Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung. 1
2 Kurze Darstellung der literarischen Landschaft Frankreichs Ende des 20.
Jahrhunderts. 2
3 Verfall und Auflösung als mögliches Leitmotiv im Triptychon 4
3.1 Werküberblick 4
3.2 Untersuchung von Inhalt und Gestaltung. 5
4 Das Triptychon als literarisches Abbild der Gesellschaft. 11
5 Literaturverzeichnis 12
1 EINLEITUNG
Marie Redonnet ist eine jener französischen SchriftstellerInnen, die in den 1980er Jahren unter dem Schlagwort MinimalistInnen von sich reden macht.1 Sie zählt zu einer neuen Avantgarde, die sich haupsächlich aus Autoren des Verlagshauses „Editions de Minuit“ zusammensetzt, und somit in die Tradition der „Nouveaux Romanciers“ tritt. Dennoch wird immer wieder betont, dass die Werke von Marie Redonnet sich weitgehend einer Kategorisierung widersetzen und nicht in einem Atemzug mit denen von Jean Echenoz, Jean-Philippe Toussaint oder François Bon genannt werden können. 2 Vielmehr handelt es sich um ein eigenständiges Gebilde, das sich mit einer außergewöhnlichen Stimme abzugrenzen versucht. Wenn man bedenkt, dass Marie Redonnet verhältnismäßig spät und auf ungewöhnliche Art und Weise angefangen hat Texte zu publizieren, 3 so ist die Fülle sowie Bandbreite ihres literarischen Schaffens bereits beachtlich. Denn zu ihren Veröffentlichungen gehören neben ihrem poetischen Erstlingswerk Le Mort & Cie von 1985, drei Theaterstücke (Tir et Lir 1988, Mobie-Diq 1988, Seaside 1992), ein Band mit Erzählungen (Doublures 1986) und zahlreiche Romane (Silsie 1990, Candy Story 1992, die Romantrilogie Splendid Hôtel 1986 , Forever Valley 1987, Rose Mélie Rose 1987). Dabei ist Redonnet alles andere als eine Schriftstellerin, die ihr Publikum bzw. ihre Leserschaft in der breiten Öffentlichkeit findet. In Bezug auf die Romane lässt sich diese Tatsache womöglich auf die besondere Erzählstruktur zurückführen. Denn die Autorin selbst behauptet, dass ihr Sprachgebrauch sowohl auf lexikalischer als auch auf syntaktischer Ebene «très pauvre» sei, und die Komplexität ihres Werkes insofern nicht auf den Schreibstil bezogen werden kann. 4 Diese Aussage scheint nirgends so deutlich zu werden wie in den ersten drei veröffentlichten Romanen, die innerhalb von nur 16 Monaten im Verlagshaus „Editions de Minuit“ erschienen sind. Die einfache Satzstruktur und die sparsame Sprache lassen das Triptychon 5 beinahe wie ein Kindertagebuch erscheinen, wäre nicht die emotionale Distanz, die dem Leser die Identifikation mit den Figuren erschwert. Was die Romane verbindet, sind nicht etwa Orte, Charaktere oder bestimmte Handlungen, wie man sie in Fortsetzungsromanen aufzufinden vermag. Es ist vielmehr eine Kontinuität, die in vielerlei Hinsicht ihren Ausdruck findet und für die polyvalente Komponente von Marie Redonnets Werk spricht. Während beispielsweise
1 Cf. Grimm, Jürgen (Hg.): Französische Literaturgeschichte. Stuttgart: Metzler 1999, S. 379
2 Cf. Stump, Jordan (1995): Separation and Permeabilityin Marie Redonnet`s Triptych. In: French, Vol.20,
No.1, 105.
3 Erst am Ende einer siebenjährigen Psychoanalyse im Jahre 1984 beginnt Marie Redonnet ihre Laufbahn als
Schriftstellerin.
4 Cf. Redonnet, Marie: Redonne après maldonne. In: L`Infini. Où en est la littérature? S. 160.
5 Marie Redonnet selbst wählt d iese Formulierung für ihre Romantrilogie Splendid Hôtel, Forever Valley und
Rose Mélie Rose. Sie soll im Verlauf der Arbeit beibehalten werden.
1
für Yvan Leclerc die Initiierung der Weiblichkeit und der Sprache das gemeinsame Moment der Trilogie bildet, ist für Elizabeth Fallaize der Übergang von der patrilinearen zur matrilinearen Gesellschaftsform ausschlaggebendes Element, das für die
Zusammengehörigkeit der Romane spricht. 6 So gesehen eröffnen sich zahlreiche Perspektiven, die in Anbetracht der einfachen Syntax und Sprachwahl auf den ersten Blick nicht sichtbar scheinen.
Im Folgenden möchte daher auch ich eine mögliche Lesart vorstellen, die sich dem Leser erst nach genauerer Lektüre erschließt. Der Fokus dieser Arbeit soll auf dem Triptychon liegen, das einerseits vertraute und andererseits fremde Züge aufweist, und somit genügend Material für interessante Beobachtungen bietet. Im Vordergrund steht hierbei der Aspekt des Verfalls und der Auflösung, der sich auf formaler und inhaltlicher Ebene wie ein roter Faden durch die Trilogie zieht. Dabei handelt es sich nicht nur um materiellen Verfall. Auch die soziale Ordnung scheint gestört, Beziehungen nehmen nur noch einen marginalen Stellenwert ein oder werden ganz ausgeblendet. Um diese verschiedenen Aspekte aufzuzeigen, werde ich zunächst klären vor welchem Hintergrund die Romane entstanden sind, und inwiefern sich Parallelen zu anderen literarischen Strömungen aufweisen lassen. Anschließend widmet sich die Arbeit dem konkreten Text und untersucht ihn auf literarische Momente der Auflösung und der Vergänglichkeit. Zu diesem Zweck wird zunächst der Inhalt der jeweiligen Romane erläutert, anschließend die formale Gestaltung. Besonderes Augenmerk gilt den Aspekten soziale Verwandtschaft, Krankheit und materieller Verfall. Denn sie stehen in einer engen Beziehung zueinander und geben entscheidende Hinweise auf die Gesellschaftsform.
2 KURZE DARSTELLUNG DER LITERARISCHEN LANDSCHAFT FRANKREICHS ENDE DES 20. JAHRHUNDERTS
Wie bereits im oberen Abschnitt erwähnt, ist die Romantrilogie von Marie Redonnet im Zeitraum zwischen 1986 und 1987 entstanden. Um eine Vorstellung des damaligen gesellschaftlichen sowie kulturellen Lebens Frankreichs und eine Idee der literarischen Situation zu erhalten, soll an dieser Stelle ein kurzer Exkurs in die Periode der 1970er und 1980er Jahre unternommen werden. Laut der französischen Literaturgeschichte von Jürgen Grimm stand der Kulturbetrieb zu dieser Zeit an einem Nullpunkt. Es ist die Rede von einer „unleugbaren Tendenz zur Vereinfachung und Veräußerlichung im Gesamtbereich des
6 Cf. Stump, Separation and Permeability in Marie Redonnet`s Triptych, S. 106.
2
kulturellen Lebens“ 7 die sich schnell zu Oberflächlichkeit entwickelt. Mit der Einführung des Privatfernsehens gewinnen die Medien in Frankreich einen neuen Stellenwert in der Gesellschaft und schaffen eine Plattform für neue Ideale und Zielvorstellungen, die vom breiten Publikum weitgehend angenommen werden. Presse, Film und Rundfunk genießen mehr denn je politische und wirtschaftliche Macht und haben mittels Werbung und Wahlpropaganda einen starken Einfluss auf die Massen. Dennoch wird eine weit verbreitete Orientierungslosigkeit verspürt, die sich nicht zuletzt in der Literatur widerspiegelt. Ein gutes Beispiel für die so genannte literarische Krise ist das Ende der großen Erzählung. „Gesellschaftlich engagiertes Erzählen gibt es [...] so gut wie nicht; alle Gegenstände sind in einem letzten Sinne gleichgültig.“ 8 Mit nur wenigen Ausnahmen begeben sich die Autoren auf die Suche nach neuen Paradigmen und sehen die Literatur als Experimentierfeld, in dem es keine festgelegten Regeln mehr bezüglich der Formgebung und des Inhalts gibt. 9 Die neuen Freiheiten und Orientierungsschwierigkeiten lassen keinen literarischen Bereich unangetastet und alles scheint möglich. So kehren „verfemte Gattungen“ 10 wie autobiographische Erinnerungen an die Kindheit, diverse Sonette oder Dramen in die Verkaufsregale zurück. Inmitten dieser Phase der Orientierungs- und Ratlosigkeit sowie der zahlreichen Diskussionen entsteht das Triptychon von Marie Redonnet. Zusammen mit Autoren wie Toussaint, Deville und Oster veröffentlicht sie ihre Romane in dem aus der Zeit der „Résistance“ stammenden Verlagshaus „Editions de Minuit“ und sorgt mit ihrer außergewöhnlich fremd wirkenden Schreibweise für großes Aufsehen. Vielerorts werden die Vertreter dieser neuen Avantgarde mit denen des „Nouveau Roman“ verglichen, denn sie teilen u. a. den distanzierten Blick auf den Erzählgegenstand, den Bruch mit der Geschichte und die Ablehnung des psychologischen Milieuromans, wie ihn Balzac entwarf. Betrachtet man allerdings das Triptychon von Marie Redonnet, stellt man sich die Frage, inwiefern es seinen Platz in dieser Tradition findet, und ob es nicht vielmehr ein eigenes Schema verfolgt, das außerhalb des benannten Feldes steht. Im weiteren Verlauf der Arbeit wird deshalb versucht auf dessen literarische Besonderheit einzugehen.
7 Cf. Grimm, Französische Literaturgeschichte, S. 375.
8 Cf. Ibid., S. 377.
9 Ibid., S. 377.
10 Cf. Ibid., S. 378.
3
Arbeit zitieren:
Marie Mäder, 2006, Das Triptychon von Marie Redonnet als kritische Gesellschaftsstudie in der französischen Gegenwartsliteratur, München, GRIN Verlag GmbH
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