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Inhaltsverzeichnis
Einleitung. 4
Maurice Halbwachs und das Gedächtnis 5
Jan Assmann und das Gedächtnis 8
„Kalte“ und „heiße“ Gesellschaften 10
Die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit in der Bundesrepublik. 12
Der Umgang mit der NS-Vergangenheit in Italien. 18
Unterschiede und Gemeinsamkeiten. 24
Zusammenfassung 26
Literaturverzeichnis 27
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Einleitung
Mit der vorliegenden Arbeit möchte ich mich mit dem Begriff der Erinnerungskultur auseinandersetzen. Es erscheint mir sehr interessant, was eine bestimmte Gruppe oder auch Gesellschaft erinnert und was sie vergißt. Mit Blick auf die bundesdeutsche Gesellschaft ist festzustellen, daß kein Ereignis in der jüngsten Vergangenheit so einschneidend und weiterhin prägend ist, wie die Zeit des Nationalsozialismus und des Holocaust.
Im ersten Teil möchte ich mit den Autoren Maurice Halbwachs, Jan Assmann und Claude Lévi-Strauss eine theoretische Begriffserklärung versuchen. Zentral sind dabei die Konzepte zur Erinnerung, deren verschiedene Formen und Bilder. Maurice Halbwachs ist es dabei zu verdanken, die These aufgestellt zu haben, daß unsere Erinnerung immer sozial bedingt ist und unterschiedlichen Bezugsrahmen unterliegt. Der Autor Jan Assmann führt diese These weiter und unterscheidet das kommunikative und das kulturelle Gedächtnis. Dabei bezieht er sich auf die Arbeit von Claude Lévi-Strauss, deren Einteilung von „heißen“ und „kalten“ Gesellschaften als Analyse für verschiedene Formen von Gesellschaft sehr hilfreich ist. In einem zweiten Teil möchte ich die ausgeführten theoretischen Grundlagen an den Beispielen der deutschen und der italienischen Aufarbeitung der NS-Zeit prüfen. Wichtig ist dabei das Aufzeigen von Unterschieden und Gemeinsamkeiten. Dabei stütze ich mich auf die Arbeiten von Peter Burke, Klaus Naumann und Birgit Rommelspacher, sowie auf die italienischen Autoren Bruno Groppo, Claudio Natoli, Claudio Pavone und Anna Bravo.
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Maurice Halbwachs und das Gedächtnis
Eine Form der Mnemotechnik ist die Gedächtniskunst. Nach Cicero besteht das Prinzip darin, bestimmte Orte auszuwählen, von Dingen, die man im Gedächtnis behalten will, geistige Bilder herzustellen und sie an die Orte zu heften. Durch die spezifische Reihenfolge der Orte wird die Anordnung des Stoffes bewahrt und das Bild der Dinge bezeichnet die Dinge. Diese Mnemotechnik ist dadurch sehr individuell und bleibt vor allem dem Künstler überlassen. Der Begriff der Erinnerungskultur aber bezieht sich auf die Einhaltung einer sozialen Verpflichtung. Sie ist gruppenbezogen und befaßt sich mit der Frage „Was darf nicht vergessen werden?“. In den Gruppen, in denen diese Frage zentral ist und damit die Identität und das Selbstverständnis der Gruppe prägt, kann von „Gedächtnisgemeinschaften“ geredet werden. Das Gedächtnis stiftet also Gemeinschaft. Somit ist in jeder Form von sozialer Gruppe Erinnerungskultur vorhanden.
Die Zeit, speziell die Vergangenheit, spielt in der Erinnerungskultur eine zentrale Rolle. In der Erinnerung wird die Vergangenheit immer wieder rekonstruiert.
Besonders der französische Soziologe Maurice Halbwachs beschäftigte sich in seinen Werken mit der These der sozialen Bedingtheit des Gedächtnisses. Im Vordergrund standen für ihn nicht die körperlichen Grundlagen des Gedächtnisses, sondern die sozialen Bezugsrahmen, ohne die sich kein individuelles Gedächtnis bilden und erhalten könnte. Obwohl jedes Individuum ein einzigartiges Gedächtnis hat, wird dieses Gedächtnis aber kollektiv durch die Sozialisation geprägt. Zwar haben Kollektive kein Gedächtnis, aber sie bestimmen das Gedächtnis ihrer Mitglieder, denn Erinnerungen entstehen ausschließlich durch Kommunikation und Interaktion im Rahmen sozialer Gruppen. Den Begriff des „sozialen Rahmens“ führte Halbwachs ein und stellt fest, daß sie die Erinnerung konstituieren und stabilisieren. Mit dieser Theorie wird
nicht nur das Erinnern erklärt, sondern auch das Vergessen. Das bedeutet, daß, wenn ein Mensch oder auch eine Gesellschaft nur das zu erinnern vermag, was als Vergangenheit innerhalb der Bezugsrahmen einer bestimmten Gegenwart rekonstruierbar ist, dann wird genau das vergessen, was in dieser Gegenwart keinen Bezugsrahmen mehr hat. Man erinnert also nur das, was man kommuniziert und was man in den Bezugsrahmen des Kollektivgedächtnisses lokalisieren kann. Ändern sich
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Teile des Bezugsrahmens oder verschwinden sie ganz, ist Vergessen die Folge. Somit ist auch das Vergessen ein soziales Phänomen. Um sich zu erinnern, müssen Ideen versinnlicht werden, bevor sie als Gegenstände im Gedächtnis Platz finden. Bei diesem Prozeß findet eine Verschmelzung von Begriff und Bild statt. „Eine Wahrheit muß sich, um sich in der Erinnerung der Gruppe festsetzen zu können, in der konkreten Form eines Ereignisses, einer Person, eines Ortes darstellen.“ 1 Folglich ist auch die Umkehrung nötig: Damit ein Ereignis im Gruppengedächtnis weiterlebt, muß es einen Sinn erhalten. Maurice Halbwachs nennt das Ergebnis dieses Prozesses „Erinnerungsbilder“.
Diese Bilder sind immer raum- und zeit-konkret, wenn auch nicht immer mit geographischem oder historischem Bezug. Zeitkonkret bedeutet, daß sich einerseits auf besondere Ereignisse bezogen wird, und andererseits periodisch Bezug auf die Erinnerung genommen wird, zum Beispiel durch Festkalender. Zum räumlichen Erinnerungsrahmen gehört die das Ich umgebende Dingwelt. Dabei ist diese Dingwelt, wie Möbel und Geräte, sozial geprägt. Sie haben einen Preis, einen Wert und sind nicht zuletzt ein Statussymbol. Jede Gruppe ist bestrebt, sich Orte zu schaffen, die nicht nur Schauplätze für ihre Interaktion sind, sondern auch Symbole ihrer Identität und Fixpunkte ihrer Erinnerung.
Das Gedächtnis eines Kollektives ist immer auf seine Mitglieder bezogen und kann nicht beliebig übertragen werden. Nur wer zur Gruppe gehört, kann an ihm teilhaben. Damit sind die Erinnerungsbilder auch identitätskonkret. In ihnen drückt sich die allgemeine Haltung der Gruppe aus. Damit reproduzieren die Erinnerungsbilder nicht nur die Vergangenheit, sondern definieren auch die Eigenschaften und die Wesensart der Gruppe. Die soziale Gruppe bewahrt ihre Vergangenheit nach zwei Punkten auf: Eigenart und Dauer. Bei der Erstellung des Selbstbildes wird die Differenz nach außen betont, die nach innen heruntergespielt. Dazu kommt, daß sich ein Identitätsbewußtsein über eine zeitliche Dauer herausbildet: Die erinnerten Fakten werden auf Entsprechungen, Ähnlichkeiten und Kontinuitäten hin ausgesucht. Da eine Gruppe nach Dauer strebt, versucht sie Veränderungen zu vermeiden und Geschichte als veränderungslose Dauer anzusehen.
Ein weiteres Merkmal des Kollektivgedächtnisses ist seine Rekonstruktivität. In keinem Gedächtnis wird die Vergangenheit als solches aufbewahrt, sondern nur das,
1 Assmann, Jan. Das kulturelle Gedächtnis. München. 1999. S.38 f.
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was die Gesellschaft in einem bestimmten Zeitraum und den spezifischen Bezugsrahmen rekonstruieren kann. Sie wird ständig von den sich verändernden Bezugsrahmen der sich fortbewegenden Gegenwart her reorganisiert. Das kollektive Gedächtnis bewegt sich damit in zwei Richtungen: Es rekonstruiert die Vergangenheit und organisiert gleichzeitig die Erfahrungen der Gegenwart und Zukunft.
Halbwachs stellt dem kollektiven Gedächtnis die Geschichte gegenüber. Wo das Gedächtnis des Kollektivs nur Kontinuitäten wahrnimmt, schaut die Geschichte auf Differenzen und Brüche. Während das Gruppengedächtnis die Differenz der eigenen Geschichte zu der anderer Gruppengedächtnisse betont, gleicht die Geschichte diese Differenzen aus und reorganisiert ihre Fakten in einem homogenen historischen Raum, in dem alles vergleichbar und gleich wichtig ist. Deswegen ist für Maurice Halbwachs die Geschichte kein Gedächtnis, weil es immer nur ein kollektives, also gruppenspezifisches, Gedächtnis gibt. Er ist eher der Ansicht, daß das Verhältnis von Gedächtnis und Geschichte, eines der Abfolge ist. Wo die Vergangenheit nicht mehr erinnert und nicht mehr gelebt wird, fängt die Geschichte an. Gleichzeitig grenzt Maurice Halbwachs das kollektive Gedächtnis gegen den Begriff der „Tradition“ ab. Denn Tradition ist für ihn keine Form der Erinnerung, sondern eine Verformung dieser. Die Unterscheidung zwischen Erinnerung und Tradition wird dabei aber problematisch, da die Ubergänge zwischen beiden fließend sein können.
Arbeit zitieren:
2000, Das kollektive Gedächtnis und die Erinnerung am Beispiel der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit in Deutschland und Italien, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
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