Lamaismus ist eine nicht unbedingt angemessene, aber weit verbreitete Bezeichnung für die tibetische Form des Buddhismus, auch Vajrayana - “Diamant-Fahrzeug” - oder linkshändiger tantrischer Buddhismus genannt. Jeder dieser Begriffe betont andere Aspekte dieser einst aus Indien kommenden, in Tibet weiter entwickelten und verfeinerten buddhistischen Tradition. Sind zum einen die Tantras, die esoterischen Geheimlehren inhaltlich von zentraler Bedeutung, was die Verwendung des Begriffes Tantrayana nahelegt, so ist gesellschaftlich und innerhalb der monastischen Tradition der Lama - “Lehrer” oder Guru - von überragender Bedeutung, weshalb sich der Begriff Lamaismus eingebürgert hat.
Bei dieser vom Dach der Welt geprägten Form des Buddhismus wird vor allem an Tibet gedacht, und auch in wissenschaftlichen Abhandlungen wird der Lamaismus oder tantrische Buddhismus eher in Gegensatz zur “chinesischen Form des Buddhismus” gestellt. Die Zerstörungen und Prozesse der Kulturrevolution haben zudem bei vielen den Eindruck erweckt, China habe traditionell kein Verhältnis zum tibetischen Buddhismus oder Tantrismus. Einmal davon abgesehen, dass solches Denken den Vorgängen in der Kulturrevolution in Tibet zu Unrecht jegliche Ursachen in der tibetischen Gesellschaft selbst abspricht, verkennt man so auch, welche Verbreitung der tibetische Buddhismus in China nahm und auf welcher Grundlage dies geschah. Zu oft wird bagatellisiert, zu welcher Bedeutung der Lamaismus auch in China gelangt war, angefangen von der mongolischen Yuan-Dynastie über die Ming bis hin zur Förderung durch die Qing.
Der tantrische Buddhismus war allerdings in eigenen chinesischen Formen auch ohne Zutun tibetischer Lamas in China zur Blüte gelangt. Er hatte in der Tang-Zeit in China Fuß gefasst, gegen Anfang des 8.Jh., also zu einer Zeit, als der Buddhismus in Tibet gerade einmal ein halbes Jahrhundert darum kämpfte, zur weltanschaulichen Vorherrschaft zu gelangen. Der Tantrismus ist das Resultat der Übernahme archetypischer Anschauungen in die literarische Tradition und ihrer Vermischung mit der buddhistischen Philosophie. 1 Tantra (Tib. rgyud) könnte man hier als eine Tradition der buddhistischen Praxis bezeichnen, die sich auf eine
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bestimmte Offenbarung stützt, die zumeist in einem ‘Wurzel-Text’ (tantra) niedergelegt wurde. Ihr Ziel ist es, durch die Beschwörung bestimmter, Sambhogakaya genannter Gottheiten die Erfahrung, oder besser den Daseinszustand, zu bewirken, der im Erfolgsfall durch die Beschwörung hervorgebracht wird. 2 Die Buddhisten unterscheiden das links- vom rechtshändigen Tantra, die die Bedeutung des Sexuellen unterschiedlich bewerten.
Der tantrische Buddhismus, dessen esoterische Praktiken bis ins 1.Jh. n.Chr. zurückverfolgt werden können, aber erst im späten 7., frühen 8.Jh. systematisch ausreifte, 3 war somit früh in China vertreten. Kaiser Xuanzong förderte diese neu buddhistische Tradition umgehend, was wohl nicht zuletzt an der Nähe des esoterischen Buddhismus (chin. mizong) zur Ritualistik des Daoismus seiner Zeit lag. 4 Drei indische Meister wirkten vor allem: Shubhakarasimha (637-735, chin. Shanwuwei), der das Basissutra der Schule übersetzte, Vajrabodhi (663-723, chin. Jingangshi), und Amoghavajra (705-774, chin. Bukung), der die dazugehörigen magischen Formeln, mantras, übermittelte. 5 Deren Rezitation ist, wie das Verwenden von Mudras, Mandalas und Einweihungszeremonien, eines der wichtigen Elemente im tantrischen Buddhismus. Ähnlich wie Milarepa in Tibet drei Jahrhunderte später hatte der indische Meister Shubhakarasimha seine magischen Fähigkeiten in einem Wettstreit mit einem chinesischen Zaubermeister zu beweisen. 6
Von Anbeginn waren die esoterischen Meister für die Herrschenden von Bedeutung, die sie an sich banden. 7 Dies wurde unterstützt durch die Vorstellungen eines cakravartin, eines Weltenherrschers, in der esoterischen Ideologie und dessen kosmokratischer Umwandlungskraft - Vorstellungen, die letztlich, nach jahrhundertelanger buddhistischer Herausforderung, das klassische konfuzianische Weltbild eher stützten als störten. 8 Ein roter Faden, der sich durch alle Schriften Amoghavajras zieht, ist die gegenseitige Abhängigkeit vom Erlangen der Erleuchtung und dem Schutz des Staates, weshalb alle esoterischen Rituale scheinbar dazu dienten beide Ziele zu fördern. 9 Kein Wunder, dass später auch die Kaiser der
1 Conze 1986, S.168f.
2 Samuel 1993, S.19
3 Weinstein 1987, S.168, Anm.25
4 Weinstein 1987, S.54.
5 Lexikon 1986, S. 244
6 Weinstein 1987, S.55
7 Orzech 1998, S.138
8 Orzech 1998, S.143; vgl. auch S.206.
9 Orzech 1998, S.175
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Yuan, Ming und Qing allesamt den tantrischen Buddhismus, nun halt in seiner Form als Lamaismus, förderten und stützten.
Zu den wichtigen Elemente im tantrischen Buddhismus gehören Einweihungszeremonien. Amoghavajra hatte bereits um 741 die erste esoterische Massenordination in China überwacht, 10 die vielleicht ähnlicher Natur war wie die heute gängigen Kalacakra-Initiationen, die der Dalai Lama in rascher Folge - wie niemals zuvor in der tantrisch-buddhistischen Geschichte - abhält. Von den gleichfalls enorm bedeutsamen Mantras sind am berühmtesten die “Gebetsformeln” des Bodhisattvas Avalokiteshvara (Guanyin) in Tibet, om mani padme hum, und des Buddhas Amitabha in China, den man mit der Hoffnung auf Wiedergeburt in dessen Paradies Sukhavati mit seinem Mantra Nanwu Amituofo anruft. Diese religiöse Tradition wurde von China nach Japan (Shingon) und Korea 11 weitervermittelt.
Wie im Lamaismus wurden auch im chinesischen tantrischen Buddhismus, dem mizong oder mijiao, die esoterischen Lehren nur mündlich von Meister zu Schüler weitergegeben. Mit dem Tode von Amoghavajra hatte die Schule zwar, in Ermangelung weiterer aus Indien gekommerner Lehrer, vorübergehend an Bedeutung verloren. Tatsächlich aber war Amoghavajra im 8.Jh. - nach Einschätzung des Buddhologen Charles Orzech 12 - der “mächtigste Kleriker in der Geschichte Chinas” geworden und setzte so neue religiöspolitische Maßstäbe für den esoterischen Buddhismus. Mitte des 8.Jh. bis Mitte des 9.Jh. hatte sich dieser zu einem kohärenten Gedankensystem und einer Praxis entwickelt, die an chinesische Gegebenheiten angepasst waren.
Im späten 9.Jh. erhielt der esoterische Buddhismus Chinas neue Impulse durch eine zweite Welle indischer Missionare und Übersetzer. Mizong und Vajrayana - also rechts- und linkshändiger Tantrismus 13 - begannen sich im Reich der Mitte zu vermischen, 14 während sich auch das tantrisch-buddhistische System Tibets auszuformen begann. Die ganze Nördliche Song-Zeit (960-1127) hindurch soll mehr Energie, Menschenkraft und Geld für den Tempel-und Klosterbau aufgewendet worden sein als dafür, das Reich gegen die Kitan und die
10 Weinstein 1987, S.57. Nach seiner Rückkehr aus Sri Lanka, von wo er 741 aufgebrochen war, um tantrische Texte nach China zu holen, errichtete Amoghavajra einen Altar für tantrische Riten im Kaiserpalast und führte die erste hochrangige esoterische Weihe (abhiseka, chin. guanding) durch.
11 Orzech 1998, S.146
12 Orzech 1998, S.145
13 Vgl. Conze 1986, S.171
14 Orzech 1998, S.136, Anm.1.
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Dschurdschen zu sichern und zu verteidigen. 15 Der chinesische Mizong blühte daher bis ins 12.Jh., bevor er schließlich unter dem Einfluss der mongolischen, immer enger sich mit dem tibetischen Buddhismus verquickenden Yuan-Dynastie allmählich im Vajrayana-Buddhismus aufging, oder aber als rituelle Techniken in anderen buddhistischen Einrichtungen oder sogar in die daoistische Praxis bis hin zur Volksreligion Eingang fand. 16
Dass auch der chinesische Tantrismus Einflüsse auf die Formung desjenigen in Tibet nahm, könnte sich in solchen Zeugnissen wie dem berühmten Wencheng-Tempel u.a. Felsskulpturen Osttibets niedergeschlagen haben. 17 Die Hauptkultfigur dieser zwischen 804 und 816 aus dem Felsen geschlagener Pilgerstätten ist Buddha Mahavairocana, der im (rechtshändigen) chinesischen esoterischen Buddhismus als Symbol des Universums die Hauptrolle spielt. 18 Die Rolle des cakravartin, des “Herrschers mit dem Rad”, dessen Autorität gesellschaftliche Harmonie schafft und Utopia etabliert, war für die tibetischen Kaiser (‘Großkönige’) gleichermaßen ansprechend, zu deren Zeit der Vairocana-Kult bereits anzunehmen ist. 19 Eine wesentliche Rolle spielte dieser Vairocana-Kult in Tibet im 11.Jh. und noch bis ins 12.Jh., 20 also zu einer Zeit, als auch im China der Song-Dynastie der esoterische Buddhismus noch blühte - insbesondere im Tibet benachbarten Sichuan. Parallelen in der buddhistischen Praxis Tibets und Chinas müssen also schon bestanden haben, als sich die tibetischen Lamas aufmachten, die mongolischen Kaiser zu ‘belehren’.
Insofern ist kaum vorstellbar, dass die stetig wachsende Präsenz tibetischer tantrischer Meister im chinesischen Reich, wie sie nun im China der Yuan-Dynastie einsetzte und über die Förderung durch die Ming und Qing immer mehr anwuchs, ohne eine Wirkung auf die Bevölkerung geblieben sein soll. Und dies zumal Orzech meint: “Im 10. bis 12.Jh. trugen indische Missionare die jüngsten Vajrayana-Lehren von den großen Klosterzentren Nalanda und Vikramasila nach Tibet und Zentralasien, wo sie zur Grundlage des tibetischen Buddhismus wurden. Aber die grundlegende Ausformung dieser komplexen Form des
15 van Oort 1986, S.4
16 Orzech 1998, S.145f. - Vgl. auch S.136, Anm.2: “I think it is safe to say, even more generally, that post-T’ang religion consisted of a process that organized the religious world around a few key genera, while in and between those genera we find a growing elaboration, variation, and adaptation of specific rites. One such process might be characterized as the spread and fusion of esoteric rites into popular religious settings and the concomittant elaboration of new forms of religious and social organization.”
17 Vgl. Heller 1994.
18 Conze 1986, S.171
19 Vgl. Heller 1994b, S.339f.; Richardson 1998, S.177-181. Bezeichnenderweise fällt der mutmaßliche Beginn der Verbreitung dieses Vairochana-Kultes in die Zeit, in die expansive Zeit des tibetischen Imperiums.
20 Persönliche Mitteilung von Michael Henss (Fax vom 21.01.2000)
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ostasiatischen esoterischen Buddhismus war von Bukong (Amoghavajra) in der mittleren Tang-Zeit bereits geleistet worden.” 21
Die Ereignisse der Geschichte machen deutlich, dass die Motive der nach China reisenden tibetischen Lamas in erster Linie politischer Natur waren. Einmal davon abgesehen, dass sie sich davon versprachen, die Ausbreitung der buddhistischen Lehre zu fördern und damit ihrem persönlichen Ideal des Bodhisattvas gerecht zu werden, erhofften sie sich mit den Kontakten zum chinesischen Kaiserhof, ihre politische Rolle in der tibetischen Heimat zu stärken. Eine Vielzahl lamaistischer Sculrichtungen kämpfte dort, oft in Verbindung mit säkularen Herrschern, um die weltliche Macht. Es ist weithin bekannt, dass sowohl die Sakyapa im 13.Jh. als auch der 5. Dalai Lama im 17.Jh. ihre Vormachtstellung mongolischen Oberherren zu verdanken hatten, und die lange Verbindung mit dem chinesischen Kaiserhaus und den ihnen teilweise loyalen mongolischen Verbündeten haben eine wesentliche Rolle bei der Stärkung der Gelugpa-Macht gespielt. Nur dort, wo andere säkulare Mächte lokal von größerer Bedeutung waren, wie in vielen Teilen Osttibets, haben sich die anderen lamaistischen Schulrichtungen besser behaupten können. 22
Es wird oft betont, dass die tibetische Form des Buddhismus auf die Grenzgebiete beschränkt war und erst seit der Qing-Dynastie von China instrumentaliert wurde. 23 Generell wird unterstellt, dass die kaiserliche Politik der Förderung lamaistischer Institutionen und Lehrer eine Unterbrechung in der Ming-Zeit gefunden habe, mindestens aber aufgrund des mangelnden Interesses von tibetischer Seite absolut vernachlässigbar war. Dies steht im krassen Gegensatz zu zeitgeschichtlichen Zeugnissen und Funden. So heißt es in der mongolischen Chronik Rosary of White Lotuses (1889) des Lamas Damchø Gyatsho Dharmatala:
“When the kingdom of China was under the rule of the graet Ming kings, (the new sovereigns) held in great respect both the Teaching and its Holders (the monks).” 24
Sonst wäre es wohl auch erstaunlich, warum der erste tibetische Druck des tibetischbuddhistischen Kanons ausgerechnet 1411, also zu Beginn der Ming-Zeit, in Beijing hätte
21 Orzech 1998, S.146
22 Vgl. Gruschke 2000, insbesondere zu denNgolok und den Jonangpa.
23 Dabringhaus 1997, p.131
24 Zit. Damchø Gyatsho Dharmatala 1987, S.195
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M.A. Andreas Gruschke, 2000, Der Lamaismus in China. Geschichte und Grundlagen seiner Verbreitung, München, GRIN Verlag GmbH
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