- 2 -
Einleitung 3
1. Adorno und die Dichter 5
2. Die Situation deutschsprachiger Schriftstellerinnen im Exil 9
3. Die Schriftstellerin Stella Rotenberg 14
4. Die Lyrik Stella Rotenbergs 17
Zusammenfassung 24
Literaturverzeichnis 25
- 3 - Einleitung
Als Theodor W. Adorno die Debatte über Lyrik nach Auschwitz mit seinen Thesen entfachte, gab es eine rege, emotionsgeladene Diskussion darüber. Viele Literaten und Literaturwissenschaftler äußerten sich. Der Ort Auschwitz steht stellvertretend für alle Konzentrations- und Vernichtungslager, die die Nationalsozialisten in ganz Europa errichteten. Bei Auschwitz, polnisch Oswiecim, befand sich das größte Lager, in dem ungefähr 2,5 Millionen Menschen in Gaskammern ermordet und weitere 500.000 Häftlinge durch Hunger und Krankheiten umkamen.
Diejenigen Menschen, die der Vernichtungspolitik der Nazis entkamen, mußten ihr Leben im Exil weiterführen, unter ihnen viele Schriftstellerinnen. Sie versuchten, auch unter den schwierigen Bedingungen des Exils, literarisch produktiv zu sein. Für manche wurden die Erlebnisse und Erfahrungen der Vertreibung aus ihrer Heimat und das Wissen über die Ermordung ihrer Verwandten und Freunde zum inneren Antrieb ihres Schreibens. Dieser endete meist nicht mit der Zerschlagung der nationalsozialistischen Herrschaft, sondern ging auch noch über das Jahr 1945 hinaus. Es wurde nicht nur versucht, gegen die Isolation im Gastland anzuschreiben, sondern auch durch die deutsche Sprache eine Art „Ersatzheimat“ im Geiste zu schaffen. Dabei fungierte Literaturproduktion vor allem auch als Prozeß des Erinnerns und des Mahnens, damit die Greuel der Nationalsozialisten niemals vergessen werden würden.
Eine fast unbekannte Schriftstellerin aus Österreich versucht seit sechzig Jahren im Exil ihre eigene Form von Literatur zu schaffen. Stella Rotenberg fällt aus dem eng gefaßten Rahmen der „Exilliteratur“ heraus. Sie begann erst im britischen Exil zu schreiben und lebt heute noch dort. Vor allem ihre Gedichte zeigen den Versuch, die kaum gesprochene Mutter-Sprache als Heimatersatz zu errichten. Dabei ist es ihr als jüdische Dichterin, deren Familie von den Nationalsozialisten ermordet wurde, wichtig, an die Zeiten der Barbarei zu erinnern. Damit gibt sie eine sehr persönliche Antwort auf die Thesen Adornos, denn sie schreibt Gedichte nach und über Auschwitz.
- 4 - Beginnendmit einer kurzen Zusammenfassung der Diskussion um Adornos Thesen, die ich an einigen ausgewählten Beiträgen kommentieren möchte, will ich durch die Vorstellung der Autorin Stella Rotenberg aufzeigen, wie wichtig Lyrik auch nach Auschwitz ist. Um die Situation der exilierten Schriftstellerinnen deutlich zu machen, möchte ich einen kleinen Überblick über ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen in der Zeit während und nach dem Zweiten Weltkrieg geben. Trotz der unterschiedlichen Bedeutungen verwende ich die Begriffe „Flüchtling“, „Exilant“ und „Emigrant“ synonym, da es im heutigen allgemeinen Sprachgebrauch üblich ist.
Die von mir vorgestellte Autorin Stella Rotenberg verfaßte auch Prosastücke, auf die ich aber im Rahmen dieser Arbeit nicht eingehen möchte.
- 5 - 1.Adorno und die Dichter
Seit Theodor W. Adorno in seinem 1949 geschriebenen und 1951 herausgegebenen Essay „Kulturkritik und Gesellschaft“ die These aufstellte: „...nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben ist barbarisch, und das frißt auch die Erkenntnis an, die ausspricht, warum es unmöglich ward, heute Gedichte zu schreiben“ 1 , ist eine rege Diskussion darüber entbrannt. Adorno selbst nahm diese These immer wieder auf und diskutierte sie neu. In „Kulturkritik und Gesellschaft“ mißtraut Adorno der gesamten Gesellschaft und ihrer Kulturtradition nach der Katastrophe von Auschwitz: „Keine Gesellschaft, die ihrem eigenen Begriff, dem der Menschheit, widerspricht, kann das volle Bewußtsein von sich selber haben“ 2 Und weiter heißt es: „Je totaler die Gesellschaft, um so verdinglichter auch der Geist und um so paradoxer sein Beginnen, der Verdinglichung aus eigenem sich zu entwinden.... Kulturkritik findet sich der letzten Stufe der Dialektik von Kultur und Barbarei gegenüber...“ 3
In dem 1962 erschienenen Text „Jene zwanziger Jahre“ kommt er auf diese Gedanken zurück. Für Adorno ist der „Begriff einer nach Auschwitz auferstandenen Kultur...scheinhaft und widersinnig.“ 4 Da die Welt den eigenen Untergang überlebt hat, ist die Kunst nötig, um „bewußtlose Geschichtsschreibung“ zu tätigen. Die einzig authentischen und damit möglichen Künstler der Gegenwart sind die, „...in deren Werken das äußerste Grauen nachzittert.“ 5 Somit zieht Theodor W. Adorno das erste Mal das Fazit, daß auch nach Auschwitz Kunstproduktion möglich ist. Dabei unterliegt diese aber den Prinzipien der Authentizität.
Mit diesen beiden Texten entwirft Adorno die Paradoxie einer Kunst nach Auschwitz: Einerseits muß Kunst nach Auschwitz in Aporie verfallen, andererseits bleibt sie aber dennoch notwendig, um dem Grauen und
1 Kiedaisch, Petra (Hg.). Lyrik nach Auschwitz? Adorno und die Dichter. Stuttgart. 1995.
5. 12
2 Ebd.S.38
3 Ebd.S.49
4 Ebd.S.53
5 Ebd.S.53
- 6 - SchreckenAusdruck zu verleihen.
Später publizierte Texte präzisieren oder korrigieren diese These, nehmen sie aber nicht prinzipiell zurück. Eine Präzisierung erfolgte vor allem im Essay „Engagement“. Er betont noch einmal, daß er den Satz, nach Auschwitz Gedichte zu schreiben, sei barbarisch, nicht mildern möchte. Adorno stellt die Frage, „...ob nicht geistige Regression im Begriff engagierter Literatur anbefohlen wird von der Regression der Gesellschaft selber.“ 6 Bezugnehmend auf Hans Magnus Enzensbergers Entgegnung, die Dichtung müßte diesem Verdikt standhalten, betont er, daß Dichtung nicht durch ihre bloße Existenz nach Auschwitz, sich dem Zynismus überantworte. Vielmehr duldet „das Übermaß an realem Leiden...kein Vergessen.“ 7 Zusammengefaßt formuliert, entsteht also nach dem Grauen von Auschwitz ein Widerspruch zwischen engagierter Kunst, die Genuß schafft, und der Produktion von Kunstgenuß nach Auschwitz. Das Fortschreiben von Geschichte durch Kunst und Kunstgenuß verliert seine Legitimation angesichts der Fortführung von Grauen und Leiden eben durch diese Kunstproduktion nach Auschwitz. Dabei entfacht sich die Diskussion an der Auffassung von Kunst als Zeugenschaft, die keine Verdrängung erlaubt, und auch an der Auffassung, Kunst als Genuß anzusehen, die das Leiden banalisiert. So kann der „...Unterschied von Henkern und Opfern...“ 8 verschwimmen.
Die Reaktionen auf diese Thesen waren vielfältig. Die Palette reicht von rigoroser Ablehnung bis zur unbedingten Zustimmung. Meist wurde aber als Grundlage zur Diskussion nur der Auszug des Zitats, nach Auschwitz Gedichte zu schreiben, sei barbarisch, genommen. Das läßt einen wissenschaftlichselektiven Umgang mit den Thesen Adornos vermuten, der zu diesen Kontroversen führte. So bezeichnet Hans Magnus Enzensberger Adornos Thesen, als eines der „härtesten Urteile...., die über unsere Zeit gefällt werden können.“ 9 Da und wenn die Menschheit weiterleben will, muß, so Enzensberger, der Satz widerlegt werden. Als Beispiel führt er dazu die jüdische Schriftstellerin
6 Ebd. 5. 53/54
7 EbLS.54
8 Ebd. S. 55
9 Ebd.S.73
- 7 - NellySachs an, deren Werk kein einziges Wort des Hasses enthält. Ihre Gedichte sprechen von „Menschengesichtern“, von den Opfern. Damit wird ihre Literaturproduktion unangreifbar. Da die Täter immer noch innerhalb unserer Gesellschaft leben, erhält die Dichtung nach Auschwitz eine Legitimation. Denn die Sprache ist das Medium der Dichtung und damit auch des Erinnerns, auch des Erinnerns an Auschwitz.
Das Schweigen nach Auschwitz ist, so Peter Weiss, nicht geeignet, um das Grauen zu vergessen. „Wenn einer versucht, in dieser Situation, in der die Geschehnisse sich von keinem Bild, von keinem Wort mehr decken lassen wollen, festzuhalten an der Konvention einer Mitteilung durch Bilder oder Worte, so tut er das im Bewußtsein, daß die Verwendung dieser kaum mehr tauglichen Mittel besser ist als das Schweigen und die Fassungslosigkeit.“ 10
Wolfdietrich Schnurre betont in seinen „Dreizehn Thesen gegen die Behauptung, daß es barbarisch sei, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben“, daß man Gedichte nicht verurteilen kann. Der einzige Vorwurf, der ihnen vielleicht gemacht werden könnte, ist der, daß sie geschrieben wurden, „...während über Auschwitz die Rauchwolken aufstiegen“ und der „...Lyrik -Konsument vor sogenannten Ewigkeitswerten und innerer Erbauung die Realität nicht mehr wahrnahm.“ 11 Er argumentiert weiter, daß Auschwitz barbarisch gewesen sei und damit dieses Adjektiv nicht mehr verwendet werden darf. Der Autor besteht in seiner siebten These vor allem auf der Tatsache, was es bedeutet, nach Auschwitz Gedichte zu schreiben. „Er (der Gedichteverfertiger) kann schreiben, worüber er will. Auch über Bäume. Aber seine Bäume müssen andere sein als die, die in den Gedichten rauschten, die vor Auschwitz entstanden.“ 12 Seine Empfehlung an Lyriker nach Auschwitz lautet dann auch: „Mit lotender Intuition, sensibler Intelligenz und magnetischem Assoziationsmaterial, Auschwitz im Rücken, den Menschen vor Augen, Gedichte machen, die, statt die Sicht zu vernebeln, für Klarheit am Hirnhimmel sorgen.“ 13
10 Ebd. S. 92
11 Ebd. S. 123
12 Ebd. 5. 125
13 Ebd. S. 126
Arbeit zitieren:
M.A. Claudia Kerber, 2000, Lyrik nach Auschwitz - Die Dichterin Stella Rotenberg, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Billy Wilder: One, Two, Three und andere Auseinandersetzungen mit der ...
Wissenschaftlicher Aufsatz, 13 Seiten
Ästhetische Gestaltungsmittel in "Sunset Boulevard" von Bill...
Sequenzanalyse
Zwischenprüfungsarbeit, 45 Seiten
Claudia Kerber's Text Lyrik nach Auschwitz - Die Dichterin Stella Rotenberg ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Claudia Kerber hat den Text Lyrik nach Auschwitz - Die Dichterin Stella Rotenberg veröffentlicht
Claudia Kerber hat einen neuen Text hochgeladen
"Mir träumt jetzt von Auschwitz unentwegt..."
Gedichte russischer Juden aus ...
Gennadi E. Kagan
This Has Happened: An Italian Family in Auschwitz
An Italian Family in Auschwitz
Piera Sonnino, David Denby, Ann Goldstein
0 Kommentare