Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Stanley Fish und die „Reader-Response“ Theorie
2.1 Interpretationsgemeinschaften - interpretive communities
2.2 „Is There a Text in this Class
2.2.1 Kontext und Verstehensprozess
2.2.2 „institutional nesting
2.2.3 Die Instabilität der Wortbedeutung
2.2.4 Das persönliche „Repertoire
2.3 „There Is No Textualist Position“
2.3.1 Die Uneindeutigkeit der Textbedeutung
2.3.2 Die Bedeutung der Intention des Autors für die Textbedeutung
3. Helmuth Feilkes Theorie der „Common sense-Kompentenz“
3.1 Erörterung eines Beispiels
3.2 Idiomatische Prägung
3.2.1 Beispiele
3.3 Zusammenfassung
4. Vergleich der Theorien Helmuth Feilkes und Stanley Fishs
5. Johann Wolfgang von Goethe: Wanderers Nachtlied II
5.1 Stanley Fishs Theorie in der Anwendung
5.2 Helmuth Feilkes Theorie in der Anwendung
6. Fazit
7. Quellenangaben
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1. Einleitung
Im Rahmen meiner Hausarbeit möchte ich mich mit der Frage nach dem Verstehensprozess innerhalb einer Kommunikationssituation auseinandersetzen, warum und wie wir einer Aussage eine Bedeutung, und häufig noch die richtige Bedeutung, ohne Probleme zuordnen können. Ich werde untersuchen, ob es eine determinierte Wort-oder Textbedeutung gibt, ob Wörter unabhängig von einer Situation Bedeutung enthalten, einen „Eigenwert“ besitzen könen.
Zur Klärung dieser Fragen werde ich mich mit den Theorien der Prgamatiker Stanley Fish und Helmuth Feilkes auseinandersetzen, welche diese Themen auf ganz unterschiedliche Art und Weise zu klären versuchen. Beide Theoretiker finden zu diesen Problemen gleichsam überzeugende Antworten, die jedoch sehr unterschiedlich, wenn nicht sogar gegensätzlich, ausfallen.
Zuerst werde ich mich der vielfach kritisierten Theorie Stanley Fishs widmen, die besagt, dass es eben keine determinierte Text- oder Wortbedeutung gibt, sondern dass jede Aussage, jedes Wort in ihrer oder seiner Bedeutung immer abhängig von dem jeweiligen Kontext ist. Ich werde diesbezüglich Stanley Fishs Theorie der „Interpretationsgemeinschaften“ erläutern, welche besagt, dass die Gedanken eines Einzelnen erst durch die Voraussetzungen der Gemeinschaft, in der er sich befindet, möglich gemacht werden. Anschließend werde ich erklären, welche Auswirkungen die Theorien Fishs auf die textliche Exegese haben.
Weiterhin werde ich mich mit der Theorie der „Common sense-Kompetenz“ von Helmuth Feilke beschäftigen. Im Gegensatz zu Stanley Fish betont er, dass bei vielen Begriffen bereits ohne Situation eine Prägung besteht: Das Sprachmaterial selbst kann durch seinen Gebrauch kontextuell geprägt sein und im Blick auf den Kontext semantisch aufschlussreich wirken. Ein Text definiert sich nach Feilke durch die Wahl dieser „idiomatisch geprägten“ Ausdrücke.
Nachdem ich beide Theorien Fishs und Feilkes dargelegt habe, werde ich sie gegenüberstellen und vergleichen, um sie anschließend bei der Interpretation eines Gedichts von Goethe anzuwenden.
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2. Stanley Fish und die „Reader-Response“ Theorie
Der Pragmatiker und Professor für Recht und Anglistik, Stanley Fish, ist zu den Anhängern der „Reader-Response“ Theorie zu zählen. Die „Reader-Response“-Theorie enstand als Antwort auf den „New Criticism“, welcher den Text in den Mittelpunkt stellt und betont, dass nur das, was sich „in“ einem Text befindet, auch Teil der Bedeutung des Textes sein kann. Die Intention des Autors und auch die Psychologie des Lesers sind für die orthodoxesten „New Critics“ bei der Auslegung literarischer Arbeiten nicht nur ohne Belang, vielmehr dürfen sie in der Exegese keine Rolle spielen, im Grunde resultiert daraus eine völlig werkimmanente Interpretation. Die Reader-Response Kritik wiederum misst der Rolle des Lesers bei der Erzeugung von Bedeutung eines literarischen Werkes eine große Bedeutung bei. Der Leser wird hier als aktiv Handelnder gesehen, der dem Werk, dadurch, dass er es liest und dessen Bedeutung durch das Anwenden von Codes und Strategien ergänzt, wahre Existenz verleiht.
Stanley Fish entwickelte, angelehnt an die Reader-Response Theorie, eine der kontroversesten und radikalsten Theorien, welche besagt, dass Bedeutung vollkommen kontextabhängig ist und dass es aus diesem Grund keine festgelegte wörtliche Bedeutung gibt. Bedeutung ist Fish zufolge nicht im Text, sondern im Leser zu finden, bzw. in der „Interpretationsgemeinschaft“, welche sich durch die Akzeptanz einer allgemeinen Menge von Annahmen und Texten definiert. Stanley Fishs Theorie kann als eine Erklärung dafür gesehen werden, dass Bedeutung immer nur in einem Kontext bestimmter Interpretationsgemeinschaften möglich sein kann, sogar wenn man die dekonstruktivistische Position akzeptiert, dass keine privilegierte Lesart eines Textes existiert. Diese Annahme scheint sich allerdings im Gegensatz zu Fishs weiterer Behauptung, dass die einzig mögliche Bedeutung eines Textes immer die vom Autor intendierte Bedeutung ist, zu befinden, worauf ich in dem Abschnitt 2.3 („There Is No Textualist Position“) noch eingehen werde.
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2.1 Interpretationsgemeinschaften - interpretive communities
Für Fish ist Wissen nicht objektiv, sondern immer sozial konditioniert. Alles, was wir wissen und denken, ist für ihn eine Interpretation, die erst durch den sozialen Kontext, in dem wir leben, möglich gemacht wird. Die Gedanken eines Einzelnen werden erst durch die Voraussetzungen der Gemeinschaft, in der wir uns befinden, möglich. Das gesellschaftlich konditionierte Individuum kann hingegen nach Fish nicht über die Grenzen seiner Kultur hinaus denken. Für ihn erscheint es nicht möglich, dass ein Individuum Objektivität erlangt, da es sich nicht von seinen Werten trennen kann, und da alles, was es aufnimmt, bereits interpretiert wurde. Diese Kultur nennt Fish eine „Interpretationsgemeinschaft“, die uns bestimmte Möglichkeiten, einen Text zu lesen, bietet. Er glaubt, dass diese Interpretationsgemeinschaften, auch die der Sprache, konventionell aufgebaut sind, dass die Lebensart solch einer Gemeinschaft eine Konstruktion ist, die auf Konsens aufgebaut ist. Fish beschreibt diese „interpretive communities“ folgendermaßen:
„If what follows is communication or understanding, it will not be because he and I share a language, in the sense of knowing the meanings of individual words and the rules for combining them, but because a way of thinking, a form of life, shares us, and implicates us in a world of already-in-place objects, purposes, goals, procedures, values, and so on; and it is to the features of that world that any words we utter will be heard as necessarily referring.“ 1
Der Interpret ist nach Fish niemals „einmalig“, sondern vielmehr ein Produkt bestimmter Verständniskategorien, die er durch seine Zugehörigkeit zu einer Interpretationsgemeinschaft entwickelt. So sind für Fish die verschiedenen Lesarten eines Texts ebenso kulturell konsturiert. Literatur reflektiert für ihn die Werte und Vorstellungen der Kultur, welcher sie entstammen.
1 Fish, Stanley: Is There a Text in this Class? The Authority of Interpretive Communities. Cambridge, Mass., London 1980, S. 303f.
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Allerdings ist es für Stanley Fish niemals genau abzugrenzen, wer zu einer bestimmten Interpretationsgemeinschaft gehört und wer nicht, wie sich diese Interpretationsgemeinschaften überschneiden und in wievielen verschiedenen Interpretationsgemeinschaften wir uns befinden, denn es existieren nach Fish zahlreiche solcher Gemeinschaften, welche nicht statisch, sondern ständig im Wandel begriffen sind. Den Interpretationsgemeinschaften ist es nach Fish auch zuzuschreiben, dass es trotz der Instabilität des Textes und der fehlenden festgelegten Bedeutung nicht zu einer heillosen Sprachverwirrung kommt, wie von vielen seiner zahlreichen Kritiker befürchtet wird. Für ihn impliziert die diachronische Beliebigkeit von Zeichenbedeutungen keine synchronische Beliebigkeit. Danach gibt es bestimmte Vorstellungen, die mit einem Signifikanten eher weniger verbunden werden. Beispielsweise sind die Vorstellungen, welche mit dem Signifikanten „gute Sitten“ verbunden werden können, durchaus vielfältiger als die Vorstellungen von „Geburtsurkunde“ 2 . Diese Vorstellungen entwickeln sich kulturell und werden durch den ständigen Gebrauch mit anderen Kommunikationspartnern abgeglichen. Falls von einem Kommunikationspartner nicht erwartungsgemäß reagiert wird, muss die eigene Vorstellung schließlich korrigiert, bzw. modifiziert werden. Interpretationsgemeinschaften ermöglichen Kommunikation also dadurch, dass Vorstellungen soweit angeglichen sind, dass Verständigung möglich sein kann.
Fishs Theorie der „Interpretationsgemeinschaften“ erscheint vielen als eine durchaus „gewagte“ Theorie: Natürlich ist man immer von der eigenen Kultur, von der eigenen „Interpretationsgemeinschaft“ geprägt und sicherlich auch in den eigenen Gedanken davon maßgeblich beeinflusst, es ist jedoch ein weiterer Schritt, wenn Fish behauptet, dass ein Individuum nicht über die Grenzen seiner Kultur hinausdenken kann. Dies mag zwar nicht leicht sein und erfordert oftmals sicherlich erhebliches Engagement, es ist jedoch mit der entsprechenden Einstellung ganz sicher machbar. Sicherlich existieren unterschiedliche „Interpretationsgemeinschaften“, um Stanley Fishs Bezeichnung, allerdings mit Vorbehalt, zu verwenden, aber ich befürchte, dass sie keine haltbare, verläsßliche Größe darstellen können. Wieso kommt es zum Beispiel auch innerhalb einer Interpretationsgemeinschaft zu Missverständnissen?
2 Rafi, Anusheh: Chaos imRecht - über die Unmöglichkeit einer klaren Flexibilitätsgrenze. http://www.fernuni-hagen.de/OERV/jfr_Tagung_2005/vortrag_Rafi_jfr.html
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Fish scheint einen Idealfall vorauszusetzen, dass sich alle Menschen innerhalb einer Interpretationsgemeinschaft auf etwa der gleichen Wissensstufe befinden, da dem aber nicht so ist, muss angenommen werden, dass es auch innerhalb einer Interpretationsgemeinschaft viele verschiedene „Sub-Interpretationsgemeinschaften“ geben muss. Außerdem kann sich kein Mensch allein in einer einzigen „Interpretationsgemeinschaft“ befinden, eher jedoch sind wir Teil von mehreren. Die Theorie der Interpretationsgemeinschaften scheint auf den ersten Blick relativ überzeugend, denkt man diese Theorie jedoch zu Ende, so wird der Begriff „Interpretationsgemeinschaft“ schwammiger: Fish selbst kann nicht beantworten, aus wem sich eine Interpretationsgemeinschaft zusammen setzt, er selbst glaubt, dass sie sich überschneiden und es hat außerdem den Anschein, als würden allein in einer einzigen sogenannten „Interpretationsgemeinschaft“ so unzählbar viele „Sub-Interpretationsgemeinschaften“ existieren, dass der Begriff zu grenzenlos und zu unbestimmbar ist, als dass man mit ihm arbeiten könnte.
2.2 „Is There a Text in this Class?“
Stanley Fish veranschaulicht die genannten Vorgänge mithilfe eines einprägsamen Beispiels: Er beschreibt, dass am ersten Tag des neuen Semesters der Universität, an der er tätig war, einer seiner Kollegen von einer Studentin gefragt wurde, ob es einen Text in diesem Kurs geben würde („Is there a text in this class?“ 3 ). Der Kollege Fishs antwortete, ohne viel nachdenken zu müssen, dass es sehr wohl einen Text geben würde, die Norton Anthology of Literature. Die Studentin hingegen antwortete dem Dozenten sofort, dass sie eigentlich fragen wollte, ob in dieser Klasse an die Bedeutung von Gedichten geglaubt wird, oder ob es nicht in Wirklichkeit sie selbst wären. Besagte Studentin hatte erst vor kurzem ein Seminar von Stanley Fish besucht.
2.2.1 Kontext und Verstehensprozess
Anhand dieser Anekdote verdeutlicht Stanley Fish die Instabilität des Textes und das Fehlen einer festgelegten Bedeutung. Dies soll allerdings nicht bedeuten, und so haben es einige seiner Kritiker aufgefasst, dass es gar keine wörtliche Bedeutung gibt. Fish bemerkt:
3 Fish, Stanley: Is There a Text in this Class? The Authority of Interpretive Communities. Cambridge, Mass., London 1980.
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„Within the framework of contemporary critical debate (...) there would seem to be only two ways of answering this question: either there is a literal meaning of the utterance and we should be able to say what it is, or there are as many meanings as there are readers and none of the is literal. But the answer suggested by my little story is that the utterance has two literal meanings (...).“ 4
Es zeigen sich an diesem Beispiel also mindestens zwei mögliche Bedeutungen dieser Äußerung: Einerseits scheint die Äußerung innerhalb der von dem Dozenten vermuteten Umstände augenscheinlich eine Frage darüber zu sein, ob in diesem Kurs ein bestimmtes Buch benötigt wird; innerhalb der Umstände der Studentin jedoch, auf die der Dozent durch deren korrigierende Bemerkung hingewiesen wird, ist diese Frage jedoch eine Frage nach der Einstellung des Dozenten. Fish betont, dass es sich in diesem Fall nicht wirklich um Unbestimmtheit handelt, sondern viel eher um Bestimmtheit, die sich jedoch aufgrund des jeweils vorliegenden Kontextes ändern kann. Satzbedeutung ist für ihn immer Situationsbedeutung, da jede Aussage immer direkt in einem Kontext wahrgenommen wird, d.h. es gibt nach Fish keine kontextfreien Aussagen.
Nach ihm verstehen wir einen Satz sofort, auch auf die Gefahr hin, dass wir ihn falsch verstehen, wie hier am Beispiel des Dozenten veranschaulicht wurde. Zwischen der Verarbeitung und dem Verständnis der Bedeutung einer Aussage existiert kein Moment der Interpretation: Jene Bedeutung, die uns innerhalb einer Situation am naheliegendsten erscheint, wird sofort abgerufen, ist also sofort präsent. Fish glaubt, dass es niemals einen Moment gibt, in welchem man nichts denkt, „when consciousness is innocent of any and all categories of thought“ 5 . Eine Distanz zwischen der Aufnahme einer Aussage und der Festlegung ihrer Bedeutung, „a kind of dead space when one has only the words and then faces the task of construing them“ 6 , ist für ihn undenkbar. Für ihn gibt es nur einen Schritt: Wir verstehen eine Aussage immer sofort innerhalb einer Normenstruktur, welche nicht abstrakt oder unabhängig ist, sondern sozial, eine Normenstruktur, die sich nicht in der Sprache an sich befindet, sondern:
4 Fish, Stanley: Is There a Text in this Class? The Authority of Interpretive Communities. Cambridge, Mass., London 1980, S. 42.
5 Fish, Stanley: Is There a Text in this Class? The Authority of Interpretive Communities. Cambridge, Mass., London 1980, S. 53.
6 Fish, Stanley: Is There a Text in this Class? The Authority of Interpretive Communities. Cambridge, Mass., London 1980, S. 52.
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Christina Schmitt, 2005, Ein Vergleich der Theorien Stanley Fishs und Helmuth Feilkes zum Verstehensprozess, München, GRIN Verlag GmbH
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Zu: Ferdinand de Saussure - "Cours de linguistique générale"
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