Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Handke im Vergleich mit Cézanne
3 Ausgewählte Bilder im Detail
3.1 Le grand Pin
3.2 Rochers près des grottes au-dessus de Château Noir
3.3 Mont Sainte-Victoire
4 Weitere Realisierung der Prinzipien Cézannes
5 Der Übergang
6 Literaturverzeichnis
2
1 Einleitung
Das hier besprochene Werk Peter Handkes ist der zweite Band der 'Tetralogie' getauften Reihe bestehend aus: Die langsame Heimkehr (1979), Die Lehre der Sainte-Victoire (1980), Die Kindergeschichte (1981), Über die Dörfer (1981). Die Erzählung unterteilt sich in neun Kapitel, deren Überschriften subjektive und erfundene Ortsangaben sind. Die darin geschilderte Handlung ist wohl am ehesten als fragmentarisch zu bezeichnen. Eine Zusammenstellung von Wanderberichten in der Montagne Sainte-Victoire (auf welche schon der Titel verweist) und wenigen anderen Gebieten, Bildrezeptionen Cézannes, unzähligen - assoziativenautobiographischen Erinnerungen und sonstigen Reflexion eines Ich-Erzählers. Seine Gedanken beziehen auch unzählige Ansätze von Philosophen (Heidegger, Nietzsche, Spinoza, Lacan, ...) und Schriftstellern (Stifter, Goethe, ...) mit ein; es werden aber in den seltensten Fällen direkt Namen oder Quellen genannt. Klar und eindeutig ist jedoch der Bezug auf Cézanne. Damit steht die Lehre der Sainte-Victoire 1 klar in der Tradition der ut pictura poesis 2 . Es werden die "Erkundung der Kunstprinzipien Cézannes und zugleich Übersetzung insofern, als in der literarischen Form auch die poetische Realisierung der ästhetischen Vorstellungen Cézannes versucht" 3 . Damit schließt Handke an eine (in Deutschland) mit Rilke beginnende Cézanne-Rezeption an 4 .
2 Handke im Vergleich mit Cézanne
Der französische Maler Paul Cézanne sprach sich vehement gegen ein "zweckorientiertes Sehen" (innerhalb der Kunst) aus. Seine Konzentration lag auf der rein visuellen Seite des Sehens, denn ein bildnerischer Künstler habe sich nicht vom konkreten Naturstudium zu entfernen. Weiter wehrte er sich gegen eine Vorinterpretation der Wirklichkeit für den Betrachter durch den Maler.
1 Im Folgenden mit LSV abgekürzt.
2 Beziehung zwischen Dichtung und Malerei (nach De arte poetica von Horaz)
3 Schlieper, Ulrike: Die „andere Landschaft“. Handkes Erzählen auf den Spuren Cézannes.
Diplomarbeit. - Münster; Hamburg: Lit 1994 - S. 49
(Zeit und Text. Münstersche Studien zur neueren Literatur. Hg von Ernst Ribbat und Lothar Köhn.
Band 4)
4 vergleiche: Flaker, Aleksander: Die Lehre der Sainte-Victoire. Die Literatur und Cézanne. - In:
Borchmeyer, Dieter (Hg.): Poetik und Geschichte. Viktor Žmegač zum 60. Geburtstag. - Tübingen:
Niemeyer 1989 - S. 465-473; S. 473
3
Aus einer ähnlichen Position übt Handke Kritik an "(politisch) engagierter Literatur". Gegen die "Macht der die Wirklichkeit ordnenden, vermeintlich natürlichen Verhaltens- und Zeichensysteme, die [...] die Kontaktaufnahme des Individuums mit der Außenwelt vorab [zu einem bestimmten Zweck] normieren und lenken, indem sie subjektive Erfahrung in 'vorgeprägte Apperzeptionsschablonen' einrasten lassen." 5 Da die Sprache durch die Wirklichkeit vorgeprägt wird, verstellt sie den direkten Wirklichkeitszugang für das Individuum.
Kunst habe somit "phänomenologisch exakt und intentionslos" das Wahrnehmbare zu beschreiben. In Die Lehre der Sainte-Victoire werden zur Verwirklichung dessen vor allem Naturphänomene (beziehungsweise als "naturnah" empfundenes) für Gleichnisse herangezogen, wie an folgender Textstelle aus dem Schlusskapitel deutlich wird:
"Auffällig, schon auf dem Weg dahin, die rundlichen Steine unter dem Gras, regelmäßig und dichtgefügt, wie ein Kopfsteinpflaster. Sie sind vielfarbig, und die Moosflechten haben in jeden einzelnen eine deutliche Bilderschrift geätzt, von einem zum anderen völlig verschieden, wie Überlieferungen aus getrennten Erdteilen. Ein roter glockenförmiger Buckel wiederholt im Kleinen einmal den australischen Ayers Rock, den größten Einzelberg der Erde; auf einem anderen steht eine indianische Jagderzählung. In der Dämmerung, wenn das Pflanzenwerk darüber verschwindet, offenbaren sich diese Steine als Geheimschrift und leuchten als eine düsterweiße, waldeinwärts führende Römerstraße." (LSV 101f)
Außerdem war Cézanne von der Ewigkeit des Seins überzeugt. Zuerst glaubte er diese in Gott (darin ähnelt er der Philosophie Spinozas, dem Handke in der Lehre ein eigenes Kapitel widmet 6 ). Später in der Wirklichkeit der Welt, welche er mittels seines unverkennbaren Stils als einen "neuartigen Zusammenhang und ein Zusammenbestehen der Dinge" 7 darstellt. Sein erklärtes Ziel ist es diesen "in der Wirklichkeit geschauten Zusammenhang der Dinge in eine parallele [...] unabhängige Bildkonstruktion eigener Gesetzlichkeit zu übertragen" 8 .
5 Schlieper: S. 73
6 Die Hochebene des Philosophen - LSV 37ff
7 Schlieper: S. 34
8 ebd.
4
Für die Darstellung des Zusammenhangs spielen Farben, welche er durch Intervallbeziehungen (analog musikalischer Strukturen) miteinander verbindet, eine große Rolle. So wird der (ursprünglich musikalische) Begriff "Modulation" prägend für seinen Stil; selbst bezeichnet er ihn als 'Realisation'. Cézanne gestaltet seine Leinwand mittels farbiger Flecken ("tâches"), welche erst in der Gesamtheit ihrer Beziehungen zueinander betrachtet erkennbare Elemente der Wirklichkeit in Erscheinung treten lassen. Dies ist sein unverkennbarer Stil, der sich zunehmend aus dem Bemühen um Raumreduktion (bzw. der Unterdrückung eines graphischen Illusionsraums) entwickelt. Denn nach Cézannes Anschauung ist die Natur sowohl außerhalb, als auch innerhalb des Menschen. Eine Trennung von Ich und Außenwelt (= Subjekt und Objekt) ist daher entschieden abzulehnen und zu vermeiden. Daher verzichtet er bewusst auf Mittel der zentralperspektivischen Bildorganisation (Verminderung der Konvergenz von Fluchtlinien, Streckung ihrer Winkel, stärkere Aufsicht, Verminderung des perspektivischen Größenkontrasts, Absenken des Bildvordergrunds, ...)
Auch Handke setzt sich in seinem Schaffen mit der problematischen Wechselbeziehung von Subjekt und Welt auseinander. Das Subjekt muss sich aus den üblichen Weltbezügen lösen, die gewohnte, normierte Sichtweise ablegen, um die Trennung vom Objekt aufzuheben. Dies wird durch "intentionslose[s] Schauen auf dingliche Details, die sich, von aller finalen Bestimmtheit befreit, der vorraussetzungsfreien Aufmerksamkeit des Betrachters in ihrem einfachen Vorhandensein mitteilen und gerade 'Kraft ihrer Vereinzelung' als zusammengehörig empfunden werden." 9
Die Farbwahrnehmung des Ich-Erzählers, in Folge 'Wanderer' 10 genannt, wird mit jener Cézannes verglichen. Sie wird sogar gleichgesetzt, wenn dessen Musterung beschrieben wird: "Dabei hat der sich sonst so farbunsichere Bursche, der ich war, beim Farbtafeltest die gefragten Zahlen ziemlich genau aus dem Punktgewirr herausgefunden." (LSV 12)
9 Schlieper: S. 83
10 Auf diesen Begriff wird an späterer Stelle noch näher eingegangen.
5
Arbeit zitieren:
Mag.phil. Karoline Ehrlich, MIB, 2005, Die Lehre der Sainte-Victoire von Peter Hnadke, München, GRIN Verlag GmbH
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