Gliederung:
1. Einleitung
2. Integration - Was ist das?
3. Überblick Integrationstheorien
3.1 Funktionalismus
3.2 Föderalismus
3.3 Neofunktionalismus
3.4 Transaktionismus
3.5 Intergouvernementalismus
3.6 Synkretismus
4. Renaissance der Integrationstheorien
4.1 Supranationalismus
4.2 Liberaler Intergouvernementalismus
5. Fazit
6. Literaturangaben
1. Einleitung
Der Begriff Integration ist zu einem alltäglichen Teil des Wortschatzes geworden. Die Sozialwissenschaften sind dabei jedoch am intensivsten mit der Auseinandersetzung beschäftigt. Für die Politikwissenschaft begannen die Integrationsdebatten im ersten Drittel des letzten Jahrhunderts. Verschiedene Analysefelder boten sich für empirische Bestätigungen der Theorien an, und doch sind die Integrationsdebatten maßgeblich von der Entwicklung der europäischen Integration geprägt. Die theoretischen Diskussionsstränge lassen sich grob in zwei Phasen teilen. Die erste Phase von den 1940er bis zur Mitte der 1970er gilt als der Beginn der Integrationstheorien. In dieser Zeit wurden die heute traditionellen Theorien formuliert und gegeneinander gestellt. Die zweite Phase setzt mit dem Ende der 1980er Jahre ein. Grund für die Teilung der Phasen sind hauptsächlich die Schwächen der ursprünglichen Theorieansätze, die europäische Integration zu erklären. Nachdem auch die Entwicklung der EG/EU ins Stocken kam, ebbten auch die Debatten ab. Erst mit der Revitalisierung der EG/EU versuchten sich Wissenschaftler an verfeinerten und ausdifferenzierteren Erklärungen.
Somit erschien es mir sinnvoll, mit dieser Arbeit einen einführenden Überblick der wichtigsten Integrationstheorien anhand der beiden Phasen zu bieten. Die Gliederung der einzelnen Beiträge orientiert sich dabei an den zeitlichen Folgen bzw. inhaltlich gegenläufigen Ansätzen.
Als inhaltliche Voraussetzung beginnt die Arbeit mit einer Auseinandersetzung mit der Begrifflichkeit der Integration. Jede der beiden Phasen wird zudem durch eine kurze historische Einordnung sowie deren jeweilige Besonderheiten eingeleitet.
2. Integration - Was ist dass?
Schlägt man das Politik-Lexikon von Prof. Everhard Holtmann unter dem Stichwort »Integration« auf, so wird mit jenem Begriff „allgemein die (Wieder)Herstellung eines Ganzen, einer Einheit durch Einbeziehung außenstehender Elemente bezeichnet.“ 1
Jürgen Bellers präzisiert mit seiner Definition im Lexikon der Politik von Dieter Nohlen Integration als Grundlage menschlicher Vergesellschaftung, durch die überge-ordnete Vereinigungen einzelner Individuen oder Gruppen auf sozialer und politischer Ebene erst möglich werden. Dies kann auf nationaler, regionaler oder globaler Ebene geschehen. Im Bereich der internationalen Beziehungen vereinen sich zuvor unabhängige Einzelstaaten zu einer supranationalen Einheit, um als neuer Akteur mit eigens dafür eingerichteten Institutionen aufzutreten. Besonders die Übergeordnetheit des neuen institutionellen Gebildes über Teilbereiche der an der Einheit beteiligten Staaten hält Bellers als ein grundlegendes Merkmal von internationaler Integration fest. Außerdem unterscheidet er drei Dimensionen: Auf ökonomische, politische und/oder kulturell-soziale Ziele können internationale Integrationsprozesse hinaus laufen. 2
Zur ausführlicheren Analyse von supranationalen Einheiten hat Frank Pfetsch einen Katalog an Untersuchungsgegenständen aufgestellt, die an dieser Stelle jedoch nur erwähnt werden sollen. Pfetsch differenziert nach der Ursache und den Zielen sowie nach der Form und den Modalitäten eines Zusammenschlusses. Er fragt zudem nach dem Grad einer Integration, im Sinne einer quantitativen und qualitativen Untersuchung. 3
Ein nicht unwesentlicher Punkt bei der Erläuterung von Integration ist die Vagheit des Begriffs selbst. So bleibt die Frage offen, ob sich der Wortsinn auf den Zustand einer Integration, auf die Einheit an sich, oder auf den Prozess hin zur Einheit bezieht. Ruth Zimmerling fasst die verschiedenen Ansätze zusammen und zitiert den Erklärungsversuch des Neofunktionalisten Ernst B. Haas, der politische Integration als Prozess verstand, „durch den politische Akteure aus mehreren nationalen Umfeldern durch Überzeugung dazu gebracht werden, ihre Loyalitäten, Erwartungen und
1 Vgl. Holtmann, 1994.
2 Vgl. Bellers, 1994.
3 Vgl. Pfetsch, 1994.
politischen Aktivitäten auf ein neues Zentrum zu richten, dessen Institutionen über die zuvor existierenden Nationalstaaten Rechtsgewalt besitzen oder fordern.“ Demgegenüber stellt sie die Auffassung von Amitai Etzioni, welcher Integration als Zustand infolge von politischen Einigungsprozessen deutet, der den Status einer Vereinheitlichung durch die Existenz bzw. Nicht-Existenz bestimmter Merkmale messbar macht. Zimmerling gibt beiden insofern Recht, dass Integration ein Begriff mit »process-product-ambiguity« darstellt, d.h. sowohl die Prozesshaftigkeit als auch ein Zustand lässt sich mit Integration ausdrücken. Dennoch war lange nicht klar, ob erst ein bestimmtes, graduell höheres Produkt einer Einheit eine Integration ausweist (im Sinne Etzionis), oder bereits die Feststellung einer minimalen Verflechtung, unabhängig des absoluten Levels (im Sinne von Haas). Überhaupt ist die Frage nach dem Endziel eines internationalen Integrationsprozesses kaum zu beantworten, so dass Ruth Zimmerling Integration vorerst als Prozess mit offenem Ausgang festhält. Darauf aufbauend spricht sie der integrationsbegleitenden Institutionsbildung eine übergeordnete Relevanz zu. Denn die Entstehung einer politischen Einheit wird gestützt von fest installierten Handlungsapparaten, welche das neue supranationale Gebilde verwalten, wodurch die Einzelstaaten einen Teil ihrer Souveränität abgeben.
4
Prinzipiell lässt sich internationale Integration, trotz des allgemeinen Souveränitätsverlusts der jeweiligen Nationalstaaten als Vorteilspaket für alle Beteiligten sehen. Friedenssicherung, soziale, wirtschaftliche und politische Synergien oder eine Art Manifest über ethisch ähnliche Werte können einen Impuls zur internationalen Einigung auslösen.
3. Überblick Integrationstheorien
Die integrationstheoretischen Debatten hatten ihre Hochzeit von Mitte der 1940er bis in die 1970er. Als wesentlicher Impulsgeber für neue oder reformierte Theorieansätze diente meist das sich immer komplexer vereinende Westeuropa hin zur europäischen Gemeinschaft. Wobei jener Integrationsprozess eine unerwartet eigene, kaum vorsehbare Dynamik entwickelte, die schwer durch eine Theorie beschreibbar gemacht werden konnte. Dies könnte auch ein Grund für das Erliegen der integrationstheoretischen Diskussionen in den 1970ern sein, genauso wie deren Erstarken innerhalb der
4 Vgl. Zimmerling, 1991: S. 32.
letzten 15 Jahre. Seitdem also die europäische Union wieder an Bewegung gewonnen hat.
Zusammengefasst fragen Integrationstheorien nach den Gründen und Wegen, weshalb einstige Nationalstaaten freiwillig unabhängige Souveränitäten auf innen-und/oder außenpolitischer Ebene aufgeben und zusammen mit anderen Nationalstaaten den politischen Fokus auf ein neues, supranationales Zentrum lenken. Des Weiteren gilt es auch die gesellschaftlichen Konditionen zu analysieren, aus denen Integrationen entstehen bzw. durch die sie möglich werden. 5 Wie bei den meisten Theorien haben sich im Laufe der Zeit verschiedene Denkansätze entwickelt, die als mehr oder weniger relevant für die aktuellen Diskussionen erachtet wurden. Im Folgenden sollen die bekanntesten Integrationstheorien kurz erläutert werden. Interessant hierbei ist jedoch, dass keine der neu formulierten Theorien die vorherige abgelöst hätte. Es kam zu keinem tatsächlichen, gemeinsamen Er-kenntnisfortschritt.
Als grundlegende Kritik an den Integrationstheorien gelten zudem die bereits erwähnte begriffliche Unklarheit von »Integration« sowie das Fehlen einer analytischen Methode, im Sinne empirischer Beweisführungen. Der prognostizierende Gehalt ist gering. Der Prozess der europäischen Integration schien beispielsweise selten voraussagbar. Wobei die Frage besteht, inwieweit dies tatsächlich möglich war bzw. ist. Doch gänzlich ohne Verdienste ist die politische Integrationsforschung nicht. Ihre durchaus starke Forderung nach Praxisnähe zeigte neue Tendenzen in den, oft normativ arbeitenden Sozialwissenschaften, gleichzeitig wurde innerhalb der Politikwissenschaft die Relevanz von Integration auf die internationalen Beziehungen neu wahrgenommen. 6
3.1 Funktionalismus
Als Hauptvertreter des funktionalistischen Integrationsansatzes gilt der britische Politologe David Mitrany. Seine Ausführungen entstanden Mitte der 1940er unter dem Einfluss der beiden Weltkriege und stellten einen Entwurf für eine friedliche Nach-kriegsweltordnung dar. Sie stehen prinzipiell den Weltstaats- und Friedenstheorien nahe. Dem Funktionalismus nach, entstehen internationale Integrationen vorwiegend auf technokratischen, nicht-politischen Sektoren, d.h. Experten aus sozialen,
5 Vgl. Lehmkuhl, 2000, S. 161 f.
6 Vgl. Bellers/Häckel, 1990, S. 304 f.
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Jens Wollweber, 2005, Integrationstheorien - Von den traditionellen Theorieansätzen zu den Neuformulierungen des späten 20. Jahrhunderts , Munich, GRIN Publishing GmbH
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