten zu 50 Stück und Kartonpackung zu 10 Stück, Versand nach allen Ländern der Erde, [...] ich schlage alles, du schlägst lang hin. [...] Rumm rumm ratscht die Ramme nieder, ich schlage alles, noch eine Schiene (BA, S. 166 ff.).
„Die Stadterzählung wird hier zusammengehalten durch eine Art Grammatik der Gewalt“. 4 Es sind keine behutsamen Sanierungsarbeiten die da vonstatten gehen, es gilt eine Großstadt entsprechend der sich rasant entwickelnden Erfordernisse der modernen Welt aufzurüsten. Die derart erzählerisch aufbereitete Allgegenwart der Gewalt, sieht Otto Keller als ein Paradebeispiel „zur Demonstration der neuen Möglichkeiten einer gestischen Schreibweise“ 5 . Den bestimmenden Gestus, der hier durch die
2 Otto Keller: Döblins „Berlin Alexanderplatz“: die Grossstadt im Spiegel ihrer Diskurse, Bern 1990, S. 60.
3 Ebd.
4 Klaus R. Scherpe: Von der erzählten Stadt zur Stadterzählung. Der Großstadtdiskurs in Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“, in: Diskurstheorien und Literaturwissenschaft, hrsg. von Jürgen Fohrmann und Harro Müller, Frankfurt/M 1988, S. 430.
5 Keller: Alexanderplatz, S. 60.
5
Arbeit zitieren:
Thomas Dierkes, 2004, Berlin in der Totalen - Untersuchung der 'Dampframmen-Passage' in Hinblick auf deren Mittel zur Darstellung der modernen Großstadt in "Berlin Alexanderplatz", München, GRIN Verlag GmbH
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