Faust als Vorbild? Der Pakt mit Mephistopheles –
Ein Essay zu Goethes "Faust"
von: Alexander Höhne
Inhaltsverzeichnis
Auftakt 4
Über das Sprach-Erleben 6
Das Thema – eine Annäherung 8
Das Übersinnliche 12
Zweifel statt Gewissheit 20
Wirklichkeit des geistigen Erlebens 26
Ungestillte Bedürfnisse des Geistes 32
Ersatzbefriedigungen 41
Faust als Quelle möglicher Einsichten 45
Faust als Vorbild? – ein Nachwort 52
MOTIV
Ich bin kein Naturaliste, (wie man zu reden pflegt) und weiß nicht, durch was für Mittel die Furcht in uns wirkt. Allein, so viel ist gewiss, dass sie eine wundersame Leidenschaft ist. Michel de Montaigne (Essais, Band 1, S. 91)
VORREDE
Das Kennzeichen eines Essays, neben seiner relativen Kürze, ist sein Charakter. Der Charakter des Essays als Form wird durch mehrere Aspekte bestimmt. Diese wurden bereits durch die ersten Verfasser des modernen Essays angelegt. Zum einen durch Michel de Montaigne (1533-1592), zum anderen durch Francis Bacon (1561-1626). Auf der einen Seite haben wir die Freude, über sich selbst zu sprechen, die eigenen Erfahrungen, Beobachtungen und Schlüsse. Auf der anderen Seite befindet sich der pragmatische Geist, dem es um die Behandlung, Thematisierung, Abhandlung von sachlichen Zusammenhängen sowie zusammenfassenden Anschauungen geht. Beiden Ausrichtungen gemeinsam ist die Bereitschaft, immer wieder neu über sich und die Welt zu staunen und dann immer wieder neu in den Erkenntnisprozess einzutauchen: zu beobachten und zu denken.
Beiden Ausrichtungen ist es auch gemeinsam, dass sie Erkenntnis als einen Prozess betrachten. Als einen Prozess, der durch Erfahrungen, durch das Leben und die Selbstreflexion der eigenen Person und Methoden vorangetrieben werden kann und vorangetrieben werden soll. Die Zunahme von Wissen führt dabei zu dem sokratischen Erlebnis des Nicht-Wissens, oder des Nicht-Sicher- Wissens. Die Unsicherheit und die weiterführende, suchende Frage werden geradezu zu einer Notwendigkeit, im Prozess des Erkennens. Sie ermöglichen das Voranschreiten. Das Ziel des Essays ist daher weniger das Festhalten von Tatsachen oder Gesetzen als vielmehr von der Tätigkeit, den Prozess der Erkenntnisgewinnung, das Denken. Das durch die Erkenntnisarbeit entstehende Bewusstsein über sich selbst, die Steigerung der eigenen Fähigkeiten im Umgang mit Erkenntnisfragen, wird bedeutender als das Erkenntnisprodukt. Denn dieses bleibt situationsgebunden, vorläufig, ein Versuch. Eben ein Essay.
In meinen Essays werden auch Anregungen berücksichtigt, die ich durch meine Arbeit mit den Texten und dem weiteren Werk Rudolf Steiners (1861-1925) aufgenommen habe. Steiner hat als ein Kämpfer gegen seine Zeit teilweise harsche Kritik an für ihn erkennbaren Tendenzen zu Einseitigkeiten geübt. Sei es in Richtung des Materiellen, sei es in Richtung der Tiefenpsychologie. Steiner war einer der ersten modernen Vertreter einer Ganzheitlichkeit. Seine Anthroposophie allerdings zeigt selber noch Tendenzen zur Einseitigkeit. Sie soll nach ihm auch nicht die Ganzheit darstellen, sondern eine Ergänzung zum damals um ihn Bestehenden ermöglichen. Ein Anliegen, das vielerorts noch heute Sinn zu haben scheint. Denn das Geistige im individuellen Menschen hat noch lange nicht überall einen sinnvoll angemessenen Stellenwert eingenommen. Die Figur Faust aber sucht genau diese Freiheit des sinnvollen Geistes, allerdings mit Mitteln, die hier in Frage gestellt werden.
Auftakt
KLEINE EINLEITUNG
Der Essay beginnt mit diesen Zeilen. Die Einleitung ist nur kurz. Sie ist eine Art Leseanweisung und bittet um Geduld und die Bereitschaft zum Essay. Denn der Essay beginnt unmittelbar. Der Anfang thematisiert meine Begegnung mit Goethes „Faust“, die biografische Begegnung. Denn mein Leben als Autor ist die Grundlage dieses Essay. Es geht aber weniger um mein biologisches Leben mit seinen Funktionen und Erschütterungen, mit seinen Bedürfnissen und Bedingungen. Es geht hier um mein geistiges Leben. Ein Leben an dem Sie als Leser potenziell immer schon Anteil haben. Wie ich an dem Ihren. Im Grunde ist dieser Text, wird er gelesen, ein Bild einer Begegnung, die immer schon stattfand, bevor das Lesen begann. Außer es wurde erzwungen. Doch das will ich nicht hoffen. Als Rede äußert sich das geistige Leben in der Sprache also auch mittels meiner Seele. Denn Sprache ist eigentlich nichts anderes als ein Bild der Seele. Die Aktivität der Seele formt die Sätze, die Bilder. Die Erinnerung gibt die Begriffe. Die Gefühle geben das Kolorit. Die Einsichten prägen die Perspektive. In der Seele aber lebt nicht nur Seelisches sondern auch Geistiges. Es lebt in ihr auch Sinnliches. Doch hier geht es um Geistiges in Form eines Essays. Dem Versuch einer weiteren Auseinandersetzung mit Goethes „Faust“.
MEINE VORGESCHICHTE MIT „FAUST“
Meine Geschichte mit Goethes „Faust“ beginnt auf dem Gymnasium. Ich besuchte von 1975 bis 1984 das neusprachlich-naturwissenschaftliche Gymnasium Oldenfelde in Hamburg. Hier hat sich meine Leidenschaft für Mathematik und Naturwissenschaft (vor allem Biologie und Physik) allmählich erweitert. Diese Erweiterung wurde zu einer neuen Leidenschaft mit dem Buch von Klaus Mann: „Mephisto“. Auf dem Gymnasium lernten wir damals vor allem kritisches Denken. Und da alle Literatur vor dem Zweiten Weltkrieg in dem Verruf stand, dass sie die Machtergreifung Hitlers nicht verhindert habe, lasen wir eigentlich nur Autoren der Nachkriegszeit oder solche, die wenigstens deutlich erkennbar machten, dass sie sich kritisch zu den Ereignissen um Hitler und seine „Führung“ verhielten. Klaus Mann gehörte dazu. Sein Vater, Thomas Mann, der ja wesentlich bekannter als sein Sohn war und ist, hat an anderer Stelle das Thema aufgegriffen und literarisch die These formuliert, dass das „Deutsche Volk“ als Ganzes wie ein „Faust“ gewesen sei, der von einem Mephistopheles „verführt“ wurde. Das mag Thomas Manns Text, „Dr. Faustus“, sehr verkürzen, das Thema aber geht um und muss für vieles herhalten. Auf diesem, hier nur kurz skizzierten Hintergrund erscheint der Titel: „Faust als Vorbild“ nicht nur provokant, sondern auch geschmacklos. Es wird also im Weiteren darum gehen, zu zeigen, warum der Titel dennoch nicht nur berechtigt ist, sondern auch etwas ganz anderes anzusprechen in der Lage ist. Bevor ich aber dazu komme, möchte ich kurz auf Klaus Manns Schrift eingehen, die immerhin Gegenstand meines Abiturs war, auch wenn das bereits viele Jahre zurückliegt.
VON KLAUS MANN ZU VON GOETHE
Klaus Mann setzt sich in seinem Text mit dem Menschen und damals bekanntesten Darsteller des Mephistopheles, Gustaf Gründgens (1899-1963), auseinander. Gründgens war durch seine besondere Sprechweise und seine Bühnen- (und Film-) Präsenz deutschlandweit bekannt geworden. Er setzte seine Karriere, die vor Hitler begonnen hatte, während der Nazi-Zeit fort. Die nahe liegende These könnte sein, dass Gustav Gründgens als „faustische Natur“ der Faszination und dem Erfolg seiner Rolle (Mephistopheles) erlegen war. Das ganz besonders dann, als ihm „Mephisto“ in der Gestalt der „Nazis“ Macht, Ansehen und Einfluss versprachen und geschaffen haben. Faust als Vorbild?
Ich bleibe immer noch eine nähere Erklärung meines Titels schuldig und greife nochmals meine Schulzeit auf. Denn im Nachhinein betrachte ich es als bezeichnend und nicht nur unbefriedigend, dass ich den Faust-Stoff, wie die Germanisten manchmal sagen, über Klaus Mann und nicht über Johann Wolfgang (von) Goethe kennen gelernt habe. An „meinem“ Gymnasium haben wir Goethe nicht gelesen. Ich habe den goethischen Text erst durch einen Klassenkameraden kennen gelernt, dessen Vater Deutschlehrer und dann auch Ausbilder für Deutschlehrer war. In diesem Haushalt kannte man Goethes „Faust“ nicht nur vom Hörensagen sondern aus eingehendem Studium. Studieren heißt ja: „Sich um etwas Bemühen“, wobei das etwas sehr anderes sein kann als das gewöhnliche Studium. Manche verwechseln heute ja Studieren mit: Für-eine-Prüfung-auswendig-Lernen. Das liegt aber nicht nur an den „Studierenden“. Denn das zugrunde liegende „Studium“ heißt meistens nicht Mathematik, Germanistik oder Landwirtschaft sondern: „Wie komme ich einigermaßen wohlhabend und bequem durchs Leben“. Das muss nicht die Leidenschaft und nicht einmal das Anliegen der „Studierenden“ sein, das ist aber, was man ihnen zumeist bietet.
BILDUNG UND BROT
Der Zeitgenosse und Freund Goethes, Friedrich Schiller, machte einmal die Unterscheidung zwischen dem Studieren für den Broterwerb und dem Studium „Um-der-Sache-Willen“. Und die „Sache“ hieß Bildung, im besten Fall Ausbildung der eigenen Menschlichkeit. Es ging um Entwickelung. Das aufgewickelte Potenzial sollte durch das Studieren (Sich-Bemühen-um-Etwas) entfaltet oder entwickelt werden (beinahe im wörtlichen Sinne). Der Wollknäuel der Seele mit seinen Begabungen und Potenzialen sollte durch das Studium zu einer ansehnlichen Tracht (Bekleidung) für den Menschen werden. Bei den Brotstudierenden geht es um die Tracht der Erscheinung, bei den Bildungsstudierenden hingegen um die Persönlichkeit als „Tracht“ des inneren Wesens.
SCHILLER FÖRDERT „FAUST“
Friedrich Schiller war es, der Goethe ermutigte und immer wieder dazu anhielt, die langwierige Ausarbeitung des „Faust“ voranzutreiben. Und nicht nur hier zeigt sich, dass es diesem Schiller schon vor der Moderne um Anregungen zur Persönlichkeitsbildung ging. Das wird bestätigt durch seine Haltung betreffend die Französische Revolution noch mehr aber durch seine „Briefe“ über die ästhetische Erziehung des Menschen. Überraschenderweise geht es in diesen Briefen gar nicht um die Schulung der sinnlichen Wahrnehmung, wie der Begriff Aisthesis nahe legen würde, sondern um die Wahrnehmung innerer Prozesse (Schiller nannte sie Triebe), die die Persönlichkeitsbildung beeinflussen oder sogar maßgebend prägen können. Die drei Kerntriebe des Menschen sind nach Schiller: der Stofftrieb, der Formtrieb und der Spieltrieb. Sie gelten ihm als Grundschlüssel für die eigene Persönlichkeitsentwicklung, die es in seinen Augen für jeden Menschen voranzutreiben gilt. Da Schiller sein mageres Einkommen vor allem mit dem Schreiben verdiente, sah er sich nicht genötigt, der aufkommenden Industrialisierung der Bildung die Hand zu reichen. Er verfolgte noch „klassische Ziele“, die eben für ihn einzig in der Förderung und Ausbildung der individuellen Persönlichkeit liegen konnten. Das war schon damals nicht nur einfach.
SCHILLER UND GOETHE
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Dr. phil. Alexander Höhne, 2006, Faust als Vorbild? Der Pakt mit Mephistopheles - Ein Essay zu Goethes "Faust", Munich, GRIN Publishing GmbH
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