2
Inhalt Seite
1 Einführung 3
2 Illusionsbildung und Desillusionierung 3
2.1 Les deux poètes / Provinz 3
2.2 Un grand homme de province à Paris / Paris 4
2.3 Les souffrances de l’inventeur / Provinz 8
3 Ursachen und Hintergründe der Illusionsbildung und Desillusionierung 10
3.1 Ursachen in der Person Luciens. 10
3.2 Ursachen außerhalb der Person Luciens 13
4 Illusions perdues - ein Bildungsroman? 16
4.1 Der Bildungsroman 16
4.2 Anwendung auf Illusions perdues 17
5 Résumé 18
6 Bibliographie 18
3
1 Einführung
Diese Hausarbeit widmet sich insbesondere der Frage nach der Bedeutung, die dem Titel in seiner Funktion als Paratext in Balzacs Roman Illusions perdues zukommt. Zunächst werde ich diesbezüglich veranschaulichen, um welche Illusionen bzw. verlorenen Illusionen es sich handelt und wie sich Illusionsbildung und Desillusionierung im Verlauf des Romans vollziehen. Diese Analyse wird hauptsächlich anhand des Protagonisten Lucien Chardon entwickelt. Im Anschluss daran werde ich näher auf die tieferen Ursachen und Hintergründe, die dieser Entwicklung zugrunde liegen, eingehen. Im dritten Teil der Arbeit soll die Frage nach der psychischen und moralischen Entwicklung des Protagonisten erläutert werden. Sind Auswirkungen der illusions perdues hinsichtlich einer „Education“ vorhanden und kann der Titel somit als Verweis auf die Tradition des Bildungsromans verstanden werden?
2 Illusionsbildung und Desillusionierung
Im folgenden sollen nun Illusionsbildung und Desillusionierung Luciens erläutert werden. Ich greife hierzu die Gliederung in drei Teile, die auch der Roman aufweist, auf, da diese mit den unterschiedlichen Chronotopoi übereinstimmt.
2.1 Les deux poètes / Provinz
Die Illusionen des Protagonisten werden im ersten Teil insbesondere in zwei Bereichen entwickelt. Die erste große Illusionsbildung findet im emotionalen Bereich in bezug auf seine Liebe und Beziehung zu Louise de Bargeton statt, die andere bezieht sich auf das berufliche oder künstlerische Feld, das heißt konkret auf Luciens Vorstellungen hinsichtlich seiner Zukunft als Dichter.
Die Beziehung, die sich zwischen Lucien und Louise entwickelt, ist geprägt von einer starken Idealisierung. Trotz der Beschreibung Louises als welk und wächsern ist Lucien in seiner Naivität von ihr hingerissen und findet alles, was sie sagt oder tut wundervoll. Er glaubt trotz der realistischeren Sichtweise, die ihm Eve und David in dieser Hinsicht eröffnen, an die Möglichkeit einer dauerhaften Beziehung an Louises Seite. Diese kindliche, naive Art der Liebe, die Lucien Louise entgegenbringt, führt jedoch bald zu einer ersten Desillusionierung. Lucien merkt, dass Louise ihm nicht dasselbe Maß an Zuneigung offeriert, wie es umgekehrt der Fall ist. Als Lucien den Liebesbeweis von Mme de Bargeton einfordert, verhält diese sich diplomatisch und weicht ihm aus, indem sie trotzdem den Erhalt der Illusionen sichert. Lucien lässt sich dennoch schnell wieder zu Träumereien hinreißen, als die Sprache auf Paris kommt. Er stellt
4
sich ein gemeinsames Leben im Stil einer Ehe im Glanz von Paris vor. Auch die Heirat seiner Schwester Eve mit seinem besten Freund David hält ihn von einer Abreise nicht zurück.
Die zweite große Illusionsbildung dreht sich, wie bereits erwähnt, um Luciens berufliche Zukunft. Schon während der Schulzeit ergeht er sich in Träumen von literarischem Ruhm, ohne einen konkreten Anlass dazu oder bestimmte Vorstellungen davon zu haben. Auch von seiner Familie, deren Hoffnungsträger er ist, wird er beständig in seinen Ambitionen bestärkt und auch die Bewunderung, die sein Freund David ihm entgegenbringt, trägt zur Aufrechterhaltung dieser bei. Als Lucien nun auf die gebildete Louise trifft, in der er erstmalig einen objektiven Bewunderer seiner Kunst sieht, spornt dies seinen Ehrgeiz an. Die Voraussagungen einer glänzenden Zukunft und großen Ruhmes durch Louise, scheinen ihm zum Greifen nahe, als ihm die Möglichkeit geboten wird, vor der oberen Gesellschaft des Angoulême Gedichte zu lesen. Dass ihm dort Spott und Verachtung entgegenschlagen, bremst den Protagonisten nicht und führt zu keiner Einsicht, sondern löst in ihm ganz im Gegenteil eine Trotzreaktion und eine Steigerung des Ehrgeizes aus. Geschürt wird dies durch neidische Blicke aus dem Bürgertum und durch umso größere Schmeicheleien seitens Louise, die so versucht, die Ignoranz des Publikums zu kompensieren. Luciens Illusionen tragen ihn soweit, sich Lucien de Rubempré zu nennen, was der Name seiner Mutter ist, und sich durch regelmäßiges Verkehren bei Mme de Bargeton und im Bischofspalast als Mitglied der Oberschicht zu sehen. Er hört bereits den Widerhall seines Namens als großer Ro-manautor und sieht schon das viele Geld, das er verdienen wird, vor sich, weshalb er auch keine Hemmungen hat, all das Geld anzunehmen, das seine Mutter, Eve und David in harter Arbeit verdienen und sich vom Mund absparen. Er hält dies für legitim, da er den festen Glauben hat, diese Situation bald mit umgekehrten Rollen wiederzufinden.
Paris ist für Lucien ein Ort, an dem die Poesie eine große Wertschätzung erfährt, was in der Provinz keineswegs gegeben ist. Man empfindet - seinen Vorstellungen zufolge - dort keine Gleichgültigkeit gegenüber der Literatur und andere berühmte Schriftsteller werden ihm dort herzlich und mit Bewunderung für sein Talent begegnen. Kurz, Paris stellt für Lucien das Eldorado des Schriftstellers und somit die Verwirklichung seiner Träume dar. Dieser Illusion wird er jedoch bald eines besseren belehrt.
2.2 Un grand homme de province à Paris / Paris
Auch im zweiten Teil kann die Unterteilung in die Bereiche des Privaten und Emotionalen versus dem Künstlerischen, Beruflichen aufrechterhalten werden. Wie zu erwarten war, führen die hochgegriffenen Illusionen Luciens hier bald unaufhaltsam zu einer Reihe von Desillusionen.
5
Im privaten Bereich vollzieht sich zunächst eine Wandlung in der Beziehung zu Louise de Bargeton. Nachdem Lucien diese in der Provinz unendlich bewunderte, wirkt sie nun im Vergleich mit den Pariser Damen auf ihn altmodisch, geschmack- und farblos. « Lucien, honteux d’avoir aimé cet os de seiche, se promit de profiter du premier accès de vertu de sa Louise pour la quitter. » (Balzac 1993 : 149). Louise wiederum schämt sich für Luciens Ungeschicktheit und Unerfahrenheit, die sich in seinem ganzen Auftreten widerspiegeln. Sie fragt sich, was sie jemals an einem solchen Tölpel finden konnte. « Malgré son étrange beauté, le pauvre poète n’avait point de tournure. […] Madame de Bargeton lui trouvait un air piteux. » (Balzac 1993 : 142). Die Liebe schwindet also auf beiden Seiten und es vollzieht sich eine wechselseitige Desillusionierung. Auch seine eigene Person betreffend muss sich Lucien der Realität stellen. Beim Spaziergang vergleicht er sich mit den Jünglingen aus Paris und stellt fest, dass seine besten Kleider aus der Provinz hier schäbig und lächerlich wirken. Seine ganze Erscheinung scheint fehl am Platz. « Plus il admirait ces jeunes gens à l’air heureux et dégagé, plus il avait conscience de son air étrange, l’air d’un homme qui ignore où aboutit le chemin qu’il suit […]. » (Balzac 1993 : 146) Als er sich in der Reaktion auf diese Desillusionierung bei einem Schneider neu einkleidet, folgt die nächste auf dem Fuße. Die Finanzlage in Paris gestaltet sich keineswegs wie erwartet und bereits nach wenigen Tagen hat Lucien Unsummen für Nahrung und Kleidung ausgegeben. Das Geld, das für ein Jahr gedacht war, ist bereits nach wenigen Monaten verbraucht. Mit dem Aufbau neuer Beziehungen zu seinen Mitmenschen geht bei Lucien der Aufbau neuer Illusionen einher. Die Freundschaften die er zu Daniel d’Arthez und zu Etienne Lousteau knüpft, empfindet der Protagonist als gleichwertig. Er sieht keinen Unterschied zwischen der aufopfernden, selbstlosen Zuneigung d’Arthez´ und der durchtriebenen, von Eigennutz geleiteten Kameradschaft Lousteaus. Lucien liefert somit einen von vielen Beweisen für seine Naivität gegenüber anderen Menschen. Auch die Beziehung zu Coralie ist ein Gebilde der Illusion, denn sie gründet sich - zunächst - seitens Luciens keineswegs auf Gefühle der Zuneigung. Ganz im Gegenteil empfindet er anfangs sogar einen gewissen Widerwillen, als er sieht, wie sich Coralie an Camusot „verkauft“ und er dies mit seiner reinen Liebe zu Louise vergleicht. Trotzdem wird die Schauspielerin bald seine Geliebte, da sich Lucien durch Lousteau, der seine Bedenken zerstreut, durch Schmeicheleien, die seiner Eitelkeit zugute kommen und nicht zuletzt durch die Aussicht auf ein bequemes Leben, das durch das Geld Camusots ermöglicht wird, von der Beziehung überzeugen lässt. Als ihm die Bewunderung Coralies zugetragen wird, reagiert der Protagonist wie folgt. « Bah?... pauvre fille! dit Lucien dont toutes les vanités furent caressées par ces paroles et qui se sentit le cœur gonflé d’amour-propre. » (Balzac 1993 : 254) Auch Coralie unterstützt also Lu- ciens Eigenliebe und seine Illusionen. Er von ihr genauso verwöhnt wie von seiner Fa-
Arbeit zitieren:
Corinna Truger, 2003, Die thematische Relevanz des Titels in Balzacs "Illusions perdues", München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Der Erzähler und dessen Autoreflexion in Balzacs "Père Goriot&quo...
Romanistik - Französisch - Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 24 Seiten
Der Begriff der Négritude in Aimé Césaires Cahier d'un retour au p...
Romanistik - Französisch - Sonstiges
Hausarbeit (Hauptseminar), 20 Seiten
Ritterinnen in der italienischen Renaissanceliteratur. Ariostos Bradam...
Germanistik - Komparatistik, Vergleichende Literaturwissenschaft
Hausarbeit (Hauptseminar), 25 Seiten
Corinna Truger hat den Text Die thematische Relevanz des Titels in Balzacs "Illusions perdues" veröffentlicht
Corinna Truger hat einen neuen Text hochgeladen
Zeugnisse und Aufsätze von Vic...
Honore de Balzac, Claudia Schmölders
Dostoevsky and Romantic Realism: A Study of Dostoevsky in Relation to ...
Donald Fanger, Caryl Emerson
0 Kommentare