Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Die Zeit der Jahrhundertwende 4
2.1 Historisch-politische Hintergründe 4
2.2 Geistig - sittliche Wende 6
2.3 Weibliche Bildung um die Jahrhundertwende 6
2.3.1 Querelle des femmes 8
2.3.2 Hausväterliteratur 9
2.3.3 Das „gelehrte Frauenzimmer“ 14
2.3.4 Das Hallesche Gynäceum. 15
3. Aufklärung 19
3.1 Grundzüge der Aufklärung. 19
3.2 Weibliche Bildung zu Beginn der Aufklärung 22
3.2.1 Die „Moralischen Wochenschriften“ 22
3.2.2 Frauen im Umkreis der Universitäten in der Mitte des 18. Jahrhunderts. 25
3.2.2.1 Dorothea Christiane Erxleben 27
3.3 Die Konstituierung des Geschlechtscharakters zur Zeit der Spätaufklärung 29
3.4 Jean-Jacques Rousseau 31
3.4.1 „Emile“ 32
3.5 Das philanthropische Modell der dreifachen weiblichen Bestimmung. 34
3.6 Der geschlechterpolaristische Entwurf der deutschen Idealisten 39
3.7 Gegenstimmen zur Hauptströmung der Theorien zur weiblichen Bildung. 40
3.7.1 Amalia Holst. 41
3.7.2 Radikal-emanzipatorische Akzente durch Theodor Gottlieb von Hippel 42
4. Schlussbetrachtung. 44
5. Quellenangaben 47
1. Einleitung
Eine Epoche, in der viele unserer heutigen Bildungsideale entstanden sind, ist das 18. Jahrhundert, das auch heute noch als das Jahrhundert der Aufklärung und als das „Pädagogische Jahrhundert“ bezeichnet wird. Es waren nie zuvor derart viele pädagogische Schriften veröffentlicht worden wie in diesem Jahrhundert, und mit nie zuvor gekannter Intensität wurde in diesen Schriften das Thema „weibliche Bildung“ angesprochen und diskutiert. Doch welche (unterschiedlichen?) Positionen wurden von den damaligen Pädagogen, Theologen und Psychologen in Bezug auf die weibliche Bildung eingenommen wie verhielt es sich dagegen in der Realität zu dieser Zeit mit der Frauenbildung? Verlief die Bildung der Frauen innerhalb des Jahrhunderts kontinuierlich und vor allem: Welchen Einfluss hatte die erblühende Aufklärung auf die Mädchen- und Frauenbildung, bzw. konnten Frauen von dieser profitieren?
Um diese Fragen zu klären, werde ich zu Beginn meiner Hausarbeit, nach einer Einführung in die damaligen historischen Ereignisse und Umbrüche, zuerst klären welche Einflüsse das 17. Jahrhundert in Bezug auf die weibliche Bildung zu verzeichnen hatte und in wieweit diese das Frauenbild zur Jahrhundertwende (17./18. Jahrhundert) beeinflusst haben. Diesbezüglich werde ich mich der „Querelle des femmes“ sowie der Hausväterliteratur beschäftigen, welche zu dieser Zeit weit verbreitet waren und durchaus ihren Beitrag zur Erschaffung eines bestimmten weiblichen Idealbildes beigetragen haben - außerdem werde ich auf das um die Jahrhundertwende vieldiskutierte Ideal des „gelehrten Frauenzimmers“ eingehen. Nachdem ich anschließend mit August Hermann Francke und seinem Gynäceum ein sehr rares Beispiel des Versuchs einer institutionalisierten Mädchenbildung angesprochen haben werde, werde ich darauf folgend am Beispiel der „Moralischen Wochenschriften“ auf die weibliche Bildung, bzw. auf die weiblichen Bildungstheorien der Frühaufklärung eingehen und anschließend auf die Möglichkeiten der Frauen, Mitte des 18. Jahrhunderts eine universitätere Ausbildung zu genießen. Anschließend werde ich versuchen zu skizzieren, welche Einflüsse der große Jean-Jacques Rousseau zur Zeit der beginnenden Spätaufklärung mit seinen Theorien und seinem Erziehungsroman „Emile“ auf die Bildung der Frauen nahm und wie diese Einflüsse ab den 70er jahren des Jahrhunderts aufgegriffen und in der Definition abgewandelt wurden. Außerdem werde ich die sogenannten pädagogischen Gegenströmungen ansprechen, die sich zu dieser Zeit entgegen der „Hauptströmung“ entwickelten.
In meiner Hausarbeit werde ich aufgrund des gesetzten Rahmens lediglich auf die sogenannte „höhere Frauenbildung“ innerhalb des Bürgertums eingehen können, die Ausbildung der Frauen der „niederen Stände“ und des Adels werde ich in diese Ausarbeitung daher leider nicht einschließen können.
Außerdem ist zu erwähnen, dass die Bildung der Frauen im 18. Jahrhundert keinesfalls kontinuierlich und flächendeckend verlief, keinesfalls als homogen zu bezeichnen ist, so dass ich versuchen werde, zumindest einige der prägendsten oder auffälligsten Einflüsse abzubilden.
2. Die Zeit der Jahrhundertwende
2.1 Historisch-politische Hintergründe
Die Auswirkungen des 30-jährigen Krieges waren in Deutschland auch zu Beginn des 18. Jahrhunderts noch deutlich zu spüren: Der Partikularismus, die Zersplitterung Deutschlands in einzelne Fürstentümer, war durch den Westfälischen Frieden (1648) besiegelt worden. Deutschland zerfiel in fast 2000 Gebiete 1 und war im 17. Jh. politisch weitgehend durch den Absolutismus geprägt, der uneingeschränkten Herrschaft eines Königs oder Fürsten. Der absolute Staat stand über einer Gesellschaft, in der jeder in einen bestimmten Stand hineingeboren wurde, den er nicht verlassen konnte. An der Spitze dieser Ständegesellschaft befand sich der Adel, der zwar vom absolutistischen Herrscher politisch entmachtet worden war, aber dafür die Privilegien der Steuerfreiheit und der Grundherrschaft besaß. Das Bürgertum war einerseits Träger und Profiteur der staatlich gelenkten Wirtschaft (Merkantilismus), hatte aber keinen politischen Einfluss, wie der Adel, und genoss zudem keine Privilegien. Die größte Last mussten die Bauern tragen, indem sie Steuern für den Staat und Abgaben für den Grundherrn, auf dessen Land sie arbeiteten, leisten mussten. Die katholische und die protestantische Kirche waren mit den Königen und Fürsten verbunden und predigten gerade der ländlichen Bevölkerung Ergebenheit in ihr angeblich gottgewolltes Schicksal 2 . Die Höfe und der Adel orientierten sich stark an ausländischen Sitten und versuchten damit eine Abgrenzung zum übrigen Volk, zum „Pöbel“, sichtbar zu machen. Der 30-jährige Krieg
1 Brokmann-Nooren, Christiane: Weibliche Bildung im 18. Jahrhundert: gelehrtes Frauenzimmer und gefällige Gattin. Oldenburg 1992.
http://www.bis.unioldenburg.de/publikationen/bisverlag/browei94/kap2.pdf#search='Geschichte %20der%20M%C3%A4dchenbildung%20in%20Deutschland'
2 Die deutsche Aufklärung.
http://www.ni.schule.de/~pohl/literatur/epochen/aufklaer.htm
hatte sich jedoch nicht nur auf territorialer und politischer Ebene ausgewirkt, auch geistige und sittliche Einflüsse lassen sich noch weit bis in das 18. Jahrhundert hinein verfolgen. Durch den Partikularismus war es zu einer Steigerung der fürstlichen Macht und damit verbunden zu einer stärkeren Unterwürfigkeit des Adels gekommen. „Nationalgefühl“ gab es in diesen Kreisen nicht mehr, vielmehr orientierte man sich an anderen Ländern, besonders an französischen Sitten und Gebräuchen. Spätere Kritiker haben diese Zeit als „sittliche Verderbnis der Nation“, als „Verfall des Volksgeistes“ bezeichnet, der sich vor allem an oberflächlicher Bildung, an der Verachtung ernsterer Beschäftigung, an kleinlicher Eitelkeit, rücksichtsloser Eigenliebe sowie an Schmeichelei und Liebesdienerei festmachen ließe 3 :
„Deutsche Edelleute, Studenten und Bürger ahmten die Trachten und Manieren der fremden Kriegsleute nach, ließen ihr Haar in Zöpfen gekräuselt hinter den
Wams und zierlichem mit Schärpe und Sarras, züchtige, die kleidsame heimische Tracht mit den koketten Entblößungen der französischen oder der unschönen Steifheit und den künstlichen
Umpolsterungen der spanischen Mode. Die
und Hans Sachs wurden mit Bestandteilen der dem abenteuerlichsten Kauderwelsch vermengt, (...) 4 “
Es gab kaum Proteste gegen diese neuen gesellschaftlichen Zustände in Deutschland. Selbst die Gelehrten schwiegen zu dem Übermut, der Eitelkeit und der Leichtfertigkeit der vornehmen Stände, wenn sie nicht sogar zustimmten oder die Lage beschönigten. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurden zwar an den Höfen vereinzelt Gelehrtentum und Wissenschaft gelobt, gelehrte Studien und Bemühungen für eine breitere Volksbildung wurden jedoch kaum unterstützt 5 .
3 Brokmann-Nooren, Christiane: Weibliche Bildung im 18. Jahrhundert: gelehrtes Frauenzimmer und gefällige Gattin. Oldenburg 1992.
http://www.bis.unioldenburg.de/publikationen/bisverlag/browei94/kap2.pdf#search='Geschichte %20der%20M%C3%A4dchenbildung%20in%20Deutschland'
4 Biedermann, Karl: Deutschland im 18. Jahrhundert. Deutschlands geistige, sittliche und gesellige Zustände im 18. Jahrhundert. Leipzig 1880, S. 51. In: Brokmann-Nooren, Christiane: Weibliche Bildung im 18. Jahrhundert: gelehrtes Frauenzimmer und gefällige Gattin. Oldenburg 1992.
http://www.bis.unioldenburg.de/publikationen/bisverlag/browei94/kap2.pdf#search='Geschichte %20der%20M%C3%A4dchenbildung%20in%20Deutschland'
5 Brokmann-Nooren, Christiane: Weibliche Bildung im 18. Jahrhundert: gelehrtes Frauenzimmer und gefällige Gattin. Oldenburg 1992.
http://www.bis.unioldenburg.de/publikationen/bisverlag/browei94/kap2.pdf#search='Geschichte %20der%20M%C3%A4dchenbildung%20in%20Deutschland'
2.2 Geistig - sittliche Wende
Nachdem sich anfangs das Bürgertum und teilweise die Gelehrtenkreise am Verhalten der Höfe und des Adels orientiert hatten oder dieses Verhalten zumindest tolerierten, begann zu Beginn des 18. Jahrhunderts eine Gegenbewegung des bürgerlich-sittlichen Bewusstseins: Die Mittelklassen begannen ein selbstbewusstes geistiges Aufstreben und die Träger einer soliden Bildung begannen nun gegen die Oberflächlichkeit der herrschenden Kreise aufzubegehren. Im Zusammenhang mit der Staats- und Wirtschaftsentwicklung wurden Wissen und Bildung zunehmend wichtig. Sie gelten als wesentliche Voraussetzung für die Möglichkeiten (die nach wie vor sehr eingeschränkt waren), von „unten herauf“ Karriere zu machen 6 .
2.3 Weibliche Bildung um die Jahrhundertwende
Bevor das 18. Jahrhundert als eigentlicher Schwerpunkt dieser Arbeit auf Vorstellungen über Mädchen- und Frauenbildung untersucht wird, bleibt an dieser Stelle die Frage zu beantworten, ob an der Schwelle zum 18. Jahrhundert ein eindeutiges Frauenbildungsideal existierte, bzw. wie es sich damals mit der höheren
Mädchenbildung verhielt. Die Praxis der Mädchenbildung des 17. Jahrhunderts stellt sich zusammengefasst so dar, dass infolge des 30-jährigen Krieges der Mädchenunterricht vielfach grob vernachlässigt wurde. Breite Volkskreise hatten außerdem Angst vor den „Gefahren“ der außerhäuslichen Schulbildung, schließlich, so war man der Ansicht, könnte Schulbildung das Mädchen, bzw. die Frau von ihren „eigentlichen“ Aufgaben und Pflichten entfremden. Auf der anderen Seite festigte sich jedoch im Laufe dieses Jahrhunderts der in der Reformationszeit entstandene Gedanke, dass auch Mädchen unterrichtet werden müssen. Dieser Vorstellung wurde auch aufgrund fehlender Mittel und Lehrkräfte oftmals nicht realisiert. Es zeigt sich daran jedoch auch, dass dem Mädchenunterricht zu dieser Zeit eindeutig weniger Notwendigkeit zugesprochen wurde als dem Unterricht der Knaben - daher musste die Bildung der Mädchen unter dem Krieg auch erheblicher leiden. Viele der im 16. Jahrhundert entstandenen Mädchenschulen wurden im 17. Jahrhundert geschlossen oder aber in sogenannte zweifelhafte„Privat- oder Winkelschulen“ umgewandelt, in welchen Mädchen und Jungen aus ökonomischen Gründen gemeinsam unterrichtet
6 Brokmann-Nooren, Christiane: Weibliche Bildung im 18. Jahrhundert: gelehrtes Frauenzimmer und gefällige Gattin. Oldenburg 1992.
http://www.bis.unioldenburg.de/publikationen/bisverlag/browei94/kap2.pdf#search='Geschichte %20der%20M%C3%A4dchenbildung%20in%20Deutschland'
wurden 7 . In einigen Reformversuchen größeren Stils erfuhr die Mädchenbildung jedoch immer mehr Berücksichtigung.
Bereits Johann Amos Comenius (1592-1670) 8 , einer der bedeutendsten Pädagogen des 17. Jahrhunderts, hatte, zumindest für seine Zeit, weitgehende Forderungen bezogen auf die Bildung des weiblichen Geschlechts gestellt. Seinem Grundsatz "Omnes, omnia, omnino" (lat.: „Alle Menschen sollen alle Dinge der Welt vollständig erlernen dürfen“) folgend, betonte er in seinem Werk über die Verbesserung der menschlichen Verhältnisse durch Bildung, der „Didactica Magna“ (1657), dass alle Kinder, ob reich oder arm, adelig oder unadelig, städtisch oder ländlich, männlich oder weiblich, die Schule besuchen sollten. Er ging davon aus, dass beiden Geschlechter eine gemeinsame Wissensbasis vermittelt werden sollte, dass es aber durchaus geschlechtsspezifische Spezialisierungen geben kann und muss. So sollte die Mädchenerziehung noch stärker als die der Knaben auf ein „religiös-sittliches Hauptziel“ ausgerichtet werden 9 . Comenius` Forderung bezüglich verstärkter, bzw. verbreiteter Frauenbildung bewegte sich eindeutig im Rahmen der gesellschaftlichen Verhältnisse: Frauen sollten sich nicht etwa bilden, um daraufhin einen Beruf zu ergreifen, vielmehr sollten sie dadurch noch besser auf ihren späteren Beruf als „Hausmutter“ vorbereitet werden.
Ähnlich argumentierte zu dieser Zeit auch der französische Geistliche und Schriftsteller François de Salignac de La Mothe Fénelon (1651-1715) mit seiner 1687 erschienenen und vielbeachteten Schrift "Traité sur l`Education des Filles" 10 , welche an die Frauen der höheren Stände gerichtetet ist, denen er die Erziehung der eigenen Kinder als vornehmste Aufgabe zuschreibt. Er weist Frauen einen für die Gesellschaft notwendigen Tätigkeitsbereich zu und verlangt dafür eine Erziehung, die ihr die dazu nötige Sachkenntnis und Verantwortlichkeit vermittelt. Gleichzeitig begrenzt er den Wirkungskreis einer Frau auf den einer Hausfrau und Mutter und lehnt alle darüber hinaus gehenden Bildungsbemühungen von Frauen ab, stuft diese sogar als schädlich ein. Der Unterrichtsstoff, den er für Mädchen vorsieht, ordnet sich der Befähigung zur Erfüllung der weiblichen Aufgaben (Erziehung der Kinder, Haushaltsführung) gänzlich unter 11 .
7 Brokmann-Nooren, Christiane: Weibliche Bildung im 18. Jahrhundert: gelehrtes Frauenzimmer und gefällige Gattin. Oldenburg 1992.
http://www.bis.unioldenburg.de/publikationen/bisverlag/browei94/kap1.pdf#search='Geschichte %20der%20M%C3%A4dchenbildung%20in%20Deutschland'
8 Ebd.
9 Ebd.
10 Böhm, Winfried: Männliche Pädagogik - weibliche Erziehung? Innsbruck 1989, S. 23.
11 Brokmann-Nooren, Christiane: Weibliche Bildung im 18. Jahrhundert: gelehrtes Frauenzimmer
2.3.1 Querelle des femmes
Neben Philosophen, Theologen und Pädagogen, die sich mit unterschiedlichen, sich teilweise widersprechenden Ansichten über die Inhalte, aber mit ähnlicher Zielsetzung für die Mädchenbildung aussprachen, gab es im 16. und 17. Jahrhundert eine umfassende Diskussion über das damalige Frauenbild und damit zusammenhängend auch über Frauen und Wissenschaft, welche in der „Querelle des femmes“ zusammengefasst wurde. In den Mittelpunkt rückte im 17. Jahrhundert innerhalb der Querelle des femmes die Frage nach der Fähigkeit des weiblichen Intellekts zum Studium, nach der moralischen Zuverlässigkeit von Frauenbildung und nach der gesellschaftlichen Verortung weiblicher Gelehrter. Frauenbildung war zu dieser Zeit überwiegend ein Thema, an dem sich Männer profilierten, was in Form von Dissertationen und akademischen Disputationen sowie in Form von Frauenlexika, in welchen die Namen gelehrter Frauen aus allen Jahrhunderten zusammengestellt sind, geschah 12 .
Die Querelle des femmes lässt sich unterteilen in ein „frauenfeindliches“ Lager, welches sogar das „Menschsein“ der Frau abwertet und damit den Herrschaftsanspruch des Mannes rechtfertigt, und in ein relativ „frauenfreundliches“ Lager, welches Frauen in ihrer Würde zu verteidigen suchte und sie den Männern gleichstellte, aber auch überordnete. Beide Positionen wurden an Frauengestalten aus Geschichte, Literatur und Mythologie verifiziert. Der überwiegende Teil dieser Werke, vielfach auch die frauenfreundlicheren Autoren, versuchte durch bestimmte Bibelinterpretationen Frauen von Wissen und verantwortlichen Positionen auszuschließen und ihnen nur den Zugang zu jenen Wissensgebieten zu ermöglichen, die für ihre „Bestimmung“ als Gattin, Mutter und Hausfrau hilfreich waren 13 . Jene, die den Frauen eine umfassendere Bildung zustanden (so zum Beispiel auch Johann Gerhard Meuschen (1680-1743), Theologe und Philosoph, der Frauen durchaus zustand „verständig, gelehrt, klug, weisheitsvoll, tapfer, bered, courageuse, galant und in vielen Wissenschaften erfahren zu sein“. Sie durften ihm zufolge „tapferen Heldenmuth zeigen und „über Erudition, Conduite, Gottesfurcht, klugen, feurigen, munteren Geist, über Eloquence, Prudence, Ingenium,
und gefällige Gattin. Oldenburg 1992.
http://www.bis.uni-oldenburg.de/publikationen/bisverlag/browei94/kap6.pdf#search= 'm%C3%A4dchenbildung%2018.%20Jahrhundert'
12 Fietze, Katharina: Frauenbildung in den „Querelle des femmes“. In: Kleinau, Elke und Opitz, Claudia (Hrsg.): Geschichte der Mädchen- und Frauenbildung. Frankfurt/Main 1996, S. 242.
13 Ebd., S. 237.
Esprit, Devotion und vortreffliche Memoire verfügen. 14 “), taten dies nur unter der Voraussetzung, dass diese ihre „eigentliche“ Aufgabe nicht vernachlässigten. Verstandesbildung wurde so bei Frauen akzeptiert, toleriert und teilweise sogar propagiert, solange ein bestimmter Lebenswandel eingehalten und ungeschriebene Verhaltensgrenzen nicht überschritten werden. Die weibliche Rolle in der Gesellschaft, die der Ehefrau und Mutter, wurde nicht infrage gestellt.
2.3.2 Hausväterliteratur
Mit der sogenannten „Hausväterliteratur“, die sich sowohl an Männer als auch an Frauen wandte, liegt eine Literaturgattung des ausgehenden 16. bis zum ausgehenden 18. Jahrhundert vor, die sich ebenfalls dem Thema weibliche Bildung - wenn auch eher sekundär - annimmt. Man erfährt nicht unmittelbar, was Frauen wissen sollen und dürfen, wir erfahren jedoch vieles darüber, welche Aufgaben und Pflichten eine „Hausmutter“ zu erfüllen hatte. Inhaltlich umfassen die Werke der Hausväterliteratur die Gesamtheit des Wissens, das für die Leitung eines ländlichen Hauswesens benötigt wurde. Dazu zählten die religiösen Aufgaben des Hausvaters, die häuslichen Sozialbeziehungen, die sozialen Aufgaben von Hausvater und Hausmutter, die hauswirtschaftlichen, landwirtschaftlichen und gewerblichen Techniken, juristische Kenntnisse sowie Kenntnisse für die Gründung eines Haushaltes 15 - für die überwiegende Mehrheit der Mädchen und jungen Frauen dieser Zeit gehörten Eheschließung und damit verbunden die Gründung eines eigenen Hausstandes zu den selbstverständlichen Bestandteilen ihrer Lebensplanung 16 . Die Hausväterliteratur ging auch noch in ihren späteren Zeiten von dem Familienleitbild aus, welches im 16. Jahrhundert im Zuge der Reformation auftrat:
„(...) die soziale und räumliche Einheit von Familie, Haushaltung und Betrieb, zu der alle gehörten, die dort lebten, wohnten, arbeiteten und aßen: Eltern,
14 Meuschen, Johann Gerhard: Courieuse Schau=Bühne Durchläuchtigst=Gelahrter Dames, Als Kayser=, König= Chur= und Fürstinnen auch anderer hohen Durchläuchtigen Seelen Aus Asia, Africa und Europa, Voriger und itziger Zeit/ Allen hohen Persohnen zu sonderbahrer Gemüths=Ergötzung geöffnet. Frankfurt und Leipzig, 1706. In: Brokmann-Nooren, Christiane: Weibliche Bildung im 18. Jahrhundert: gelehrtes Frauenzimmer und gefällige Gattin. Oldenburg 1992.
http://www.bis.unioldenburg.de/publikationen/bisverlag/browei94/kap3.pdf#search='Geschichte %20der%20M%C3%A4dchenbildung%20in%20Deutschland'
15 Brokmann-Nooren, Christiane: Weibliche Bildung im 18. Jahrhundert: gelehrtes Frauenzimmer und gefällige Gattin. Oldenburg 1992.
http://www.bis.unioldenburg.de/publikationen/bisverlag/browei94/kap4.pdf#search='Geschichte %20der%20M%C3%A4dchenbildung%20in%20Deutschland'
16 Dürr, Renate: Von der Ausbildung zur Bildung. Erziehung zur Ehefrau und Hausmutter in der frühen Neuzeit. In: Kleinau, Elke und Opitz, Claudia (Hrsg.): Geschichte der Mädchen- und Frauenbildung. Frankfurt/Main 1996, S. 189.
Kinder, Gesinde und die im Haus mitwohnenden Verwandten und Schutzbefohlenen. In diesem großen Sozialgebilde kamen jedem Mitglied Aufgaben und Pflichten gegenüber dem ganzen und gegenüber den anderen Mitgliedern zu. An der Spitze stand - vermittelt durch die antike Tradition des „pater familias“ - der Hausvater als Familienoberhaupt; mit ihm zusammen führte und leitete die Hausmutter das gemeinsame Hauswesen. 17 “
Martin Luther, der berühmteste Verfechter reformatorischer Gedanken seiner Zeit, erhob diese häusliche Ordnung zu einer „von Gott gewollten“ Ordnung, die Ehe als einen „von Gott eingesetzten“ Stand. Die Rechte und Pflichten des den Hausstand leitenden Hausvaters und der mit ihm regierenden Hausmutter gegenüber ihren Anvertrauten und gegenüber des ganzen Hauses wurden somit zu „heiligen“ Rechten und Pflichten, außerdem erhielten sie „priesterliche Aufgaben“, indem sie ihre Kinder und ihr Gesinde im Glauben unterweisen und die Pflege des Glaubens und das Befolgen der Gebote aller Hausangehörigen überwachen sollten. Als „Gott wohlgefällig“ galten nun vor allem die häuslichen Aufgaben und Pflichten, insbesondere das Kindergebären und die Kindererziehung. Während das Haus zuvor als eine Stätte der Erhaltung und Vermehrung des Besitzes angesehen wurde, so galt es zur Zeit Luthers als „eine religiöse und sittliche Institution“ 18 . Dieses Familienleitbild wurde erfolgreich unter dem Volk verbreitet, besonders durch das Vorbild des protestantischen Pfarrhauses, durch die Predigten über den christlichen Hausstand und über den Katechismus, aber auch durch die sich seit dem 16. Jahrhundert ausbreitende „Hausväterliteratur“
Dem Anspruch nach galten die „Hausmütterpflichten“ für jede verheiratete Frau unabhängig von ihrem Alter, Stand und Vermögen. In den Ausführungen der „Hausväterliteratur“ jedoch wird deutlich, dass in erster Linie begüterte Männer und Frauen aus den ländlichen wie städtischen protestantischen Mittel- und Oberschichten vor Augen hatten - Gesinde und Vorratshaltung gehörten zu der beschriebenen Haushaltsführung wie selbstverständlich dazu 19 .
Der Hausvater als Herrscher über das Hauswesens stand im Mittelpunkt aller Werke, die zur Hausväterliteratur gezählt werden können. Wenn man sich die in diesen Werken die festgelegten Rollen von Hausvater und Hausmutter genauer ansieht, wird die Orientierung an der männlichen Herrschaftsrolle deutlich. Zu jener Zeit wurde den
17 Böhm, Winfried: Männliche Pädagogik - weibliche Erziehung? Innsbruck 1989, S. 31.
18 Ebd., S. 32.
19 Dürr, Renate: Von der Ausbildung zur Bildung. Erziehung zur Ehefrau und Hausmutter in der frühen Neuzeit. In: Kleinau, Elke und Opitz, Claudia (Hrsg.): Geschichte der Mädchen- und Frauenbildung.Frankfurt/Main 1996, S. 190.
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Christina Schmitt, 2005, Theorien zur weiblichen Bildung im 18. Jahrhundert, München, GRIN Verlag GmbH
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