Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die historische Johanna d Arc
2.1 Der geschichtliche Hintergrund
2.2 Johanna d Arc
3. Friedrich Schillers „Die Jungfrau von Orleans“
3.1 Differenzen zwischen der historischen Johanna und Schillers Jungfrau von Orleans
3.2 Kritiken1
4. Gründe für Schillers Abweichungen von der Geschichte der historischen
Johanna
4. 1 Voltaires „Pucelle“
4.2 „Über naive und sentimentalische Dichtung“
5. Fazit
6. Quellenangaben
2
1. Einleitung
Das außergewöhnliche Leben des Bauernmädchens Johanna d`Arc aus Lothringen und ihr tragischer Tod auf dem Scheiterhaufen regen die Legendenbildung an. Durch die Jahrhunderte inspirierten Johannas Wirken und ihr Tod längst vergessene Autoren sowie die bedeutendsten Dichter der Weltliteratur, unter anderem Shakespeare, Voltaire, Bertolt Brecht und eben auch Friedrich Schiller.
Gerade in Schillers „Jungfrau von Orleans“ sind prägnante Abweichungen gegenüber der Historie zu verzeichnen, und aus diesem Grund wurde Schiller von zahlreichen Dichtern und Autoren gerügt, den bedeutendsten Stoff der Geschichte „verpfuscht“ zu haben und dabei auch noch „erstaunlich bedenkenlos“ vorgegangen zu sein.
Um zu untersuchen, ob diese Vorwürfe gerechtfertigt sind, werde ich zu Beginn meiner Ausarbeitung zuerst auf die historische Johanna d`Arc sowie auf den geschichtlichen Kontext, in welchem sie steht, eingehen. Anschließend werde ich in Bezug auf die Figur der Johanna die Unterschiede zwischen Realität und Dichtung darlegen. Zu Wort lasse ich darauf folgend jene Autoren kommen, welche Schillers Tragödie kritisierten und werde versuchen, den Kern der Kritik darzustellen.
Abschließend werde ich die Gründe für Schillers Veränderung der Geschichte, insbesondere der Figur der Johanna, herausstellen, die sich einerseits in Voltaires Hohnwerk über die Jungfrau finden lassen, andererseits aber auch in Schillers Abhandlung „Über naive und sentimentalische Dichtung“ dargelegt werden.
3
2. Die historische Johanna d`Arc
2.1 Der geschichtliche Hintergrund
Die geschichtlichen Ereignisse, die zum Verständnis von Friedrich Schillers „Jungfrau von Orleans“ grundlegend sind, betreffen den mehr als hundertjährigen Krieg zwischen Frankreich und England (1339-1453), welcher sich wiederum aus einem Erbfolgekrieg entwickelt hatte: 1328 starb mit Karl IV. (der Sohn Philipps des Schönen) die männliche Linie der Kapetinger aus. Das salische Gesetz schloss in Frankreich die weibliche Erbfolge aus, so dass die Krone auf das Haus Valois, auf Philipp VI., einen Vetter des verstorbenen Königs, über ging. Eduard III. von England, der Sohn einer Tochter Philipps des Schönen, erhob dagegen Einspruch, da er sich selbst erberechtigt fühlte. Er legte sich den Titel und das Wappen eines französischen Königs zu und zog aus, um Frankreich zu erobern. 1346 besiegte er die Franzosen in der Schlacht bei Crécy und nahm Calais ein.
Eine weitere entscheidenede Schlacht im Kampf um das französische Erbe war die Schlacht bei Poitiers 1356. Der Sohn Eduards III., der sogenannte „schwarze Prinz“ 1 , führte Johann den Guten gefangen nach England. Im Frieden zu Bretigny (1360) bekam England die um Calais liegenden Gebiete, sowie Guienne, Poitou und Gascogne. Eduard III. verzichtete dafür auf den französischen Thron. Der patriotische Nachfolger Johanns des Guten, Karl V., nahm den Krieg gegen England wieder erfolgreich auf, so dass den Engländern zuletzt nur noch Calais verblieb. Doch der äußere und innere Frieden, welche die Regierung Karl V. den Franzosen geschenkt hatte, war nur von kurzer Dauer. Der 1375 mit England geschlossene Waffenstillstand dauerte zwar noch eine Weile an, doch die Minderjährigkeit und später die durch geistige Erkrankung verursachte Regierungsunfähigkeit seines Nachfolgers, Karls VI., stürzen Frankreich in einen schweren Bürgerkrieg.
1Ibel, Rudolf: Schiller. Die Jungfrau von Orleans. Grundlagen und Gedanken zum Verständnis klassischer Dramen. Hamburg 1964, S. 19.
4
Bei dem Machtstreit der Häuser Burgund und Orleans, der diesen hervorrief, handelte es sich nicht nur um Vormundschaft über den König und den Einfluss im Regentschaftsrat. Hinter dem Herzog Ludwig von Orleans, dem jüngeren Bruder des Königs, standen die feudalen Interessen der französischen Aristokratie, während der Herzog Philipp von Burgund für die Wünsche und Belange des Bürgertums eintrat, die seit dem Tod Karls V. bei der französischen Regierung in den Hintergrund getreten waren. Als schließlich der Herzog Johann von Burgund von einem Anhänger des Königshauses ermordet wurde, scheiterten die letzten Versuche, den Bürgerkrieg in Frankreich zu beenden. Philipp der Gute, Johanns Sohn, willigte 1420 in einen Vertrag mit den Engländern ein, wonach der französische Thron einem englischen Prinzen, dem zukünftigen Sohn aus der jetzt beschlossenen Ehe Heinrichs V. mit einer Tochter des geisteskranken Königs Karl VI. von Frankreich ausgeliefert werden sollte. Als die beiden Könige kurz nacheinander starben, wurde Heinrichs jüngerer Sohn Heinrich im ganzen Norden und Westen Frankreichs und auch in Paris anerkannt.
Während sein Stellvertreter, der Herzog von Bedford, alles Land nördlich der Loire besetzte und Orleans belagerte, führte der rechtmäßige Erbe der „Lilienkrone“ 2 , der Dauphin Karl VII., ein entschluss- und tatenloses Dasein. Er wurde von der Mitte und dem Süden des Landes zwar als König anerkannt, es fehlten ihm jedoch das Geld, die Truppen und vor allem das Selbstvertrauen, um sein Land zu retten und sich als König krönen zu lassen. Wenn Heinrich V. nicht 1422 gestorben und ihm Karl VI. nicht zwei Monate später ins Grab gefolgt wäre, wäre er schließlich völlig unterlegen gewesen.
Heinrichs neun Monate alter Sohn wurde nun zum König von Frankreich ausgerufen und der Herzog von Bedford, sein Onkel, sollte die Regentschaft in Frankreich führen. Auch Isabella von Burgund bekannte sich zu ihm und die Engländer, die sich mit Burgund vereinigt hatten, waren in den folgenden Jahren mehr als siegreich. Bedford eroberte alle Festungen und Städte nördlich der Loire und schlug die Franzosen in den Schlachten von Crevant und Verneuil. Der Dauphin Karl VII. befand sich zu dieser Zeit bereits am Rand der Niederlage.
2Erläuterungen zu Friedrich Schiller. Die Jungfrau von Orleans. Hrsg. von Neis, Edgar. Hollfeld 1977, S.
5
Zu diesem Zeitpunkt erschien dem französischen Volk die Retterin in der „Jungfrau“, in der damals achtzehnjährigen Johanna d´Arc, die sich von Gott berufen fühlte und das Schicksal ihres Landes wenden wollte.
2.2 Johanna d`Arc
Johanna d`Arc wurde am 6. Januar 1412 in dem lothringischen Dorf Domrémy nahe der deutschen Grenze als Kind unfreier, auf den Gütern der Krone wohnender Bauersleute geboren. Die Bewohner des Dorfes und der Umgebung waren treue Anhänger des Dauphins Karl VII. und waren aus diesem Grund mehrmals von englischen und burgundischen Soldaten gebrandschatzt worden. Johanna war schon als junges Mädchen ernst und introvertiert, flehte zum Himmel für den König und hasste die Feinde ihres Landes. Im Alter von 13 Jahren glaubte sie zum ersten Mal, eine überirdische Stimme zu hören, die sie zur Sittsamkeit und fleißigem Kirchenbesuch ermahnte. Als sie daraufhin gelobte, für immer Jungfrau zu bleiben, wurde ihr durch die Stimmen der himmlische Auftrag vermittelt, nach Chinon an den Hof Karls VII. zu gehen, das bedrohte Orleans zu retten und den Dauphin nach Reims zur Krönung zu führen. Erst im späteren Verhör gab sie an, dass sie nicht nur Stimmen gehört, sondern auch Visionen gehabt hätte, dass es der Erzengel Michael, die Heilige Katharina und die Heilige Margareta gewesen seien, die ihr erschienen und zu ihr gesprochen hätten.
So wandte sie sich, ihres himmlischen Auftrages gewiss, im Januar 1429 heimlich an Beaudricourt, den Befehlshaber von Vaucouleurs. Dieser entschloss sich nach langem Zögern, Johanna Mitte Februar 1429 unter dem Geleit bewaffneter Männer und in männlicher Tracht und Rüstung gekleidet zum König zu senden. Von Fierbois aus lies sie an ihn schreiben und um seine Befehle bitten. Karl rief sie zu sich und am 8. März traf Johanna in Chinon ein, wo sie drei Tage später eine Audienz gewährt bekam. In der Schlosshalle waren mehr als 300 Hofleute versammelt und Karl hielt sich, um die Jungfrau auf die Probe zu stellen, abseits. Sie aber erkannte den König und gewann diesen durch eine geheime Unterredung, in dem sie ihm, wie es heißt, seine geheimen Gebete nannte und ihn mit Vertrauen zu ihrer göttlichen Sendung erfüllte.
6
Arbeit zitieren:
Christina Schmitt, 2005, Friedrich Schillers Jungfrau von Orleans im Vergleich zur historischen Johanna d`Arc und ihrer Geschichte, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Schiller, Jungfrau von Orleans
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 23 Seiten
Erinnerung und Gedächtnis: Die Konzepte von Halbwachs, Assmann & C...
Hausarbeit, 29 Seiten
Amokläufe an Schulen und Universitäten: Welche Sozialpolitik kann sie ...
Sozialpädagogik / Sozialarbeit
Seminararbeit, 18 Seiten
Politische Betrachtungen zu Heiner Müllers "Philoktet"
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 14 Seiten
Die metalinguistische Debatte von Jäger, Bierwisch, Grewendorf: Sprach...
Studienarbeit, 21 Seiten
Über Friedrich Schiller - Die Jungfrau von Orleans
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Ausarbeitung, 9 Seiten
Zu: Hartmut von Hentig - Die Schule neu denken
Hausarbeit (Hauptseminar), 30 Seiten
Das Motiv "Pflicht und Neigung" in: Die Jungfrau von Orleans
An welchen Stellen ist das Mot...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 17 Seiten
Bürgerliche Lebenswelt und verdrängte Ängste. Thedodor Storms phantast...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Seminararbeit, 22 Seiten
Das Satirische und Groteske in "Klein Zaches genannt Zinnober&quo...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit, 22 Seiten
Die wissenschaftliche Weltauffassung des Wiener Kreises und ihre Anwen...
Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts / Gegenwart
Seminararbeit, 19 Seiten
Das Beurteilungssystem der Bielefelder Laborschule
Seminararbeit, 19 Seiten
Namen und Personenbezeichnungen bei Goethe am Beispiel der „Wahlverwan...
Sprachwissenschaft / Sprachforschung (fachübergreifend)
Seminararbeit, 15 Seiten
Christina Schmitt's Text Friedrich Schillers Jungfrau von Orleans im Vergleich zur historischen Johanna d`Arc und ihrer Geschichte ist nun auf dem Buchmarkt erhältlich
Christina Schmitt hat den Text Friedrich Schillers Jungfrau von Orleans im Vergleich zur historischen Johanna d`Arc und ihrer Geschichte veröffentlicht
Christina Schmitt hat einen neuen Text hochgeladen
Wallenstein and Mary Stuart: Friedrich Schiller
Walter Hinderer, Friedrich Schiller, J. Friedrich Von Schiller
0 Kommentare