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1. Einleitung 2
1.1. Thema und Fragestellung 2
1.2. Aufbau und Forschungsstand 3
2. Die Verschiedene Ebenen der Thematisierung des Scheintodes 4
2.1. M e d i z i n 4
2.1.1. Verlauf der Debatte innerhalb der akademischen Ärzteschaft 4
2.1.2. Inhaltliche Aspekte der Debatte 5
2.2. Aufklärerische Gebrauchsschriften 6
2.3. Kunst, Literatur und Technik 8
3. Ursachen für die Verbreitung der Scheintoddebatte in der Medizin 9
3.1. Veränderungen der Methode 10
3.2. Professionaliserungsbestrebungen 11
4. Exkurs: Skizze einiger Entwicklungen im politisch-institutionellen Bereich 13
5. Der Scheintoddiskurs als Anknüpfungspunkt für Veränderungen im Umgang mit
dem toten Körper 1 4
5.1. Interessenkonvergenz von Medizin und staatlichen Institutionen 14
5.2. Entwicklung derVerordnungen im Umgang mit Verstorbenen 15
5.3. Formen des Zusammenwirkens von Staat und Medizin 16
6. Zusammenfassung 1 8
7. Literaturverzeichnis 2 0
7 1 Q u e l l e n 20
7.2. Literatur 20
1
1. Einleitung
1.1. Thema und Fragestellung
Als ein Kennzeichen des Übergangs zur Moderne gilt der erweiterte Zugriff der weltlichen Staatlichkeit auf verschiedenste Bereiche der alltäglichen Lebensführung. Die Verschiebung der Grenze, was durch weltliche Verordnungen geordnet werden durfte, ist dabei nur als Folge einer längerfristigen Entwicklung und damit als Prozess denkbar, weil die Erweiterung der staatlichen Zuständigkeit immer auch auf Widerstand traf. Denn so wie gegenwärtig der Verfügungskreis des Staates etwa gegen die Interessen des „freien Marktes“ antritt, stand am Übergang zur Moderne die Spannung zwischen religiöser und weltlicher Deutung im Mittelpunkt. Ein Beispiel ist hierfür das Begräbniswesen: In der Frühen Neuzeit gehörte die Behandlung von Verstorbenen allein in den Zuständigkeitsbereich von Familie und Religion. In der Mitte des 18. Jahrhunderts traten Verordnungen, die Vorschriften im Umgang mit Verstorbenen benannten, vermehrt auf. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts setzte sich endgültig durch, dass die Art und Weise, wie mit toten Körpern umzugehen ist, im Ermessen von Staat und Medizin liegt, wie es auch in der Bundesrepublik noch üblich ist. Zwei Bereiche des Begräbniswesens waren von den ersten staatlichen Verordnungen betroffen: die Verlegung der Friedhöfe von den Kirchplätzen an die Stadt-bzw. Ortsränder und die Festlegung des Beerdigungszeitpunktes. In Bezug auf die Friedhofsverlegungen wurden die Anweisungen durch Verweis auf die Gefahr der Übertragung von Krankheiten legitimiert, während letztere sich unter anderem auf die Vermeidung der zu frühen Beerdigung von nur scheinbar toten beriefen.
Die Legitimation machte Sinn zu einem Zeitpunkt, in der die Gefahr des Lebendigbegrabenwerdens ungewöhnlich intensiv thematisiert wurde: In der Zeit von 1740-1860 wird das Phänomen Scheintod nicht nur im deutschsprachigen Raum, sondern auch in England, Frankreich und den skandinavischen Ländern auf breiter Ebene diskutiert und thematisiert. In dieser Arbeit erfolgt die Beschäftigung mit dem Verlauf, den Ursachen und den Folgen der Debatte um den Scheintod, mit dem Ziel den Anfangspunkt der Entwicklung der Reglementierung des Begräbniswesens näher zu beleuchten. Es soll auch gezeigt werden, in welch komplexen Verhältnis die Entstehung dieser heute skurril anmutenden Debatte zu anderen Entwicklungsprozessen der Zeit um 1800 stand. Weil nicht auf alle Bereiche Bezug genommen werden kann, liegt ein besonderer Fokus auf den Entwicklungen innerhalb von Medizin und staatlicher Organisation. Exemplarisch bietet so die Auseinandersetzung mit den Ursachen und dem Verlauf der Scheintoddebatte einen Einblick in die Vielschichtigkeit und
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Funktionsweise von Entwicklungen an deren Ende ein erweiterter Zugriff von weltlichen Instanzen auf vormals religiös bzw. familiär besetzte Lebensbereiche steht. 1
.2. Aufbau und Forschungsstand
In welchen Bereichen eine Auseinandersetzung mit der Angst vor dem Scheintod in der Zeit von 1740-1860 stattgefunden hat, wird zu Beginn der Arbeit aufgezeigt und beschrieben. So wird nicht nur deutlich, was unter dem Begriff Scheintoddebatte zu verstehen ist, sondern die Beschreibung bildet auch die Grundlage für die darauffolgenden Ausführungen. Unter anderem ergibt sich aus der Beschreibung die Frage nach den Ursachen für die intensive Thematisierung. In Kapitel 3 soll aus diesem Grund gezeigt werden, in welcher Hinsicht die Professionalisierungsbestrebungen der Ärzte und die Entwicklung der Medizin zur diagnostischen Wissenschaft dazu beitrugen. Bevor eine Beschäftigung mit dem Zusammenhang zwischen den Entwicklungen in der Medizin, dem Auftauchen der Scheintoddebatte und den ersten Verordnungen zum Umgang mit toten Körpern erklärt werden kann (Kapitel 5), ist es notwendig einen kleinen Ausschnitt der Veränderungen im politisch-institutionellen Bereich grob (!) zu skizzieren. Deswegen wird der Exkurs (Kapitel 4) vorangestellt.
Der Scheintoddiskurs ist gerade ein in den letzten Jahren nicht nur für die deutschen
Territorien gut untersuchtes Phänomen. 1 Die in den 1960er Jahren erschienen Monographien betrachteten den Scheintod allein von der medizinischen Seite und sahen das
Lebendigbegrabenwerden als ein real existierendes Problem an. 2 Doch seit den Achtziger Jahren liegt der Schwerpunkt auf der Frage nach den Ursachen für die Intensivierung einer
Angst vor einem Phänomen, welches nicht öfter auftrat als zu anderen Zeiten. 3 Auch gibt es verschiedene Arbeiten, die sich mit dem Zusammenhang zwischen Gesetzgebung und
Scheintoddiskurs beschäftigen. 4 Allerdings sind die Verordnungen nur schwer zugänglich, so
1 MARTINA KESSEL: Die Angst vor dem Scheintod im 18. Jahrhundert. Körper und Seele zwischen Religion,
Magie und Wissenschaft, in: THOMAS SCHLICH/ CLAUDIA WIESEMANN (HG.): Hirntod. Zur Kulturgeschichte der Todesfeststellung,., Frankfurt a. M. 2001., S. 133-166. CORNELIA BRINK: „Ein jeder Mensch stirbt als dann erst, wenn er lange zuvor schon gestorben zu seyn geschienen hat“. Der Scheintod als Phänomen einer Grenzverschiebung zwischen Leben und Tod 1750-1810, in: ROLF-WILHELM BREDNICH, ANNETTE SCHNEIDER, UTE WERNER (HRSG.): Natur-Kultur. Volkskundliche Perspektiven auf Mensch und Umwelt, Münster u.a. 2001, S. 469-479.
2 Vgl. MARTIN PATAK: Die Angst vor dem Scheintod in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts, Zürich 1967. MARGIT
AUGENER: Der Scheintod als medizinisches Problem im 18 Jahrhundert, Kiel 1965.
3 Vgl. INGRID STOESSEL: Scheintod und Todesangst. Äußerungsformen der Angst in ihren geschichtlichen
Wandlungen (17.- 20. Jahrhundert), Köln 1983.
4 Vgl. STEFAN HAAS: Die Unordnung der toten Körper. Diskursive und organisationstechnische Praktiken der
Bändigung des Scheintods im Übergang zur Moderne, in: GÜNTHER LOTTES/ANDREAS BÄHR (HG.): Die Verfügbarkeit des Leibes. Körperkonstruktionen und die Tötung des Körpers in der Aufklärung, Berlin 2005.
3
dass auf eine detaillierte Quellenarbeit in Bezug auf die Gesetzgebung verzichtet werden muss. Anders verhält es sich mit den wissenschaftlichen und populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen in den Zeitschriften des 19. Jahrhunderts: Die Aufsätze sind zu einem großen Teil zugänglich und werden hier hauptsächlich, aufgrund der Fragestellung, nur zur
Veranschaulichung verwendet. 5
2. Die verschiedenen Ebenen der Thematisierung des Scheintodes 2.1. Medizin
2.1.1. Verlauf der Debatte innerhalb der akademisch gebildeten Ärzteschaft Der dänische Anatom Jacques Bènigne Winslow veröffentlichte 1740 eine ca. 16seitige
Abhandlung über die Ungewissheit der Todeskennzeichen. 6 Seine persönlichen Erlebnisse dienten als Mittel der Beweisführung, denn er sei nach eigenen Angaben selbst zwei Mal
fälschlicherweise für Tod erklärt worden. 7 Sein Schüler Jacques-Jean Bruhier d Ablaincourt übersetzte die Abhandlung aus dem lateinischen ins französische und erweiterte diese um die Darstellung und Sammlung von vermeintlichen Fällen von unerkanntem Scheintod in der
Geschichte. Die deutsche Übersetzung lag bereits 1754 8 vor und umfasste über 800 Seiten. 9 Die Veröffentlichung durch Bruhier wirkte katalysierend: Nach ihrem Erscheinen folgte eine Flut von Publikationen in Frankreich, den Skandinavischen Ländern und den deutschen
Territorien, welche die Sicherheit der bis dato üblichen Todeskriterien 10 bezweifelte. 11 Zwar wurde schon im 17. Jahrhundert die Möglichkeit einer falschen Todesdiagnostik in Betracht
gezogen, 12 aber erst die Bruhiersche Schrift, vermittelte den Eindruck der Scheintod sei eine weitverbreitete Gefahr, die jedem widerfahren könne. 13 Somit wurde die Möglichkeit, die Grenze zwischen Leben und Tod eindeutig bestimmen zu können, insgesamt in Frage gestellt. Dementsprechend wurde in den darauffolgenden Schriften immer wieder die Frage nach den
DOMINIK GROß: Die Behandlung des Scheintods in der Medizinalgesetzgebung des Königreichs Württemberg (1806-1918), in: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen 1997 (16), S. 15-33.
5 Deutsche Zeitschriften des 18. und 19. Jahrhunderts (Mikrofiche-Ausgabe) oder in digitalisierter Form:
Retrospektive Digitalisierung wissenschaftlicher Rezensionsorgane und Literaturzeitschriften des 18. und 19. Jahrhunderts aus dem deutschen Sprachraum http://www.ub.uni-bielefeld.de/diglib/aufklaerung/index.htm [10.08.2005].
6 JACQUES BENIGNE-WINSLOW : Dissertation sur l'incertitude des signes de la mort et l'abus des enterremens et
embaumemens précipités, Paris 1742.
7 Vgl. STOESSEL (wie Anm. 3), S. 34.
8 JACQUES-JEAN BRUHIER: Abhandlung von der Ungewissheit der Kennzeichen des Todes, und dem
Missbrauche, der mit uebereilten Beerdigungen und Einbalsamierungen vorgeht, Leipzig/Kopenhagen 1754.
9 Vgl. STOESSEL (wie Anm. 3), S. 34.
10 Bis dahin galt das Aussetzen von Atmung und Puls als sicheres Zeichen des Todes.
11 Vgl. KESSEL (wie Anm. 1), S. 136.
12 Vgl. ebd.
13 Vg. BRINK (wie Anm. 1), S. 472.
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Todeskennzeichen, aber auch nach dem Vorgang des Todes diskutiert. 14 Die bürgerlich akademisch gebildeten Mediziner akzeptierten also die Unsicherheit der bisher gebräuchlichen Todesdiagnostik. Nur vereinzelt finden sich Veröffentlichungen, die Bruhier
kritisieren und versuchen die Todeskriterien als gesichert darzustellen. 15 Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts nahm die Anzahl der medizinischen Publikationen langsam wieder ab. 16
2.1.2. Inhaltliche Aspekte der medizinischen Debatte
In der Debatte trafen unterschiedlichste Vorstellungen, nicht nur des Todes, sondern der Vorstellung von der Funktionsweise des menschlichen Körpers insgesamt aufeinander. Als Beispiel ist hier der Gegensatz von Iatrophysikern und Vitalisten zu nennen. Während erstere von einer rein mechanisch-physikalischen Funktionsweise des Körpers ausgingen, versuchten
die Vitalisten die ‚Seele’ in das Körperkonzept miteinzubinden. 17 Zu den Vitalisten gehörte neben anderen Christian Wilhelm Hufeland. Er war Leibarzt des preußischen Königs und
Professor für Medizin in Jena und beschäftigte sich intensiv mit dem Thema Scheintod. 18 Seine Veröffentlichung „Über die Ungewissheit des Todes“ 19 von 1791 erschien 1824 bereits in der 9. Auflage. 20 Hufeland benannte die ‚Seele’ als ‚Lebenskraft’ und formulierte drei Grade des Todes in denen die ‚Lebenskraft’ in unterschiedlicher Intensität noch vorhanden
war. 21 Der Tod wurde dabei als ein Prozess begriffen. Diese Prozesshaftigkeit war ein einendes Merkmal der verschiedensten Positionen in der Scheintoddebatte, auch wenn es
unterschiedlich benannt wurde. 22 Ein weiterer Konsens bestand in der Annahme, dass allein
14 Vgl. Beispiele für die Veröffentlichungen im deutschsprachigen Raum: CHRISTOPH WILHELM HUFELAND: Über die Ungewissheit des Todes und das einzig untrügliche Mittel sich von seiner Wirklichkeit zu überzeugen und das Lebendigbegraben unmöglich zu machen, Weimar 1791. ANONYM: Über die frühe Beerdigung der Todten und über die Ungewißheit der Kennzeichen des wahren und falschen Todes, in : Almanach für Ärzte und Nichtärzte 1790, S. 177-215; JAKOB FIDELIS ACKERMANN: Der Scheintod und das Rettungsverfahren. Ein chimiatrischer Versuch, Frankfurt 1804.
15 ANTOINE LOUIS: Briefe, über die Gewißheit der Todeskennzeichen, worinnen man die Mitbürger von der
Furcht, lebendig begraben zu werden, befreyet (orig.: Lettres fur la certitude des fignes de la Vie, l’on raffure les citoyens de la crainte d’ etre enterres vivans), in: Hamburgisches Magazin, 17 (1756), S. 623-665. Hier werden die von Bruhier genannten Fälle gerade als ein Zeichen für die funktionierende Todesdiagnostik gedeutet: „Ich sage noch mehr; die meisten Geschichten beweisen das Gegentheil, sie setzen vielmehr die Gewißheit der Todeszeichen feste.“ Ebd. S. 624.
16 Vgl. KESSEL (wie Anm. 1), S. 137.
17 Vgl. STOESSEL (wie Anm. 3), S. 35f.
18 Vgl. MANFRED WENZEL: Christoph Wilhelm Hufeland und das Weimarer Leichenhaus, nebst einer unbekannten Bemerkung Goethes zu diesem Gegenstand, in: JÜRGEN KIEFER/ HORST HEINICKE (HG.): Aufsätze zur Geschichte der Medizin und ihrer Grenzgebiete in Mitteldeutschland, Erfurt 1997, S. 127-144, hier S. 130f.
19 HUFELAND (wie Anm. 14)
20 Vgl. STOESSEL (wie Anm. 3), S. 37.
21 Vgl. ebd.
22 Vgl. HAAS: Unordnung (wie Anm. 4), S. 4f.
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Constanze Sieger, 2005, Veränderte Erkenntnisweisen, neue Ängste, umfassendere Verordnungen? Die Scheintoddebatte (1740-1860) im Kontext von Professionalisierung der Medizin und Bürokratisierung des Begräbniswesens, München, GRIN Verlag GmbH
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